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SEUTHES III. UND LYSIMACHOS


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Antike Welt - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 14.01.2022

Im September des Jahres 2004 wurde im Zuge einer Ausgrabung unter Leitung des Archäologen Georgi Kitow (1943–2008) im zentralbulgarischen Rosental, genauer gesagt in der Nähe der unweit vom Schipkapass gelegenen Ortschaft Kazanlak, ein mächtiger Tumulus mit einem nicht ausgeraubten Kammergrab geöffnet, das Kitow «Goljama Kosmatka» nannte (Abb. 1). Die Tatsache, dass im Dromos Feuerspuren und in den drei Kammern große Mengen an Silbergefäßen, Goldschmuck, Waffen, Münzen u. a. sowie menschliche Zähne und das Skelett eines mitbestatteten Pferdes gefunden wurden, weist das unterirdische Grabhaus als Ort kultischer Handlungen aus. Vor seinem Eingang wurde der sorgfältig vergrabene Kopf einer Bronzestatue gefunden (Abb. 2). Wäre dieser exzellent erhaltene Bronzekopf eines älteren Mannes mit gewaltigem Bart und langen Haaren ohne weiter Angaben im Kunsthandel aufgetaucht, hätte er als qualitätvolles ...

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Bildquelle: Antike Welt, Ausgabe 1/2022

Abb. 1 Der große Tumulus mit dem Kammergrab Seuthes? III. (Goljama Kosmatka) von der Straße aus Richtung des Schipka-Passes.
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... Bildnis eines griechischen Dichters, Denkers oder Politikers gelten können.

Aber auch grundsätzlich muss über die politische und kulturelle Beurteilung der lokalen Herrschaft des hellenisierten Dynasten Seuthes vor dem Hintergrund des von 323–281 v. Chr. über Thrakien herrschenden Diadochen Lysimachos erfolgen. Dem einstigen Leibwächter und General Alexanders des Großen war nach dessen Tod in Babylon 323 v. Chr. vom Reichsregenten Perdikkas die Satrapie Thrakien zugeteilt worden, wo er seit 306/05 v. Chr. als König figurierte. Nachdem er mit seinen jeweiligen Verbündeten seine Rivalen Antigonos Monophthalmos (bei Ipsos 301 v. Chr.) und 287 v. Chr. auch Demetrios Poliorketes geschlagen hatte, weitete er sein Herrschaftsgebiet zunächst nach Kleinasien und dann, ab 285/4 v. Chr. auch nach Makedonien aus. In der Schlacht bei Kurupedion, die das Ende der sechs Diadochenkrieg markierte, fand der fast 80­jährige Lysimachos 281 v. Chr. gegen seinen Gegner und einstigen Kampfgefährten Seleukos Nikator den Tod.

Mit Lysimachos’ Bestattungsort wurde immer wieder auch das Mausoleum von Belevi in Verbindung gebracht, das sich an der Straße von Sardis nach Ephesos weithin sichtbar erhebt. Die Datierung des Baues und seiner Funde in die Jahre 290–270 v. Chr. könnte diese Vermutung zwar stützen, doch berichtet Appian ausdrücklich sowohl von der Überführung, als auch von der Bestattung der Gebeine des Lysimachos in der Hauptund Residenzstadt Lysimacheia auf der thrakischen Chersones, und zwar in einem Heiligtum, das Lysimacheion genannt wurde (App. Syr. 10, 64). Hier «zwischen dem Flecken Kardia und Paktye», so überliefert Pausanias später, sei «noch heutzutage sein prächtiges Grabmal» zu sehen (Paus. 1, 10, 5). Die genaue Lage dieses Grabbaus ist bislang unbekannt. Etwas besser sind unsere Kenntnisse zur Stadt Lysimacheia an sich, deren Lokalisierung vor wenigen Jahren gelang. Im Gegensatz dazu steht es um die archäologischen Kenntnisse über die lokale Residenzstadt Seuthopolis und das Grab von Seuthes III. bedeutend besser. Doch beginnen wir zunächst mit dem Bildnis dieses Lokalherrschers, das zur Zeit der Herrschaft des Lysimachos entstanden ist und deshalb mit dem Bildnis dieses Diadochen verglichen werden soll.

Bronzekopf und Statuenbasis: hinweise auf die Porträtstatue Seuthes’ III. in Seuthopolis

Der leicht überlebensgroße, technisch hervorragend gearbeitete Kopf des thrakischen Herrschers Seuthes III. war Teil einer Bronzestatue von der Hand eines griechischen Künstlers und muss nach dem Ableben Alexanders des Großen (323 v. Chr.) und vor dem Tod des Seuthes III. (vor 295 v. Chr.) entstanden sein. Das Bildnis des alten Mannes wird durch den mächtigen Voll­ und Schnauzbart und die ausdrucksvollen Augen, die aus verschiedenfarbigen Materialien kunstvoll gearbeitet sind, bestimmt (Abb. 4). Die Materialanalyse der Bronze bestärkt die kunstarchäologische Zuordnung an eine griechische Bronzewerkstatt, während die Untersuchungen des Gußkerns auf auf einen Guß der Bronze in Makedonien oder Thrakien hinweisen. Als ein griechisches Meisterwerk der frühhellenistischen Herrscherrepräsentation ragt das Bronzebildnis aus der überlieferten Porträtkunst seiner Zeit heraus und bildet einen neuen chronologischen und vor allem auch kunsthistorischen Fixpunkt für die Zeit, in der Thrakiens unter der Herrschaft des Diadochen Lysimachos stand.

In Anlehnung an die Porträts von Alexander d. Gr. wäre eigentlich ein bartloses Antlitz des hellenisierten Machthabers Seuthes zu erwarten, denn nach dem Vorbild der Alexanderporträts hatte sich in der Zeit – wie überall in der griechischen Welt – die Rasur bei den Herrscherbildnissen durchgesetzt. Demzufolge wäre Seuthes’ mächtiger Bart ein Anachronismus. Auch das Diadem als Zeichen der Königswürde fehlt, was aber dem Fehlen des Titels «Basileus» in den Inschriften und den Münzprägungen des Seuthes III. entspricht.

Abb. 5a.b BronzeprägungSeuthes'III., (ca. 330−295v.Chr.),Vs.:KopfdesZeusmitBlätterkranz, Rs.: ΣΕΥΘΟΥ, darunter galoppierender Reiter nachr., unter dem Pferd ein Kranz (?), Dm 19,5 mm, G 5,20 g, Privatsammlung.

Die Münzen zeigen auf der Vorderseite einen bekränzten Zeuskopf und auf der Rückseite lediglich den Namen des Seuthes über einem Reiter (Abb. 5 a.b). Das Seuthes-Bildnis lehnt sich demnach nicht an die Alexanderporträts an, sondern steht in der griechischen Bildtradition für bärtige Alte mit langem Haar, einer Darstellungskonvention für Dichter und Denker wie auch für Machthaber und Könige. Mit seiner in Seuthopolis wohl öffentlich aufgestellten Porträtstatue reiht sich der thrakische Dynast also in diese Bildtradition ein. Zwar kennen wir nur den Kopf der Statue, doch lässt sich der Körper vage rekonstruieren, denn bei den Ausgrabungen wurde nur diese Statuenbasis gefunden, die heute im Museum von Kazanlak gezeigt und mit dem Seutheskopf in Verbindung gebracht wird (Abb. 6).

Die Marmorbasis trägt zwar keine Inschrift, zeigt aber deutlich sichtbar die Einlassspuren für den Bleiverguss der Bronzestatue. Diese Spuren bezeugen ein enges Standmotiv der somit ruhig stehenden Statue, deren Füße Sandalen oder anderes Schuhwerk trugen und voll aufstanden. Der linke Fuß war leicht vorgesetzt und die Länge beider Fußspuren deuten auf ein leicht überlebensgroßes Format der Figur hin (1,90−2,10 m). Ob Seuthes in Waffen oder einheimischer Tracht dargestellt wurde, oder aber ein Himation, vielleicht auch ein Chiton, getragen hat, muss offenbleiben. Sicher hingegen ist der bereits erwähnte Umstand, dass der Kopf der Statue dem bärtigen Altmännerideal folgt, welches bis in das spätere 4. Jh. v. Chr. in Griechenland verbreitet war. Ob die Übernahme des griechischen Bildkonzepts vom Auftraggeber oder Künstler angeregt wurde oder von Vorbildern aus Makedonien und anderen Teilen Griechenlands übernommen wurde, ist ebenfalls unklar. Zweifellos ging es dem Auftraggeber Seuthes um den griechischen Charakter des Bildniskopfs.

Für seine Entstehungszeit 310/300 v. Chr. muss eine derartiges «Individualporträt» im Typus eines konservativen griechischen Herrscherbildnisses als älterer, bärtiger Mann mit vollem Haar eher konservativ gewirkt haben, wenn man an die bartlose Stilisierung der Diadochenbildnisse in der Nachfolge des Alexanderporträts denkt. Was könnten also die Gründe für diese hellenisierte Stilisierung des Porträts eines thrakischen Dynasten sein und wie verhält es sich zur Stilisierung des über Kleinasien, Makedonien und Thrakien herrschenden Diadochen und Königs Lysimachos?

Das münzporträt des thrakischen Königs Lysimachos auf Bronzeprägungen von Lysimacheia

Bis zum Jahr 2008 waren Münzbildnisse des Lysimachos in der Forschung unbekannt, was zur Folge hatte, dass großplastische Porträts nicht mit hinreichender Sicherheit als Bildnisse des Lysimachos identifiziert werden konnten. In der Regel erfolgen Zuschreibungen aus methodisch zwingenden Gründen anhand der Münzporträts der Herrscher, oder aber andere relevante Argumente führen zu deren Benennung – etwa beim Dynasten Seuthes.

Abb. 7a.b Lysimachos, Tetradrachme,Silber, ca. 297−281 v.Chr.;Vs. Kopf Alexanders III. mit Ammonshorn und Diadem nachr., Rs.:BAΣIΛΕΩΣ / ΛYΣIMAXOY. Nach l. sitzende Athena Nikephoros in Rüstung mit Schild undSpeer. Im l. F. innen ein Löwenkopf nach l., auf dem Thron ein Monogramm aus Δ und O, Berlin, Münzkabinett der Staatlichen Museen,Inv. 18214381.

Abb. 8a.b Städtische Bronzemünze von Lysimacheia (ca. 309–200 v.Chr.):Vs: Jugendliches Porträt des Königs Lysimachos mit Diadem n.r., Rs: ΛYΣI / MAXΕΩN. Löwe nach r. unter dem Löwen das MonogrammAVP, Dm 25 mm, Gewicht 13,99 g, Berlin, Münzkabinett der Staatlichen Museen, Inv. 18206153.

Mit der 2008 erfolgten Identifizierung des Münzbildes von Lysimachos (323–281 v. Chr.) konnte die offene Frage seiner Ikonographie geklärt werden, die sich daraus ergeben hatte, dass Lysimachos während seiner Regierungszeit sein Porträt nicht auf die königliche Reichsprägung setzen ließ. Vielmehr zeigen die Vorderseiten seiner Edelmetallprägungen (Statere, Tetradrachmen, Drachmen) ab ca. 297/296 v. Chr. das idealisierte Porträt des vergöttlichten Alexanders mit Diadem und Ammonshorn und auf der Rückseite die Nike­tragende Athena (Abb. 7 a.b). Das bisherige Fehlen seines Porträts auf den Münzprägungen des Lysimachos war für die Diadochenikonographie fatal. Wobei der blinde Fleck der bisherigen Forschung sich vor allem daraus erklärt, dass die Ergebnisse der Untersuchung zu den Münzprägungen des Lysimachos von Ludvig Müller aus dem Jahr 1858 lange Zeit nicht wahrgenommen wurden. Die erneute Identifizierung der Münzporträts des ΒΑΣΙΛΕΩΣ ΛΥΣΙΜΑΧΟΥ auf Bronzeprägungen gelang 2008 dann den Münsteraner Archäologen A. Lichtenberger, H.­H. Nießwand und D. Salzmann. Die Bronzeprägungen wurden von Lysimacheia, der von Lysimachos auf der thrakischen Chersones 309/308 v. Chr. gegründeten Hauptund Residenzstadt, emittiert, die sowohl Reichsmünzstätte als auch Prägestätte für Bronzenominale, die der König im eigenen Namen herausgab, war. Alle diese Münzen müssen somit zwischen 309/308 und 144 v. Chr. geprägt worden sein, da in diesem Jahr die Stadt, nach einer wechselvollen Geschichte, durch den thrakischen Stamm der Kainoi unter deren Dynasten Diegylis zerstört wurde (Diod. 33,14,2−3). Neben den üblichen Darstellungen von Gottheiten und deren Attributen, die auf die Kulte in der Stadt hinweisen, tragen die städtische Bronzeprägungen auf den Rückseiten auch ein Löwenbildnis, das als Stadtwappen diente. Das Münzporträt des Lysimachos findet sich auf der Vorderseite des größten Bronzenominals der Stadt (Abb. 8 a.b). Gezeigt wird das Bildnis eines jungen Mannes mit einer Frisur aus kräftigen, bewegten Locken, die Stirn und Schläfen bedecken und in langen Strähnen in den Nacken fallen. Sein ideales Gesicht zeigt ein tiefliegendes Auge unter der gewölbten Braue und einen Mund mit kräftigen Lippen. Das Diadem, hier ein flaches Band mit flatternden Enden, weist auf seine Königswürde hin. In der Münsteraner Untersuchung wurde eingehend geprüft, ob es sich nicht um ein Bildnis Alexander des Großen oder eines anderen hellenistischen Königs handeln könnte. Das Münzbild der Bronzeprägungen ist konzeptionell fraglos der Ikonographie Alexanders des Großen verpflichtet, wie er auch auf der Reichs­ prägung des Lysimachos erscheint. Aber die Zuordnung zu Alexander konnte vor allem ausgeschlossen werden, weil das Ammonshorn, als konstitutives Attribut des vergöttlichten Alexanders, fehlt. Auch andere in der Tradition Alexan ders dargestellte hellenistische Könige auf Münzen der Stadt Lysimacheia konnten ausgeschlossen werden, da die Herrscher, die zwischen dem Tod des Lysimachos und der Zerstörung Lysimacheias auf den städtischen Prägungen abgebildet sein könnten, nicht mit dem nun bekannten Münzbildnis des Königs übereinstimmen. Somit zeigen die Bronzeprägungen mit diesem Münzbildnis hochwahrscheinlich das Königsporträt des Lysimachos, der von der Stadt Lysimacheia auf diese Weise als eponymer Gründer geehrt wurde. Wenn die Benennung des Porträts der MAXOY-Prägungen zutrifft, dann lehnt sich das Bildnis des Königs ikonographisch zwar an das Porträt des Alexanders an. Durch seine Jugendlichkeit aber grenzt sich Lysimachos bildlich deutlich von den anderen Diadochen ab, die als Männer in den besten Jahren mit Falten und energischer Mimik dargestellt werden. Bei der Annahme des Königs diadems war Lysimachos bereits über 50 Jahre alt, erscheint aber auf seinen Bildnismünzen jugendlich und mit wallender Haarpracht. Durch diese alexanderhafte Stilisierung drückt sich ein politischer Anspruch aus, dessen Legitimität auf der treuen Gefolgschaft zu Alexander gründete, die durch die Anlehnung an das Alexanderporträt betont wird.

Städtegründungen in thrakien: Lysimacheia und Seuthopolis

Über Lysimacheia, die Hauptstadt Thrakiens und Residenzstadt des Diadochen Lysimachos, die 309/08 v. Chr. am Nordende der thrakischen Chersoneses, also an einem strategisch bedeutsamen Ort zwischen Asien und Europa gegründet wurde, wissen wir wenig (Abb. 9). Die Quellen überliefern für die Stadt Prosperität, die auch ihrer Lage geschuldet ist, und die Stadt war für die hellenistischen Großmächte von Bedeutung, bevor sie schließlich 144 v. Chr. zerstört wurde. Somit kennen wir die Eckdaten ihrer 165 Jahre währenden hellenistischen Geschichte, die den chronologischen Rahmen für die archäologische Erforschung des weitgehend nicht überbauten Stadtgebietes der hellenistischen Metropole bildet. Inschriftenfunde bei dem türkischen Ort Bolayır sichern die Lokalisierung der bislang nur aus literarischen Quellen und Münzprägungen bekannten Stadt. Erste archäologische Feldbegehungen wurden von dem Münsteraner Forscherteam A. Lichtenberger, H.­H. Nieswandt und D. Salzmann im Jahre 2006 im antiken Stadtgebiet und der Chora durchgeführt; die Ergebnisse wurden 2015 vorgelegt. Die antike Stadt erstreckt sich an der engsten Stelle der heute Gallipoli genannten Halbinsel auf einem zum Teil beträchtlich abfallenden Höhenrücken. Mit einer Fläche von ca. 300 ha gehörte Lysimacheia zu den größten Diadochenstädten. Sowohl in dem modernen Ort Bolayır als auch auf den umliegenden, landwirtschaftlich genutzten Flächen lassen sich antike Besiedlungsspuren beobachten, die zu der Stadt Lysimacheia gehören. Zwar sind oberirdische Reste seiner Bauten nicht erhalten, doch ließ sich das antike Siedlungsgebiet anhand der Oberflächenfunde eingrenzen, da durch die landwirtschaftliche Nutzung ständig datierbare Artefakte an die Oberfläche gepflügt werden. Weitere Funde, vor allem von antik bearbeiteten Steinen, aber auch Keramikreste, boten zahlreiche von den Bauern angelegte Lesesteinhaufen. Zudem finden sich viele antike Werkstücke als Spolien in Bolayır verbaut. Die archäologischen Kenntnisse über die thrakische Hauptstadt Lysimacheia sind zwar noch vorläufig und begrenzt, werden aber bei weiterer systematischer Erforschung des Stadtgebietes und der Auffindung der Reste des Königpalastes und von Lysimachos’ Grab immens erweitert werden können.

Sehr viel besser steht es um unsere Kenntnisse über die Residenzstadt Seuthopolis, die bereits in den Jahren zwischen 1948 und 1954 von bulgarischen Archäologen unter der Leitung von D. P. Dimitrov etwa 8 km westlich von Kazanlak freigelegt wurde und gut dokumentiert ist. Die Reste der hellenistischen Stadtanlage griechischen Typs, die sich am Oberlauf des Tonzos (Tùndzha) erstreckt, liegen allerdings seit dem Ende der 1950er Jahren auf dem Grund eines Stausees (Abb. 10). Den Namen Seuthopolis überliefert die 1953 gefundene griechische Inschrift mit dem «Eid der Berenike und ihrer Söhne», die wohl kurz nach dem Tode Seuthes’ III. verfasst wurde. Zahlreiche Münzfunde weisen ebenfalls auf Seuthes III. als Erbauer der nach ihm benannten Stadt hin, die nach 320 v. Chr. an Stelle einer Vorgängersiedlung errichtet wurde. Sie liegt auf einem Geländesporn zwischen dem Fluss Tonzos und einem Bach; die Festungsmauer mit einer Gesamtlänge von ca. 890 m umfasst eine Fläche von ca. 5 ha. An dem orthogonalen Straßensystem orientieren sich Prostas­ und Peristylhäuser. Das Zentrum bildet eine kleine Agora, auf der ein Altar für den griechischen Gott Dionysos gefunden wurde. In der Nordostecke des Städtchens liegt der befestigte Herrscherpalast, mit einer sich nach Süden öffnenden Portikus. Hier fanden sich Hinweise auf chthonische Gottheiten (kabeiroi oder megaloi theoi), die vor allem auf der Insel Samothrake verehrt wurden. Zerstört wurde die Stadt wahrscheinlich durch Kelten im zweiten Viertel des 3. Jhs. v. Chr. Dieser chronologische Ansatz wird dadurch gestützt, dass sich die Stempel der in der Stadt gefundenen thasischen Amphoren nicht in die Zeit nach 275 v. Chr. datieren lassen. Der orthogonale Straßenplan von Seuthopolis, die griechische Wohnkultur und die gefundenen Artefakte stehen in der graeco­makedonischen Tradition, was auch für die Bauweise des 2004 freigelegten Kammergrabes mit seinen Grabbeigaben ebenso wie für die Bildsprache der Münzen und das Bronzeporträt des Seuthes zutrifft. Die Sachkultur und die griechische Schrift weisen auf die hellenistisch­griechischen Koine. Der Dionysos­Kult und die Verehrung der Megaloi Theoi deuten auf die Übernahme griechischer Religionsausübung durch die thrakische Elite hin. Der Prozess der Hellenisierung begann sicherlich früher, aber mit der Herrschaft der Makedonen und der Eingliederung des Gebietes der Odrysen in das Herrschaftsgebiet des Lysimachos verstärkte er sich gewiss. Offensichtlich übten sich die thrakischen Eliten in der Mimesis von Vorbildern und Modellen, die eindeutig als graeco­makedonisch verstanden wurden. Aber trotz dieser kulturellen Orientierung an griechischen Vorbildern war der Wille nach Erhalt der selbständigen Macht innerhalb des Reiches des Lysimachos unverkennbar, doch verhinderte der vereinzelte indigene Widerstand gegen Lysimachos offensichtlich nicht die politisch­kulturelle Integration in die graeco­makedonisch geprägte Diadochenwelt.

Fazit

Die reichen Ergebnisse der Ausgrabungen in dem seit den späten 1940er Jahren ausgegrabenen Seuthopolis und des 2004 entdeckten Grabtumulus «Goljama Kosmatka» erlauben es, dem hellenisierten Lokalherrscher Seuthes III. einen historischen Ort und durch das bislang einzige großplastische Bildnis eines thrakischen Dynasten aus dem frühen Hellenismus sogar ein Gesicht zu geben. Die starken Einflüsse der graeco-makedonischen Kultur zeigen sich bei der griechischen Stadtanlage und Architektur von Seuthopolis, ebenso wie beim Palast und dem Grab des Dynasten. Die Hellenisierung des Herrschers und der thrakischen Eliten deutet auf den enormen Einfluss des kontinuierlichen kulturellen Austausches mit Makedonien und anderen Gebieten der griechischen Welt vor und nach dem Tode Alexanders des Großen hin.

Die Beurteilung des bis zu seinem Tode 281 v. Chr. als König über Thrakien herrschenden Lysimachos ist anhand der archäologischen Funde und Befunde ungleich schwieriger. Die Identifizierung seines Münzporträts gelang erst 2008, und es zeigt die imitatio Alexandri, die der jugendlich dargestellte Basileus zur Legitimation seines Herrschaftsanspruchs einsetzte. Die archäologischen Grundlagen für die Beurteilung der Lage und des Ausmaßes seiner Haupt­ und Residenzstadt Lysimacheia, die er 309 v. Chr. gründete, wurden 2015 vorgelegt. Ihre Überreste befinden sich auf einer bislang nicht überbauten Fläche in der Nähe des modernen türkischen Ortes Bolayır am Nord ende der Halbinsel Chersoneses (heute: Gallipoli) in der türkischen Provinz Çanakkale. Zur urbanistischen Struktur und Architektur der hellenistischen Metropole wissen wir bisher nur wenig; die genaue Lage des Herrscherpalastes und seines Grabes auf der thrakischen Chersones ist bislang unbekannt. Ein wesentlicher Grund hierfür ist, dass Lysimachos als Diadoche keine Dynastie bildete und sein Herrschaftsgebiet deswegen wohl als kein bedeutendes Königreich angesehen wird. Dagegen spricht aber die zentrale geopolitische Bedeutung, die sein Diadochenreich am Übergang von Europa nach Asien zweifellos hatte.

Dank

Für die möglichkeit, im historischen museum «Iskra» in Kazanlak die archäologischen Funde aus dem Grab des Seuthes und aus Seuthopolis studieren und fotografieren zu können, danke ich Direktor momchil marinov sowie seinen Kolleginnen und Kollegen für ihre Hilfen.

Adresse des Autors

Prof. Dr. Stephan Lehmann Leiter des archäologischen museums i.R. archäologisches museum der mLu halle-Wittenberg universitätsplatz 12

D-06108 Halle (Saale)

Bildnachweis

abb. 1. 2. 6: Foto Lehmann; 3: Peter Palm, Berlin; 4: aus L’épopée des rois thraces, 121b; 5 a.b: cn coin 7156, in: corpus nummorum, https://www.corpus-nummorum.eu/cn_7156 [15/09/2021]; 7 a.b. 8 a.b: bpk / münzkabinett, SmB / Reinhard Saczewski; 9: aus L’épopée des rois thraces, S. 23 abb. 2; 10: megistias – own work data from the city in the Greek and Roman World by e. J. owens,1992,page 77,figure 22 – cc By-Sa 3.0.

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