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SENKRECHT-STARTER


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Outdoor - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 11.10.2022
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Einsame Pfade locken im Nordwesten Schottlands hoch hinauf in die Wildnis.

Z wanzig Kilometer reicht der Loch Torridon ins Land, ein Meeresarm hoch oben im Nordwesten Schottlands.An seinem Ende: ein Dorf. Lose reihen sich die weißgetünchten Häuser entlang einer schmalen Straße. Ein Café, ein Laden, eine Jugendherberge, das Gemeindezentrum – die 200 Einwohner haben den wenigen Platz, der ihnen zwischen dem Meer und den Bergen blieb, gut genutzt. Das Dorf heißt Torridon, und selbst in Schottland existieren nur wenige Orte, an denen Wasser und Land so spektakulär ineinander übergehen. Es wundert einen nicht, dass Torridon eben genau das bedeutet: Übergang. Und es wundert einen noch weniger, dass die Augen schottischer Wanderer bei dem Namen Torridon einen sehnsüchtigen Glanz bekommen.Ich gehöre zu ihnen, und das, obwohl ich weiter südlich in der Mitte der Highlands lebe und vor der Haustür viel Auswahl habe. Trotzdem komme ich immer wieder in die Torridons, um zu wandern, ...

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... zu zelten, zu schwimmen und einfach die Wildnis zu erleben. Mich fasziniert, wie viele Möglichkeiten sie auf kleinem Raum bieten.

1| Wäre auch ohne Regenbogen ein Traum: Beinn Aliginn vom Beinn Dàmh aus gesehen.

2| Im Garten des Hotels The Torridon wachsen die Zutaten für den Torridon-Gin.

Drei Gipfel, alle um die tausend Meter hoch, prägen das Bild: Der Liathach direkt hinter dem Dorf, Beinn Alligin im Westen, Beinn Eighe im Osten. Sie bilden einen beträchtlichen Teil der rötlich schimmernden Torridon Hills. Ihr Gestein zählt zum ältesten der Welt, Wind und Wetter haben scharfe Grate aus ihm geformt, vor allem am Liathach, dessen Überschreitung nur Alpinisten zu empfehlen ist. Eighe und Alligin erweisen sich als zugänglicher.

An einem windstillen Sommerabend wanderte ich einmal mit meinem Hund Una auf den Alligin und traf auf dem Plateau nur zwei andere Menschen an. Der Gipfel, bekannt als »Berg der Schönheit« oder »Juwelenberg«, verwöhnte uns mit endlosen Blicken auf die Inseln Skye und Harris, landeinwärts auf die anderen Torridon-Gipfel. Der Weg ist eine Herausforderung mit 1090 Höhenmetern auf zehn Kilometern – eine kurze, aber steile Tour. Als wir hinaufstiegen, wünschten uns die Leute, die uns entgegenkamen, Glück auf dem »Stairmaster« – was sich als zutreffende Beschreibung erwies, denn die natürlichen Stufen erinnern wirklich an Step Aerobic.

Auf dem Gipfel des Alligin kann man eine Rundtour unternehmen und dabei zwei Munros einsacken, Gipfel über 3000 Fuß Höhe, gut 900 Meter. Außerdem lassen sich die Horns of Alligin erklimmen, wenn man gegen etwas Handeinsatz nichts einzuwenden hat. Wer sich abenteuerlustig fühlt und das richtige Wetter erwischt, schlägt auf dem Beinn Eighe auch ein Gipfelcamp für die Nacht auf. Allein das lohnt schon die Fahrt in die Torridons.

Anreise auf dem Premiumweg

Und es gibt noch weitaus mehr zu sehen und zu erleben als die drei bekannten Berge in dieser Region, in der alles Torridon heißt, das Dorf, das Gebirge, der Meeresarm und eine Reihe von Unterkünften auch. Es beginnt schon auf der Anreise aus dem Süden, zu der unbedingt ein Umweg über die Halbinsel Applecross gehört. Am besten fährt man von Lochcarron aus (893 Einwohner) den berühmten Bealach Na Ba, den Rinderpass. Die kurvige, einspurige Straße eignet sich zwar nicht für Wohnwagen und Wohnmobile, steht aber auf der Bucketlist von Motorrad- und Radfahrern ganz oben. Sie steigt auf über 600 Meter an, und wer sie nimmt, sollte sich klarmachen, welchen Fortschritt sie darstellt – bis in die frühen 1900er war die wilde Halbinsel nur vom Meer aus erreichbar. Der Küstenort Applecross (238 Einwohner, Pub) lohnt einen Stopp, eine Stunde später rückt das winzige Fischerdorf Shieldaig in Sicht, am Südufer des glitzernden Loch Torridon gelegen. Man kommt von oben an, direkt am Campingplatz. Er verfügt neuerdings über drei perfekt eingerichtete kleine Hütten, und wer sich eine von ihnen mietet, bucht den Ausblick auf die Torridons gegenüber gleich mit.

In Shieldaig bietet es sich an, für eine Weile das Land mit dem Meer zu tauschen. Dazu müsst ihr euch nur ein Boot in der Kajakbude unten am Steg ausleihen und in Richtung der Insel Shieldaig paddeln. Wer erst bei Sonnenuntergang aufs Wasser geht, erhöht die Chancen auf Sichtung eines Otters oder einer Robbe – oder entdeckt sogar einen Seeadler, auf Gälisch »Iolaire sùil na grèine« – »der Vogel mit dem sonnenbeschienenen Auge«. Er wurde in den 60er Jahren in Schottland wieder angesiedelt, und heute gibt es über 130 Brutpaare, eines davon auf der Insel Shieldaig. Bringt ein Fernglas mit.

Vom Ort Shieldaig fehlen zwar nur noch 15 Kilometer bis Torridon, doch am Weg lockt der Ben Dàmh. Eine sechsstündige Tour führt zu seinem Gipfel. Sie beginnt am Nobelhotel The Torridon, einem ehemaligen Jagdhaus, das mit seinen Türmen aber eher an ein Schloss erinnert. Es geht durch Kiefernwald und an einem Wasserfall vorbei, dann öffnet sich der Blick auf die Torridons und den Loch darunter. Zurück am Hotel The Torridon empfehle ich einen Besuch des Kitchen Gardens (jeder ist willkommen), in dem der Chefgärtner und der Küchenchef beraten, wie sie Rhabarber, Kohlrabi, Kirschen, Zucchini und Rote Bete ins Menü des Hotels integrieren. Außerdem lohnt ein Gang durch den Gin-Garten, in dem alle Pflanzen wachsen, die es für die Herstellung des berühmten Torridon-Gins braucht. Wie gesagt, das Wort Torridon hört man häufiger hier und in den unterschiedlichsten Zusammenhängen.

Noch ein kleines bisschen unübersichtlicher wird es dadurch, dass man sich im Dorf Torridon dann am besten im Torridon Estate einquartiert, einem familiengeführten B & B, das auch Cottages anbietet – als Basislager für Touren in der Region optimal gelegen. Folgt man von dort der einspurigen Sackgasse nach Westen, am Nordrand des Loch Torridon entlang, kommt man nach einer halben Stunde in eine tiefe Bucht und zum abgelegenen Küstenweiler Lower Diabaig, in dem Fischer und Holzfäller leben. Ein Besuch im Gille Brighde Cafe und Restaurant gehört hier dazu – Amanda und Aard sind herzliche Gastgeber und servieren den frischen Fang des Tages auf der Terrasse, während der Blick über die Bucht schweift. Von Diabaig geht es dann nur noch zu Fuß weiter, und ich empfehle einen Spaziergang an der wilden Küste: Auf dem hin und zurück acht Kilometer langen Weg von Diabaig zur Craig Bothy, einstmals Schottlands abgelegenste Jugendherberge. Man bewegt sich hier abseits der ausgetretenen Pfade und genießt weite Blicke auf die Küste und nach Skye. Und dank der Restaurierung durch den Footpath Trust wandert es sich ganz bequem – ideal, um seinen Gedanken nachzuhängen. Wer mag, übernachtet in der Bothy, die heute als einfache Schutzhütte dient. Es kostet nichts, und anderntags folgt man einfach weiter der Küste Richtung Norden bis zum Red Point.

PRAKTISCH ALLES HEISST TORRIDON HIER: DAS GEBIRGE, DER MEERESARM, DER GIN UND EINE GANZE REIHE VON UNTERKÜNFTEN.

1| Easy going: Die Küstentour von Diabaig zur Craig Bothy läuft sich fast von alleine.

Wer vom Dorf Torridon nicht nach Diabaig fährt, sondern in die andere Richtung, nach Osten, erlebt eine meiner Lieblingsstraßen. Sie führt durch Glen Torridon, eine der zauberhaftesten Landschaften, die ich kenne. Vor über zwölftausend Jahren schufen Gletscher das Tal, das eher einer Schlucht gleicht. Der Mensch schrumpft dort zur Bedeutungslosigkeit. Und sammelt ein weiteres Torridon.

Der erste Parkplatz, den ihr im Glen erreicht, ist der für die Wanderung zum Beinn Eighe – einem Geröllkamm mit vielen Quarzit-Gipfeln, von denen zwei zu den Munros zählen. Die klassische 18-Kilometer-Tour zum Gipfel und zurück solltet ihr euch nicht entgehen lassen. Sie nimmt den Ruadh Stac Mor und den Spidean Core nan Clach mit (die beiden Munros), eine Querung und etwas Kraxelei gehören dazu. Doch es gibt noch eine andere, weniger bekannte Tour. Sie leitet in den Coire Mhic Fhearchair – einen majestätischen Bergkessel, in dem sich drei riesige Felstürme in einem See spiegeln. Der Weg dorthin nutzt die Lücke zwischen den Giganten Liathach und Beinn Eighe und führt dann um die Rückseite des zweiten herum.

»RIGHT TO ROAM«: WILD ZELTEN IST IN DER DÜNN BESIEDELTEN WILDNIS SCHOTTLANDS ERLAUBT – SOLANGE MAN KEINE SPUREN IN DER NATUR HINTERLÄSST.

Vermutlich spürt ihr inzwischen die Beine vom Wandern, aber wenigstens einmal solltet ihr euch noch auf den Weg machen. Denn nur zehn Kilometer vom Parkplatz für den Beinn Eighe entfernt lockt bei Kinlochewe (etwa 100 Einwohner) der geheimnisvolle Loch Maree, Schottlands viertgrößter See. Über seinem Nordufer ragt ein zerklüfteter Gipfel auf: der Slioch, Gälisch für »der Speer«. Er ist bekannt dafür, dass wilde Ziegen in seinen Hängen umherstreifen.

Bevor ihr euch auf den 20 Kilometer langen Weg macht, solltet ihr euch in der Coffee Bar der Tankstelle in Kinlochewe mit Kaffee und Kuchen stärken. Der Aufstieg auf den Slioch (981 m) fordert Ausdauer, oben raubt einem dann eher der Blick den Atem – eine gute Gelegenheit für eine Rückschau auf die letzten Tage: Zwischen Shieldaig an der Küste und dem Gipfel des Slioch liegen kaum 30 Kilometer.Auf diesem kleinen Raum habt ihr euch vom Land aufs Meer bewegt, von der Küste auf Munros und von Luxushotels zu Schutzhütten. Und ihr habt Momente erlebt, die sich in unvergessliche Erinnerungen verwandeln werden. Wie gesagt: Torridon bedeutet Übergang.

2| Seafood-Fans ahoi: Garnelen kommen in den Torridons fangfrisch auf den Tisch.