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SELBSTOPTIMIERUNG GIBT ES DAS PERFEKTE ICH ?


Super You - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 20.08.2019

Ein langes Leben bei bestmöglicher Gesundheit – im Grunde wollen Biohacker das, was wir alle wollen. Nur sind sie vielleicht eine Spur wissbegieriger und glauben nur, was sich mit handfesten, akribisch selbst gemessenen Daten belegen lässt. Lesen Sie hier, was wir von den kritischen Geistern lernen können, ganz ohne naturwissenschaftliches Einser-Abitur


SEI DIE BESTE VERSION DEINER SELBST

In den Ohren von Biohackern klingt dieser Satz eher lasch. Für sie müsste es vielmehr heißen: „Kitzle auch noch die letzten zehn Prozent aus dir heraus, damit du die ultimativ perfekte Version deiner selbst bist, 24/7, ...

Artikelbild für den Artikel "SELBSTOPTIMIERUNG GIBT ES DAS PERFEKTE ICH ?" aus der Ausgabe 1/2019 von Super You. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Super You, Ausgabe 1/2019

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In den Ohren von Biohackern klingt dieser Satz eher lasch. Für sie müsste es vielmehr heißen: „Kitzle auch noch die letzten zehn Prozent aus dir heraus, damit du die ultimativ perfekte Version deiner selbst bist, 24/7, 365 Tage im Jahr.“ Den Startschuss für die Bewegung gaben zwei Journalisten der Zeitschrift „Wired“, Zentralorgan aller Techies und Nerds. Sie organisierten 2008 eine Konferenz zum Thema „Quantified Self“ im Silicon Valley. Dank des im Sommer darauf erschienenen Artikels mit dem Titel „Erkenne dich selbst: Wie man jeden Fakt des Lebens von Schlaf über Laune bis hin zu Schmerzen misst“, eröffneten sich den Fans der Selbstoptimierung ganz neue Horizonte. Erstmals wurde ihnen ein ganzer Reigen von Trackingdevices und Apps präsentiert, mit dessen Hilfe sich Daten sammeln und anschließend aufschlussreiche Muster erkennen ließen.
Viele der Geräte stammten aus dem medizinischen Sektor, beispielsweise die Blutzuckermess geräte für Diabetiker. Anderes kam aus dem Sportbereich. Pulsuhren etwa, welche die sogenannte Herzratenvariabilität messen und auf diese Weise die Veränderung der Herzschlagrate zwischen Ruhezustand und körperlicher Aktivität aufzeigen können. „Etliches musste man sich aber auch selbst zusammenlöten“, erinnert sich Bob Troia, ein Urvater der Szene. „Als ich 2013 mehr über die Luftqualität in meiner New Yorker Wohnung wissen wollte, habe ich den Tracker noch eigenhändig selber gebastelt.“

Wo kommen wir her, wo wollen wir hin? Im „Biohacker’s Handbook“ (zwei Kilo schwer, 546 Seiten, auf Eng l isch) hat der 37-jährige Finne den aktu e l l e n Wissensstand dargelegt

VORHANG AUF FÜR „QUANTIFIED BOB“

Als Biohacking-Blogger, Podcaster, Coach und Vortragsredner genießt Bob Troia aus New York City (Deckname „Quantified Bob“) einen exzellenten Ruf. Er wirkt so gar nicht wie ein neurotischer Selbstbespiegler, der alle naslang seine Fitness-App checkt. Tatsächlich steuert der jugendlich wirkende Indierockfan – er dürfte locker auf die 50 zugehen – auch für die Allgemeinheit nützliche Erkenntnisse bei.
So fand er bei der Messung seines Blutzuckerspiegels heraus, dass seine Schlafstörungen mit einem starken nächtlichen Blutzuckerabfall zusammenfielen. Traf er sich jedoch abends mit Freunden und trank dabei ein, zwei Bier, blieb der Blutzuckerspiegel konstant und er schlummerte durch. Lag es am Alkohol?
Bob wagte den Selbstversuch, trank sein nächstes Quäntchen Bier allein zu Haus, maß nach, und zack: Der Blutzucker sackte wieder ab, Bob wachte auf. Wer hätte das gedacht!? Es war der Spaß mit Freunden, der Bobs nächtlichen Blutzucker stabil hielt, nicht das Bier


HACK. TRACK. ANALYZE. OPTIMIZE. RINSE. REPEAT.


Slogan des Blogs quantifiedbob.com

TRACKOLOGE Bob Troia

Botschaft:Miss, was du messen kannst, und interpretiere deine Excel-Tabellen richtig

Bob Troia bezeichnet sich selbst als „Datenjunkie“. Als Pionier der Bewegung ist der Technologil-untrepreneur und Digitalmarketingexperte ein gefragter Keynotespeaker auf Biohackerkonferenzen. Sein Messgerätepark ist legendär, und es gibt wenig, was Troia nicht am eigenen Leibe getestet hätte: Sei es das Zukleben des Mundes während des Schlafens (Mouth-Taping), sei es das Schlucken von Ketonestern, bekanntermaßen übel schmeckende und noch unerforschte Substanzen. Wer sich traut, bucht bei ihm ein Einzelcoaching: quantifiedbob.com

PROOFITEUR Dave Asprey

Botschaft:Bulletproof-Kaffee trinken, dem Bulletprool-uifestyle anhängen

Das Rezept für seinen mit Kokosöl und/oder Butter angereicherten „kugelsicheren“ Kaffee brachte Dave Asprey aus Tibet mit. Dorthin war der Informatiker gereist, nachdem ihn nach dem Platzen der Dotcom-Blase eine Sinnkrise ereilt hatte. Inzwischen ist Asprey Herrscher über ein ganzes „Bulletproof“-Imperium. Dazu zählen mehrere Läden, Cafés und ein Onlineshop, in denen man „kugelsichere“ Produkte wie Proteinpulver oder Nahrungsergänzungsmittel kaufen kann. An Aspreys „Human Potential Institute“ werden zertifizierte „Bulletproof“- Coaches im Fernstudium ausgebildet. „Bulletproof“- Hightechgeräte wie Ganzkörperrüttler, Kältedusche oder Überdruck-Knochendichteoptimierer werden derzeit in Aspreys kanadischem Privatlabor entwickelt. Erstkontakt: bulletproof.com

DA LIEGT WAS IM WARENKORB

Etwas Ähnliches berichtet Dave Asprey. Anders als Bob, der mittlerweile mit aufklebbaren Sensoren arbeitet, hat sich der Erfinder des „Bulletproof Lifestyle“ einen Chip zum Blutzuckermessen unter die Haut pflanzen lassen. Auf diese Weise kann er ablesen, dass sein Blutzucker nicht nur in die Höhe jagt, wenn er schnell verwertbare Kohlenhydrate isst. Auch beim Verzehr von möglicherweise mit Schimmel kontaminierten Lebensmitteln misst er ungesunde Blutzuckerspitzen. Obendrein erkennt er anhand der Werte, gegen welche Speisen er mit Unverträglichkeiten reagiert – und lässt sie einfach weg.

DEN BIOHACKER GIBT ES NICHT

In knapp einem Jahrzehnt hat die Biohackingszene Anhänger auf der ganzen Welt gewonnen. Eine besondere Erwähnung gebührt hier Olli Sovijärvi, Teemu Arina und Jaakko Halmetoja, weil sie den derzeitigen Wissensstand zu Papier gebracht haben. In ihrem zwei Kilo schweren „Biohacker’s Handbook“ legen die Finnen dar, in welchen fünf Bereichen Biohacker die derzeit größten Verbesserungspotenziale wittern: beim Schlaf, der Ernährung, dem Sport, der Arbeit und dem Bewusstsein, früher auch „Gemüt“ genannt (bildlich dargestellt auf Seite 123).

METHUSALEMIST Aubrey de Grey

Botschaft:Das Altern lässt sich umkehren, und zwar mit Bio-Engineering

Für seine Zellforschung verlieh die Universität von Cambridge Aubrey de Grey im Jahr 2000 den Doktor der Biologie. Spätestens im Jahr 2040, so behauptet der exzentrische Brite, beginnt das Zeitalter der künstlich herbeigeführten Langlebigkeit. Zum Beispiel durch Knochenersatz aus dem 3-D-Drucker, frisch gezüchtete Organe aus der Petrischale oder verjüngendes Blut. Wer mehr wissen will, geht auf die Website sens.org

STRAHLENMANN Dr. Jack Kruse

Botschaft:Sonne tanken, Blaulicht meiden, barfuß laufen

Ernährung sei wichtig, sagt der Neurochirurg Dr. Jack Kruse, viel wichtiger für die Gesundheit aber seien Wasser, Magnetismus und Licht. Seit man überall im Körper lichtempfindliche Rezeptoren entdeckt hat, hält sich der genialische Mediziner bevorzugt leicht bekleidet im Freien auf. Blaues Licht hält er für toxisch, das gesamte ultraviolette Spektrum für essenziell. Für eine Extraportion Energie wandelt er, so oft es irgend geht, barfuß über den Erdboden. Mehr unter jackkruse.com

OMEGANERIN Anja Leitz

Botschaft:Viel Fisch, im Winter mehr Fett, im Sommer mehr Carbs essen

Sie weiß genau, an welcher Stelle eine Omega-3-Fettsäure geknickt sein muss, um ihre Wirkung voll zu entfalten. In ihrem Buch „Better Body. Better Brain“ (288 Seiten, Riva, 24,99 €) übersetzt die Neurofeedbacl-uherapeutin Anja Leitz selbst nerdigstes Biohackerwissen für Normalsterbliche. Wer Körper und Geist mit ihrer Hilfe „resetten“ möchte, checkt für einige Zeit in ihrem Bed and Breakfast ein, abzuchecken unter haus-steinfels.ch

SZENEKUNDLER Max Gotzler

Botschaft:Workshops besuchen, Wissen teilen, Community stärken

Auf dem Weg zum Profi-Basketballer verschlug es Max Gotzler in die USA. Für den Sportstipendiaten waren die vier Jahre harten Trainings rückblickend eher eine Tortur, doch der Weilheimer lernte en passant die noch junge Biohackerszene kennen. Heute schart der Blogger, Podcaster, Netzwerker und Shopbetreiber seine deutschen Gesinnungsgenossen auch in der analogen Welt um sich. Zum Beispiel wenn er zum Flowgrade-Festival einlädt. Infos dazu unterflowgrade.de


DER MENSCH, DER 1000 JAHRE ALT WIRD, IST HEUTE SCHON GEBOREN.
Aubrey de Grey, Biogerontologe


Dabei ist den Autoren durchaus bewusst, dass es den einen, allgemeingültigen Weg zum perfekten Sein nicht gibt. Vielmehr sagen sie, dass nur ein ganzheitliches Vorgehen, bei dem mehrere Weichenstellungen gleichzeitig vorgenommen werden, zum gewünschten Ziel führen. Und das hat es in sich: In letzter Konsequenz wünschen sich alle Biohacker ein langes Leben bei bestmöglicher körperlicher und geistiger Gesundheit.
Dave Asprey etwa sagt, er wolle nicht weniger als 180 Jahre alt werden. „Unmöglich“, entgegnet Teemu Arina, „das maximale Menschenalter liegt unausweichlich bei 120 Jahren.“ Dem wiederum widerspricht der britische Bioinformatiker und theoretische Biogerontologe Aubrey de Grey: „Der Mensch der 1000 Jahre alt wird, ist heute schon geboren.“
Dass sie sich allesamt Biohacker nennen, zeigt, wie bunt die Szene inzwischen geworden ist: Von Cyborgs, die sich Magneten und Kreditkartenchips implantieren lassen, bis zum Studenten der Chemie, der verschreibungspflichtige Hirnstimulantien vertreibt, ist alles dabei.

DOPING? WELCHES DOPING?

Einer, der ganz freimütig über seinen Gebrauch von Piracetam spricht, ist Dave Asprey. Das Medikament, ein sogenanntes Nootropikum, wird üblicherweise zur Verbesserung der Hirnleistung von Demenzkranken verschrieben. Vor Prüfungen ist es aber auch bei Schülern oder Studenten sehr beliebt. Doch weil sie die „smarte Droge“ nur über dunkle Kanäle erwerben können, ist nie sicher, wie rein der Stoff tatsächlich ist. Auch die Dosierung ist ungewiss. Entsprechende Tutorials kursieren bereits auf Youtube – im szenetypischen „Ich habe es selbst ausprobiert und mehrfach nachgemessen“-Stil.
Sind notorisch verbesserungswütige Biohacker vielleicht genau die Art Mensch, die sich unsere leistungsorientierte, auf ewige Jugend fixierte Gesellschaft ersehnt? Die Antwort lässt sich wahrscheinlich erst im Jahre 2050 rückblickend beantworten. Denn in den Forschungs- und Entwicklungsabteilung der großen Pharmakonzerne werden mittlerweile Knochen im 3-D-Verfahren gedruckt, funktionstüchtige Organe in Petrischalen gezüchtet und bionische Linsen für ein lebenslang scharfes Sehen produziert.
Möglicherweise liegt de Grey mit seinen 1000 Lebensjahren also gar nicht so falsch. Ganz bestimmt aber werden wir den Biohackern einst dafür dankbar sein, dass sie alles Mögliche am eigenen Leib ausprobiert, vieles verworfen und das, was am besten funktioniert, der Community mitgeteilt haben.

EXPERIMENTALO Timothy Ferriss

Botschaft:Cheatday einmal wöchentlich – auch mal alle fünfe gerade sein lassenTim Ferriss geht nicht zimperlich mit sich um. Zu Testzwecken dürfen Forscher aus seinen Oberschenkeln Muskelfasern stanzen, gegen Blutzuckerspitzen hat er sich chippen lassen. Der USAmerikaner liebt es, für seine Leser die Spreu vom Weizen zu trennen. Und an Cheat-Tagen Schokocroissants und Rotwein. Seine bekanntesten Bücher: „Der 4-Stunden Körper“ (608 Seiten, Goldmann, 14,99 €) und „Die 4-Stunden Woche“ (352 Seiten, Ullstein, 11 €).

BIBELVERDÄCHTIG

„Biohacker’s Handbook. Upgrade yourself and unleash your inner potential“Von Olli Sovijärvi, Teemu Arina und Jaakko Halmetoja, 544 Seiten, Biohacker Center, ca. 42 €.

UPS, VERWECHSLUNGSGEFAHR

Auch Tüftler, die mit Genscheren und DNA-Schnipseln im Heimlabor herumexperimentieren, werden manchmal Biohacker genannt. So lud der Deutsche Bundestag 2016 zur Konferenz „Synthetische Biologie, Genome Editing, Biohacking – Herausforderungen der neuen Gentechnologien“ ein.


Fotos: Antti Mannermaa, José Mandojana, Laif, Ornella Cacace/13 Photo, Shutterstock, PR, privat