Lesezeit ca. 5 Min.

SERIE: 7. und letzter Teil: Opium: (Kein) Opium für das Volk


G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 19.06.2020

Schon im Altertum nutzen Menschen die schmerzstillende und berauschende Wirkung des Schlafmohns und seines Saftes, des Opiums. Später entfacht die Droge Kriege zwischen zwei großen Mächten


Artikelbild für den Artikel "SERIE: 7. und letzter Teil: Opium: (Kein) Opium für das Volk" aus der Ausgabe 7/2020 von G Geschichte. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 7/2020

Die Farbe des Sommers
Schlafmohn (großes Bild) ist eine von rund 700 Mohnsorten. Der mitteleuropäische Klatschmohn schenkt den Feldern ein leuchtendes Rot


Manchmal ziehen die unschuldigsten Leidenschaften die größten Konsequenzen nach sich. Etwa die Liebe der Briten für einen kräftigen »Five o’Clock«-Tee, die sie im 17. Jahrhundert entwickelten. Doch leider fühlt sich die Teepflanze im feuchten, kühlen Klima ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von G Geschichte. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 7/2020 von BLICKPUNKT: Finanzkrisen: Brutale Abstürze. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BLICKPUNKT: Finanzkrisen: Brutale Abstürze
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von BRONZEZEIT: Ran an den Gegner. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BRONZEZEIT: Ran an den Gegner
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von PROLOG: Iwo Jima 1945: Iwo Jima 1945. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PROLOG: Iwo Jima 1945: Iwo Jima 1945
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von 1. KAPITEL FORMATION: Unabhängigkeitskrieg: Ledernacken gegen Lobster. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
1. KAPITEL FORMATION: Unabhängigkeitskrieg: Ledernacken gegen Lobster
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von 1. KAPITEL FORMATION: Im Krieg gegen die Korsaren: Einsatz in Nordafrika. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
1. KAPITEL FORMATION: Im Krieg gegen die Korsaren: Einsatz in Nordafrika
Titelbild der Ausgabe 7/2020 von 1. KAPITEL FORMATION: Aufstand in Peking: 55 lange Tage. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
1. KAPITEL FORMATION: Aufstand in Peking: 55 lange Tage
Vorheriger Artikel
3. KAPITEL NEUE UFER: Marinettes: Frauen an die Waffen
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel GESCHICHTE IM ALLTAG: Killer für Viren und Bakterien
aus dieser Ausgabe

... Britanniens so gar nicht wohl. Umso mehr dafür in China. Was aber konnten die Briten den Chinesen im Tausch für Tee bieten? Bodenschätze wie Eisen oder Kupfer begeisterten die chinesischen Händler nicht. Auch englische Wolle oder Leinen waren im Land der Seide nicht gefragt. Einzig gegen harte Silberwährung waren die Chinesen zum Teeverkauf bereit. Angesichts des gewaltigen Teedurstes der Briten riss das allerdings ein tiefes Loch in die Handelsbilanz.

Der neue Stoff macht Großbritannien zum größten Drogendealer der Welt

So lange jedenfalls, bis die Briten doch noch etwas entdeckten, was sie den Chinesen anbieten konnten: Opium. Denn der Schlafmohn, aus dem Opium gewonnen wird, fand im britisch kontrollierten Indien ideale Wachstumsbedingungen. Dass der Handel mit Opium in China schon seit Jahrzehnten verboten war, störte die Briten nicht weiter. Schon bald machten sich die ersten mit Opiumkisten beladenen Schiffe auf den Weg nach Osten. Noch auf hoher See wurde die heiße Ware auf kleinere Boote verladen, schließlich schmuggelten chinesische Zwischenhändler sie ins Land. Immer gewaltigere Mengen Opium strömten nach China: 4000 Kisten im Jahr 1819, 20 Jahre später bereits zehnmal so viele. Innerhalb kurzer Zeit wurde Großbritannien zum größten Drogendealer der Welt mit Queen Victoria an der Spitze.

Mit einem bisschen Schmuggel konnten der chinesische Kaiser und seine Beamten leben, nicht aber mit den Mengen, die die Briten jetzt einschleusten. Lin Zexu, vom Kaiser als Sonderbeauftragter eingesetzt, versuchte es zunächst mit Diplomatie. »Ich habe gehört, dass Opiumrauchen in Ihrem Land strengstens verboten ist«, schrieb er an die britische Queen Victoria. »Das ist so, weil der Schaden, den Opium anrichtet, klar erkannt wird. Da es nicht erlaubt ist, Ihrem Land Schaden zuzufügen, sollten Sie noch weniger anderen Ländern Schaden zufügen – und schon gar nicht China.«


»Sie ist böse, sie quält mich unermesslich, aber sie belohnt mich auch über jedes Begreifen hinaus« Der opiumsüchtige deutsche Schriftsteller Hans Fallada über die Droge


Das Rau(s)chmittel
Traditionell wird Opium als »chandu« geraucht. Dieses Rauchopium wird aus schwarzem Rohopium (re.) hergestellt


Als die Briten seinen Brief ignorierten, griff Lin zu drastischeren Mitteln. Er beschlagnahmte das Schmuggelgut und zerstörte es, ein Exempel statuierend, in aller Öffentlichkeit. Für die Briten Anlass, in den Krieg zu ziehen: Nicht gegen die Drogen, sondern für sie.

Und für eines der ältesten Rauschmittel überhaupt. Schon seit dem Altertum nutzen Menschen den Saft des Schlafmohns, der die Schmerzen stillen kann und zugleich Fantasie und Träume beflügelt. Der die Libido steigert und denjenigen, der ihn zu oft kostet, nie wieder loslässt.

Schlafmohn-Ernte in den 1930er-Jahren in der von Japan besetzten Mandschurei. Von dort geht der Stoff nach China, wo der Anbau verboten ist


Der Saft des Schlafmohns hilft, die Libido zu steigern und Schmerzen zu lindern

Der Schlafmohn, wissenschaftlich Papaver somniferum, ist nur eine von rund 700 Mohnsorten. Während der in Mitteleuropa heimische Klatschmohn leuchtend rot die Felder tupft, betört der ursprünglich aus dem östlichen Mittelmeerraum stammende Schlafmohn mit zart violetten, rosafarbenen oder weißen Blüten. Wann genau Menschen dessen berauschende Wirkung entdeckten, verliert sich in der Frühgeschichte. Eine bronzezeitliche Skulptur aus Kreta zeigt den Kopf einer entrückt wirkenden Frau, die Augen geschlossen und die Hände erhoben, mit einer Krone aus geritzten Mohnkapseln – womöglich die älteste Darstellung eines Opiumrausches. Auch die antiken Griechen und Römer waren damit vertraut: »Ópion« ist das griechische Wort für Saft. In den Mythen der Griechen war es Demeter, die Göttin der Erde, die diesen Mohn aß, um sich von quälenden Sorgen zu befreien.

Mit dem Niedergang des Römischen Reiches geriet medizinisches und pharmakologisches Wissen in Westeuropa in Vergessenheit. Stattdessen lernten die Araber die Pflanze und ihre Wirkungen kennen. Mit dem Wissen wanderten unter islamischer Herrschaft auch die Mohnsamen nach Osten, bis sie zur Zeit der muslimischen Moguln schließlich in Indien ausgesät wurden. Als die Briten dort im Lauf des 18. Jahrhunderts die Kontrolle übernahmen, waren al l e Zutaten für den heraufziehenden Opiumkrieg beisammen, den Großbritannien gegen das riesige China überraschend mühelos gewann. Anschließend wurde in China der Handel mit Opium wieder aufgenommen und nach einem weiteren Waffengang sogar legalisiert.

Mehr und mehr wurden im späten 19. Jahrhundert allerdings auch die Nebenwirkungen des Opiumgebrauchs deutlich, und das nicht nur in China: Sie potenzierten sich durch eine Entdeckung und eine Erfindung. Während in all den Jahrhunderten zuvor die Menschen den Saft der Mohnpflanze genutzt hatten, ein komplexes Gemisch verschiedener Stoffe, gelang es dem Paderborner Apotheker Friedrich Sertürner im Jahr 1804, aus dem Opium den Hauptwirkstoff zu extrahieren: das »Morphium« oder »Morphin«. Sertürners Darmstädter Kollege Emanuel Merck begann 20 Jahre später, reines Morphin in großem Stil herzustellen. Ärzten war es nun erstmals möglich, den Stoff gezielt in gleichbleibender Dosierung und Qualität einzusetzen – was zusätzlich erleichtert wurde durch die Erfindung der Injektionsnadel. Über die Blutbahn konnte Morphin jetzt innerhalb von Sekunden im Gehirn wirken. In den großen Kriegen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, dem Krimkrieg, dem Amerikanischen Bürgerkrieg und dem Deutsch-Französischen Krieg, war es auf einmal möglich, die höllischen Schmerzen verwundeter Soldaten direkt auf dem Schlachtfeld sofort zu stillen.

Doch die Soldaten, oftmals selbst mit Spritze und Morphin ausgerüstet, wurden abhängig – erstmals gab es nun Junkies im heutigen Sinn. Zwar waren Menschen auch zuvor immer wieder dem Opium verfallen. Doch der Kick – und damit verbunden das Suchtpotenzial – wirkt bei allen Drogen umso stärker, je schneller diese das Gehirn in hoher Dosis erreichen. Rauchen und besonders das intravenöse Spritzen sind deshalb besonders gefährlich.

In bedrückenden Worten schildert der Berliner Schriftsteller Hans Fallada in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seine Morphinsucht, berichtet von seinen Lügen und Diebstählen, dem zunehmenden Kontrollverlust über das eigene Leben und dem alles überragenden Wunsch nach dem nächsten Schuss.

Alsbald ging die pharmazeutische Forschung auf die Suche nach einem Ersatzstoff, der wie das Morphin Schmerzen nimmt, dabei aber nicht süchtig macht. Das bekannteste Ergebnis wurde unter einem Markennamen vertrieben, den heute jeder kennt und der das Scheitern all dieser Versuche eindrücklich zeigt: Heroin (siehe Teil 4 der Serie in G/GESCHICHTE 4/2020). Mittlerweile weiß man: Opioide, also dem Morphin ähnliche Stoffe, können immer süchtig machen.

Um das »Schwarze Gold« und seine Anbaugebiete toben noch heute Kriege

Doch wie umgehen mit der um sich greifenden Opioidsucht? Im Jahr 1912 vereinbarten Vertreter zahlreicher Staaten, darunter Großbritanniens und Chinas, auf der internationalen Opiumkonferenz in Den Haag einen restriktiveren Umgang mit Opium, seinen Bestandteilen und anderen Rauschmitteln. Rückblickend lässt sich feststellen: Verhindert hat das den Drogengebrauch nicht. Weltweit nahmen im Jahr 2016 nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO rund 34 Millionen Menschen Opioide ein. In den USA verursachten diese im Jahr 2018 mehr als 45 000 Todesfälle, weit mehr als alle anderen Suchtmittel zusammen, so die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC. Und die Fläche, auf der Schlafmohn angebaut wird, wurde zwischen den Jahren 2006 und 2017 verdoppelt, wie das Büro der Vereinten Nationen für die Drogen- und Verbrechensbekämpfung feststellt. Die lukrative Kontrolle über diese Anbaugebiete befeuert bis heute gewaltsam ausgetragene Konflikte, etwa in Afghanistan. Opiumkriege, soviel scheint sicher, werden auf absehbare Zeit ein Thema nicht nur fürs Geschichtsbuch bleiben.

LESETIPP
Matthias Seefelder: »Opium. Eine Kulturgeschichte«. Nikol 1996, antiquarisch

Opiumkriege: Die Briten kämpfen in der Mitte des 19. Jahrhunderts zweimal gegen China – für die Droge, nicht gegen sie


Java, 1867: Auch auf der indonesischen Insel ist Opium ein beliebtes Rauschmittel. Zunächst nur den Reichen vorbehalten, verbreitet es sich im 19. Jahrhundert zunehmend in der Arbeiterschicht


BILDNACHWEIS: ISTOCKPHOTO.COM/ARXICHTU4KI (3), ISTOCKPHOTO.COM/LEX20, ISTOCKPHOTO.COM/TROUT55

BILDNACHWEIS: BRIDGEMAN/PICTURES FROM HISTORY, WIKIMEDIA/AMSTERDAM PIPE MUSEUM, WIKIMEDIA/ERICH OHSER, WIKIMEDIA/KITLV/JAMES PAGE, WIKIMEDIA/MUSEUM OF MANCHUKUO PALACE, WIKIMEDIA/THE HONEST DRUG BOOK