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SEX:Das unsichtbare A


L-MAG - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 28.02.2020

Asexualität als sexuelle Orientierung ist für viele Menschen ein fremdes Konzept. Noch komplexer wird es, wenn sich asexuelle Frauen zusätzlich als lesbisch identifizieren. Wie lebt es sich in der LGBT-Community ohne Sex?


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Bildquelle: L-MAG, Ausgabe 2/2020

„Ich habe von Asexualität ziemlich lange nichts gewusst“, sagt Selma Koca (25). Sie kommt aus der baden-württembergischen Stadt Villingen-Schwenningen und bezeichnet sich als lesbisch und asexuell. Bis sie zu dieser Selbstbeschreibung kam, musste sie den Begriff „asexuell“ erst einmal entdecken und das stellte sich als schwierig heraus, denn das Thema ist in der Öffentlichkeit wenig ...

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... präsent.Definiert wird Asexualität als Abwesenheit sexueller Anziehung und fehlendem Interesse an Sex. Wie das für jede Person, die sich als asexuell definiert, konkret aussieht, ist sehr unterschiedlich, denn Asexualität ist ein Spektrum, in dem es viele Graubereiche gibt. Das zeigt auch die dazugehörige Flagge, die aus schwarz, grau, weiß und lila besteht und erst im Jahr 2010 entworfen wurde.Das Konzept Asexualität unterscheidet zwischen romantischer und sexueller Orientierung - romantische Anziehung beschreibt das Verliebtsein in eine Person, ohne sich sexuell zu der Person hingezogen zu fühlen, also ohne den Wunsch, mit der Person intim zu werden. Menschen haben eine romantische und eine sexuelle Orientierung. So kann man zum Beispiel lesbisch und asexuell oder bi- und allosexuell (das Gegenteil von asexuell, ) sein.„Ich habe mich erst als lesbisch geoutet, dann aber gemerkt, dass das Wort nicht hundertprozentig beschreibt, was ich bin“, erklärt Selma. Konkret heißt asexuell und lesbisch zu sein für sie, dass sie sich eine Liebesbeziehung mit einer anderen Frau vorstellen kann, aber kein Bedürfnis hat, mit dieser auch Sex zu haben. Die Reaktionen auf ihr Coming-out als asexuell seien dabei teilweise irritierend gewesen. „Für viele gibt es nur ein Entwederoder, beides geht irgendwie nicht.“

Lesbisch und asexuell

Sydney von Baeckmann aus Karlsruhe ging es ähnlich. Die 26-Jährige erfuhr durch Bekannte und anschließend durch das Internet - besonders über YouTube- von Asexualität und identifiziert sich heute, nach einem längeren inneren Prozess, als lesbische, asexuelle Transfrau. Aber ihre Identitätsbeschreibungen verstehen nicht alle. „Ich finde es komisch, dass manche der Meinung sind, dass man nicht mehrere Labels benutzen kann. Mit lesbisch ist dann oft alles gesagt“, meint sie. Selbst in der queeren Community herrscht oft Unverständnis was Asexualität angeht. „Ein schwuler Mann meinte zu mir, er will alles verstehen, aber er könne es einfach nicht nachvollziehen“, erinnert sich Sydney.

Dabei gibt es viele Erfahrungen von LGBT, die ähnlich sind. Auch asexuelle Menschen hören immer wieder von Außenstehenden, sie sollten doch mal „zum Arzt“ gehen, vielleicht stimme etwas mit ihren Hormonen nicht. Damit wird unterstellt, ihre sexuelle Orientierung sei nicht „normal“ und müsse behandelt werden - eine Aussage, die Schwule und Lesben sich zum Teil heute noch anhören müssen. „Manche haben ihre vorgefertigten Meinungen und denken, dass es etwas Schlimmes ist, wenn man keinen Sex haben möchte, dass es behandelt werden muss oder dass ich einfach zu schüchtern bin“, kritisiert auch Selma.


„Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich bei LGBT mit dem A aus der Reihe falle“



Eine Lesbe war sogar der Meinung, dass Selma mit ihrer Asexualität ihre Partnerin einschränken würde. Hier wird deutlich, wo das Problem liegt: Für viele Menschen gehört Sex einfach dazu und eine Partnerschaft ohne Sex sei somit keine, die wirklich zählt.
„Deswegen finden es viele Leute so unglaublich schwierig, sich vorzustellen, wie zwei Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Bedürfnissen eine Beziehung führen könnten: weil Sex dermaßen überbewertet wird“, mahnt Beate H. aus Saarbrücken.
Zurzeit sind asexuelle Menschen in manchen Bereichen bereits Teil der LGBT-Community, in anderen werden sie wiederum nicht einbezogen oder berücksichtigt. Oft fühlen sich Asexuelle zum Beispiel auf CSDs unwohl, weil diese immer wieder sehr sexualisiert sind.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich bei LGBT mit dem A aus der Reihe falle, aber manchmal habe ich auch das Gefühl, wirklich dazuzugehören“, beschwichtigt Selma. Es ist also immer das Phänomen, sich zwischen den Communitys zu bewegen. „Wenn irgendwo ein Gespräch ist, kann man bei vielen Themen nicht mitreden“, schildert Sydney, die sich viel in der asexuellen, trans und nonbinären Community engagiert.
Doch in der Lesbenszene haben die Frauen insgesamt positive Erfahrungen gemacht. „Die meisten können damit umgehen, sind tolerant und akzeptieren es“, sagt Selma.

Asexuell und verliebt - na klar!

Für Beate H. ist der Begriff asexuell wichtig, weil er ihr hilft, beim Aufbau einer neuen Beziehung auszuhandeln „was geht und was nicht“. Die 26-Jährige hat seit vier Jahren eine Freundin. Früher war bei ihr durchaus die Angst vorhanden, dass ihre Asexualität einer Partnerschaft im Weg stehen könnte. „Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht das geben kann, was andere von mir verlangen.“ Wenn sie Gefühle für jemanden hatte, fürchtete sie, dass nichts daraus werden würde, weil sie die gestellten Erwartungen nicht erfüllen könne.
Die Beziehung mit ihrer derzeitigen Freundin funktioniert aber, weil beide offen darüber sprechen, was sie wollen und was nicht. Anfangs hatte ihre Partnerin zwar Bedenken und war sich nicht sicher, ob sie eine erfüllende Beziehung führen könnten. Mittlerweile haben die beiden die entscheidendsten Fragen miteinander geklärt. „Eigentlich ist es ja die Liebe zwischen zwei Personen und dann schließen wir halt Kompromisse, mit denen wir beide klarkommen“, sagt Beate.
Sydney könnte sich wiederum vorstellen, eine polyamoröse Beziehung zu führen, wenn ihre Partnerin ihre sexuellen Bedürfnisse befriedigen möchte.
Wie genau also eine Beziehung mit einer asexuellen Person aussieht, ist immer abhängig von den einzelnen Personen. Genau wie allosexuelle Menschen, die bestimmte Vorlieben und Fetische mit ihren Partnern kommunizieren, müssen das auch asexuelle Menschen tun. Asexualität ist ein Spektrum und jede Person ist unterschiedlich in ihren Wünschen, Grenzen und Bedürfnissen.

Und zurzeit sieht es auch gesellschaftlich so aus, als würde es vorangehen: Der gemeinnützige Verein AktivistA ist eine gute Anlaufstelle für Asexuelle und setzt sich dafür ein, das Thema im deutschsprachigen Raum zu verbreiten. Die Mitglieder des Vereins laufen bei CSDs mit, verteilen Flyer und Infomaterialien an den dortigen Ständen und halten jährlich eine Konferenz mit verschiedenen Vorträgen ab.

So wird gerade langsam, aber sicher die Basis für das gelegt, was sich im Grunde genommen alle queeren Menschen wünschen: Sichtbarkeit.

www.aktivista.ne

www.asexuality.org

www.asex-web.de

ASEXUELL:

kein vorhandenes Interesse an Sex

ALLOSEXUELL:

Interesse und Verlangen nach Sex, Gegenteil von asexuell

HOMOROMANTISCH:

Wunsch nach romantischer Beziehung mit Person des gleichen Geschlechts

HOMOSEXUELL:

Wunsch nach sexueller Beziehung mit einer Person des gleichen Geschlechts


ILLUSTRATION: Barbara Ott