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Sexfantasien – Kopfkino mit Konfliktpotenzial


Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 11.08.2021

Artikelbild für den Artikel "Sexfantasien – Kopfkino mit Konfliktpotenzial" aus der Ausgabe 9/2021 von Psychologie Heute. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 9/2021

Sexuelle Fantasien sind den allermeisten von uns vertraut. Unsere Einbildungskraft bringt sie hervor, oft speisen sie sich auch aus Erinnerungen oder Beobachtungen. Fantasien intensivieren die sexuelle Erregung, bringen aber bei Bedarf auch eine Reihe anderer Vorzüge mit sich: Sie können tröstlich sein, Freude und Entspannung spenden, eine kleine Flucht aus dem Alltag eröffnen, die Realität weichzeichnen, die sexuelle Identität festigen, Lebendigkeit spürbar machen und vieles mehr.

Was uns in der Fantasie erregt, spiegelt häufig konkrete sexuelle Vorlieben, Wünsche und Sehnsüchte wider. Oft geschehen auf dieser inneren Bühne aber auch im wahrsten Sinn fantastische Dinge, die sich extra weit weg von der Realität bewegen. Verbotenes spielt sich ab, wir können folgenlos abwegige Abenteuer riskieren. Manche teilen ihre Fantasien gerne mit ihren Sexualpartnern oder inszenieren sie als erotisches ...

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... Rollenspiel. Für andere sind sie das Privateste überhaupt, ein Ort größter Intimität mit sich selbst, vor aller Welt verborgen.

Nicht immer stellen die eigenen Fantasiegelüste oder die des Partners eine ungetrübte Quelle erotischen Wohlbefindens dar. Dafür ist Erotik an sich ein viel zu spannungsreiches Phänomen: Widersprüche, Ängste, Scham, Werte- und Paarkonf likte gehören per se zu ihren Risiken und Nebenwirkungen. Ist es okay, beim Sex mit dem einen Partner von anderen zu fantasieren? Wieso erregt mich in meiner Fantasie etwas, das ich im „echten Leben“ abstoßend finde? Ist das pervers? Wieso fühlt sich meine Partnerin betrogen, nur weil ich mit anderen im Internet Fantasien austausche oder mir öfter Pornos angucke? Wieso ist er so befremdet von meiner Fantasie? Sexuelle Gedanken kommen ungefragt über mich, wie kann ich wieder Kontrolle darüber gewinnen? Oder: Wieso habe ich keine Fantasien? Das ist doch nicht normal– oder?

Infragestellungen dieser Art begegnen mir häufig in meiner therapeutischen Arbeit. Das, was meine Klientinnen und Klienten an ihren sexuellen Fantasien als problematisch empfinden, lässt sich grob in drei Kategorien sortieren: „zu wenig“, „zu viel“ oder „die falschen“ (siehe die Fallbeispiele auf Seite 43).

Zu wenig Fantasie – diese Bewertung steht meistens im Zusammenhang mit sexueller Lustlosigkeit oder Lustunter- schieden in der Paarbeziehung. Menschen, die sich von ihrer Sexualität entfernt erleben und die Sehnsucht – oder den Druck – verspüren, wieder Zugang zur eigenen Erotik zu finden, behaupten oft: „Sexuelle Gedanken kommen mir gar nicht in den Sinn, so wie ich ja auch keine Lust auf Sex habe.“ Oder sogar: „Sexuelle Fantasien hatte ich noch nie, und wenn ich welche produzieren soll, fühle ich mich gleich noch schlechter.“

Solche oder ähnliche Defiziterzählungen beinhalten gleich zwei wenig hilfreiche Annahmen: Dass es erstens wichtig wäre, sexuelle Fantasien zu haben, und dass zweitens man selbst eben dazu nicht in der Lage sei. An beiden Annahmen gilt es dann therapeutisch freundlichst zu rütteln. Wer sagt oder beklagt, dass die Person „fantasielos“ sei? Wozu genau wäre es wichtig, Fantasien zu haben? Warum nicht stattdessen einfach auf die sexuellen Körperempfindungen achten? Oder wie wäre es, sich gar ganz von sexuellem Sollen freizusprechen? Die Erlaubnis, zu etwas nein zu sagen oder auf die eigene Art normal sein zu dürfen, erinnert uns daran, dass wir autonome Wesen sind und Wahlfreiheit genießen.

Nur wenn sie damit in Kontakt kommen will, findet jede Person bei sich sexuelle Fantasien. Diese Tatsache ist ihr womöglich noch nicht aufgefallen, weil der mitgebrachte Fantasiebegriff oft so eng gefasst ist. Fantasien bestehen nicht immer aus ausgefeilten Filmsequenzen im Kopf kino. Der erotische Erfahrungs-, Beobachtungs- und Erinnerungsschatz hält so viele Details bereit: eine f lüchtige Geste, eine bestimmte Berührung oder Fastberührung, das Timbre einer im Vorbeigehen gehörten Stimme, eine Filmszene gestern oder vor vielen Jahren. Oder eben im eigenen Wertekanon „unerlaubte“ und daher vorsorglich ausgeblendete Reize, zum Beispiel jemanden hart anzufassen, nackt Blicken ausgesetzt zu sein oder der viel jüngere Mann am Kiosk.

Manchmal lade ich Klientinnen und Klienten zu einer Fantasiereise in ihren „erotischen Raum“ ein – mit dem Zusatz, dass es überhaupt nicht darum gehe, dort etwas im engeren Sinn Sexuelles sehen zu sollen. Ich lade sie ein, einfach neugierig auf die inneren Bilder zu sein, die bei der Idee entstehen, in den eigenen erotischen Raum zu reisen, und begleite sie dabei. Landschaften entstehen vor dem inneren Auge, sinnliche Erfahrungen aller Art, spezielle Gebäude oder

Räume, manchmal Begegnungen mit anderen. Fast immer erbringt das symbolische Material Hinweise auf Konf likte oder Entwicklungsthemen und auf wichtige Bedürfnisse, etwa in Ruhe gelassen zu werden oder den eigenen Weg selbst bestimmen und den eigenen Raum wirklich selbst gestalten zu dürfen. Anders hinzusehen, hinzuhören, hinzuspüren und das Interesse daran, jenseits des sozial Erwünschten das zu entdecken, was persönlich stimmig ist, kann zu bereichernden Erkenntnissen führen – und manchmal zu neuen Risiken in der Partnerschaft: Wenn da auf einmal Wünsche entstehen, wie kompatibel sind sie mit denen meines Partners? Und was, wenn nicht?

Ganz andere Sorgen haben Menschen mit einem Konflikt der Variante „zu viel“. Das Zuviel wird in den Leidensgeschichten in etwa so beschrieben: „Ich habe das Gefühl, Zeitpunkt, Dauer und Ausmaß meiner gedanklichen Beschäftigung mit Sex nicht mehr selbst kontrollieren zu können.“ Übermäßiger Pornokonsum wäre ein Beispiel dafür. Enorm wichtig ist, den Bedeutungskontext zu erkunden: Was der Partnerin zu viel Porno ist und sie bedroht, ärgert, verzweifelt macht, muss nicht Pornosucht bedeuten. Zunächst steht der Paarkonf likt im Fokus und die Frage, was wen verletzt, was wem was bedeutet und wie die Partner gegensätzliche Bedürfnisse miteinander aushandeln wollen. Geht es der Person tatsächlich darum, Kontrolle über die Fantasien zurückzugewinnen, braucht sie ein feineres Verständnis dafür, welche Emotionen, Stresszustände und ungestillten Bedürfnisse der Treibstoff sein könnten, etwa nervöse Spannung, Langeweile und Leere, Niedergeschlagenheit oder das Gefühl eigener Unzulänglichkeit?

Eine nochmals andere Form des Kontrollverlustes besteht bei Fantasien, die im Zusammenhang mit einem Trauma stehen: Während eines durchaus erwünschten sexuellen Akts können – ausgelöst durch Berührungen und sexuelle Stimulation – unvermittelt verstörende Bilder eines sexuellen Übergriffs in der Vergangenheit auftauchen. In einer solchen Situation ist es oft sinnvoll, den Kontext und die Umgebung so zu gestalten, dass der Stresspegel sinkt. So kann es zum Beispiel sehr hilfreich sein, beim Sex in eine Stellung zu wechseln, die viel Kontrolle und die aktive Eigenbewegung des Körpers erlaubt. Auch lässt sich die Aufmerksamkeit bewusst auf beruhigende sinnliche Aspekte der Situation lenken, etwa auf die Augen des Partners, auf angenehme Gerüche, auf den Klang der Stimmen.

Fantasien in Verbindung mit einem Trauma können aber noch aus einem ganz anderen Grund deplatziert wirken: wenn sie zwar als ängstigend und abstoßend, aber paradoxerweise auch als erregend erlebt werden. Die Verquickung von Qual und Lust bringt die betroffene Person oft besonders in die Bredouille.

Das Leiden an dem Inhalt der eigenen Fantasien weist auf Wertekonf likte hin, wie sie häufig im Zusammenhang mit Sexualität stehen: Was frommt, ist nicht unbedingt das, was erregt; was erregt, nicht immer konform zum Wertekanon, den ich zu haben glaube. Ist es nicht peinlich, als Feministin davon zu fantasieren, zum Sex gezwungen zu werden oder eine Hure zu sein? Wieso kann ich es nicht lassen, als Heteromann immer wieder auf Gayportalen herumzusurfen? In manchen Fällen wird eine bestimmte Fantasie oder ein Rollenspiel, etwa von Dominanz und Unterwerfung, zwingend zur Erregung benötigt – was vielleicht auf Dauer eine lebendige erotische Begegnung verhindert.

Auch bei dieser Art von Konf likten ist eine verstehende Annäherung hilfreich: Kann ich für einen Moment die Selbstbezichtigung beiseitelassen und mich dafür interessieren, was diese Fantasie mit mir und meinem Leben zu tun hat? Meistens steht die Art, wie wir Sexualität erleben, für die Erfüllung wichtiger Grundbedürfnisse jenseits des rein Sexuellen, etwa den tiefen Wunsch nach Bestätigung, nach Kontrolle oder dem Gegenteil: sich ganz hinzugeben, Verantwortung abgeben zu dürfen. Dass sie in tieferen unerfüllten Bedürfnissen wurzeln, macht einige unliebsame Fantasien so hartnäckig.

Nicht immer sind die eigenen Fantasiegelüste oder die des Partners eine ungetrübte Quelle erotischen Wohlbefindens

Manchen Klientinnen und Klienten gelingt es, besonders störende Aspekte der Fantasie gerade so weit umzugestalten, dass sie sie noch erregen, aber nicht so unangenehm daherkommen. Eine Frau zum Beispiel fühlte sich von einer Fantasie terrorisiert, die ihre sexuelle Demütigung durch mehrere von ihrer Chefin ermutigte Männer beinhaltete. Nun aber malte sie sich ein wohlwollendes Gespräch mit der Chefin als Komplizin im Vorfeld aus, getragen von mehr Wärme und Augenhöhe im Kontakt mit ihr. Das half ihr, die Fantasie besser mit ihrem Selbstwertgefühl in Einklang zu bringen.

Auf die eine oder andere Weise stellen sich im Zusammenhang mit sexuellen Fantasien häufig interessante Entwicklungsfragen für die Person und das Paar: Was passt noch zu mir und zu uns? Wie zufrieden bin ich mit meinem Sexualleben? Was haben Art und Ausmaß meiner Fantasien denn mit mir zu tun, welche Lebensthemen und Entwicklungsperspektiven erkenne ich darin? Eine wunderbare Vorlage für die Beschäftigung mit solchen Fragen lieferte der Psychoanalytiker Jack Morin in seinem Buch The Erotic Mind. Seine Grundhaltung:

Widersprüche gehören zur Erotik, es gilt sie zu verstehen und zu bejahen.

Morin geht davon aus, dass emotionale Frustrationen und Konf likte unserer Lebensgeschichte uns begleiten und dass wir sie, oft unbewusst, zu lösen versuchen. In der Erotik, so Morin, begegnen uns problematische Punkte spannungserhöhend in Gestalt erotischer Hindernisse auf dem Weg zur sexuellen Erfüllung. Solche Hinder- nisse könnten zum Beispiel Verbote aus unserer Kindheit und Jugend sein; oder von unserem Umfeld als inakzeptabel beurteilte Partner; oder die Möglichkeit, erwischt zu werden beim Sex; oder die Unerreichbarkeit der geliebten Person.

In der Fantasie werden solche Hindernisse und Wunden von früher nun neu inszeniert. Die Fantasie wird somit zum Theaterstück mit Dramaturgie: problematischer Spannungsauf bau mit Kulmination und Finale. Lustgewinn kann laut Morin schon allein dadurch entstehen, dass die ursprünglich schmerzhafte emotionale Erfahrung in eigener Regie sexuell in der Fantasie reinszeniert wird. Oder sogar dadurch, dass sich der Konflikt innerhalb der Fantasie tatsächlich auf löst oder triumphal verwandelt – zum Beispiel indem ich diejenige werde, die sich am Ende ermächtigt, oder indem es keine Sanktion gibt beim Brechen des Verbotes, keine Entdeckung.

Dabei lohnt es sich, auf die Emotionen während dieser Reinszenierung zu achten: Löst sich ein Gefühl der Demütigung in den Triumph der Wertschätzung auf? Verlassenheit in das Erleben von Nähe und Sicherheit? Ohnmacht in Macht? Überforderung in Kontrolle? Die Befürchtung, wertlos zu sein, in volle Bestätigung? Selbst wenn nur eine Prise solch emotionaler Würze in der Fantasie zu finden ist, offenbaren sich darin oft persönliche Kernthemen.

Zu theoretisch? Falls Sie neugierig geworden sind, können Sie sich ganz praktisch fragen: Welche erotische Erinnerung oder Lieblingsfantasie könnte mich besonders intensiv erregen? Oder: Welche erotischen Filme, Bilder oder Texte interessieren mich am meisten? Was macht sie so besonders für mich? Was sind wichtige Merkmale in einer solchen Fantasie (Personen, Zeit, Ort, Beziehungen, Körpermerkmale, Praktiken …)? Warum sind diese so wichtig und erregend für mich? Was steigert die Spannung? Welche Hindernisse stehen zunächst im Weg? Welche Gefühle und Bedürfnisse spielen in die Fantasie hinein, und wie verändern sich diese im Verlauf der Fantasie?

Vielleicht kommen Sie mithilfe dieser Fragen auf eine Spur und können entdecken, was Sie über Ihre Lieblingsfantasien, Lieblingserinnerungen, sexuellen Nachtträume oder spezifischen Vorlieben bei Erotika über sich erfahren oder wiederentdecken können.

In der Therapie geht diese Erkundung sehr häufig mit – am Ende – guten Gefühlen und größerer Selbstakzeptanz einher: Das Ja zur eigenen Fantasie kann klarer werden, über das tiefere Verständnis wird der manifesten Fantasie oft die moralische Schärfe genommen – ohne dass die sexuelle Schärfe sich verringert. ■

ZUM WEITERLESEN

Angelika Eck: Sexuelle Fantasien in der Therapie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2020