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Serie »Reformpädagogische Impulse«, Folge 2: »Gnadenlose Transparenz« Ein Gymnasium wird zur Daltonschule


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 01.10.2019

Die »Pädagogik nach dem Daltonplan« ist in Deutschland noch jung und überschaubar: Bislang haben sich 26 Schulen aller Schulformen zur Daltonschule entwickelt, Tendenz steigend. Das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Neunkirchen ist seit 2017 als Daltonschule zertifiziert. Welche Ziele verbinden sich mit diesem reformpädagogischen Konzept?


Vormittags ergibt sich auf den Fluren unserer Schule, dem Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium, das einzige Gymnasium der Kleinstadt Neunkirchen im ländlich geprägten Siegerland (NRW), ein Bild, das für eine herkömmliche Regelschule zunächst ungewöhnlich anmutet: Die Türen der ...

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Bildquelle: Pädagogik, Ausgabe 10/2019

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... Klassenräume stehen offen, und dahinter befinden sich zwar viele arbeitende Schülerinnen und Schüler unterschiedlichen Alters, aber – so scheint es auf den ersten Blick – keine Lehrperson. Auf den zweiten Blick erkennt man dann die Lehrerin an einem Tisch mit einigen Schülern. Hier findet intensiver Unterricht statt, und was dahintersteckt, ist unsere Adaption der Daltonpädagogik.

Abb. 1 Offene Türen in der Daltonzeit (Foto: Malina Thiele)


Der Einführung der Daltonpädagogik an unserer Schule gingen zwei grundlegende Fragestellungen voraus: Wie können wir einerseits Lernprozesse so gestalten, dass sie nachhaltig zu einer Kompetenzentwicklung der Schülerinnen und Schüler führen? Und wie können andererseits die Lernenden zum Subjekt ihres eigenen Lernprozesses werden, indem sie selbstständig und motiviert Verantwortung für ihren Lernzuwachs übernehmen?

Wir verfolgen mit der Einführung der Daltonpädagogik folgende Zielsetzungen (vgl. https://gymnasium-neunkirchen.de/dalton.html):

• Förderung der Selbsttätigkeit und Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler,
• eine höhere Transparenz für Schülerinnen und Schüler sowie ihrer Eltern hinsichtlich der Lerninhalte und der zu erreichenden Kompetenzen,
• Steigerung des Interesses der Schülerinnen und Schüler an ihrem eigenen Lernprozess,
• Förderung von gemeinschaftlichem, kooperativem Lernen,
• gezielte individuelle Förderung und Forderung – auch in einem inklusiven Setting,
• Schaffung einer für alle Beteiligten entspannten Lern-und Lehrumgebung,
• Erziehung im Sinne der zentralen demokratischen Werte von Freiheit, Mündigkeit und Verantwortung – orientiert am Vorbild Dietrich Bonhoeffers, dem Namensgeber unserer Schule.


In den Daltonstunden können die Schüler die Sozialform, das Fach, die Lehrperson und den Raum frei wählen.


Um diese Ziele zu erreichen, setzen wir das Daltonkonzept folgendermaßen um:

Daltonstunden und Daltonplan

Neben herkömmlichem Fachunterricht finden an jedem Schultag für alle Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 5 bis 10 zwei sogenannte Daltonstunden statt. Ein sukzessiver Aufbau bis zur Qualifikationsphase II (Stufe 12) ist geplant. In diesen jeweils 45-minütigen Unterrichtsstunden können die Schülerinnen und Schüler die Sozialform, das Fach, die Lehrperson und den Raum, in dem sie arbeiten möchten, frei wählen. Diese Freiheit wird durch einen vier-bis fünfwöchigen »Daltonplan « für jedes Fach reglementiert.

Unseren Fünftklässlerinnen und -klässlern räumen wir in ihren ersten Wochen an unserer Schule eine gewisse Einfindungszeit ein, das heißt: Sie erhalten zunächst einen gebundenen Plan, in dem festgelegt wird, zu welchem Lehrer sie in den Daltonstunden gehen und welches Fach sie dort erledigen sollen. Diese Gebundenheit wird dann Woche um Woche immer mehr gelockert, sodass sie nach ca. acht Wochen voll in das normale Daltonsystem der höheren Stufen integriert sind.

Als Lehrperson habe ich im Sinne einer gezielten Förderung die Freiheit, einen gebundenen Daltonplan auch für die Lernenden der höheren Stufen zu erstellen. Mithilfe dieser Daltonpläne sind sowohl der Inhalt des regulären Unterrichts als auch die Aufgaben, die in den Daltonstunden bearbeitet werden müssen, ersichtlich. Die aktive Lernzeit in der einzelnen Daltonstunde wird mit 30 Minuten berechnet, die restlichen 15 Minuten sind für organisatorische Angelegenheiten und als zeitlicher Puffer angelegt. Raumpläne, die zu Beginn des Quartals bekannt gegeben werden und im gesamten Schulgebäude gut sichtlich verteilt sind, verraten den Lernenden, welcher Lehrer an welchem Tag in seinem Raum »Dalton hat« beziehungsweise »Daltonlehrer ist«, also das Arbeiten der Schülerinnen und Schüler während der Daltonstunden beaufsichtigt und bei Bedarf unterstützt.

Abb. 2 Einsicht in einen Daltonplaner


Der Umfang der »Daltonaufgaben « orientiert sich an der festgelegten Stundenverteilung und -aufteilung in Daltonunterricht und Regelunterricht für das jeweilige Fach. Das Lehrerraumprinzip an unserer Schule erleichtert es den Schülerinnen und Schülern, den Überblick zu behalten, und ich als Lehrperson kann »meinen« Raum durch entsprechende Lernmaterialien so gestalten, dass es sich hier besonders gut arbeiten lässt.

Neben den sogenannten Lehrerräumen gibt es weitere Räume, die von Lehrpersonen betreut und von den Schülerinnen und Schülern in den Daltonstunden genutzt werden können: die PC-Räume, die Fachräume (z. B. für das Fach Kunst), der Raum der Stille und unser Selbstlernzentrum, das wie eine Bibliothek aufgebaut ist und mit PCs und Tablets im Laufe der Jahre erweitert wurde.

Daltonaufgaben und Daltonplaner

Für das Konzept ist besonders wichtig, dass die Daltonaufgaben nicht nur der Nachbereitung des regulären Unterrichts, sondern insbesondere auch der Vorbereitung und der selbstständigen Erarbeitung neuer Lerninhalte dienen. Im Idealfall bilden die Daltonaufgaben und der reguläre Unterricht ein gut verzahntes System, das heißt, dass die Daltonaufgaben nicht nur nebenher stattfinden, sondern in den regulären Unterricht eingebettet sind.

Die Aufgaben können den Zeitraum von einer Woche umfassen oder auch als Projektarbeit über mehrere Wochen chen angelegt sein. Neben den sogenannten Pflichtaufgaben gibt es zusätzliche Expertenaufgaben für Schülerinnen und Schüler, die besonders schnell arbeiten oder für ein Fach ein besonderes Interesse zeigen. Insgesamt sollten die Pflichtaufgaben so angelegt sein, dass sie in der Woche gut zu bewältigen sind. Das heißt, ein Nacharbeiten der Aufgaben am Wochenende ist nicht vorgesehen, denn: Daltonaufgaben sind keine Hausaufgaben.

Eine Sonderregelung gilt für das Fach Sport, welches aus organisatorischen Gründen gebunden unterrichtet wird: Auch für dieses Fach bekommen die Schülerinnen und Schüler Daltonaufgaben. Diese werden aber zu einer vorgeschriebenen Zeit im Klassenverband in unserer Sporthalle oder auf unserem Sportplatz erledigt.


In den wöchentlichen Tutorstunden finden mit einzelnen Schülern individuelle Beratungsgespräche statt.


Neben den Daltonplänen, die während des Schuljahres regelmäßig herausgegeben werden, erhält jeder Lernende zu Beginn des Schulhalbjahres einen sogenannten »Daltonplaner «. Dieser ist ähnlich wie ein Hausaufgabenplaner aufgebaut und dient nicht nur als Dokumentationsmittel, sondern auch als Medium zur Kommunikation zwischen dem Schüler, seinen Eltern und den Lehrern. Die Schülerinnen und Schüler tragen hier unter anderem die Fächer ein, deren Aufgaben sie in der jeweiligen Daltonstunde bearbeiten möchten, sowie die Aufgaben, die sie in der Stunde bereits erledigt haben. Der betreuende Daltonlehrer stempelt die Anwesenheit ab und kennzeichnet gegebenenfalls besonders gutes Arbeitsverhalten. Somit erhalten die Schüler selbst, die anderen Lehrerinnen und Lehrer sowie die Eltern wöchentlich ein Feedback zum Lernfortschritt und Lernverhalten.

Tutoren, Tutorstunden, Förderkurse und mehr

Neben den bisher beschriebenen freien Daltonstunden weist der Stundenplan für jede Klasse eine gebundene Daltonstunde pro Woche als »Tutorstunde« aus, die verbindlich im Klassenverbund bei der Klassenlehrerin oder dem Klassenlehrer stattfindet. Hier gibt es zum einen Zeit für die typischen »Klassengeschäfte «. Zum anderen finden in dieser Zeit mit einzelnen Schülerinnen oder Schülern individuelle Beratungsgespräche statt, während die anderen die Möglichkeit haben, an ihren Daltonaufgaben weiterzuarbeiten. Der Daltonplaner bildet die Grundlage für solche Gespräche, gibt eventuell Aufschluss über besonders gute Leistungen im Bereich des Arbeits-und Sozialverhaltens der Lernenden oder zeigt die Notwendigkeit zur gezielten Förderung auf.

Zusätzlich gibt es im Rahmen der Daltonstunden einmal im Quartal sogenannte »Förderkurse« und »Workshops «. Förderkurse sind Kurse zu speziellen Themen eines Faches, die von den entsprechenden Fachlehrerinnen und Fachlehrern angeboten werden. Davon zu unterscheiden sind Workshops, die einen fachübergreifenden, zumeist methodischen Schwerpunkt haben (z. B. Wie erstelle ich eine Powerpoint-Präsentation?) und nicht selten auch von Schülern selbst angeboten werden. Beides – Förderkurs und Workshop – umfasst meistens einen zeitlichen Rahmen von einer bis drei Daltonstunden und findet bewusst auf freiwilliger Basis statt. So soll gewährleistet werden, dass die Schülerinnen und Schüler Verantwortung für ihren Lernprozess und ihren Lernerfolg übernehmen, indem sie zum Beispiel die Notwendigkeit erkennen, bestimmte Lerninhalte in einem Förderkurs noch einmal zu wiederholen. Unsere Erfahrung zeigt, dass sich die Lernenden nicht nur dann für entsprechende Kurse anmelden, wenn sie Probleme in den Fächern, auf denen sie basieren, haben, sondern auch gern in Themen hineinschnuppern, die laut Lehrplan nicht oder noch nicht vorgesehen sind.

Der Prozess unserer Veränderungen

Lehrerrolle

Mit der Daltonpädagogik verändert sich die Lehrerrolle. So erlebe ich mich in den Daltonstunden mehr als Lernberaterin und -begleiterin denn als klassisch Lehrende. In den Daltonstunden sehe ich meine Aufgabe darin, die Schülerinnen und Schüler bei der Bearbeitung ihrer Daltonaufgaben behutsam zu unterstützen. Das mache ich zum einen, indem ich in meinem Raum für ein lernförderliches Klima sorge. Zum anderen gebe ich einzelnen Schülerinnen und Schülern oder ganzen Arbeitsgruppen Hilfestellungen, sofern sie mich darum bitten und ich sie leisten kann – übrigens nicht selten auch in Fächern, die ich nicht selbst unterrichte.

Durch diese Art der Lehrertätigkeit bin ich viel näher an den einzelnen Lernenden dran und kann individueller, gezielter und insofern auch effizienter fördern. Es ist zu beobachten, dass sich mit der Zeit auch meine Rolle als Lehrperson im regulären Unterricht verändert. So bin ich auch hier immer mehr darum bemüht, Lernbegleiter und Unterstützer zu sein und die Aktivität meiner Lerngruppe besonders hoch zu halten


Unser Anspruch der Transparenz führt dazu, dass wir Lehrer uns intensiv über Unterricht austauschen.


Daneben ist es interessant und aufschlussreich zu sehen, welche Aufgaben die (Fach-)Kolleginnen und Kollegen stellen: Unser Anspruch der Transparenz ist auch auf dieser Ebene erfüllt, und das führt letztlich dazu, dass wir Lehrerinnen und Lehrer uns intensiv über Unterricht austauschen. Die evidente Zunahme von kollegialer Teamarbeit bildet so einen positiven Nebeneffekt.

Zudem lerne ich viel mehr Schülerinnen und Schüler besser kennen, denn in meinem Daltonraum besuchen mich auch Lerngruppen, die ich sonst nicht unterrichte. Auf der anderen Seite ist es möglich, dass ich die einzelne Klasse aus meinem Fachunterricht weniger sehe, da die Daltonstunden von den regulären Unterrichtsstunden abgezogen werden und die Schülerinnen und Schüler in der Regel nicht verpflichtet sind, mich in Dalton aufzusuchen. Diese veränderte Lehrerrolle sowie die zum Teil gnadenlose Transparenz durch die Daltonpläne und durch die offenen Türen während des Unterrichts sind Aspekte, an denen wir Lehrerinnen und Lehrer im Laufe der Umstellung intensiv arbeiten und um die wir zum Teil hart ringen mussten – jeder Einzelne mit sich, aber auch in der Auseinandersetzung miteinander, denn selbstverständlich sind sie im Kollegium nicht nur auf positive Resonanz gestoßen.

Organisation

Grundsätzlich bedarf die Einführung des Daltonkonzepts einer intensiven Vorbereitung. So haben wir unmittelbar vor dem Beschluss, es zu entwickeln und einzuführen, zertifizierte Daltonschulen besucht und dort Unterricht hospitiert; zudem gab es einen direkten Austausch innerhalb des Netzwerks und auf den Daltonkongressen, die jährlich stattfinden. Einerseits stießen wir schnell auf konkrete Fragen zum alltäglichen Unterrichtshandeln, etwa:

• Wie sollte ein Daltonplan aussehen?
• Wird kontrolliert, ob die Schülerinnen und Schüler die Daltonaufgaben erledigt haben? Falls ja: Wie kann das gelingen, wenn man auch die Qualität, in der das geschehen ist, erfassen möchte?
• Wie halte ich es aus, wenn (selbstverantwortliche) Schülerinnen und Schüler in der Daltonstunde nichts arbeiten?

Andererseits mussten wir den organisatorischen Rahmen klären, etwa:

• Wie sieht die Stundenverteilung aus?
• Welche Fächer geben welche Stundenanteile von ihrem herkömmlichen Unterricht in die Daltonstunden ab?
• Wie viele Räume werden benötigt?
• Wie gelingt die Gestaltung des Stundenplans mit den Daltonbändern für (fast) alle Klassenstufen?

Die Einführung von Daltonstunden bedeutet nicht nur für die Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch für die Lernenden wie für deren Eltern eine Haltungsänderung. Das herkömmliche Bild von Unterricht – der Lehrer lehrt, die Schüler lernen – wird durchbrochen. Schüler lernen plötzlich selbst-und eigenständig, nicht nur vom Lehrer, sondern auch voneinander.


Im Umstellungsprozess haben wir sehr schnell regelmäßige Gesprächsrunden mit allen Beteiligten eingeführt.


Um die beteiligten Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Eltern damit nicht zu überfordern, haben wir seinerzeit das Daltonsystem zunächst nur in den Jahrgangsstufen 5 bis 7 eingeführt. Mit den Schuljahreswechseln sollte das System dann jahrgangsstufenweise auf die höheren Jahrgänge ausgeweitet werden. Dabei zeigten sich anfangs vor allem die Schülerinnen und Schüler der Klassenstufe 7 (und zum Teil ihre Eltern) kritisch, da sich für sie wohl die größten Veränderungen beziehungsweise Umstellungen ergaben. Um das Konzept zu erklären, haben wir regelmäßige Gesprächsrunden mit allen Beteiligten eingeführt.

Durch die begrenzte Anzahl der Stufen war das Kontingent an Lehrkräften und Räumen überschaubarer. So fand Dalton zunächst nur auf zwei Fluren und nur mit einem Teil des Kollegiums statt, so konnten wir behutsam Erfahrungen sammeln, auf deren Basis das Konzept dann mit Erweiterung von Schuljahr zu Schuljahr angepasst und verbessert wurde. Insbesondere die regelmäßige Rückmeldung der Schülerinnen und Schüler zur Praxis der Daltonstunden hat zu einer permanenten Weiterentwicklung der Konzeption geführt. Auch auf diese Weise übernahmen die Lernenden als Daltonexperten Verantwortung für ihr Lernen und nahmen zugleich ein hohes Maß an Selbstwirksamkeit wahr.

Dalton in der Oberstufe

Seit dem Schuljahr 2018/19 ist Dalton in der Stufe 10 (EF) und damit in der Oberstufe angekommen. Dafür gab es einige Besonderheiten zu beachten:

• Es gibt in der Oberstufe keine Klassen(lehrer), sondern Stufen(leiter);
• Unterricht muss nicht vertreten werden;
• die Schülerinnen und Schüler haben individuelle Laufbahnen: In der EF haben sie mehr als zehn Fächer, weswegen zu wenig Zeit für die Bearbeitung der Daltonaufgaben zur Verfügung steht.

Dafür haben wir folgende Lösungsansätze entwickelt:

• Die Fächer Sport und Kunst/Musik werden nicht nach dem Daltonprinzip unterrichtet.
• Freistunden können ebenfalls genutzt werden, um Daltonaufgaben zu erledigen. Dazu können die Schülerinnen und Schüler »flexen «, das heißt: Sie können Freistunden für die Bearbeitung der Daltonaufgaben nutzen. Diese »Flexstunden« finden in unserem Selbstlernzentrum statt. Haben die Schülerinnen und Schüler ihre zehn Pflichtdaltonstunden in der Woche erledigt, können sie beispielsweise freitags nach der vierten Stunde nach Hause gehen.
• Klausuren finden hauptsächlich im Bereich der Daltonstunden statt, sodass der reguläre Unterricht in Form von Kursen kaum betroffen ist.
• Kleingruppen von circa fünf bis zehn Schülerinnen und Schülern werden von sogenannten Tutoren begleitet. Dabei wird jedem Schüler beziehungsweise jeder Schülerin eine Lehrperson zugeteilt, die jede Woche den Daltonplaner kontrolliert und den Oberstufenkoordi-natoren regelmäßig Rückmeldung gibt. Vorteil bei diesem System ist das individuelle Betreuen der Lernenden auch in der Oberstufe.

Inklusion

Seit zwei Jahren haben wir an unserer Schule Lernende mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die zieldiff erent unterrichtet werden. Im ständigen Austausch mit allen Beteiligten (Sonderpädagoginnen, Fachund Klassenlehrerinnen und -lehrer) haben wir uns dazu entschlossen, sie in das Daltonsystem zu übernehmen. Durch den diff erenten Kernlehrplan haben unsere Förderschülerinnen und -schüler jedoch teilweise andere Fächer als die Schülerinnen und Schüler, die zielgleich unterrichtet werden. Das bedeutet, dass wir hier den Stundenplan entsprechend anpassen mussten und nicht alle Fächer in das Daltonsystem übernommen werden konnten. In Einzelfällen sind im Sinne einer individuellen Förderung gebundene Daltonpläne notwendig. Dennoch erhalten auch diese Lernenden im Regelfall in den einzelnen Fächern ihre Daltonpläne und können zwischen Fach, Raum und Lehrer auswählen.

Qualitätssicherung

Grundsätzlich sind wir an der ständigen Verbesserung unseres Konzepts interessiert. So fi nden regelmäßig Gespräche innerhalb des Kollegiums, mit den Eltern und den Schülerinnen und Schülern statt. Für die Schülerschaft stehen hier stellvertretend unsere »Daltonexperten«, die uns regelmäßig Feedback beispielsweise zur Umsetzung des Konzepts und zur Gestaltung des Daltonplaners geben. Die Daltonexperten sind Schülerinnen und Schüler, die sich im Bereich Dalton engagieren und die Umsetzung an unserer Schule evaluieren und verbessern möchten. Die Arbeit als »Daltonexperte« ist auf freiwilliger Basis und richtet sich an interessierte Schülerinnen und Schüler, die sich bei den entsprechenden Lehrkräften melden.

Einige Lehrkräfte nehmen regelmäßig an den Daltonkongressen mit Daltonschulen aus ganz Deutschland teil, um auch hier Feedback und Anregungen von außen zu bekommen. Zudem wird das Daltonkonzept extern durch unsere heimische Universität begleitet und evaluiert. Die Ergebnisse all dieser Gespräche und Evaluationen werden in den Mitwirkungsgremien vorgestellt, analysiert und interpretiert.

Mit Blick auf die Zielsetzungen zeigt sich, dass

• die Schülerinnen und Schüler selbstständiger und eigenverantwortlicher arbeiten, auch im regulären Unterricht;
• die Schülerinnen und Schüler ihre Lernprozesse als selbstbestimmter wahrnehmen, wodurch die intrinsische Motivation steigt;
• für alle Beteiligten eine höhere Transparenz gegeben ist, besonders durch die off enen Türen sowie durch die Daltonpläne und -planer,
• und die Zusammenarbeit der Schülerinnen und Schüler auch über Jahrgangsstufen hinweg und insgesamt ihr Sozialverhalten verbessert wurde.

Damit ist eine Erziehung im Sinne der zentralen demokratischen Werte, orientiert am Vorbild Dietrich Bonhoeff ers geebnet. Insgesamt wird durch das Daltonkonzept auch für alle wahrnehmbar, was im regulären Unterricht bei verschlossenen Türen vielleicht unerkannt bleibt.

Schlussendlich hat sich gezeigt, dass Schulentwicklung im Kern immer Unterrichtsentwicklung ist. Die Öff nung des Unterrichts, die Individualisierung von Lernprozessen und die systematische Förderung der Selbstständigkeit von Schülerinnen und Schülern führte auf der Ebene der Schulentwicklung zu einem hohen Maß an Transparenz und Partizipation, einer ständig steigenden Identifi kation mit der Schule bei allen Beteiligten, einem Klima der Off enheit für innovative Prozesse und nicht zuletzt zu einer deutlich höheren Teamarbeit innerhalb des Kollegiums.

Marie Wilhelm ist Lehrerin am Dietrich-Bonhoeff er-Gymnasium, Neunkirchen. marie-wilhelm@web.de