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„Selbstmitgefühl kann man üben und lernen“


Bio - natürlich gesund leben - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 07.07.2021

Was stresst die Seele der Menschen heutzutage?

Das Tempo. Und die Multioptionsgesellschaft. Sie macht uns glauben, wir hätten unbegrenzte Möglichkeiten, das eigene Leben noch besser, noch interessanter, noch erfolgreicher zu gestalten. In Zeiten von Corona, in denen wir plötzlich nicht mehr so viele Auswahlmöglichkeiten haben, was zum Beispiel Ausgehen, Freundetreffen oder Reisen betrifft, wird das so richtig deutlich.

Wir leben in einer Gesellschaft, die tendenziell 24 Stunden wach ist. Jede negative Nachricht ist einen Bericht wert, weil es um Auflagen geht. Die Jüngeren müssen mit den sozialen Medien Schritt halten. Auch der Arbeitsdruck ist hoch. Ob das nun im Büro, im Homeoce, bei der Kindererziehung oder Pflege eines Angehörigen ist. Das macht müde und gibt vielen Menschen das Gefühl, sie scheitern.

Und was hat die Naturmedizin unseren gestressten Seelen zu bieten?

Zum einen gehört zur ...

Artikelbild für den Artikel "„Selbstmitgefühl kann man üben und lernen“" aus der Ausgabe 4/2021 von Bio - natürlich gesund leben. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
PROF. DR. MED. GUSTAV DOBOS ist Inhaber des Stiftungslehrstuhls für Naturheilkunde der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung an der Universität Duisburg-Essen und Direktor der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin der Kliniken Essen-Mitte. Der Mediziner arbeitete u.a. in China und den USA und bildete sich in Naturheilkunde, Chirotherapie, Physikalische Therapie, Ernährungsmedizin und Akupunktur weiter.
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... Naturheilkunde eine Lebensordnung, die uns ermahnt, besser auf uns achtzugeben. Die moderne Mind-Body- Medizin (vgl. Kasten auf Seite 68) hat das in Haltungen wie Achtsamkeit oder Selbstmitgefühl übersetzt. Das kann man sich bewusst machen und einüben. Dazu kommen Selbstfürsorgepraktiken wie etwa oga, i Gong, Akupressur oder Fasten.

„Berührungen fördern Gefühe an die Obererche die schn ngst Vergessen schienen."

Sie haben in Ihrer Essener Klinik untersucht, wie sich die dort angewandten naturheilkundlichen Verfahren auf die Psyche chronisch und schwer erkrankter Menschen auswirken. Was haben Sie herausgefunden?

Hinter vielenchronischen Krankheiten stecken biografische Spuren, die häufig verschüttet werden, aber immer irgendwo präsent bleiben. Sie leben als Erinnerung im Gehirn, aber sie hinterlassen auch körperliche Spuren. Warum hat ein Mensch chronische Rückenschmerzen und ein anderer wiederkehrende Darmentzündungen? Das hängt natürlich mit unserer Genetik und unserer Lebensweise zusammen, aber eben nicht nur. Es macht schon Sinn, wenn der Volksmund sagt, jemand habe ein„gebrochenes Herz“ oder mache„denRücken krumm“.

Naturheilkundliche Behandlungen haben viel mit Berührung zu tun, Massagen, Auflagen, Wickel, Akupunktur, Bewegungstherapien. Nach mehreren Tagen, so haben wir festgestellt, fördern diese Berührungen Gefühle an die Oberfläche, die schon längst vergessen schienen. Man muss sich für so etwas nicht jahrelang auf die Couch eines Therapeuten legen. Wir machen die Erfahrung, dass unsere Patienten dann eine Art kleine Krise durchleben, manchmal auch ein Aha-Erlebnis, unddanach sind ihre Beschwerden schlagartig besser. Das klappt nicht bei jedem und jeder, aber wenn es funktioniert, ist es schon beeindruckend.

Wenn verdrängte oder vergessene Gefühle und die zugehörigen Erinnerungen zutage treten, bedeutet das ja nicht automatisch, dass der Patient oder die Patientin nun damit umgehen kann. Sind naturheilkundliche Therapeut*innen mit der Begleitung solcher Prozesse nicht überfordert?

Das stimmt. Wir haben deswegen auch mehrere Psychologen bei uns. Wenn psychische Prozesse bei Patienten ausgelöst werden, die schwierig sind, haben wir die Möglichkeit, ihnen Kriseninterventionen mit einem Psychologen zu vermitteln. In der Regel ist es aber nicht so dramatisch.

Welche naturheilkundlichen Verfahren wirken sich besonders positiv auf die seelische Gesundheit aus?

Das ist, wie so häufig, eine Kombination mehrerer Faktoren: Ruhe, Selbstbesinnung, gesundes Essen oder auch Fasten, den Körper wieder neu wahrnehmen in Entspannungsübungen und dann, wie gesagt, die Berührung, die immer auch Zuwendung signalisiert. Nachweislich wirksam sind Meditation, oga, i Gong, Tai Chi, mediterrane, vollwertige Ernährung, regelmäßige Bewegung, Akupunktur, Lavendel- Herzauflagen und bestimmte pflanzliche Medikamente.

Wie hängen Fasten oder eine mediterrane Ernährung mit der Psyche zusammen?

Beim Fasten wird der Anteil von Serotonin, Dopamin und Noradrenalin im Gehirn erhöht. Dieser Cocktail führt zu einer Stimmungsveränderung und einer gesteigerten Wahrnehmung – der Umwelt, aber auch der eigenen Bedürfnisse – und bewirkt bei vielen eine gewisse Stimmungsaufhellung oder sogar Euphorie.

Zur Ernährung: Das Mikrobiom, also die Gesamtheit der Darmbakterien, spielt eine ganz entscheidende Rolle für die psychische Gesundheit. Die mediterrane Vollwerternährung ist reich an Ballaststoffen und an sogenannten komplexen Kohlehydraten, die lange sättigende und wichtige Inhaltsstoffe liefern. Auf den Tisch kommt wenig Fleisch, stattdessen gibt es viel Gemüse, Obst und Nüsse. Diese Form der Ernährung hat einen positiven Einfluss auf das Mikrobiom und so wiederum auf die psychische Gesundheit (mehr über die mediterrane Ernährung ab Seite 36).

Warum ist es auch für unsere körperliche Gesundheit wichtig, dass wir unsere Gefühle regulieren können?

Vor allem chronischer Stress ist ein Krankmacher, und viele Menschen nehmen gar nicht mehr so recht wahr, wie gestresst sie sind. Das zeigen wir unseren Patienten und bringen ihnen bei, was sie mit Übungen und inneren Haltungen gegen den Stress tun können. Wer zum Beispiel Achtsamkeit lernt oder meditiert, der kann auch Schicksalsschläge besser überwinden.

Schwere Krankheiten und chronische Schmerzen lsen ei atientinnen eine Depression aus. Sie empfehlen hier naturheilkundliche Therapien statt Psychopharmaka. Warum?

Es stimmt, Depressionen sind oft eine Folge von Schmerzen oder chronischen Erkrankungen. Andersherum verstärken Depressionen aber auch manche Krankheiten und verschlimmern die Symptome. Während Psychopharmaka nur die psychischen Beschwerden lindern können, zielen naturheilkundliche Therapien hier in zwei Richtungen: Sie wirken auf ein Symptom ein und lindern gleichzeitig die depressiven Verstimmungen. Der französische Hirnforscher David Servan-Schreiber hat gesagt: „Man kann mit dem Körper oft besser heilen als mit Worten.“ Konkret heißt das, dass Psychopharmaka bei leichten bis mittleren Depressionen nachweislich eine geringe Effektstärke zeigen, das heißt wenig Wirkung haben, anders als bei schweren Depressionen. Vielen Menschen sind naturheilkundliche Therapien außerdem leichter vermittelbar als eine Psychotherapie oder Psychopharmaka (vgl. auch unser Artikel über Depression in BIO 3/21).

Sie haben für Ihr Buch ein Acht- Wochen-Programm für mehr seelische Widerstandskraft entwickelt. Für wen eignet es sich?

Es eignet sich für alle. Es enthält Bausteine aus Ernährung, Bewegung und Entspannung, die acht Wochen lang regelmäßig praktiziert werden sollten. Wer acht Wochen durchhält, hat nachweislich große Chancen, die nderungen dauerhaft in seinen Lebensstil einzubauen, weil er beginnt, sich damit wohlzufühlen.

Ausnahme sind Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen und schweren Depressionen. Ihnen tut Naturheilkunde auch gut, aber sie reicht nicht aus. Diese Personen brauchen fachärztliche Hilfe.

Das Interview führte Heidi iefenthaler.