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Serie »Lehrerbelastung«, Folge 6: Schonst du dich schon oder gesundest du noch?


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 03.06.2019

Wie die Gefährdungsanalyse zu einer eigenen Telefonkabine führen kann


Wie belastet sind wir? Um diese Frage anhand von Daten und Fakten zu beantworten, steht das Instrument der Gefährdungsanalyse zur Verfügung. Dieser standardisierte Fragebogen erfasst viele wichtige Anforderungsbereiche und liefert spannende Ergebnisse. Wie lässt er sich in der Schule einsetzen? Worauf muss man achten, wenn die Daten dann vorliegen? Und welche Fehler sollte man vermeiden?

Ich bin der Typ G, mit Hang zu A. Was nach einer Teppichmuster-Kollektion klingt, soll etwas über mich und mein Arbeitsverhalten aussagen. Diese ...

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... Zuordnung wurde mir von einem psychologischen Institut bescheinigt, das 2017 im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung erfassen sollte, wie gesund meine Schule bzw. wie Burnout-gefährdet das Kollegium ist. Das Hamburger Landesinstitut hat uns dabei unterstützt, die Befragungen durchzuführen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen. An meiner Schule nahmen wir diese Analyse bereits zum zweiten Mal in Anspruch. Zuerst im Jahr 2011 und dann wieder 2017 begaben wir uns in den Prozess, um sichtbar und konkret zu machen, was bisher vielleicht nur ein undefiniertes Gefühl von immenser Arbeitsbelastung war. Man soll die Spannung nicht vorwegnehmen, aber ich mache es trotzdem: Das erste Mal setzten wir einen guten Prozess in Gang, die Arbeit mit der zweiten Analyse war weniger ergiebig.


Die Baustellen wurden immer zahlreicher und die Zeit zur Bewältigung wurde immer knapper.


Warum wollten wir die Analyse?

Im Jahr 2011 ging es uns so wie sicherlich vielen Schulen: Die Baustellen wurden immer zahlreicher und die Zeit zur Bewältigung wurde immer knapper. Inklusion und Ganztag wollten eingeführt und umgesetzt werden, die Kompetenzorientierung winkte deutlich am Horizont. Zu unser aller Leidwesen gab es dafür aber nicht mehr Zeiten oder Ressourcen, sondern die hübsche Floskel der »Auskömmlichkeit «. Wir waren schon kurz nach Beginn des Schuljahres total erledigt, da erschien die Möglichkeit, die Erschöpfung durch eine Gefährdungsanalyse sichtbar zu machen und eventuelle Lösungen aufzuzeigen, wie ein Licht am Horizont. Der Personalrat und ich in meiner Funktion als Fortbildungsbeauftragte stellten bei der Schulleitung einen Antrag auf die oben genannte »Gefährdungsbeurteilung «.

Wie ging es los?

Das Referat Gesundheit nahm schnell Kontakt mit uns auf und vereinbarte Termine. Zu Beginn fand eine außerordentliche Gesamtkonferenz statt, auf der uns der Sinn und Zweck sowie das Prozedere der Befragung erklärt wurden. Im Anschluss daran sollten die KollegInnen in einem Zeitraum von etwa vier Wochen mithilfe von anonymisierten Codes am Computer viele Fragen beantworten. Die Umfrage richtete sich allerdings nur an die Lehrkräfte, das übrige pädagogische Personal wurde nicht mit einbezogen, was in einer Schule mit heterogenen Professionen natürlich nicht gut ankam. Für ein aussagekräftiges Ergebnis bedurfte es einer bestimmten Anzahl an ausgefüllten Fragebögen. Diese Vorgabe erwies sich nicht als Selbstläufer. Schließlich wurde knapp die Mindestanzahl an Befragungen ausgefüllt, sodass das Ergebnis natürlich fragwürdig war, trotzdem aber eine deutliche Richtung aufwies.

Was wurde analysiert?

Die Fragen befassten sich damit, wie lange man schon im Dienst war, wie viele Klassen man unterrichtete, ob man mehr gestresst war durch Telefonate mit Eltern oder durch die nicht vorhandenen Arbeitsplätze. Es ging darum, wie viel Zeit man für die Vorbereitung des Unterrichts benötigte und ob man das Gefühl habe, nie fertig zu werden. Wer sich durch die nahezu 130 Fragen der Bereiche »Berufliche Situation«, »Arbeitsaufgaben und -organisation«, »Schulkultur «, »Arbeitsumgebung« und »Verbesserungspotentiale« gewühlt hatte, durfte am Ende etwas zum eigenen Gesundheitsempfinden und zur Zufriedenheit ankreuzen. Einig waren wir uns darin, dass sich Fragen wiederholten und gefühlt den Kern der Probleme nicht abbildeten. Aber es ist natürlich fraglich, ob so etwas bei standardisierten Umfragen an Schulen machbar ist.

Welche Ergebnisse gab es?

Nach einigen Wochen gab es eine erneute Konferenz, in der die Ergebnisse präsentiert wurden. Zwei Mitarbeiter des Landesinstituts erklärten uns, was die Analyse ergeben hatte, und vereinbarten im Anschluss daran Termine mit der Steuergruppe, um geeignete Maßnahmen zu entwickeln. Wir filterten gemeinsam die Schwerpunktthemen heraus, z. B. Arbeitsplatzgestaltung, Arbeitsökonomie, Stressbewältigung und Zeitmanagement, Verbesserung der Kommunikationskultur zwischen Schulleitung und Kollegium, den Umgang mit Konflikten zwischen Schülern und Lehrern, etc.

Und nun?

Nachdem wir in der Steuergruppe ein Konzept entwickelt hatten, organisierten wir einen pädagogischen Jahrestag. Mit Unterstützung des Landesinstituts bildeten wir Untergruppen zu den einzelnen Themen und erarbeiteten mögliche Lösungen. Das Kollegium machte motiviert mit, denn wir hatten das Gefühl, etwas verändern zu können und einige wichtige Stellschrauben gefunden zu haben. Tatsächlich schoben wir Etliches an, erstellten in vielen Arbeitsgruppensitzungen ein Schulorganigramm, verfassten Arbeitsplatzbeschreibungen, richteten besser organisierte Kopierräume mit Materialvorräten ein usw. Letzteres klingt banal, erleichtert aber die tägliche Arbeit erheblich. Eine wichtige Veränderung, die aus der Analyse der Gefährdungsbeurteilung resultierte, war die Einrichtung einer Gruppe, die sich mit der Kommunikation zwischen Schulleitung und Kollegium beschäftigte. In der Gruppe sprachen wir kritische Punkte offen an, provozierten manch lautstarke Auseinandersetzung und versuchten, mehr Transparenz zu schaffen. Die Sitzungen waren anstrengend für alle Beteiligten. Sehr viel mehr Freude machten die Umgestaltung der Lehrerzimmer und die Einrichtung von Arbeitsplätzen. Innerhalb von sechs Jahren wandelten wir vier Räume so um, dass wir dort nun sowohl konzentriert arbeiten als auch entspannt plaudern können. Damit die Telefongespräche mit Eltern, Jugendamt, etc. nicht von allen mitgehört werden müssen, wurden für uns eigene Telefonkabinen mit Schallschutz entwickelt.

Die Schulleitung nahm für diese Maßnahmen viel Geld in die Hand, und Kollegen packten mit an, als es darum ging, die zum Teil sehr vollgestellten Lehrerzimmer und andere Räume auszumisten, Böden rauszureißen und in den Ferien Möbel aufzubauen und Stühle zusammenzuschrauben.


Es gibt jetzt eine klare Konferenzstruktur und Absprachen über Verfahren.


Was blieb?

Die Lehrerzimmer und Arbeitsräume werden noch immer gut genutzt und bieten allen im Kollegium Platz zum Ausruhen und Arbeiten. Natürlich müllen sie immer mal wieder zu, aber es finden sich häufig ein paar tapfere KollegInnen, die mutig zupacken und den Müll entsorgen – sehr zum Leidwesen der Sammler und Messies.

Das Organigramm hat Fragen geklärt und bietet in der jeweils überarbeiteten Fassung noch heute Struktur, vor allem für neue KollegInnen. Es gibt jetzt eine klare Konferenzstruktur und Absprachen über Verfahren.

Die Schulleitung wurde inzwischen bis auf wenige Mitglieder ausgetauscht. Ob dies auch ein Ergebnis der Arbeitsgruppe war, sei mal dahingestellt, aber sicher waren die Gespräche ein Anstoß in die richtige Richtung und die Probleme, die damals so gravierend waren, existieren heute nicht mehr. Heute gibt es ein gemeinsames Verständnis von Schulleitung und Kollegium als Team.

Warum nun eine zweite Gefährdungsanalyse?

Die Maßnahmen, die wir ergriffen, erleichterten zu einem gewissen Prozentsatz den Arbeitsalltag. Enttäuschend war aber, dass die Belastung trotzdem nicht gesunken ist. Die Zahl der eingangs erwähnten Baustellen hat auch nicht abgenommen, eher im Gegenteil. Seit 2013 müssen laut Arbeitsschutzgesetz auch psychische Belastungen am Arbeitsplatz ermittelt werden. Zum einen wollten wir mit einer zweiten Gefährdungsanalyse überprüfen, was sich verändert bzw.ob sich an der schulischen Situation etwas geändert hat. Zum anderen gab es große Veränderungen im Kollegium, unter anderem durch den Generationswechsel, zusätzliche Klassen und die Inklusion. Der Personalrat beantragte zusammen mit der Schulleitung vor zwei Jahren eine erneute Analyse. Durch unsere guten Erfahrungen vom letzten Mal gestärkt, machten wir uns wieder auf den Weg.

Was war anders?

Das Landesinstitut bot uns eine neue Variante der Befragung an. Diesmal wurde das gesamte pädagogische Personal einbezogen. Außerdem sollten mit der Abfrage auch psycho-soziale Belastungen ermittelt werden können. Die Fragen und Ergebnisse würden so individualisiert sein, dass jeder Kollege eine persönliche Analyse seiner Gefährdungssituation erhielte. Allerdings führte dieses Angebot zu erheblichen Mehrkosten, die die Schulleitung jedoch bereitwillig zahlte, da die Umfrage einen großen Nutzen versprach.

Das Prozedere war zunächst dasselbe. Es gab eine Arbeitsgruppe mit Vertretern des pädagogisch therapeutischen Fachpersonals, der Lehrkräfte, des Personalrates und der Schulleitung, die alles vorbereitete. Auf einer Konferenz wurden der Ablauf und das neue Instrument vorgestellt. Es wurde angekündigt, dass man erfährt, zu welchem Bewältigungstyp man gehört: Bist du (noch) gesund oder schonst du dich (schon)? Gehöre ich zum Risikomuster A oder B? Erstere haben eine hohe Anstrengung mit keiner Entsprechung im Lebensgefühl, während die »Bs« kurz vorm Burnout stehen oder mittendrin.


Die Männer im Kollegium können sich weniger distanzieren, erleben aber eine höhere Lebenszufriedenheit.


Der IEGL-Test (Inventar zur Erfassung von Gesundheitsressourcen im Lehrerberuf) und der AVEM-Fragebogen (Arbeitsbezogenes Verhaltens- und Erlebensmuster) sind von Schaarschmidt und Fischer entwickelt worden, um stressbezogenes Arbeitsverhalten zu ermitteln. Die Darstellung von Arbeitseinstellungen und -zufriedenheit hat das Ziel, geeignete Präventionsmaßnahmen zu ergreifen. Gemessen wurden Engagement, Widerstandskraft und Emotion. Mehr Informationen sind unter www.ichundmeineschule.eu zu finden.

Die KollegInnen erhielten einen Code für die Computereingabe, und die Befragung startete. Die Teilnehmerquote war viel höher als in der ersten Runde. Zu verdanken war dies unter anderem etlichen großartigen Motivationsmails unseres Schulleiters, die wie Durchhalteparolen in einem Wettbewerb klangen: »Wir sind schon bei 46 Prozent, schaffen wir diese Woche etwa 65 Prozent?« Klappte wunderbar! Wir erreichten eine Beteiligung von über 80 Prozent, was uns hoffen ließ, dass die Ergebnisse noch aussagekräftiger sein würden.

Aber es dauerte mit der Auswertung, und die Terminierung der Auswertungskonferenz gestaltete sich holprig, da sich die Experten nicht einig werden konnten wegen des Termins und der Durchführung. Ziemlich spät wurden uns die Ergebnisse dann doch präsentiert, und aus einer Vielzahl an Daten entstand ein Bild meiner Schule. Unsere Werte wurden verglichen mit einer Lehrerstudie in Potsdam sowie mit anderen Berufsgruppen wie z. B. Polizisten und Existenzgründern, damit wir sie besser einordnen konnten. Ich fühlte mich zurückversetzt in wissenschaftliche Studienzeiten, konnte so viele Zahlen, Diagramme und Tabellen auf einmal nicht wirklich erfassen. Die differenzierte Auswertung erhielten wir als 74-seitiges Heft. Sich damit auseinanderzusetzen kann man spannender finden als jeden Krimi oder aber auch unübersichtlich wie ein Sudoku mit drei Zahlen. Interessant ist sicherlich, dass die Ergebnisse nach Alter und Geschlecht aufgeschlüsselt sind. Zum Beispiel scheinen die Kolleginnen im Vergleich zu den männlichen Befragten sowohl der Arbeit weniger Bedeutung zuzuschreiben als auch gleichzeitig beruflich ehrgeiziger zu sein. Die Analyse sagt auch aus, dass sie dabei weniger Perfektionsstreben an den Tag legen. Wie das vereinbar ist? Keine Ahnung. Die Männer im Kollegium hingegen scheinen sich weniger distanzieren zu können, erleben aber eine höhere Lebenszufriedenheit und gehen Probleme offensiver an. Aber was bedeutet das?

Schlussfolgerungen?

Bewaffnet mit all diesen Werten und Daten machte sich die Arbeitsgruppe der Schule daran, aus der Unmenge die relevanten und veränderbaren Aspekte herauszufiltern. Wie auch in der letzten Runde bildeten wir Ar Arbeitsschwerpunkte und Untergruppen auf dem pädagogischen Jahrestag. Die Themen hatten sich in den acht Jahren ein wenig verlagert: Die Lärmbelästigung tauchte auf, ebenso wie das Bedürfnis nach einer veränderten, positiveren Schulkultur. Vielfach ging es um den Unterricht, die zeitliche Belastung durch die Anhäufung von Aufgaben und das Verhalten von Schülern sowie den Umgang damit. Oder es wurde deutlich, dass die Toiletten eine Zumutung sind.

Das Verfahren war dasselbe wie bei der letzten Analyse, allerdings fehlte uns nun die Unterstützung des Landesinstituts. Es war schwierig, Termine zu vereinbaren, einige wurden kurzfristig abgesagt. Der Prozess geriet ins Stocken. Geplante Veränderungen wurden nur zum Teil eingeleitet und umgesetzt. Was klappte: Zum Beispiel finden jetzt auf den Pädagogischen Jahrestagen immer auch Seminare zur Gesundheitsförderung statt. Es gibt nun WLAN in den Schulgebäuden, separate Aufenthaltsräume für Jugendliche, Lärmschutzmaßnahmen im Schulrestaurant, eine feste zeitliche Zuordnung von Teamzeiten im Stundenplan, vermehrt inklusives Material für den Unterricht und einiges mehr. Doch vieles davon war schon vor der Analyse auf den Weg gebracht worden und kann deshalb nicht als Ergebnis der Untersuchung angesehen werden.

Das Problem: Ein Großteil der eigentlich erforderlichen Weiterarbeit mit den Ergebnissen der Studie versandete im Getriebe der vielen alltäglichen Anforderungen. Durch die fehlende Unterstützung von außen und damit auch ohne einen gewissen Druck blieben die vielen Daten das, was sie sind: Messwerte.

Bin ich jetzt G oder S?

Ich bekam Zugang zu der Auswertung meiner Daten. Dem Diagramm kann ich entnehmen, dass sich mein Arbeitsengagement, die Widerstandskraft und die Emotionen im Normbereich befinden, ein paar wenige Aspekte befinden sich auch außerhalb der normalen Werte. Hurra, ich bin normal! Die Auswertungstex te dazu sind allgemein und für alle gleich. Dort steht, dass die Ergebnisse eine Grundlage für mich sein sollen, gemeinsam mit dem Kollegium Stärken und Schwächen zu reflektieren, um Arbeitsverhältnisse zu verbessern.

Das klingt klug, ist aber wenig konkret. Ich habe auch wenig Anlass, mich beim Kaffee im Lehrerzimmer zu den Kollegen zu setzen und mich darüber auszutauschen, dass meine Resignationstendenz eher niedrig, meine Verausgabung aber hoch ist. Bei mir mag das nicht so schlimm sein, da die Werte angeben, dass ich dem Muster »gesund« zugehörig bin. Aber was ist mit den KollegInnen, die sich abholen durften, dass sie kurz vor dem Burnout stehen oder massiv gefährdet sind? Ist es nicht sogar fahrlässig, jemandem diese Ergebnisse zukommen zu lassen, ohne zugleich Hilfe und Unterstützung anzubieten? Im 74-seitigen Bericht gibt es eine Seite mit allgemeinen Vorschlägen für Interventionen für bestimmte Risikogruppen. Dort lese ich, dass ich bei einer Selbstüberforderung »Nein sagen« lernen muss. Oder dass ich bei einer eingeschränkten kommunikativen Kompetenz ein Kommunikationstraining absolvieren kann. Besonders schön finde ich den Hinweis, bei Hoffnungslosigkeit ein Coaching anzunehmen.

Fazit

Schulen haben laut Arbeitsschutzgesetz ein Anrecht auf die regelmäßige Durchführung einer Gefährdungsbeurteilung, was ich richtig und lohnenswert finde. Die Gefährdungsbeurteilung kann ein gutes Werkzeug sein, um Missstände sichtbar zu machen. Sie zwingt die Beteiligten im besten Sinne dazu, sich Zeit für eine Art Reflexion zu nehmen. Beim Ausfüllen der Fragen muss ich mir vergegenwärtigen, wie ich Situationen in meinem Schulalltag bewerte und was sie mit mir machen. Die persönliche Auswertung kann mir helfen, meine Stärken und Schwächen zu sehen. Für die Schulleitung und das Kollegium ist es interessant zu sehen, wie das Kollegium zusammengesetzt ist, welche Anliegen die Gemüter bewegen. Es besteht die Möglichkeit, Risikomuster frühzeitig zu erkennen und vorzubeugen.

Aber auch hier gilt: Vom Wiegen allein wird die Sau nicht fett. Es kommt so sehr darauf an, wie die anschließende Arbeit geplant und durchgeführt wird. Und es bedarf unbedingt der Unterstützung von außen, damit gerade bei innerschulischen Konflikten eine Moderation gelingt und der Prozess zielführend gesteuert wird. Das klappte bei der ersten Befragung sehr gut, weil wir langfristig vom Landesinstitut begleitet wurden. Bei der zweiten Befragung klappte es nicht. Eine weitere Untersuchung werden wir nur dann starten, wenn im Vorfeld klar ist, wie die Anschlussberatung gestaltet wird.

Ob sich die Kosten für die umfassendere zweite Analyse gelohnt haben? Das vermag ich nicht einzuschätzen. Mir persönlich haben die vier Blätter mit allgemeinen Aussagen nicht viel gebracht, und bei KollegInnen mit eindeutigen Risikomustern ist die fehlende Unterstützung ein großes Manko. Wenn man sich in diesen Prozess begibt, muss man genügend Zeit einplanen. Die schulische Arbeitsgruppe, die in etlichen Teamsitzungen die Gefährdungsbeurteilung organisiert und strukturiert, hat viel zu tun.

Die Erfahrung zeigt auch: Was uns am meisten helfen und entlasten würde, können wir letztlich doch nicht herbeiführen. Das ist vor allem eine Überarbeitung des Hamburger Arbeitszeitmodells mit einer Anpassung an die veränderten und zusätzlichen Aufgaben. Mit der Gefährdungsbeurteilung konnten wir nur einen kleinen Teil dessen abbilden, was uns zu Stoßzeiten so unheimlich müde macht, aber trotzdem haben wir an unserer Schule viel verändert. Das macht das Arbeiten einen Tick leichter. Was es aber hauptsächlich trägt, ist mein tolles Kollegium, in dem ein gutes Miteinander einen hohen Stellenwert hat und das mich jeden Tag gerne in die Schule kommen lässt.

Kerstin Tietjen ist Lehrerin an der Grund- und Stadtteilschule Eppendorf Hamburg.
kerstin.tietjen@gse.hamburg.de