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SERVUS, EBERHOFER!


Auto Bild - epaper ⋅ Ausgabe 27/2021 vom 08.07.2021

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Bildquelle: Auto Bild, Ausgabe 27/2021

Der Eberhofer

Sebastian Bezzel (50) spielt den Provinzpolizisten Franz Eberhofer

ES GIBT Leberkässemmeln in Niederkaltenkirchen, und die freundliche Dame vom Dorfmetzger Simmerl fragt: „Mogst an siaßn Senf dazu?“

Draußen vorm Laden schleichen gerade sieben Neugierige und vier kleine Hunde um unseren weiß-grünen Audi 80; die wollen später auch noch Leberkässemmeln „mit an siaßn Senf“, aber erst mal wollen sie Auto gucken.

Ortstermin in der niederbayrischen Provinz, wir sind in 84160 Frontenhausen, 4678 Einwohner, seit 1386 Marktrecht, Landkreis Dingolfing-Landau, Kfz-Kennzeichen DGF oder LAN. Dieses Frontenhausen wird immer dann zu Niederkaltenkirchen, wenn sie wie seit 2013 die Eberhofer-Krimis nach den Romanen von Rita Falk drehen, für die es eigentlich nur ein Wort gibt: WELTKLASSE! Bücher und Filme tragen Titel wie „Sauerkrautkoma“, „Dampfnudelblues“, „Grießnockerlaffäre“. Oder ...

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... „Leberkäsjunkie“, wo sich Kommissar Eberhofer an den Spezialitäten vom Simmerl bis zur Bewusstlosigkeit überfuttert. Der Laden gehört in Wirklichkeit Andreas Stadler, und es gibt wirklich Leberkäs und Fleischpflanzerl, „da kniest di nieder“, auch ohne „an siaßn Senf“.

Elf Bücher mit dem etwas verpeilten und immer gemütlichen Provinzpolizisten in der Hauptrolle hat Rita Falk schon aufgeschrieben, sieben davon wurden verfilmt, am 5. August feiert „Kaiserschmarrndrama“ Premiere.

Jetzt stehen wir also an der Vilsbiburgerstraße 22 vorm Dorfmetzger, der Leberkäs ist anständig dick und saftig, das Brötchen knusprig, die sieben Neugierigen mitsamt der vier Hunde kommen auf uns zu: „Ist das der Eberhofer- Audi?“ Ja. „Dürfen wir ein Foto machen?“ Auch ja. Einer huscht schnell zu seinem Auto gegenüber, holt grünes Polizeihemd und schwarze Lederjacke, posiert damit vorm Audi 80.

Servus, Eberhofer! Heute sind wir zu Gast in deiner Heimat, die ist im Film trist und grau, selbst die Geranien am Rathaus müssen sie fürs Kino abhängen.

Der echte Bürgermeister ist frisch am Meniskus operiert und wartet schon auf uns. Für Dr. Franz Gassner (61), früher Tierarzt und heute Rathaus-Chef, sind die Krimi-Verfilmungen in seinem Ort ein derartiger Glücksfall, dass sie den Kreisverkehr am Ortseingang in „Franz-Eberhofer-Kreisel“ umbenannt haben, inklusive mannshohem Aufsteller vom Eberhofer-Franz und seinem Detektiv-Kumpel Rudi. „Das war meine Idee“, sagt er stolz, und dass früher keine Touristen nach Niederkalten…, ähm, Frontenhausen gekommen seien; aber jetzt, da laufe es.

Der Rudi

Eberhofers Partner: Simon Schwarz (50) ist Privatdetektiv Rudi Birkenberger

Der Papa

Joints, Rotwein und die Beatles: Eisi Gulp (65) ist Eberhofers „Daddy Cool“

Die Susi

Lisa Maria Potthoff (42) pflegt als Susi eine Onoff- Beziehung mit Eberhofer

Der Flötzinger

Daniel Christensen (42) ist „Heizungspfuscher“ und Eberhofers Thekenkumpel

Ob es ein Problem für ihn sei, dass der Ort so mittelmäßig, so grau und grob dargestellt werde? „Ach nee, die Leute sehen ja, dass es in Wirklichkeit ganz anders ist.“ Und der Ort ist bekannt, also der im Film. Der Gassner-Franz: „Letztens waren wir im Urlaub auf Kreta, da haben wir einen Deutschen kennengelernt, der schon ewig in Griechenland lebt. Frontenhausen sagte ihm nichts, aber dann habe ich ihm erzählt, dass ich Bürgermeister von Niederkaltenkirchen bin, da wusste er Bescheid.“ Dass er auch für vie-le Niederbayern nur der Bürgermeister von Niederkaltenkirchen sei, Herr Gassner nimmt es mit Humor: „Das ist alles nur Neid!“ Der Rathaus-Chef selbst verspürt nur Stolz: „Wie sich die Feuerwehr und der Bauhof zerreißen, wenn das Filmteam zu uns kommt, das sollten Sie mal erleben!“ Und dann sagt er: „Wir haben bei der Wahl zum Drehort des Jahres den Zweiten gemacht. Von 80 Bewerbern!“

Der heimliche Star in den Eberhofer-Krimis ist am 8. Mai 1985 geboren, ist weiß mit grünen Streifen und hat Kratzer, Dellen und Macken, wie das eben so ist nach all den Jahren. Aber der Audi 80 springt noch immer auf Anhieb an, hat ja auch erst 36 108 originale Kilometer auf dem Tacho, seine 90 PS aus dem 1.8er marschieren flott nach vorn, wiegt mitsamt Fahrer ja auch nur knapp über eine Tonne.

Andreas Heinzel (48) ist Schauspieler, Produzent und Inhaber der „Filmcops“, einer Firma, die Polizeiautos, neue und alte, Uniformen und Ausrüstung verleiht. Er ist mit dem Eberhofer-Audi die 120 Kilometer von München nach Frontenhausen auf Achse gefahren, Mützchen überm Blaulicht, Schriftzüge abgedeckt. Hier im Ort fährt er den Audi 80 natürlich im Polizei-Look, soll mal einer was sagen, der Audi hat Niederkaltenfrontenhausen zu dem gemacht, was es heu-te ist: hellster Stern der Mittelmäßigkeit.

Als der Audi 80 vom Typ B2 1978 vorgestellt wurde, da war der Ingolstädter Autobauer auch nur Mittelmaß und blickte voller Sehnsucht auf den Stern nach Stuttgart und auf Weiß-Blau nach München und musste sich doch eingestehen, dass man Großserientechnik von VW in ein Auto einbaute, das allenfalls Rentner mit Hosenträgern und Hut halbwegs überzeugen konnte. Um es mal klipp und klar zu sagen: Bevor sie bei Audi den quattro- Antrieb erfanden, war die Marke so trist und grau wie das Rathaus mit leeren Blumenkästen, weil Geranien abgehängt.

Das Film-Auto ist das Facelift- Modell, gebaut von 1984 bis 86, breitere Stoßstangen, wuchtigeres Heck, aber immer noch Frontantrieb und nicht Freude von hinten wie bei BMW. Gucken Sie sich doch mal die Sitze an: hellbrauner Velours mit braunem Kunstleder! Schieberegler für Lüftung und Heizung wie damals beim Golf, Behördenausstattung mit Extrakasten für Ta-tü-ta-ta ganz oben, Dachhimmel mit Reißverschluss, um schneller an die Kabel des Blaulichts ranzukommen, an der Beifahrertür Klappe für Maschinenpistole. In dieser Form hat der Eberhofer-Audi schon bei „Derrick“, „Der Alte“ und „Siska“ mitgemischt oder beim „Tatort“, wenn irgendeiner der Kommissare auf die gute alte Zeit zurückblickt, in der Autos noch keine rollenden Computer waren, sondern noch nach echtem Auto riechen und klingen durften.

So drehen wir unsere Runden im Kreisel, volles Karacho, wie da-mals der Eberhofer, leicht angeschickert, als er nach der Kneipe vom Wolfi die glorreiche Idee hatte, einen Blumenkübel vom Marktplatz an die Abschleppöse seines Dienstwagens zu hängen, um den Flötzinger, den Simmerl und den Wolfi über den runden Asphalt schlittern zu lassen. Zu unserem Glück haben wir die Szene nicht nachgestellt, denn just in dem Moment, als wir dem Audi 80, immerhin auch schon 36 Lenze alt und mit H-Kennzeichen ausgestattet, eine Ruhepause zugestehen, da kommt die echte Polizei.

Vom Beifahrersitz eines dunklen 5er-BMW steigt Manfred Jahn (59), dunkelblaue Hose mit hellblauem Streifen, weißes Hemd mit reichlich Gold auf den Schulterklappen.

DER POLIZEIPRÄSIDENT VON NIEDERBAYERN – DER ECHTE!

„Ist das der Eberhofer-Audi?“, fragt er. Er schaue nämlich jeden Film, habe alle Bücher, sei riesiger Fan des Provinzpolizisten. Wir wollen nur eines wissen: Erschießt die bayrische Polizei wirklich Plattenspieler, so wie der Eberhofer, weil Papa zu laut die Beatles gehört hat? „Nein“, sagt Jahn und lacht. „Nur in Niederkaltenkirchen.“