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SELBSTTÄUSCHUNG: Wir wissen viel weniger, als wir glauben


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 08.03.2019

SELBSTTÄUSCHUNG Wir überschätzen unser Wissen systematisch – eine Illusion mit vielen guten Seiten, die uns Selbstvertrauen und Wagemut schenkt.


Artikelbild für den Artikel "SELBSTTÄUSCHUNG: Wir wissen viel weniger, als wir glauben" aus der Ausgabe 4/2019 von Gehirn & Geist. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 4/2019

1946 führte Louis Slotin ein Experiment mit zwei Halbkugelschalen aus Beryllium und einem Plutoniumkern durch, in dessen Folge der junge Physiker starb. Er hatte leichtsinnig auf wichtige Sicherheitsvorkehrungen verzichtet. Das Bild ist eine Rekonstruktion des verhängnisvollen Versuchs.


MIT FRDL. GEN. VOM LOS ALAMOS NATIONAL LABORATORY

Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen gekürzten und bearbeiteten Auszug aus dem neuen Buch von Steven Sloman und Philip ...

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... Fernbach »Wir denken, also bin ich: Über Wissen und Wissensillusionen «, das im Februar bei Beltz erschienen ist.


Acht Männer befanden sich im Werkraum des Laboratoriums des damals hochgeheimen Kernforschungszentrums Los Alamos, als ein junger Physiker namens Louis Slotin dort 1946 ein riskantes Experiment durchführte, das der später weltberühmte Physiker Richard Feynman als »den Drachen am Schwanz kitzeln« bezeichnete. Slotin hatte im Jahr zuvor den Kern der ersten Atombombe, der Hiroshima-Bombe, montiert. Nun wollte er seinen Kollegen zeigen, wie sich Plutonium verhält, wenn man es mit dem Leichtmetall Beryllium zusammenbringt. Plutonium ist die wichtigste radioaktive Substanz in Atombomben. Slotin hatte vor, zwei Halbkugelschalen aus Beryllium, die um einen Plutoniumkern angeordnet waren, so dicht zusammenzubringen, dass eine Kettenreaktion ausgelöst würde. Beryllium reflektiert die Neutronen und verstärkt so die Kettenreaktion.

Es handelte sich allerdings um ein gewagtes Experiment. Falls die beiden Halbkugelschalen einander zu nahe kämen, konnte es zu einer unkontrollierten Kettenreaktion und damit zum Austritt von Strahlung kommen. Der damals 36-jährige Slotin war zwar ein erfahrener Experimentator, aber zum Auseinanderhalten der beiden Berylliumschalen verwendete er nur seine linke Hand, welche die eine Halbschale mittels eines Daumenlochs im Griff hatte, und einen Schraubenzieher in der rechten Hand, mit dessen Hilfe er die beiden Schalen noch auf Abstand hielt. Dabei rutschte der Schraubenzieher aus Versehen aus dem Spalt, die beiden Halbschalen krachten aufeinander, wodurch prompt eine überkritische Reaktion ausgelöst wurde.

Die acht Physiker im Raum wurden mit einer gefährlich hohen Strahlendosis verseucht. Slotin hatte zwar auf Grund eines Hitzestoßes die linke Hand unwillkürlich nach oben gerissen und die beiden Berylliumschalen wieder getrennt und dadurch auch die Kettenreaktion beendet. Aber er hatte die mit Abstand höchste Strahlendosis abbekommen und starb neun Tage später im Krankenhaus. Die übrigen Anwesenden konnte sich zunächst von der Strahlenkrankheit wieder erholen, doch einige starben recht jung an Krebs oder anderen Krankheiten, die vermutlich durch die Strahlenverseuchung ausgelöst wurden. Wie konnten so kluge und erfahrene Leute sich so dämlich anstellen?

Natürlich kommt es immer wieder zu Unfällen, das ist der Lauf der Welt. Jeder hat sich schon einmal aus Versehen in den Finger geschnitten oder die Hand in der Autotür eingeklemmt. Aber man würde doch annehmen, dass eine Gruppe von erfahrenen Experimentalphysikern über geeignetere Vorsichtsmaßnahmen verfügt als einen Schraubenzieher in der Hand, um sich vor tödlicher nuklearer Strahlung zu schützen. Slotins Kollegen sagten hinterher aus, dass es im Labor geeignete Sicherheitsvorkehrungen gab, die Slotin durchaus kannte. So wurden normalerweise Distanzstücke angebracht, die die Berührung der Halbkugeln verhindern, und es gab eine Mechanik auf Schienen, mit der man das Beryllium langsam an das Plutonium heranschob. Warum war Slotin so leichtsinnig?

Wir nehmen an, dass er bei seinem Experiment derselben Illusion erlag wie wir alle, wenn wir glauben, wir hätten eine Sache im Griff und verstehen genug davon, obwohl das in Wirklichkeit gar nicht der Fall ist. Die Überraschung, die der junge Physiker erlebt hat, unterscheidet sich kaum von der Überraschung, die wir erleben, wenn wir einen tropfenden Wasserhahn reparieren wollen und das Ganze mit einer Überschwemmung im Bad endet. Oder wenn Sie Ihrer Tochter bei den Mathehausaufgaben helfen wollen, bei Quadratgleichungen allerdings schnell mit Ihrem Latein am Ende sind. So kommt es ziemlich oft vor, dass wir voller Selbstvertrauen eine Sache anpacken und Bescheid zu wissen glauben, »wie die Dinge laufen«; oft ist dieses Selbstvertrauen am Ende einigermaßen erschüttert.

Neigen wir Menschen generell dazu, unsere Kenntnisse zu überschätzen? Ist unser Wissen viel oberflächlicher und ungenauer, als wir selbst meinen? Das fragte sich der Kognitionswissenschaftler Frank Keil von der Yale University in Connecticut. Schon lange hatte er sich intensiv mit den Mutmaßungen beschäftigt, die Menschen anstellen, wenn sie sich erklären wollen, warum etwas funktioniert hat und warum nicht. Es zeigte sich bald, dass diese Auffassungen ziemlich oberflächlich und unzulänglich waren.

DIE AUTOREN

Steven Sloman ist Professor für Kognitionswissenschaften, Linguistik und Psychologie an der Brown University im US-amerikanischen Bundesstaat Rhode Island und Herausgeber der Zeitschrift »Cognition «.


THAD RUSSELL

Philip Fernbach ist Kognitionswissenschaftler und Professor für Marketing an der Leeds School of Business an der University of Colorado Boulder.


EMILY SACCO


Es ist wirklich verblüffend, wie lückenhaft und vage unser Wissen über vertraute Alltagsgegenstände ist


Doch zunächst kam Keil nicht weiter. Denn es gelang ihm nicht, eine wissenschaftlich zuverlässige Methode zu entwickeln, mit der sich messen lässt, was die Menschen tatsächlich wissen und was sie nur zu wissen meinen. Die verschiedenen Verfahren, die er zunächst anwandte, nahmen entweder zu viel Zeit in Anspruch, erwiesen sich als zu unsicher in der Bewertung oder führten dazu, dass die Teilnehmer ihre Angaben schönten. Aber dann hatte er eine Erleuchtung und entwickelte die so genannte Illusion of Explanatory Depth, kurz IoED (Selbsttäuschung über das Erklärungsvermögen). Bei dieser Methode traten die bisherigen Probleme nicht mehr auf: »Ich erinnere mich noch genau, wie ich zu Hause unter der Dusche stand und mir dabei die gesamte Versuchsanordnung der IoED einfiel, während mir das Wasser – zugegeben – länger als sonst über den Rücken lief. Ohne Frühstück raste ich sofort mit dem Wagen in die Uni und schnappte mir meinen Mitarbeiter Leon Rozenblit, mit dem ich schon seit Längerem über Arbeitsteilung beim Erkenntnisgewinn forschte; wir fingen sogleich damit an, die Eckpunkte meiner neuen Methode festzuhalten, und dann ging es an die Ausarbeitung der Einzelheiten.«

Damit war ein Verfahren erfunden, wie sich der Grad von Nichtwissen messen lässt, indem man die Teilnehmer einfach bittet, etwas Beliebiges zu erklären, und bewertet, wie diese Erklärung die Beurteilung des eigenen Verständnisses beeinflusst. Wenn Sie einer der vielen Menschen wären, die Keil und Rozenblit anschließend getestet haben, dann wären Ihnen unter anderem folgende Fragen gestellt worden:
1.Geben Sie auf einer Skala von 1 bis 7 an, wie genau Sie wissen, wie ein Reißverschluss funktioniert.
2. Wie funktioniert ein Reißverschluss? Beschreiben Sie so detailliert wie möglich, wie ein Reißverschluss schließt.

Wenn Sie, wie die meisten von Rozenblits und Keils Probanden, nicht gerade zufällig in einer Reißverschlussfabrik arbeiten, dann haben Sie aller Wahrscheinlichkeit nach keine zufrieden stellende Antwort auf die zweite Frage. Sie wissen einfach nicht, wie der Mechanismus funktioniert. Dann beantworten Sie die dritte Frage:
3. Geben Sie noch einmal auf einer Skala von 1 bis 7 an, wie genau Sie wissen, wie ein Reißverschluss funktioniert.

Jetzt werden Sie bei der Angabe vermutlich etwas bescheidener sein. Nachdem sie aufgefordert wurden, die Funktionsweise eines Reißverschlusses genau zu erklären, werden die meisten Menschen einsehen, dass sie davon wenig bis keine Ahnung haben, und begnügen sich mit einer Angabe von eins oder zwei.

Dieses Beispiel zeigt sehr schön, wie wir alle im Hinblick auf unser Wissen in einer Illusionsblase leben. Bei der ersten Selbsteinschätzung gaben die Probanden an, besser zu wissen, wie ein Reißverschluss funktioniert, als sie es tatsächlich taten. Wenn sie ihre Kenntnisse beim zweiten Mal niedriger bewerteten, gaben sie damit implizit zu verstehen: »Ich weiß darüber weniger, als ich dachte.«

Es ist erstaunlich, wie leicht es ist, die Menschen über ihre diesbezügliche Wissensillusion aufzuklären: Man muss nur nachhaken und um eine konkrete Erklärung bitten. Das gilt natürlich noch für sehr viele andere Dinge, nicht nur für Reißverschlüsse. Die gleichen Resultate erzielten Rozenblit und Keil, wenn sie nach der Funktionsweise von Tachometern, Klaviertasten, Klospülungen, Zylinderschlössern, Hubschraubern, Quarzuhren und Nähmaschinen fragten – egal ob sie Studienanfänger oder Studenten im höheren Semestern befragten, sowohl an Eliteuniversitäten wie Yale als auch an durchschnittlichen regionalen Unis. Wir selbst fanden den Befund viele, viele Male bei weiteren Tests, etwa ebenfalls bei Studienanfängern oder bei Zufallsbefragungen von Amerikanern über das Internet. Wir haben zudem festgestellt, dass sich die Wissensillusion nicht nur auf Alltagsobjekte bezieht, sondern auf praktisch alle denkbaren Themen: Die Menschen überschätzen ihre Kenntnisse ebenso in Bezug auf Steuer-, Finanz- oder Außen politik, auf gentechnisch veränderte Lebensmittel und Klimawandel, selbst im Hinblick auf ihre eigenen Finanzen. Wir haben im Lauf der Jahre viele verschiedene psychologische Phänomene wissenschaftlich untersucht, aber bei keinem trifft man so zuverlässig auf diese gravierenden Fehleinschätzungen.

Welche wichtigen Teile eines Fahrrads fehlen bei der Skizze links? Könnten Sie zum Beispiel Kette und Pedale richtig einzeichnen? Die Psychologin Rebecca Lawson bat Studenten in einem ihrer Experimente darum. Überraschenderweise bereitete die Aufgabe vielen Probleme; etwa die Hälfte der Teilnehmer waren nicht in der Lage, die fehlenden Teile richtig zu ergänzen (rechts).


AUS SLOMAN, S., FERNBACH, P.: WIR DENKEN, ALSO BIN ICH. MIT FRDL. GEN. DES BELTZ VERLAGS IN DER VERLAGSGRUPPE BELTZ, WEINHEIM BASEL 2019

Ein Erklärungsversuch hilft, die eigene Unzulänglichkeit zu erkennen

Eine der wesentlichen Erkenntnisse, die wir aus diesen Befragungen ziehen, lautet: Wenn die Probanden aufgefordert werden, konkrete Erklärungen abzuliefern, dann ändert sich offenbar der Sinn dessen, was sie unter Wissen verstehen; so interpretieren wir das jedenfalls. Wenn sie gebeten werden, ihr Wissen auf einer Skala einzuordnen, dann beantworten sie beim ersten Mal vermutlich eine ganz andere Frage als beim zweiten Mal. Vielleicht interpretieren sie die Frage zunächst im Sinn von »Wie effektiv kann ich über Reißverschlüsse nachdenken? «. Nachdem sie aufgefordert wurden, die Funktionsweise tatsächlich zu erklären, überlegen sie wohl eher, wie viele konkrete Kenntnisse sie darüber zum Ausdruck bringen können. (…)

Vor dem Erklärungsversuch haben die Probanden das Gefühl, sie verstünden im Prinzip genug von einer Sache oder einem Thema; anschließend haben sie erkannt, dass sie eigentlich ziemlich wenig bis gar nichts über den jeweiligen Gegenstand wissen. Rozenblit und Keil gaben abschließend zu Protokoll, dass die meisten Teilnehmer offen gestanden, sehr überrascht zu sein, dass sie viel weniger Ahnung hatten, als sie ursprünglich dachten.

Diese Wissensillusion findet sich ebenfalls sehr deutlich im so genannten Fahrrad-Kenntnistest. Dabei zeigte die Psychologin Rebecca Lawson von der University of Liverpool Studienanfängern die schematische Zeichnung eines Fahrrads, bei dem einige wesentliche Bauteile fehlten (sowohl am Rahmen als auch die Kette und Pedale). Dann forderte sie ihre Studenten auf, die entsprechenden Teile zu ergänzen. Versuchen Sie es selbst einmal. Welche Teile des Rahmens fehlen? Wo gehören Kette und Pedale hin? (siehe oben)

Die Aufgabe bereitet erstaunlich große Schwierigkeiten. Bei Lawsons Untersuchung war die Hälfte der Studenten nicht in der Lage, die Skizze richtig zu vervollständigen – einige Lösungsversuche sehen Sie oben rechts. Die Resultate waren selbst dann nicht besser, als die Probanden unter vier Zeichnungen lediglich die korrekte heraussuchen mussten. Viele tippten auf Zeichnungen, bei denen die Kette sowohl um das Vorderrad als auch um das Hinterrad gelegt war; damit wäre Lenken unmöglich. Sogar selbst ernannte Fahrradexperten waren nicht immer im Stande, diese anscheinend einfache Aufgabe zufrieden stellend zu lösen. Es ist wirklich verblüffend, wie lückenhaft und vage unsere Kenntnis von ganz vertrauten Alltagsgegenständen ist, selbst von solchen, die wir täglich sehen und benutzen und deren Funktionsmechanismen mit bloßem Auge leicht zu erkennen sind.

MEHR WISSEN AUF »SPEKTRUM.DE «

Wissenswertes über das menschliche Denken und seine Besonderheiten lesen Sie imGehirn&Geist-Dossier »Das Geheimnis des Denkens« :

www.spektrum.de/shop

Der damalige US-amerikanische Präsident John F. Kennedy kündigt 1961 an, seine Nation werde noch bis zum Ende des Jahrzehnts einen Menschen zum Mond schicken. Die Fakten sprechen nicht dafür, doch er behält mit seiner kühnen These recht.


PICTURE ALLIANCE / MEDIAPUNCH / CNP / ARNIE SACHS

Wir sind also unwissender, als wir meinen. Aber wie unwissend sind wir eigentlich? Lässt sich das quantifizieren oder abschätzen? Thomas Landauer hat versucht, diese Frage zu beantworten.

Landauer war ein Pionier der Kognitionswissenschaft, der unter anderem an renommierten Universitäten wie Harvard, Stanford und Princeton lehrte. Er begann seine wissenschaftliche Laufbahn in den 1960er Jahren, als die Kognitionswissenschaftler noch ernsthaft dachten, das menschliche Gehirn funktioniere so ähnlich wie ein Computer. (…) Man stellte sich das Denken wie ein Computerprogramm vor, das definiert, was im menschlichen Gehirn abläuft. (…)

In den 1980er Jahren wollte Landauer die Gedächtnisleistung des menschlichen Gehirns auf ähnliche Weise messen, wie man die Speicherkapazität eines Computers misst. Zum Beispiel versuchte er, den Wortschatz von Erwachsenen abzuschätzen, und rechnete aus, wie viel Byte Speicherkapazität man dafür auf einem Computer benötigt. Auf dieser Grundlage versuchte er dann die gesamte »Wissenskapazität« eines Erwachsenen hochzurechnen und kam auf ein halbes Gigabyte. Zum Vergleich: Heute verfügt ein handelsüblicher Laptop über eine Speicherkapazität von etwa 250 bis 1000 Gigabyte.

Landauer versuchte die Frage aber noch mit ganz anderen Methoden zu beantworten, etwa mit Gedächtnistests. (…) Waren die Probanden in der Lage, einen Sinneseindruck (ein Bild, ein Wort oder ein kurzes Musikstück), den man ihnen bereits einmal präsentiert hatte, wiederzuerkennen? (…) Anhand der erfassten Daten entdeckte er, dass Menschen Informationen im Schnitt immer ungefähr innerhalb der gleichen Zeitspanne aufnehmen, unabhängig davon, um welche Art von Sinneseindruck es sich handelt. Zudem versuchte Landauer zu bestimmen, über wie viel abrufbereites Wissen Menschen verfügen – unter der Voraussetzung, dass sie im Lauf eines 70-jährigen Lebens in der gleichen Weise und Geschwindigkeit dazulernen. Von welcher Seite und mit welchen Methoden er es auch anpackte, es lief immer auf ungefähr das gleiche Ergebnis hinaus: 1 Gigabyte. Doch selbst wenn man Abweichungen mit dem Faktor 10 einkalkuliert, selbst wenn es demnach Menschen gibt, die zehnmal mehr oder zehnmal weniger als 1 GB Wissen speichern, dann handelt es sich immer noch um kümmerliche Mengen von gespeicherter Information verglichen mit einem modernen Durchschnittscomputer. Menschliche Gehirne sind also wahrlich keine bemerkenswerten Datenspeicher.

Wir nutzen das Wissen in den Köpfen anderer

Mit unserer Denkfähigkeit würden wir Menschen nicht sehr weit kommen, wenn sie sich nur auf das bisschen Wissen beschränken würde, das wir als Individuen speichern. Das Erfolgsgeheimnis des menschlichen Denkens liegt allerdings darin begründet, dass wir in der Welt, in der wir leben, von Wissen umgeben sind. So haben wir leichten Zugang zu den enormen Wissensmengen in den Köpfen anderer Leute. Jeder von unseren Freunden und Familienangehörigen verfügt über zuverlässiges Spezialwissen in verschiedenen Bereichen. Wir können einen Fachmann anrufen, der weiß, wie man den Geschirrspüler repariert. Wir können auf Professoren, Experten und sonstige kluge Köpfe hören oder in Büchern oder im Internet nachlesen.

Daher ist es keineswegs überraschend, wenn es uns schwerfällt, das, was in unseren eigenen Köpfen ist, von dem, was sich in anderen Köpfen befindet, zu unterscheiden. Denn im Allgemeinen – möglicherweise sogar immer – verwenden wir beides, indem wir uns einfach dessen bedienen, was sich in den Köpfen anderer befindet, um unsere eigenen Defizite zu ergänzen; das geschieht meist ganz unbewusst. Wenn wir Geschirr spülen wollen, gab es zum Glück bereits jemanden, der weiß, wie man Spülmittel herstellt, und jemand anderen, der eine Ahnung davon hat, wie man warmes Wasser durch eine Leitung schickt. Ohne solche »Mitarbeiter« wären wir verloren.

Dass wir glauben, mehr zu wissen, als tatsächlich der Fall ist, hat durchaus Vorteile. 1961 hatte John F. Kennedy bei seiner Amtseinführung keine faktische Grundlage für die Voraussage, dass die Amerikaner es schaffen würden, bis zum Ende des Jahrzehnts einen Menschen auf den Mond zu bringen. Seine Ankündigung war reiner Übermut. Aber er lag richtig. Und es ist unwahrscheinlich, dass die Amerikaner zu solcher Zielstrebigkeit gefunden hätten, wenn Kennedy nicht so kühn gewesen wäre.

Die Wissensillusion verleiht den Menschen genügend Selbstvertrauen, um in neue und unerforschte Gebiete vorzustoßen. (…) Viele große Fortschritte und Entdeckungen entstanden aus einer Fehleinschätzung des eigenen Horizonts. Daher ist diese Art der Selbstüberschätzung für das Vorankommen der Menschheit unerlässlich – und auch für das jedes einzelnen von uns. Sie gibt uns zum Beispiel den nötigen Ansporn, unser Fahrrad selbst zu reparieren oder die Gartenlaube eigenhändig zu bauen. Wir wagen uns nur deshalb an solche Unternehmungen, weil wir nicht richtig einschätzen können, worauf wir uns da gerade einlassen.

Auf einen Blick: Maßlose Selbstüberschätzung

1 Die meisten von uns glauben zu wissen, wie etwa ein Reißverschluss funktioniert, können es aber auf Rückfrage nicht erklären. Sie sind einer Wissensillusion erlegen.

2 Menschen überschätzen nicht nur ihre Kenntnisse über die Funktionsweise von Alltagsgegenständen. Unser Wissen ist allgemein viel oberflächlicher und ungenauer, als wir selbst meinen.

3 Die Wissensillusion gibt uns das Selbstvertrauen, uns auch in neue Gebiete zu wagen. Daher ist sie für den menschlichen Fortschritt unerlässlich.

QUELLEN

Landauer, T. K.: How Much Do People Remember? Some Estimates of the Quantity of Learned Information in Long-Term Memory.In: Cognitive Science 10, S. 477–493, 1986

Lawson, R.: The Science of Cycology: Failures to Understand how Everyday Objects Work.In: Memory & Cognition 34, S. 1667–1675, 2006

Rozenblit, L., Keil, F.: The Misunderstood Limits of Folk Science. An Illusion of Explanatory Depth.In: Cognitive Science 26, S. 521–562, 2002

Der Buchauszug im Internet:www.spektrum.de/artikel/1623834