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Sex und Auto und Schokolade.*


ramp - epaper ⋅ Ausgabe 51/2020 vom 30.10.2020

Was macht wirklich glücklich? Eine Spurensuche während einer Fahrt mit zwei Ikonen, die bereits erwähnt wurden. Dabei geht es immer wieder um Pfeile, allerdings auch um Kokosfasermatratzen, georgische Trinksprüche, Bedürfnispyramiden und ein russisches Sprichwort. Das heißt übrigens: »Alles Neue ist nur gut vergessenes Altes.«


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Bildquelle: ramp, Ausgabe 51/2020

*Notiz, die auf der Motorhaube eines Lamborghini Gallardo geschrieben steht. Wobei es vielleicht auch ein Ferrari F355 war.

I

Es war noch nie so leicht, sich durch die Welt zu bewegen, wir richten uns nach dem Pfeil. Der Boden ist markiert, in Geschäften, auf den Bahnhöfen, in den ...

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... Restaurants und im Straßenverkehr, sogar in den öffentlichen Toiletten sind rote und grüne Pfeile auf die Kacheln geklebt, damit man nicht zu nahe aneinandergerät und nicht danebenpinkelt. Praktisch und sorgenfrei ist das Leben, folgt man dem Pfeil, man kann sich eigentlich nirgendwo mehr verlaufen.

Es hat allerdings auch Nachteile, wir laufen auf einem dünnen Pfad, ein Schritt nach links, ein Schritt nach rechts, und wir sind verloren, die Folgen des Danebentretens können tödlich sein. Vorsichtig tasten wir uns voran. Die gesellschaftlich vorherrschende Meinung lautet, die Menschen haben sich übernommen, sind rastlos geworden, haben der Natur den Kampf erklärt. Das reine Glück des Lebens, die Freude an den kleinen Dingen ist ihnen abhandengekommen. Durch den endlosen Konsum ist uns der Boden unter den Füßen weggerutscht. Auf einmal war der Sternenhimmel nur zum Fliegen da, die Flora und Fauna des Planeten landete vakuumverpackt und zum Teil eingefroren in den Regalen der Supermärkte. Die Sonne wurde nur noch als zusätzliche Energiequelle betrachtet. Und der Planet wehrte sich, ließ das Virus auf uns los, das Klima erhitzte sich, das Virus machte die Menschen krank, die Regierung ordnete Bodenmarkierungen an, wir richten uns nach dem Pfeil. Die neue Unterordnung der Bedürfnisse ist angesagt. Die Menschen beschäftigen sich mit der Frage, was brauchen wir wirklich und was kann weg? Kann etwas Neues auch etwas Altes sein? Das Urige, Ursprüngliche kommt groß in Mode.

Die Konsumenten sind zurückhaltender ge- worden, viele sind dieses Jahr gar nicht ins Ausland in den Urlaub gefahren, sie sind in der Heimat geblieben. Die Olympischen Spiele und große Kulturereignisse wurden abgesagt oder verschoben, das Nachtleben, der Spaß am gemeinsamen Feiern mit Fremden und Unbekannten schien für viele vergangen zu sein. Doch haben unsere Geschmäcker sich wirklich verändert? Ich glaube nicht. Gut, die Menschen stellen sich erneut die Frage, was sie glücklich macht. Vielleicht können sie mit den kleinen Dingen des Lebens glücklich sein. Nehmen wir zum Beispiel das Auto. Noch besser - zwei. Können die Autos uns Menschen glücklich machen?

Wir hatten diesmal zwei besondere Autos für einen Ausflug am Neckar genommen, zwei Lieblinge von Michael, dem Chefredakteur, zeitlose Ikonen für ihn, ein Lamborghini Gallardo und ein Ferrari F355. Real existierende Beispiele dafür, wie Technik und Design, Lust und Erotik zueinander stehen. Wir trafen uns in Tübingen.

II

Nach einer langen Pause hatte ich wieder eine Lesung, einen Auftritt in der Tübinger Panzerhalle. Dafür musste ich zwar durch ganz Deutschland von Hamburg nach Tübingen fahren, doch das machte mir nichts aus. Ich habe mich sehr auf die Veranstaltung gefreut. Mir fehlte das lebende Publikum sehr. Es war eine Nachmittagsveranstaltung an der frischen Luft, die Sonne knallte mit 35 Grad, die Zuhörerinnen und Zuhörer mussten Masken tragen, die Wespen nicht. Sie attackierten mich direkt auf der Bühne. Und trotzdem war das ein angenehmes Gefühl, wieder eine große Zahl von Menschen vor sich zu sehen.

Nach der Lesung warteten zwei supercoole Autos auf mich, aus der Zeit, als die Autos noch ehrlich waren, keine sprechenden Roboter mit automatischer Schaltung. Die Marke Lamborghini war als einziges Kind des italienischen Traktorenbauers Ferruccio Lamborghini Ende der Neunzigerjahre in eine eheähnliche Gemeinschaft mit Audi getreten. Dadurch konnte die Marke viel effektiver produzieren und die Erfahrungen der deutschen Autobauer nutzen. Aus dieser Beziehung war der Lamborghini Gallardo entstanden, der sofort zum bestverkauften Lamborghini wurde. Einst aus der Konkurrenzlust mit Ferrari geboren, hatte dieses Sportauto schon immer den Anspruch, das italienische Herz zu präsentieren, das ein wenig härter, schneller und lauter schlägt. In den Händen der Audi-Ingenieure bekam das Herz noch eine Prise deutsche Intelligenz dazu.


Ein russisches Sprichwort besagt, alles Neue sei nur gut vergessenes Altes, ich möchte hinzufügen, das Neue ist oft ein Versuch, das Alte zu verstehen und zu interpretieren.


Bei dem Ferrari handelte es sich um den F355, den schönsten Achtzylinder von Ferrari, wie viele Experten sagen. Klassisch rot lackiert, mit stahlsilberner Handschaltung, wie es sein muss.

Ich fand den Ferrari unglaublich stilsicher, habe mich jedoch für das andere Auto entschieden, ich hatte Angst, kein guter Fahrer für das ehrliche Auto zu sein. In den Gepäckraum des Lamborghini passte allerdings mein Reisekoffer nicht rein. Das Auto ist nicht für Reisende mit viel Gepäck gedacht, oder vielleicht hatten die Italiener damals gar nicht so viel Gepäck nötig, als sie ihr tollstes Auto zusammenschraubten. Niemand, der in einem Lamborghini sitzt, braucht viel Gepäck, dachten wahrscheinlich die Italiener. Wer einen Lamborghini fährt, muss keine dicken Koffer durch die Gegend schleppen, er kann sich alles neu kaufen.

Mein Publikum lachte, als es mich im Lamborghini davonrasen sah. Das Thema für unseren neuen Supersupersupertest war, herauszufinden, warum die Menschen mögen, was sie mögen, und warum einige Dinge, alte Autos zum Beispiel, uns mit der Zeit immer mehr verzaubern, während die meisten Sachen, die uns umgeben, ihren Wert in unseren Augen schnell verlieren und in Vergessenheit geraten.

Mit dem Lamborghini zu fahren ist sehr bequem. Man kann ihn im Halbliegen lenken und merkt gar nicht, dass man direkt vor einem 560 PS starken Motor sitzt. Das Auto ist aus dem Jahr 2010 und damit natürlich nicht mehr neu, dafür wunderbar animalisch, und gerade das machte den Reiz aus, damit am Neckar entlangzufahren.

III

Ein russisches Sprichwort besagt, alles Neue sei nur gut vergessenes Altes, ich möchte hinzufügen, das Neue ist oft ein Versuch, das Alte zu verstehen und zu interpretieren. Das beste Beispiel dafür ist meine vor Kurzem erworbene Kokosfasermatratze.

Wie jeder Großstadtbewohner habe ich manchmal Rückenschmerzen. Alle Großstadtbewohner leiden gelegentlich unter dieser Last, weil wir uns zu wenig zu Fuß bewegen, dauernd angespannt sind und angeblich schräg vor dem Computer oder vor dem Lenkrad im Auto sitzen. Meine Erfahrung ist: gegen Rückenschmerzen hilft Online-Matratzenwerbung.


Es gibt Völker, die sehr gute Autos bauen können, und andere, die große Meister darin sind, Sprüche zu klopfen, ebenfalls eine von Gott gegebene, einmalige Leistung.



Der Weg zum Glück wird immer länger, und sollte es jemals erreichbar sein, dann nur für einen kurzen Moment des Staunens, und schon ist es wieder vorbei.


Ich lasse mich leicht beeindrucken, ich war dieser Werbung sofort verfallen. Die Kokosfasermatratzen sollten sehr gut für die Körperhaltung und für einen erholsamen Schlaf sein, las ich. Auf diesen Kokosfasern haben schon unsere Vorfahren, die Buschmänner Südafrikas, geschlafen und sicherlich gut geträumt. Natürlich hatten sie nicht solche schönen Matratzen wie die, die ich gekauft habe, die Buschmänner mussten vermutlich kurz vor dem Schlafengehen jeden Abend neue Kokosnüsse zupfen, um sich ein Bett zu basteln. Dafür aber mussten sie die Matratze nicht durch die Steppe mitschleppen.

Die Jäger Südafrikas hatten auch ohne Matratze genug Gepäck. Jeder von ihnen hatte ein Messer, einen Speer, einen Bogen mit Pfeilen, eine Pfeife zum Rauchen und eine zum Musik machen, einen Kamm, einen Gürtel und eine Kopfbedeckung wegen der Sonne. Das Gepäck der Buschmänner hätte ebenfalls nicht in den mikroskopisch kleinen Gepäckraum eines Ferrari oder Lamborghini gepasst. Und trotzdem waren sie, mit den heutigen Menschen verglichen, sehr arm. Heute kann überhaupt niemand mehr seinen gesamten Besitz in einem Satz aufzählen. Wir besitzen tausend Dinge, ohne die wir uns ein erfülltes Leben nicht mehr vorstellen können, dabei bleibt bei den meisten das Gefühl, ihr Leben sei nur gut gefüllt, nicht erfüllt.

Ich habe mir diese Matratze angeschafft - und ja, der Rücken ist besser geworden. Dafür habe ich merkwürdige Träume, seit ich auf den Kokosfasern liege.

Ich laufe durch die Wüste und habe nur eine Badehose an, einen Bogen, eine Pfeife und einen Helm. Unter dem Arm halte ich die Kokosmatratze. Um mich im Schlaf fortzubewegen, brauchte ich richtungsweisende Pfeile, die im Sand nicht zu sehen waren. Also schoss ich einen Pfeil nach dem anderem in den Himmel und lief ihm hinterher, ich wollte mich nach dem Pfeil richten. Doch meine Pfeile flogen zu weit, manche landeten irgendwo am Horizont, ich verlor dauernd die Orientierung, ich konnte meine eigenen Pfeile nicht finden. Ab und zu kamen mir in der Wüste andere Menschen entgegen. Ich fragte sie, ob sie meine Pfeile gesehen hätten, sie nickten und antworteten mir in einer slawischen Sprache, die ich aber nicht verstand. Sie sprachen alle ukrainisch.

Wer möchte welches Auto fahren? - fragte der Chefredakteur Michael. Ich schielte wie gesagt auf den roten Ferrari, doch der lustige Sportwagen hatte eine manuelle Schaltung aus dem vorigen Jahrhundert, ich traute mich nicht und sagte, ich hätte an diesem sehr heißen Tag das Bedürfnis, einen Lamborghini zu fahren.

IV

Es gibt Menschen, die Hunde mehr mögen als andere Menschen. Ich habe in diesem Sommer auch viele Zeitgenossen kennengelernt, die Pferde für bessere Freunde, für höhergestellte Wesen halten, sie verbringen ihre ganze Zeit mit Pferden, nur Pferde können sie glücklich machen. Und es gibt auch solche Narren, die Ferraris über alles in der Welt lieben und schätzen und auf der Straße stehen bleiben, wenn sie einen Ferrari sehen. Beim Anblick eines Lamborghini kriegen sie Kreislaufprobleme vor lauter Aufregung. Sie müssen unbedingt dieses Auto fahren, sonst haben sie nicht gelebt. Dabei ist eines wichtig: Man muss seine Bedürfnisse mit seinen Möglichkeiten in Einklang bringen.

Es gibt Völker, die sehr gute Autos bauen können, und andere Völker, die große Meister darin sind, Sprüche zu klopfen, ebenfalls eine von Gott gegebene, einmalige Leistung. Angeblich soll Gott beim Entstehen der Welt die verschiedenen Völker aufgerufen haben, das Beste von sich zu geben, etwas Großes zu zeigen, etwas, was sie wirklich gerne tun. Während die anderen Völker sich im Maschinenbau oder in der Landwirtschaft übten, haben die Georgier aus Kräutern und Früchten gutes Essen gezaubert, einen kühlen, schweren Rotwein gemacht und an einem langen Tisch sehr lange gesessen. Also meinte Gott, soll doch jedes Volk das machen, was es am besten kann. Viele tausend Jahre sind seitdem vergangen. Die Georgier sitzen noch immer am Tisch und produzieren Trinksprüche am laufenden Band, die längsten und die besten der Welt. Ein alter georgischer Trinkspruch lautet: »Ich würde gern ein Haus bauen, habe jedoch keine Möglichkeit dazu. Ich besitze eine Ziege, habe für sie aber überhaupt keine Verwendung. Deswegen lasst uns darauf trinken, dass unsere Bedürfnisse mit unseren Möglichkeiten übereinstimmen. «

Die Georgier sind trinkfeste und klar denkende Menschen, sie können vieles erklären. Was mir die Georgier allerdings nicht erklären konnten, war, warum wir das mögen, was wir mögen.

V

Wir wissen es nicht. Unsere Begierden und Vorlieben bleiben irrational und rätselhaft. Eigentlich ist jeder von uns in der Lage, vernünftig zu entscheiden, die Dinge nach ihrem Nutzen und ihrer Erreichbarkeit einzuschätzen. Und doch treffe ich ständig Menschen, die sich aus nichts einen Traum schaffen, Menschen, die sich in ein Pferd verlieben oder in ein Boot oder Auto. In der Sozialpsychologie werden die Motivation und die Bedürfnisse der Menschen in einer sogenannten Bedürfnispyramide zusammengefasst, erstellt vom großen Wissenschaftler Abraham Maslow, der sich sehr anstrengte, die Quelle des menschlichen Glücks bzw. Unglücks zu erforschen. Am Fuß der Maslowschen Pyramide stehen die Grundbedürfnisse: Essen, Trinken, Schlafen und natürlich das Bedürfnis nach Sicherheit für sich selbst und seine Nächsten.

Viele tausend Jahre waren wir mit der Erfüllung der Grundbedürfnisse ganztags beschäftigt und mancherorts total überfordert. Es war ein langer, andauernder Kampf. Dazu kam noch die Erkenntnis, dass die meisten von diesen Grundbedürfnissen in die Kategorie der »unstillbaren« gehören, das heißt, man kann sie nicht ein für alle Mal befriedigen. Mit dem Bedürfnis nach Sex, Essen und Schlaf werden wir Tag für Tag aufs Neue konfrontiert. Doch im Laufe der Geschichte hat es die Menschheit beinahe überall geschafft, ihre Grundbedürfnisse automatisch zu befriedigen, ohne dafür Woche für Woche auf Jagd zu gehen, mit Pfeil und Bogen und einer Kokosmatratze.

Hat uns diese Entwicklung glücklicher gemacht? Keineswegs. Denn weiter oben lagen die sozialen Bedürfnisse, der Drang nach Anerkennung, nach Liebe, Achtung und Respekt. Die Wertschätzung des Individuums hat sich ebenfalls als unstillbares Bedürfnis herausgestellt, denn jeder will gelobt, gegrüßt und angesehen werden, nicht nur einmal, sondern am besten an jedem Tag seines Lebens.

Nur wenige von uns können damit angeben, so weit auf der Maslowschen Bedürfnispyramide hochzuklettern. Doch selbst wenn sie all diese erwähnten Stufen überwunden haben, sind sie erst gerade mal in der Mitte angekommen. Mit dem Erringen der allgemeinen Anerkennung beginnt nämlich der Mensch nach Selbstverwirklichung zu streben, er möchte die maximale Ausschöpfung des eigenen Potenzials erreichen, etwas Einmaliges leisten. Und weil die Soziologie eine lebendige Wissenschaft ist und sich stets weiterentwickelt, wird auch die Bedürfnispyramide immer weiter und immer höher ausgebaut. Der Weg zum Glück wird immer länger, je weiter wir hochklettern, und sollte es jemals erreichbar sein, dann nur für einen Augenblick, für einen kurzen Moment des Staunens, und schon ist es wieder vorbei.

VI

Manchmal können uns die kleinen Dinge glücklich machen. Eine Bootsfahrt auf dem Neckar oder einfach nur eine Runde in einem kleinen Ferrari durch eine alte Stadt an einem sonnigen Tag.

Ich persönlich denke, unsere Vorfahren, die Jäger und Sammler, hatten es leichter als wir. Sie wussten genau, was sie tun müssen, um ihre Grundbedürfnisse zu stillen. Die Selbstverwirklichung und Fragen der Transzendenz hätten sie bestimmt wenig angesprochen.

Den Jägern reichten schon zwei Tage in der Woche, um das Essen für sich und die Familie zu besorgen. Die geringen Arbeitszeiten wurden allerdings durch lange Arbeitswege aufgehoben. Sie mussten nämlich ihrem Essen ständig hinterherlaufen, ein Nomadenleben führen. Unsere Vorfahren waren Pendler, und zwar das ganze Jahr über, sie pendelten von einem Ort zum nächsten, ihrem Essen hinterher. Sie konnten nirgendwo ein Haus bauen und ihren Besitz an einem Ort mehren, sie mussten immer bei den wenigen Sachen bleiben, die sie bei ihrem Umherschweifen mitnahmen.


Manchmal können uns die kleinen Dinge glücklich machen. Eine Bootsfahrt auf dem Neckar oder einfach nur eine Runde in einem kleinen Ferrari an einem sonnigen Tag.


Jedes Eigentum konnte auf einer langen Reise zu einem Fluch werden. Deswegen hatten unsere Vorfahren ihre wenigen Sachen gerne im kollektiven Besitz. Auf diese Weise konnten sie die Last des Herumschleppens mit den anderen teilen. Es galt damals eine strikte Arbeitsaufteilung, die einen waren für das Schleppen der Netze für den Fischfang zuständig, die anderen trugen Speere, Bögen und Pfeile.

Die Gruppen mit kollektivem Eigentum hatten mehr Chancen zu überleben als diejenigen, die sich ständig um Besitz, Reichtum und Macht schlugen. Außerdem haben die Menschen, die gerne ihr Eigentum teilten, sich viel aktiver und erfolgreicher vermehrt als ihre geizigen Artgenossen. Im Kapitalismus war das Teilen lange Zeit aus der Mode, jetzt kommt es langsam zurück.


Wir sind soziale Wesen, wir brauchen die anderen, um selbst jemand zu sein. Und deswegen fahren wir mit großartigen Schlitten durch die Gegend. Nicht um mit den Autos anzugeben, sondern um das Menschsein zu feiern.


Die Geschäftsleute, die Jäger von heute, teilen untereinander die Beute, sie investieren gern in andere Branchen, sie wissen, auch der beste Jäger hat mal einen schlechten Tag. Die Erkenntnisse der Soziologie gehen dahin, dass in einer Gruppe von Egoisten die Mehrheit für eine längere Zeit hungrig bleibt als in einer Gruppe von Menschen, die gerne teilen.

Zwischen Tübingen und Reutlingen kann man sich nicht verfahren. Am Ende des Tages sind wir mit zwei italienischen Autos zu einem richtigen Italiener gefahren, um den Abend bei einer guten Flasche Weißwein ausklingen zu lassen.

In diesem Corona-Sommer haben wir verstanden, was den Menschen am meisten fehlt. Es sind andere Menschen, die uns glücklich machen, auch wenn wir einander permanent beschimpfen. Wir sind soziale Wesen, wir brauchen die anderen, um selbst jemand zu sein. Deswegen macht die Jugend Partys an jedem Ufer und in jedem Park, deswegen nutzen die Älteren jede Möglichkeit, um mit anderen zusammen auszugehen. Und deswegen sind die Restaurants trotz der strengen Corona-Regeln ausgebucht. Nicht weil die Menschen Hunger leiden oder zu faul sind, selbst zu kochen. Nein, sie wollen ausgehen. Und deswegen fahren wir mit großartigen Schlitten durch die Gegend, nicht um schneller am Ziel zu sein, nicht um mit den Autos anzugeben, sondern um das Menschsein zu feiern. Und darauf trinken wir einen.

Lamborghini Gallardo LP 560-4

ALLWETTERFEST

Der Gallardo begründet die Erfolgsstory Lamborghinis nach der Jahrtausendwende und nach der Übernahme durch Audi. Mit ihm schnellten die Produktionszahlen von 250 auf über 2.000 Autos pro Jahr, was auch daran gelegen haben könnte, dass nicht wenige Ferrari-Fahrer den allradgetriebenen Gallardo mit seinem feinen Zehnzylinder als Winterauto nutzten. Wie der große Zwölfzylinder-Lamborghini dieser Epoche, der Murciélago, wurde auch der Gallardo von Luc Donckerwolke entworfen, der für das Design beider Fahrzeuge im Jahr 2003 mit dem Red Dot Design Award ausgezeichnet wurde.

Ferrari F355 Berlinetta

DER SCHÖNE NACH DEM BIEST

Der F355 gilt bis heute als einer der schönsten Ferrari mit V8-Mittelmotor. Als Nachfolger des 348, dessen Design er weiterführt, ist er dennoch ein nahezu neu entwickeltes Fahrzeug, mit dem Ferrari im Jahr 1994 den Schritt in die Neuzeit vollzog. Mit insgesamt 11.273 gebauten Fahrzeugen stellte der F355 für Ferrari einen neuen Rekord auf.


Fotos Matthias Mederer · ramp.pictures