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Seiten- und Quereinsteiger in der Schule: Neue alte Wege in den Lehrerberuf


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 03.06.2019

Das Thema Lehrermangel ist wieder auf dem Tisch; entsprechend wurden und werden in vielen Bundesländern Programme für Seiten- und Quereinsteiger entwickelt und interessierte Personen nachqualifiziert. Was wissen wir über diese Personen und Programme? Werden aus Notmaßnahmen bald Dauereinrichtungen? Sinkt, wie zuweilen behauptet, dadurch das Niveau an den Schulen?


Grundständig ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer sind derzeit in vielen Bundesländern und Unterrichtsfächern – wieder einmal – rar. Besonders betroffen sind (schon seit längerer Zeit) die beruflichen Schulen, im allgemeinbildenden Bereich vor allem die Grundund die weiterführenden Schulen des Sekundar-I-Bereichs sowie an den Gymnasien die MINT-Fächer. Infolgedessen sehen sich die meisten Kultusbehörden gezwungen, alternative Wege bei der Rekrutierung und Ausbildung von pädagogischem Personal auszubauen, sodass man letztlich auch ohne Lehramtsstudium in den Beruf gelangen kann. 2017 betrug z. B. der Seiteneinsteigeranteil an allen Neueinstellungen in den Schuldienst im besonders betroffenen Sachsen 46 Prozent und in Berlin 42 Prozent; andere Bundesländer können ihren Bedarf noch stärker (NRW: ca. 10 Prozent) oder weitgehend ohne diese Lösung decken (vgl. die Länderübersicht beiTillmann in diesem Schwerpunkt). Eine Mischung aus demografischen Veränderungen, verspäteten Reaktionen einiger Kultusministerien und wenig steuerbaren Studienentscheidungen (vgl. hierzu den Beitrag vonKlemm ) hat dafür gesorgt, dass man aktuell das Beste aus der so von niemandem gewollten Situation machen muss – die aber durchaus auch Chancen und Möglichkeiten bietet; diese möchte das vorliegende Themenheft aufgreifen.

Seiten- und Quereinsteiger haben nicht regulär auf Lehramt, aber mindestens ein schulaffines Fach und Anteile eines weiteren Faches studiert; sie sind z. B. ausgebildete Biologen, Musikerinnen, Kunsthistoriker oder Elektrotechnikerinnen, die sich aus verschiedenen Gründen für einen Job in der Schule interessieren (oder in Schulen bereits auf befristeten Stellen als Vertretungslehrkräfte arbeiten). Ihnen fehlen vor allem die in der regulären (universitären) Ausbildung verankerten und in den Bundesländern unterschiedlich umfangreichen pädagogischen und fachdidaktischen Anteile, daneben aber auch die Schulpraktika und unter Umständen Teile des fachwissenschaftlichen Studiums (insbesondere für das Zweitfach). Mit diesen fehlenden Anteilen wird nun ganz unterschiedlich umgegangen:
• Quereinstieg: Anstelle des Lehramtsstudiums wird ein fachwissenschaftliches Studium, und zwar für zwei Unterrichtsfächer, anerkannt (z. B. bei einem Dipl.-Physiker Mathematik und Physik). Die bildungswissenschaftlichen und fachdidaktischen Elemente der ersten Ausbildungsphase werden übergangen; die Personen steigen in den Vorbereitungsdienst ein. In einigen wenigen Programmen müssen die Quereinsteiger dagegen noch einige Semester nachholen, bevor sie ins Referendariat gehen können.
Seiteneinstieg: Auch hier erfolgt eine Anerkennung von Teilen eines schulaffinen Fachstudiums. Die Seiteneinsteiger qualifizieren sich aber im Unterschied zur ersten Gruppe berufsbegleitend, das heißt während sie schon mit hoher Stundenzahl (und entsprechendem Gehalt) in Schulen arbeiten. Neben dem Unterrichten werden die bildungswissenschaftlichen und fachdidaktischen Elemente des Lehramtsstudiums nachgeholt, im Anschluss geht es teilweise noch (aber nicht immer) in den berufsbegleitenden Vorbereitungsdienst; dabei bleibt es bei der hohen Unterrichtsverpflichtung.

Diese Unterscheidung ist nur als grobe Richtschnur zu verstehen: Weder die Begriffsverwendung noch die Nachqualifikationsprogramme sind in der Praxis der Bundesländer einheitlich, und die Medien verwenden beide Ausdrücke oft synonym. Die Zulassungsbedingungen zum Schuldienst, auch die Konditionen zur Weiterqualifizierung unterscheiden sich je nach Bundesland teilweise erheblich (www.bildungsserver.de/Quereinsteiger-Seiteneinsteiger-1573-de.html; vgl. auch die Zusammenstellung bei Puderbach et al. 2016).

Was wissen wir über Seiten-bzw. Quereinsteiger?

Viele Lehrerinnen und Lehrer haben bereits Erfahrungen mit Seiten-bzw. Quereinsteigern gemacht; systematische Untersuchungen über diese Personengruppen stehen indes noch weitgehend aus. Nach Untersuchungen der TU Dresden (die allerdings auf einen spezifischen Kontext bezogen und nicht repräsentativ sind) verfügten die dortigen Quereinsteiger – im Blick standen hier 39 Personen, die die bildungswissenschaftlichen und fachdidaktischen Anteile des Lehramtsstudiums nachstudierten – nicht zuletzt durch ihr höheres Alter und ihre Lebenserfahrung über einen Erfahrungs- und Wissensvorsprung gegenüber regulären Lehramtsstudierenden und wurden als hoch motiviert wahrgenommen. Sie hatten etwa zur Hälfte an Universitäten oder in außerschulischen Bereichen (VHS, Museen, Theater usw.) meist auf befristeten Stellen gearbeitet und waren im Kern »hochgebildet, prekär beschäftigt und pragmatisch orientiert« (Melzer et al. 2014, S. 87). Wie sich dies anderswo und bei den Seiteneinsteigern verhält, wissen wir nicht.

Was wissen wir über die Nachqualifikation?

Die Nachqualifikation der Quer- und Seiteneinsteiger wird derzeit mit wenigen Ausnahmen (z. B. FU Berlin) vom Personal der Studienseminare (den Fach-, Kern-bzw. Hauptseminarleitungen) sowie von Lehrerinnen und Lehrern an den Schulen vorgenommen; die Universitäten bleiben derzeit noch überwiegend außen vor. Die Seiteneinsteiger erhalten in der Regel einige Ermäßigungsstunden, um die bildungswissenschaftlichen und fachdidaktischen Ausbildungsanteile nachzuholen, sodass ihre Unterrichtsverpflichtung in den meisten Bundesländern bei ca. 18 Wochenstunden liegt. Die Schulen erhalten manchmal eine Ermäßigungsstunde für die begleitende Mentorin/den begleitenden Mentor. Darüber, inwiefern sich diese Ausbildung von jener der regulären Lehramtsanwärterinnen und -anwärter unterscheidet, wie die Curricula quantitativ und qualitativ gestaltet sind, über welche Kompetenzen die Quer- und Seiteneinsteiger auch im Vergleich zu regulär Ausgebildeten verfügen und wie viele diesen Weg wieder verlassen, ist derzeit nicht viel bekannt. Dass Schülerinnen und Schüler bei ihnen weniger lernen (das Niveau an Schulen sinkt), wird zuweilen befürchtet, ist aber bisher nicht belegt (und vermutlich so generell auch nicht belegbar). Zur Beantwortung dieser Fragen bieten die Erfahrungsberichte dieses Schwerpunktes einige Anhaltspunkte, und es wird in den nächsten Jahren sicher Erkenntnisse hierzu geben. Klar scheint jetzt schon, dass die Seiteneinsteiger die Berufseingangsphase als sehr zeitaufwendig und belastend ansehen. Schließlich haben sie oft Familie, müssen deutlich mehr Unterricht als Referendarinnen und Referendare geben und sich parallel dazu noch weiterqualifizieren. Zumindest in Berlin füllen sie darüber hinaus überproportional häufig Lücken an Schulen mit einer sozial benachteiligten Schülerschaft (vgl. Richter et al. 2018), was mittlerweile politische Nachsteuerungsversuche nach sich zieht.

Im Vergleich zu den Neulehrern in der DDR nach dem Zweiten Weltkrieg oder den »Mikätzchen« im NRW der 1960er Jahre, die ebenfalls auf kurzem Wege für den Lehrerberuf nachqualifiziert wurden, lässt sich festhalten:
• Die heutigen Nachqualifizierungsprogramme sind auch – jedenfalls bisher – für eine Ausnahmesituation gedacht, sie sollen also die reguläre Ausbildung an der Universität nicht ersetzen. Während einiges für die Befristung und Beschränkung dieser Sondermaßnahme spricht, gibt es inzwischen auch Überlegungen, diese Wege in den Lehrerberuf als Alternative für Spätentschlossene oder dauerhafte Mangelfächer fest zu institutionalisieren (vgl. den Beitrag vonTillmann ). Hierfür sind Ideen und Konzepte vonnöten, um auch die Universitäten einzubinden und so die wissenschaftliche Fundierung der Nachqualifikation nicht zu vernachlässigen.
• Seiteneinsteiger können immerhin an einer Nachqualifikation teilnehmen und bekommen dafür auch Ermäßigungsstunden und fachliche Unterstützung. Es gibt aber nach wie vor Personen im System Schule, die ganz auf sich allein gestellt oder auf das Wohlwollen von Kolleginnen und Kollegen angewiesen sind: die befristet eingestellten Vertretungslehrkräfte. Sie müssen im Prinzip von heute auf morgen voll als Lehrkraft arbeiten. Hierfür werden oft in Ausbildung befindliche Studierende eingesetzt – und auch in diesen Fällen stellen sich jede Menge Fragen.

Seiten- und Quereinstiege bringen für die Schulen und die Studienseminare, aber auch für die Neuen selbst und für deren Kolleginnen und Kollegen Herausforderungen mit sich, die in diesem Themenheft aus mehreren Perspektiven umfassend dargestellt werden sollen. Insbesondere benötigen sie, vielleicht noch mehr als andere im Berufsanfang stehende Personen, verlässliche Ansprechpartner und Mentorinnen vor Ort – an den Schulen. Zugleich aber können sie die Schulen mit ihrer Lebens- und Berufserfahrung deutlich bereichern. Wie sie aufgenommen wurden und wie die Unterstützung dieser Personengruppe ausfällt oder aussehen kann, sollen die Erfahrungsberichte dieses Heftes exemplarisch verdeutlichen.

Zu den Beiträgen dieses Hefts

Einen Überblick über die Situation in den Bundesländern gibtTillmann . Dabei geht er besonders auf die Situation in Berlin ein. In vier Erfahrungsberichten kommen dann Seiteneinsteigende aus Nordrhein-Westfalen zu Wort und berichten über ihre Motive, Erlebnisse, Erfahrungen und Wünsche auf dem Weg zu einer »richtigen« Lehrkraft: zwei Personen nach dem sogenannten OBAS-Programm (Zender : an eine Gesamtschule;Toubartz : an ein Berufskolleg; siehe auch Kasten) und zwei Personen über die sogenannte Pädagogische Einführung (Liffers : an eine Realschule;Lenz : an eine Hauptschule). Im Anschluss schildern mit der Ausbildung dieser Personengruppe Befasste – ein schulischer Mentor (Richter-Kruse ) und zwei Fach-bzw. Kernseminarleitungen (Kipker/Seibt ) – ihre Eindrücke. Danach geht es um die Situation in Sachsen: Ein Gespräch mit einer Schulleiterin verdeutlicht, welche Erfahrungen diese mit Seiteneinsteigern gemacht hat und wie sie die Situation in Sachsen einschätzt (Schulz ). Der Thementeil endet mit einer Darstellung von zwei Programmen an der TU Dresden, in denen die bildungswissenschaftliche und fachdidaktische Ausbildung auf unterschiedliche Art und Weise verdichtet nachgeholt werden (Puderbach ).

Zwei Möglichkeiten zum Seiteneinstieg in NRW (Stand März 2019)

OBAS
• »Ordnung zur berufsbegleitenden Ausbildung von Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern und der Staatsprüfung« (OBAS); in der Regel 24 Monate, sechs Anrechnungsstunden für die Seiteneinsteigenden, zwei Anrechnungsstunden für die Schule pro Person.
• Die zur Ausbildung zugelassenen »Lehrkräfte in Ausbildung« absolvieren eine sechsmonatige Vorbereitungsphase sowie einen parallel stattfindenden Kurs in Bildungswissenschaften (Umfang 40 Stunden); beides verantwortet und durchgeführt von den Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung (ZfsL). Nach einer Prüfung nehmen sie im Anschluss (wie alle anderen Lehrämter auch) am Vorbereitungsdienst teil und erwerben mit dem zweiten Staatsexamen die Lehramtsbefähigung für zwei Schulfächer.

PE
• »Pädagogische Einführung«; zwölf Monate, fünf Anrechnungsstunden für die Seiteneinsteigenden, eine Anrechnungsstunde für die Schule pro Person.
• Die Teilnehmenden erwerben in einer dreimonatigen Orientierungsphase und einer neunmonatigen Intensivphase, durchgeführt von den Schulen und ZfsL, eine Unterrichtserlaubnis für ein Schulfach.

Literatur

Bauer, C./Buschor, C./Safi, N. (Hrsg.) (2017): Berufswechsel in den Lehrerberuf. Bern: hep.
Böhmann, M. (2011): Das Quereinsteigerbuch. Weinheim/ Basel: Beltz.
Melzer, W./Pospiech, G./Gehrmann, A. (2014): QUER. Qualifikationsprogramm für Akademiker zum Einstieg in den Lehrerberuf. Abschlussbericht. https://tu-dresden.de/zlsb/ressourcen/dateien/weiterbildung/Expertise_QUER.pdf?lang=de
Reintjes, C./Bellenberg, G./Greling, E./Weegen, Maja E. (2012): Landesspezifische Ausbildungskonzepte für Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf: Eine Bestandsaufnahme. In: Schulpädagogik heute, 3, 5, S. 1–20.
Puderbach, R./Stein, K./Gehrmann, A. (2016): Nicht-grundständige Wege in den Lehrerberuf in Deutschland. Eine systematisierende Bestandsaufnahme. In: Lehrerbildung auf dem Prüfstand 9, 1, S. 5–30.
Richter, D./Marx, A./Zorn, D. (2018): Lehrkräfte im Quereinstieg: sozial ungleich verteilt? Eine Analyse zum Lehrermangel an Berliner Grundschulen. www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Studie_Quereinsteiger_in_Berlin.pdf

Matthias Trautmann ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik an der Universität Siegen und Mitglied der Redaktion von PÄDAGOGIK. matthias.trautmann@uni-siegen.de

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