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Seine Suchmaschine hilft Bäume pflanzen


TASPO - epaper ⋅ Ausgabe 36/2019 vom 07.09.2019

Vor zehn Jahren gründete der gebürtige Wittenberger Christian Kroll Ecosia. Die Suchmaschine ist zum millionenschweren Unternehmen gereift, das die Welt nachhaltig verändern will. Kroll hat noch immer das Sagen, besitzt aber keine Anteile mehr. Die hat er gespendet. Es geht um Glaubwürdigkeit.


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Gemeinsam mit lokalen Partnern unterstützt die Suchmaschine Ecosia Baumpflanz-Projekte in 22 Ländern – wie hier in Tansania …


Berlin-Kreuzberg, Hinterhofgebäude. Hier sitzt Christian Kroll auf dem Sofa in seinem Büro und zeichnet mit beiden Händen eine Fahrschneise in die Luft. Seine Hände schlängeln sich parallel zueinander immer weiter nach vorn. Stück für Stück. Mit dem Strom. Das sei die imaginäre Fahrbahn, in der sich Ecosia bewege. „Wir versuchen, den großen Tank namens Weltwirtschaftssystem irgendwie umzulenken“, sagt der Gründer. Ecosia ist eine Suchmaschine, die ihre Werbeeinnahmen nutzt, um Bäume zu pflanzen. Pro Suchanfrage verdient das Unternehmen rund 0,2 Cent, durchschnittlich 40 Suchanfragen bedarf es für einen Setzling. Die gesamten Gewinne fließen in derzeit 22 Baumpflanz-Projekte in Äthiopien und 16 anderen Ländern. Bei jeder Suchanfrage läuft ein Zähler mit, der zeigt, wie viele Bäume bereits gepflanzt worden sind. Ecosia ist bei mehr als 63,5 Millionen angekommen. 40 Mitarbeiter arbeiten täglich daran, dass es schnell noch viel mehr werden. Jahresumsatz: 20 Millionen Euro.

Ecosia für immer unverkäuflich

Kroll hätte den Exit längst vollziehen, seine Anteile verkaufen und an den schönsten Katalogstränden dieser Welt hippe, neue Business-Ideen entwickeln können. Stattdessen hat er seine Anteile 2018 gespendet. 99 Prozent des Kapitals und ein Prozent der Stimmrechte wurden an die Schweizer Purpose Stiftung abgetreten. Damit ist Ecosia unverkäuflich, für alle Zeiten dem guten Zweck verpflichtet und Kroll nicht mehr als ein Angestellter seiner eigenen Firma.

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„Ecosia ist mehr als ein Unternehmen, eher Teil einer nachhaltigen Bewegung.“Christian Kroll, Ecosia-Gründer


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… oder hier im Senegal.


Fotos: Ecosia

Was hat den 35-Jährigen zu diesem Schritt bewegt? „Es gibt das Business, das vorrangig Geld verdienen will, und dann das Business, das irgendwie dagegen steuert und im Sinne der Nachhaltigkeit agiert“, sagt der Wahl-Berliner. „Wir wollten ein Zeichen setzen und zeigen, es geht beides. Ecosia ist mehr als ein Unternehmen, eher Teil einer nachhaltigen Bewegung.“ Sollte ihm jetzt etwas zustoßen, sei Ecosia in guten Händen.

Erster Kontakt mit Suchmaschinen

Kroll ist in Wittenberg aufgewachsen, mit 16 Jahren fing er an, mit Aktien zu handeln. „Dann ging der Kontostand hoch, das war aufregend. Yeah“, imitiert Kroll sein 16-jähriges Ich und reißt demonstrativ die Arme kurz nach oben. Erst eine Reise nach Indien nach dem Abitur verschaffte Kroll eine andere Perspektive. „Da habe ich zum ersten Mal mitbekommen, dass es vielen Menschen auf der Erde und auch der Natur eben nicht so gut geht.“ Gedanken, die während seines BWL-Studiums in Nürnberg immer mehr Raum einnahmen. Mehr als einmal spielte Kroll mit dem Gedanken, das vom Kapitalismus umrahmte Studium abzubrechen – oder es eben besonders schnell durchzuziehen. Kroll entschied sich für letzteres. Mit Bestnote. Und gründete währenddessen mit einem Freund ein Bankenvergleichsportal. Der erste Kontakt mit Suchmaschinen. Das verdiente Geld steckte der Sachsen-Anhalter in eine anderthalbjährige Reise nach dem Studium.

„In Nepal kam mir dann zum ersten Mal die Idee, dass man so eine Suchmaschine ja auch für etwas Gutes verwenden könnte.“ Mit Nepalies wollte Kroll eine Suchmaschine aufbauen und mit Hilfe von geschalteten Werbeanzeigen regionale Projekte unterstützen. Ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt war. Nur selten fließender Strom, eine kaum existierende Internetwirtschaft – „Nepal war nicht der perfekte Ort dafür“, sagt Kroll schmunzelnd.

Prioritäten verschieben sich

Doch sein Verständnis für Suchmaschinen wuchs weiter, wie der eigene Wille, etwas zu bewegen. Vor allem, als er durch Südamerika reiste. Da sei ihm klar geworden, wie viel Regenwald jährlich verloren geht und wie drastisch das zum Klimawandel beiträgt. „Da haben sich meine Prioritäten endgültig verschoben“, erinnert sich Kroll. „Wir wollten von Beginn an immer dort Bäume pflanzen, wo auch sekundäre Faktoren dranhängen.“

Kroll war bereits vor mehr als einem Jahrzehnt überzeugt davon, dass man die Welt mit Aufforstung nachhaltig verändern könnte. Also blieb er auch nach seinem gescheiterten Projekt in Nepal dran. Mit anderen Freelancern entwickelte er in Südamerika Forestle, den Vorläufer von Ecosia. Schnell schloss das Start-up eine Partnerschaft mit Google ab und bekam fortan vom US-Giganten die Suchergebnisse geliefert. Täglich stiegen die Nutzerzahlen, die Presse berichtete. „Wir waren auf einem guten Weg.“

Aus Sicht von Google zu gut. Via Mail kündigte der Konzern die Partnerschaft nach wenigen Wochen. Offiziell hieß es in dem Schreiben, dass Menschen nur auf Anzeigen klicken würden, um Geld für den guten Zweck zu sammeln. Das sei schlecht für die Werbekunden. „Ich glaube aber eher, es war nur ein Vorwand. Google ist das cleverste Unternehmen der Welt und will keine Konkurrenz.“

Aufgeben oder weitermachen?

Zurück in Deutschland, musste sich Kroll entscheiden: aufgeben oder weitermachen. Er entschied sich erneut für die zweite, nicht unbedingt einfachere Option. Drei Monate musste er „Klinken putzen“ bei Yahoo, überzeugte das Unternehmen schließlich zur Zusammenarbeit. Und so gründete Kroll 2009 Ecosia.

Am Anfang unterstützte ihn noch seine Schwester bei der Pressearbeit, doch der wurde das Start-up-Leben schnell zu rasant. Dafür stieg Serien-Gründer Tim Schumacher, unter anderem langjähriger CEO der börsenorientierten Kölner Sedo AG, 2013 bei Ecosia ein. Ein Wendepunkt. „Mit Tim kam die Erfahrung, die uns gefehlt hatte“, sagte Kroll. Und Schumacher? „Als ich Christian traf, hab ich sofort an seine Idee geglaubt“, sagt der. „Ecosia nutzt die Macht der Internetnutzer, um eines der größten globalen Probleme anzugehen – die Rodung von Regenwäldern.“ Doch auch wenn der Respekt groß war, machte Kroll seinem neuen Mitstreiter sofort klar, dass es keinen Exit geben wird. „Dass er da mitgemacht hat, war nicht selbstverständlich“, so Kroll. Die größte Veränderung: Statt der vorherigen 80 Prozent wurden künftig nur noch rund 60 Prozent der Umsätze in Baumpflanz-Projekte gesteckt. „So ging es mit dem Unternehmen viel schneller voran, der Kuchen wurde auf einmal größer.“

System von innen heraus verändern

Dennoch muss man die Frage stellen, ob sein Unternehmen sich nicht in einem System bewege, das es offenkundig ablehnt. „Klar“, antwortet Kroll ohne Zögern. „Auch Ecosia ist nicht vom Kapitalismus losgelöst. Wir verdienen unser Geld mit Werbeanzeigen, sonst könnten wir keine Bäume pflanzen.“ Er würde das selbst gern ändern, jedoch gebe es aktuell noch keinen anderen Weg. Vielmehr wollen er und seine Mitarbeiter das System „von innen heraus verändern“. Oder zumindest den Versuch starten. Und so schwimmt Ecosia eben doch mit dem Strom und versucht so, die Spielregeln zu ändern. „Wenn wir mit einem kleinen Boot irgendwo fernab paddeln, merkt das keiner.“

Die Autorin

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Maria Kurth Redakteurin Volksstimme Magdeburg


Der Kommentar

… vonMarcus Guhl , Geschäftsführer des Bundes deutscher Baumschulen (BdB), zum Beitrag über die Suchmaschine Ecosia: „Die Schlagzeilen dieser Tage machen uns deutlich, wie wichtig der Schutz des Regenwaldes und unserer natürlichen Ressourcen ist. Aus meiner Sicht ist jeder Ansatz, der sich diesem Ziel verschreibt, zu begrüßen. Wenn über Ecosia ein Beitrag zum Erhalt der Regenwälder oder zu Aufforstungsprojekten geleistet wird, kann das nicht verkehrt sein. Über die wirtschaftlichen Hintergründe der Suchmaschine bin ich nicht im Bilde, sodass ich konkret keine Empfehlung zur Nutzung oder Nichtnutzung der Seite geben kann. Das sollte jeder User für sich entscheiden.“
(mg)

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