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Sexualität und Geschlechterverhältnisse


Migration und Soziale Arbeit - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 01.08.2019

Sowohl Anlässe als auch Ergebnisse von Migrationsprozessen und deren Bewertung werden mit diversen Sexualitäten und deren Ausprägungen in den Bereichen ,Sex, Gender und Begehren‘ sowie mit verschiedenen Lebensweisen in Verbindung gebracht. In diesem Kontext sind Zusammenhänge von Geschlechterverhältnissen mit der individuellen und kollektiven Ausprägung und Richtung des Begehrens von besonderem Interesse. Immerhin richten sich migrationskritische Diskurse vornehmlich auf die Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen und diverse Zuschreibungen sexueller Verhaltensweisen an Migrantinnen und Migranten ...

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Sowohl Anlässe als auch Ergebnisse von Migrationsprozessen und deren Bewertung werden mit diversen Sexualitäten und deren Ausprägungen in den Bereichen ,Sex, Gender und Begehren‘ sowie mit verschiedenen Lebensweisen in Verbindung gebracht. In diesem Kontext sind Zusammenhänge von Geschlechterverhältnissen mit der individuellen und kollektiven Ausprägung und Richtung des Begehrens von besonderem Interesse. Immerhin richten sich migrationskritische Diskurse vornehmlich auf die Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen und diverse Zuschreibungen sexueller Verhaltensweisen an Migrantinnen und Migranten mit spezifischer Religionszugehörigkeit und nationaler Herkunft. Sowohl das Verständnis der damit einhergehenden Konflikte als auch eine diversitätssensible Pädagogik und Politik brauchen eine genauere Einsicht in die psychodynamischen Prozesse des Begehrens und ihre Abhängigkeit von Geschlechterverhältnissen wie auch gesellschaftlichen Machtstrukturen. Der hier zu klärende Zusammenhang von Sexualität und Geschlechterverhältnissen ist nur nachvollziehbar, wenn zunächst die Begriffe definiert werden, die je nach Diskursraum sowohl wissenschaftlich als auch alltagssprachlich unterschiedlich verwendet werden. In der sexualwissenschaftlichen und sexualpädagogischen Fachdebatte orientiert sich der BegriffSexualität inzwischen an der breiten Arbeitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation. Diese enthält die Kategorie „Geschlecht“ und „Geschlechtsidentität“ in Kombination mit Begehren, Orientierung und Beziehungsweisen:
„Sexualität bezieht sich auf einen zentralen Aspekt des Menschseins über die gesamte Lebensspanne hinweg, der das biologische Geschlecht, die Geschlechtsidentität, die Geschlechterrolle, sexuelle Orientierung, Lust, Erotik, Intimität und Fortpflanzung einschließt. Sie wird erfahren und drückt sich aus in Gedanken, Fantasien, Wünschen, Überzeugungen, Einstellungen, Werten, Verhaltensmustern, Praktiken, Rollen und Beziehungen. Während Sexualität all’ diese Aspekte beinhaltet, werden nicht alle ihre Dimensionen jederzeit erfahren oder ausgedrückt. Sexualität wird beeinflusst durch das Zusammenwirken biologischer, psychologischer, sozialer, wirtschaftlicher, politischer, ethischer, rechtlicher, religiöser und spiritueller Faktoren“ (WHO 2006).
Der komplexe Sexualitätsbegriff enthält also eine somatische, psychische und eine soziokulturelle beziehungsweise gesellschaftliche Dimension, die im Binnenverhältnis von Begehren, Geschlecht und Lebensweisen unterschiedlich gewichtet sind und miteinander in Beziehung stehen (Brückner 2009, Quindeau 2005, Schmidt 1999). In der ganz individuellen sexuellen Identität amalgamieren sie sich noch einmal in besonderer Weise (Burchardt 1999, Brückner 2013, Sielert 2015). Auch der Begriffsexuelle Identität meint nicht nur die sexuelle Orientierung eines Menschen, sondern:
„Die sexuelle Identität ist das grundlegende Selbstverständnis der Menschen davon, wer sie als geschlechtliche Wesen sind, wie sie sich selbst wahrnehmen und wie sie von anderen wahrgenommen werden wollen. Der Begriff sexuelle Identität umfasst das geschlechtliche Selbstverständnis (biologisches, psychisches und soziales Geschlecht) sowie die sexuelle Orientierung (Begehren)“ (Dreier/Kugler/Nordt 2012).
Wenn nun vonSexualität und Geschlechterverhältnissen die Rede ist, dann ist die Aufmerksamkeit von Deskription und Analyse – psycho- analytisch gesprochen – auf die Objektbeziehungen des kollektiven oder individuellen Begehrens gerichtet, soweit sie durch spezifische Ausformungen der ‚Subjekte‘ und ‚Objekte‘ auf der Kategorie „sex und gender“ beziehungsweise „Geschlecht“ repräsentiert sind. Jeder Mensch hat einen individuellenGeschlechtskörper – ein biologisches Geschlecht – mit je spezifischem Erscheinungsbild, aber auch genetischen, chromosomalen und hormonellen Besonderheiten, die sowohl die sichtbaren körperlichen Merkmale bestimmen, als auch auf die subjektive Selbstwahrnehmung und das sexuelle Begehren einwirken (vgl. Voß 2010). „Gender“ umfasst den gesamten Komplex der sozialen Zuschreibungen der angesichts einer biologischen Vereindeutigung des menschlichen Körpers vorgenommen wird. Unstrittig ist über alle Disziplingrenzen dabei vor allem Folgendes:
„Jeder Mensch ,hat‘ ein Geschlecht; Geschlecht ist eine prozessorale Differenzkategorie und Geschlecht steht in Beziehung zum Körper. Menschen ,haben‘ ein Geschlecht, das scheint unbestreitbar – auch wenn gerade nicht klar ist, welche ,Materialität‘ Geschlecht zukommt, was dieses ,Haben‘ für die Einzelnen bedeutet und auch wenn das Geschlecht eines Menschen nicht immer eindeutig bestimmbar ist. Ein Geschlecht ,zu haben‘ ist derzeit eingelassen in die soziale Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit (Duttweiler 2013: 22).“
Repräsentationsformen und Bedeutungen von Geschlecht und spezifischer Geschlechtsidentität sind also grundsätzlich bio-psycho-sozial konstruiert und variieren auf allen diesen Ebenen in verschiedenen historischen Epochen und Kulturen je nach der gesellschaftlichen Organisation von Arbeit, Reproduktion, Macht und Einfluss (Butler 1991, 1995, Villa 2001, Hark 2009). Das klingt aus sozialwissenschaftlich- dekonstruktiver Perspektive flexibler und variantenreicher als es in spezifischen gesellschaftlichen Verhältnissen und zu bestimmten historischen Bedingungen tatsächlich ist und von den jeweiligen Individuen empfunden wird. Geschlecht bedeutet in unserer Gesellschaft eine vermeintlich selbstverständliche Unterscheidung zwischen zwei Gruppen, nämlich Männern und Frauen. Im Online-Lexikon für Psychologie und Pädagogik heißt es zum Beispiel ganz typisch:
„Das Geschlecht ist in der Psychologie die Bezeichnung für die biologisch (Sex) oder sozial beeinflussten (Gender) Charakteristika, die Menschen als männlich oder weiblich definieren“ (Stangl 2019).
Gleichzeitig ist damit die Notwendigkeit angesprochen, die jeweils vorherrschenden Geschlechterverhältnisse in den Blick zu nehmen, die Einfluss darauf haben, was als „männlich“ oder „weiblich“ gilt:
„Der Begriff Geschlechterverhältnis bezeichnet die Art und Weise, wie Beziehungen zwischen Männern und Frauen in bestimmten historischen Konstellationen gesellschaftlich organisiert und institutionalisiert sind. Dies ist in mehreren Dimensionen zu sehen: Geschlechter (sex und gender) [Hervorhebung im Orignal; d.Red.] und Geschlechterverhältnisse sind kulturell konstruiert, interaktiv hergestellt und durch Geschichte und Gesellschaft geprägt.“ (Queerlexikon: Definition)
Geschlecht kann damit als Verbindung zwischen Identität und Struktur begriffen werden. Die Strukturkategorie ,Geschlecht‘ und die Bestimmung der jeweiligen Geschlechterverhältnisse in einer Gesellschaft eröffnen den analytischen Zugang zu einer zentralen Dimension der Ungleichheitsstrukturen.
„Die Geschlechtszugehörigkeit fungiert in der Regel als ,sozialer Platzanweiser‘, indem sie unterschiedliche Zugänge zu und Verfügungsmöglichkeiten über Ressourcen (Kapitalien) eröffnet. Zugleich ist Geschlecht eine zentrale Dimension individueller Identität, die in all ihren körperlich-leiblichen, sozialen und emotionalen Facetten interaktiv hergestellt wird und auch die mehr oder weniger konstante sexuelle Orientierung sowie das sexuelle Begehren umfasst“ (Mogge- Grotjan 2015: 149).

Im Migrationszusammenhang interessieren angesichts kulturell bedingter differierender psychosozialer Geschlechtsidentitäten und Geschlechterverhältnisse bei Einheimischen und bei Zugewanderten die existierenden oder zu erwartenden Zusammenhänge mit anderen Komponenten der WHO-Sexualitätsdefinition. Bei dem im Alltagssprachgebrauch noch dominanten engen Verständnis von Sexualität assoziieren die meisten Menschen Lust und Begierde, die in der Bindung sexueller Erregung an spezifische Objekte in der Regel mit dem Begriff des Begehrens bezeichnet werden (Kernberg 1998). Mehr oder weniger zugegeben und ausgesprochen wird das Begehren im gesellschaftlichen Diskurs über Geflüchtete schnell migrationsspezifisch sexualisiert und in einen Problemund Gefahrenkontext gesetzt. So hat sich in der deutschen Öffentlichkeit ein Diskurs etabliert, der Geschlechterungleichheit, Homonegativität und sexuell motivierte Straftaten einem Modernisierungs- und Demokratisierungsdefizit von Migrantinnen und Migranten zuschreibt. Angesichts solcher Stereotypisierungen des Eigenen und des Fremden im Kontext von „Sexualität und Geschlechterverhältnissen“ wird deutlich, wie sehr sich dieses Thema als Projektionsfläche für unbegriffene psycho-sexuelle Zusammenhänge eignet. So ist das subjektiv empfundene Begehren zum Beispiel kein simples Triebgeschehen, sondern setzt sich aus biografisch erworbenen existenziellen Affekten zusammen, die sich in interaktiven Prozessen zu sexuellen Mustern verdichten und über die Kategorie Geschlecht mit den sie umgebenden Machtund Herrschaftsverhältnissen verbunden sind. Diese sind zudem historisch gewachsen und können auch durch Migrationsprozesse in Bewegung geraten. Die in unserer westlich-kapitalistisch geprägten Einwanderungsgesellschaft ohnehin vollzogenen Modernisierungsprozesse im Geschlechterverhältnis werden durch die sozio-kulturellen Traditionen von Zugewanderten noch einmal verkompliziert und führen in der Bevölkerung zu sehr unterschiedlichen Reaktionen. Zu verstehen und als Ausgangspunkt für pädagogische wie politische Interventionen zu nutzen sind sie nur, wenn die Bedeutung und Komplexität der bio-psycho-sozialen Zusammenhänge von Sexualität und Geschlechterverhältnissen analytisch erfasst begriffen werden. Vor allem wird dadurch deutlich, dass keine vereindeutigenden und schnellen Lösungen erfolgversprechend sein können.

Zur interaktiven Genese des Begehrens
Zum differenzierten Verständnis der Thematik ist zunächst sinnvoll, das sexuelle Begehren mit sexualwissenschaftlichen Kategorien zu betrachten. Dem überwiegend unbewussten Entwicklungsprozess des Begehrens wohnt „sowohl auf der Ebene körperbezogener Wünsche als auch von den zwischenmenschlichen Beziehungen her etwas strukturell Konflikthaftes inne, das sich neben Lustgefühlen in schmerzlichem Sehnen, Angst und auch Wut Ausdruck verschaffen kann“ (Brückner 2013: 220).
Alle im Prozess der frühen Körper-, Beziehungs- und Geschlechtsgeschichte vermittelten Reize werden im Gehirn als sexuell lustvoll und befriedigend kodiert, soweit sie auf angenehmen körperlichen Interaktionen beruhen und von emotionaler Zugewandtheit und Zärtlichkeit begleitet sind. Oder es entstehen negativ gefärbte Emotionen, wenn die frühen Erfahrungen von körperlicher und emotionaler Missachtung oder gar schmerzhaften Grenzverletzungen geprägt sind. Die Gleichzeitigkeit von lustvollen und unangenehmen Erlebnissen oder ein Wechselbad beider Bereiche kann zu jenen Amalgamierungen führen, die im psychosexuellen Wünschen und Erleben Angstlust und Aggressionslust zur Folge haben. Da in jeder individuellen Biografie solche unterschiedlichen Erfahrungen – wenn auch meist nur in homöopathischer Dosierung – zur ‚Normalsexualisation‘ gehören, speist sich das Begehren – psychoanalytisch gedeutet – sowohl aus aggressiven als auch aus libidinösen Elementen. Nicht anders sind die Wünsche nach Eroberung und Hingabe, nach Abgrenzung und Verschmelzung zu erklären, die sexuelles Erleben in Geschlechterbeziehungen dynamisch gestalten (Kernberg 2014).

Wenn Menschen von Anfang an in ihrer körperlichen und emotionalen Bedürftigkeit von den bedeutsamen Anderen, also in der Regel den Eltern, gar nicht wahr- und ernstgenommen werden, entsteht insgesamt weniger oder negativ gefärbtes Begehren. Bei dauerhaften oder besonders aggressiven Grenzüberschreitungen erleben sich die entsprechend traumatisierten Menschen als Eigentum des jeweiligen Gegenübers und können nicht das Gefühl und Bewusstsein entwickeln, auch sexuell eine eigenständige Person zu sein. Oder sie betrachten – als Überlegene – ihrerseits das Gegenüber als ihr Eigentum und überlassen sich den eigenen ungezügelten Begierden ohne Ansehen der Person, die ihnen meist machtvoll ausgeliefert ist. Gelingt es aber, Objektbeziehungen auf der Basis einer Trennung zwischen dem Ich und dem Anderen einzugehen und den jeweils anderen als eigenständige Person zu begreifen, werden den in der sexuellen Erregung enthaltenen Impulsen der aktiven und/oder passiven Unterwerfung durch Empathie und freiwillige Erwiderung des eigenen erotischen Begehrens Grenzen gesetzt. Die im Prinzip grenzen- und richtungslose Begierde wird dadurch innerhalb gleichwertiger zwischenmenschlicher Beziehungen eingehegt (vgl. Brückner 2013: 221). Wie viel Begierde im Begehren allgemein und/ oder status- sowie geschlechtsspezifisch enthalten sein darf, das differiert sowohl historisch als auch kulturell beträchtlich und ist auch in einer individuellen Sexualbiografie veränderbar. So lehrt ein Blick in die Sexualitätsgeschichte, dass die Möglichkeiten zur sexuellen Selbstverwirklichung je nach Sozialstatus, Geschlecht und Alter schon immer sehr ungleich verteilt waren (Haeberle 1985: 303-534; Eder 2009; Bauer 2011). Diese Einschränkungen bestehen bis heute fort, wenn auch im westeuropäischen und angloamerikanischen Kulturkreis für die meisten Menschen ein deutlicher Unterschied zwischen dem Repressionsdiskurs vor der so genannten sexuellen Revolution und dem Befreiungsdiskurs des anschließenden Konsumkapitalismus festzustellen ist (Schmidt/Sielert/ Henningsen 2017: 32-144).

Sexuelles Begehren im gegenwärtigen Geschlechterdualismus
Die für ein psychisch gesundes Austarieren von Autonomie und Abhängigkeit notwendigen Zugänge zu sowohl aktiven als auch passiven Anteilen des sexuellen Begehrens sind angesichts der immer noch wirksamen männlichen und weiblichen Prinzipien im Geschlechterverhältnis und im sexuellen Erleben sehr ungleich verteilt. Männern wird traditionell mehr Macht über den eigenen und fremden Körper zugestanden als Frauen, die durch Geburtenkontrolle, mangelnde Selbstexploration des lustvollen Körpers und weniger Definitionsmacht bei der Kontrolle über die eigenen Grenzen benachteiligt sind (vgl. Brückner 2013: 791). Die in diese heteronormativen Ungleichverhältnisse eingelassene Machtdominanz auf Seiten der Männer und strukturellen Ohnmachtserfahrungen der Frauen verbinden sich auf vereindeutigende und den Geschlechterdualismus festigende Weise mit den psychosexuellen Mechanismen des lebendigen Begehrens. Männer lernen „aggredere“ im Sinne des Herangehens, des In-Angriff- Nehmens, der Grenzüberschreitung sowie Abgrenzung und Frauen eine Mischung aus fürsorglicher („caritas“) und leidenschaftlicher Hingabe („libido flagrans“) sowie ein stärkeres Abhängigkeits- und Verschmelzungsbedürfnis. Die in lebendigen Liebesbeziehungen oszillierende Psychodynamik des Begehrens wird auseinandergerissen, auf Männer und Frauen aufgeteilt und seit Jahrhunderten als spezifisch männliche beziehungsweise weibliche Form des Lusterlebens inkorporiert. Kein Wunder, dass diese Ineinssetzung von sexuellem Begehren und Geschlechtsrolle im machtungleichen dualistischen Geschlechterverhältnis eine Beharrlichkeit entwickeln konnte, die im subjektiven Erleben als ,natürlich‘ und religiös als ,gottgegeben‘ essentialisiert wurde. Hinzu kommt das bis in die Neuzeit dominierende Verständnis von Generativität, bei der Sexualität allein der heterosexuell möglichen Fortpflanzung diente. Dennoch lässt sich die Frage nach dem Verhältnis von Sexualität und dem Geschlechterverhältnis in der Gegenwartsgesellschaft nicht mehrganz so eindeutig beantworten. Es gibt nach wie vor geschlechtlich konnotierte soziale Ungleichheiten, die durch Zuwanderung von Menschen aus stark geschlechtersegregierenden Kulturen noch einmal verstärkt wahrgenommen werden und sich in unterschiedlichen körperbezogenen Erfahrungen und sexuellen Verhaltensweisen Ausdruck verschaffen (Herwartz-Emden 2017; Tunc 2017). Andererseits sind gesellschaftliche Liberalisierungsschübe auch in einer gewachsenen Vielfalt real gelebter Geschlechtsverständnisse und sexueller Identitäten sowohl in der Gesamtbevölkerung als auch in migrantischen Subkulturen beobachtbar (Bode/Heßling 2015). Immerhin hat sich das gängige Ideal geistiger und sexueller Gesundheit bis heute derart verändert, dass sowohl mehr als auch eine größere Spannbreite sexueller Energie und Aktivitäten für alle Menschen ohne Ansehen der Lebensalter, der Herkunft und des Geschlechts als legitim und sogar geboten betrachtet werden (vgl. Mitchell 2002: 136). Letztes wird vornehmlich möglich in geschlechtergerechten Verhältnissen, in denen Menschen befähigt werden, den Möglichkeitsraum selbstgestalteter Geschlechtsidentität innerhalb und zwischen bisher bekannter Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit zu leben. In solchen Beziehungen steht auch nicht mehr der kulturell männlich dominierte sexuelle Drang in Gestalt eines Triebs im Mittelpunkt, dem sich weibliche Hingabe fügt, sondern die erotische Interaktion zwischen beiden Partnern, die auch angesichts des Begehrens und Begehrt-werdens gleichberechtigt miteinander verhandeln. Verantwortlich für diese Entwicklung waren neben sozioökonomischen Basisprozessen diverse Frauenbewegungen, insbesondere jene im Kontext der 1968er sexuellen Revolution, die dem weiblichen Begehren eine öffentliche Stimme gegeben hat (Lenz 2003: 17- 50).
Wie schwierig allerdings solche Aushandlungsprozesse im Bereich sexuellen beziehungsweise erotischen Begehrens im Zeichen von Er- und Bemächtigungen auch innerhalb demokratisierter Geschlechterverhältnisse sind, beschreibt Brückner (2013) in Anlehnung an Kernberg: Erotisches Begehren strebt nach der Lust des Einswerdens durch Grenzüberschreitung und Verschmelzung bei beiden Geschlechtern, die durch wechselseitige Identifizierung mit der Lust des Gegenübers verstärkt wird. Die Integration zärtlicher und libidinös verbindender Strebungen führt zu einer Idealisierung des Anderen und der Genuss exhibitionistischer und voyeuristischer Momente nährt den Wunsch zu locken und gelockt zu werden. Die gegenseitige Nacktheit und wahrgenommene Verletzlichkeit sowie das auch aggressive Überschreiten von Körpergrenzen nährt gleichzeitig das Empfinden der Normverletzung und des Auslebens verbotener Phantasien und Wünsche. Sobald die erfahrene Intimität und Exklusivität eins wird mit dem Alltagsleben, schlagen sie um in Ausbruchsverlangen und entsprechend aggressive Bestrebungen des Sich-absetzens (vgl. Kernberg 1998: 53 nach Brückner 2013:223). Es ist absolut verständlich, wenn in solchen Phasen – und insbesondere in Krisensituationen – die tief sitzenden geschlechtstypischen Verhaltensmuster wieder greifen.

Veränderungen der Geschlechterverhältnisse und Konsequenzen für das sexuelle Begehren
Obwohl der Mann-Frau-Dualismus unsere Kultur substantiell durchzieht und die meisten Menschen mit Hilfe der Zuordnung zum männlichen oder weiblichen Geschlecht und einer heterosexuellen Orientierung in ihrer sexuellen Identität Zugehörigkeit und Sicherheit erfahren, sind die konkreten Ausprägungen von Männlichkeit und Weiblichkeit wie auch das Erleben sexueller Anziehung und Vorlieben faktisch variabler geworden. Die persönliche Geschlechtsidentität, die Richtung des Begehrens (sexuelle Orientierung) und das Selbstverständnis als sexuelle Person (sexuelle Identität) werden durch die gesellschaftliche Anerkennung von mehr Individualität und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung nicht mehr selbstverständlich mit den dualen Geschlechtsrollen von Mann und Frau, einer heterosexuellen Geschlechterspannung und darauf bezogenen sexuellen Identitäten vordefiniert. Inzwischen hat sicheine größere sexuelle Vielfalt der Lebens- und Liebesweisen in unserer Gesellschaft etabliert (Sigusch 2005). Schwule, lesbische, bisexuelle, auch asexuelle Lebensweisen und bisher nicht öffentliche Geschlechtsidentitäten werden sichtbar und die Betroffenen fordern ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Eine solche Anerkennung besonderer Geschlechtsverständnisse hat auch befreiende Auswirkungen auf den dominanten Geschlechterdualismus. Die Diskriminierung abweichender Identitätszuschreibungen führt nämlich implizit dazu, dass alle anderen Menschen in die ,Normalität‘ fest definierter Geschlechtsrollen sowie des heterosexuellen Begehrens gezwungen werden. Die Einteilung der Menschen in Männer und Frauen, die hetero-, homo- oder bisexuell leben und die gleichzeitige Diskriminierung homo- und bisexueller Identitäten beschränkt die sinnlich-emotionalen Kontakte auf eindeutig heterosexuelle Beziehungen. So wissen wir zum Beispiel aus autobiografischen Erzählungen queerer Migrantinnen und Migranten aus dem Iran, dass in orientalischen Kulturen die Geschlechterverhältnisse in sexueller Hinsicht anders gedeutet und gelebt werden als in den westlichen Residenzländern. Die Sexualitätskonstruktionen der befragten Männer erwiesen sich nicht als feste und unveränderliche Größen, sondern als prozesshaft, dynamisch und veränderbar (Thielen 2017). Viele Männer* lebten – wie der belgische Sexualwissenschaftler Jos van Ussel schon 1979 beschrieb – in ihrem Herkunftsland in vielfältigen hetero-, bi- oder homoerotischen, vor allem in bi- oder homosensuellen und -kulturellen Beziehungen. Erst die Notwendigkeit, sich im Aufnahmeland zurecht zu finden, eventuell auch wegen des Asylgrundes der im Herkunftsland diskriminierten homosexuellen Identität, ordneten sie sich dem dualen Muster von Hetero- und Homosexualität und ebenso dem dualen Geschlechterverhältnis zu. Potentiell sind also in vielen Kulturen multiple Geschlechtsidentitäten und auch entsprechende Geschlechterverhältnisse möglich. Sie werden in liberalen Demokratien in entsprechenden Teilkulturen auch offen gelebt, in politischen und kulturellen Autokratien subkulturell versteckt. Die darin eingelassenen Sexualitätskomponenten des Begehrens sowie der Generativität, auch der Lebens- und Liebesweisen, sind zunehmend vielfältig gestaltbar, wenn das überkommene bipolare Geschlechterverhältnis mit seinem Machtgefälle aufgeweicht wird. Aber auch dann wird der Traum vom ,reinen Begehren‘ in Analogie zur „reinen Beziehung“ (Giddens 1993) eine Utopie bleiben. Das aus konventionellen Geschlechterordnungen herausgelöste Begehren verspricht zwar neue Freiheiten, macht aber auch Angst. Es geht also nicht um die grundsätzliche Befreiung der Sexualität und insbesondere des Begehrens aus jeglichen (Geschlechter-)Beziehungen, sondern um neue Formen der Geschlechterbegegnung, die getragen sind von wechselseitiger Gemeinsamkeit sowohl in emotional-erotischer als auch fürsorglicher Hinsicht. Auch Begehren und Erotik bedürfen innerer und äußerer Schutzräume, in denen ohne ständig ungleiche Machtverhältnisse experimentiert werden kann. Die können aber sehr unterschiedlich aussehen und aus multikulturellen Erfahrungsräumen gespeist werden.

Literatur

Bauer, Thomas (2011): Die Kultur der Ambiguität – Eine andere Geschichte des Islams. Berlin.
Burchardt, Eva (1999): Identität und Studium der Sexualpädagogik. Frankfurt a. M.
Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt a. M.
Butler, Judith (1995): Körper von Gewicht. Frankfurt a. M.
Bode, Heidrun/Heßling, Angelika (2015): BZgA-Studie zur Jugendsexualität. Köln.
Brückner, Margit (2009): Gewalt in Paarbeziehungen. In: Lenz, Karl (Hrsg.): Handbuch persönlicher Beziehungen. Weinheim/München, S. 791–812.
Brückner, Margit (2013): Amalgamierungen des Begehrens: Körperliche Lust, erotisches Wünschen, psychosoziale Einpassungen. In: Schmidt, Renate- Berenike/Sielert, Uwe (2013): Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung. 2. Aufl. Weinheim/ Basel, S. 220–233.

Dreier, Katrin/Kugler, Thomas/Nordt, Stephanie (2012): „Sexuelle Identität“ – Glossar zum Thema geschlechtliche und sexuelle Vielfalt im Kontext von Antidiskriminierung und Pädagogik. In: Bildungsinitiative Queerformat und Sozialpädagogisches Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg (Hrsg.): Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Handreichung für Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe. Berlin.
Duttweiler, Stefanie (2013): Die Beziehung von Geschlecht, Körper und Identität als rekursive Responsivität. Eine Skizze. In: Freiburger Zeitschrift für Geschlechterstudien 19(2), S. 19–36.
Eder, Franz X. (2009): Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität. München.
Giddens, Anthony (1993): Wandel der Intimität. Sexualität, Liebe und Erotik in den modernen Gesellschaften. Frankfurt a. M.
Haeberle, Erwin J. (1985): Die Sexualität des Menschen. Handbuch und Atlas. 2. Aufl. Berlin/New York.
Hark, Sabine (2009): Heteronormativität revisted. Komplexität und Grenzen einer Kategorie. In: Kraß, Andreas (Hrsg.): Queer Studies in Deutschland: interdisziplinäre Beiträge zur kritischen Heteronormativitätsforschung. Berlin, S. 23–40.
Herwatze-Emden, Loenie (2017): Konzepte von „Weiblichkeit“ im Migrationskontext. In: Sielert, Uwe/Marburger, Helga/Griese, Christiane (Hrsg.): Sexualität und Gender im Einwanderungsland. Öffentliche und zivilgesellschaftliche Aufgaben – ein Lehr- und Praxishandbuch. Berlin, S. 98–113.
Kernberg, Otto F. (1998): Liebesbeziehungen – Normalität und Pathologie. Stuttgart.
Kernberg, Otto F. (2014): Liebe und Aggression. Eine unzertrennliche Beziehung. Stuttgart.
Lenz, Ilse (2003) (Hrsg.): Reflexive Körper. Opladen. Mitchell, Stephen A. (2002): Kann denn Liebe ewig sein? Psychoanalytische Erkundungen über Liebe, Begehren und Beständigkeit. Gießen.
Mogge-Grotjan, Hildegard (2015): Körper, Sexualität und Gender. In: Wendler, Michael/Huster, Ernst-Ulrich (Hrsg.): Der Körper als Ressource in der Sozialen Arbeit. Wiesbaden, S. 141–154.
Queerlexikon: Definition Geschlechterverhältnis. queer-lexikon.net/doku.php?id=sex:geschlechterverhaeltnis. (Abruf: 14.02.2019).
Quindeau, Ilka (2005): Sexuelles Begehren als Einschreibung. In: Zeitschrift für Sexualforschung 18, S. 88–90.
Schmidt, Gunter (1999): Spätmoderne Sexualverhältnisse, neue Kostüme der Erotik und Körperlichkeit. In: Diskurs 1, S. 10–17.
Schmidt, Renate-Berenike/Sielert, Uwe/Hennigsen, Anja 2017: Gelebte Geschichte der Sexualpädagogik. Weinheim/Basel.
Sielert, Uwe (2015): Sexuelle Vielfalt als Thema der Sexualpädagogik. In: Huch, Sarah/Lücke, Martin (Hrsg.): Sexuelle Vielfalt im Handlungsfeld Schule. Konzepte aus Erziehungswissenschaft und Fachdidaktik. Bielefeld, S. 93–112.
Sigusch, Volkmar (2005): Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion. Frankfurt a.M./New York.
Stangl, Werner (2019): Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik – Stichwort „Geschlecht“. lexikon.stangl.eu/(Abruf: 01.04.2019).
Thielen, Marc (2017): Das Verhältnis von (Flucht)Migration und Sexualität in autobiografischen Erzählungen queerer Migranten aus dem Iran. In: Sielert, Uwe/Marburger, Helga/Griese, Christiane (Hrsg.): Sexualität und Gender im Einwanderungsland. Öffentliche und zivilgesellschaftliche Aufgaben – ein Lehr- und Praxishandbuch. Berlin, S. 174–187.
Tunc, Michael (2017): Männlichkeitskonzepte im Migrationskontext. In: In: Sielert, Uwe/Marburger, Helga/Griese, Christiane (Hrsg.): Sexualität und Gender im Einwanderungsland. Öffentliche und zivilgesellschaftliche Aufgaben – ein Lehr- und Praxishandbuch. Berlin, S. 114–126.
van Ussel, Jos (1979): Intimität. Gießen.
WHO (2006) Defining sexual health. Report of a technical consultation on sexual health. 28-31. January. Genf, S. 10.
Villa, Paula-Irene (2001): Sexy Bodies: Eine soziologische Reise durch den Geschlechtskörper. Opladen
Voß, Heinz-Jürgen (2010): Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive. Bielefeld.

Prof. Dr. Uwe Sielert, sielert@paedagogik.uni-kiel.de