Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 8 Min.

SHANE TAN


Tattoo Kulture Magazine - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 02.08.2021

“SEIT LEICHTSINNIG, UNERMÜDLICH, BLEIBT EUCH SELBST TREU UND SCHAUT NIEMALS ZURÜCK. WIR HABEN NUR EINEN VERSUCH IN DIESEM LEBEN, LASS DICH NICHT VON DEINEN ZIELEN ABHALTEN!”

SHANE TAN

Artikelbild für den Artikel "SHANE TAN" aus der Ausgabe 5/2021 von Tattoo Kulture Magazine. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Shane Tan ist ein Mann auf der ständigen Suche sein Leben mit Erfahrungen zu füllen, die ihn bereichern. Er arbeitet mit Künstlern aus der ganzen Welt zusammen. Liebe, Frieden und Tätowieren sind sein Inbegriff von Kunst. Er verehrt die mystische Geschichte der japanischen und orientalischen Tätowierung, die reich an Kultur und Tradition ist.

Hey Shane, danke für deine Zeit! Bitte stell dich doch kurz einmal vor!

Hallo, ich heiße Shane Tan aka Feather Cloud und komme von der sonnigen Insel Singapur. Ich tätowiere seit 21 Jahren und bin stolzer Vater eines sechs Jahre alten Bengels.

Was hat dich heute morgen motiviert?

Ich hasse den Morgen! Ich wache auf und überlege, welcher Tag heute ist oder welches Jahr wir gerade ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Tattoo Kulture Magazine. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 5/2021 von GEDANKEN VON SABRINA. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GEDANKEN VON SABRINA
Titelbild der Ausgabe 5/2021 von GYPSY - SNAKE - SHIP. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GYPSY - SNAKE - SHIP
Titelbild der Ausgabe 5/2021 von DIE TÄTOWIERTEN DAMEN DER BELLE ÉPOQUE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DIE TÄTOWIERTEN DAMEN DER BELLE ÉPOQUE
Titelbild der Ausgabe 5/2021 von MOLOTOW™. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MOLOTOW™
Titelbild der Ausgabe 5/2021 von THE JOURNEY OF A TATTOO ANTHROPOLOGIST. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
THE JOURNEY OF A TATTOO ANTHROPOLOGIST
Titelbild der Ausgabe 5/2021 von VON DER PLATTFORM ZUR MANAGEMENT-SOFTWARE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
VON DER PLATTFORM ZUR MANAGEMENT-SOFTWARE
Vorheriger Artikel
MOLOTOW™
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel THE JOURNEY OF A TATTOO ANTHROPOLOGIST
aus dieser Ausgabe

... haben. Ich tue so, als ob es noch zu früh zum Aufstehen ist und drücke den Alarm 10 weg bevor ich merke, dass ich zu spät fürs Fitnessstudio oder zum Laufen dran bin. Dann springe ich auf und sage zu mir selbst: “Auf gehts, Shane! Neuer Tag, neues Glück!” Ich bin nicht jeden Morgen gut gelaunt und quietschfidel, jedoch versuche ich, mich mental positiv einzustimmen, bevor ich in den Tag starte, denn ich arbeite viele Stunden und es wäre eine reine Verschwendung, den ganzen Tag über schlecht gelaunt zu sein. Mich motiviert der Reiz des Tätowierens. Selbst nach so vielen Jahren des Tätowierens bin ich noch immer von den Projekten, an denen ich arbeite, begeistert. Und natürlich macht es unheimlich viel Spaß, mit meiner Feather Cloud Familie im Studio abzuhängen und zu lachen.

Erzähl uns doch, wie du zum Tätowieren gekommen bist...

Ich wollte Tätowierer werden seitdem ich 13 Jahre alt war. Mein Vater hat Tattoos und auch viele meiner Verwandten haben welche. Als ich 15 Jahre alt war, sagte ich meinem Vater, dass ich zum 16ten Geburtstag eine Tätowiermaschine möchte. Niemand wollte mich als Azubi, da ich noch minderjährig war, deshalb übersprang ich das ganze Ausbildungsbrimborium und begann noch am gleichen Tag, als die Maschine geliefert wrude, im Schlafzimmer meiner Eltern Freunde zu tätowieren. Es war ein Spalding and Rogers Starter Kit. Ich frage mich, ob die immer noch verkauft werden. Es war toll, es beinhaltete vier Nadelsets und Röhrchen und einige Flaschen Tinte. Und nicht zu vergessen, ein Zertifikat, mit dem ich mir wie ein Profi vorkam.

Gib uns doch mal ein paar Einblicke in dein tägliches Leben als Tätowierer…

Mein Alltag war ziemlich verrückt, geprägt von Party, Reisen und Chaos veranstalten. Typischer Punkrock Lifestyle eben. Doch jetzt, da ich Papa bin, bin ich viel disziplinierter und konzentriere mich mehr darauf, “normal” zu sein. Ich liebe die Arbeit an großen Stücken wie Bodysuits und Rückentattoos, deshalb verbringe ich täglich viel Zeit mit dem Tätowieren. Vielleicht ein wenig zu viel, denn ich neige dazu, zu vergessen, dass ich älter werde und mein Körper mit dem physischen Stress nicht mehr umgehen kann. Nachts verbringe ich ein paar Stunden mit Zeichnen, nachdem ich meinen Sohn ins Bett gebracht habe. Abgesehen vom Zeichen für Kunden habe ich das früher jede Nacht getan, hörte aber vor zwei Jahren damit auf. Mir wurde klar, dass ich körperlich zu erschöpft war, denn ich bekam ernste Rücken- und Gelenkprobleme. Ich schätze, das war der Preis, den ich für stundenlanges Zeichnen und Tätowieren über so viele Jahre zahlen musste. Deshalb habe ich dieses Jahr angefangen, etwas langsamer zu treten. Und ich verbringe zwei Tage die Woche mit meinem Sohn, ganz ohne zu tätowieren, das ist extrem wichtig für mich.

Was ist das Schwierigste an der Rolle des Künstlers?

Frieden und Gleichgewicht zu finden. Ich habe es nie gefunden. Wenn jemand weiß, wie, sagt mir bitte Bescheid. Ich kämpfe ständig gegen mich selbst und es ist unmöglich, dem zu entkommen. Auf der einen Seite ist es etwas gutes, da man manchmal kritisch seiner eigenen Arbeit gegenüber ist, auf der anderen Seite kann es auch sehr mühsam sein, da man sehr an sich selbst und seiner Arbeit zweifelt. Ich habe in meiner Arbeit ein gewisses Maß an Vertrauen aufgebaut, jedoch gibt es da diese laute Stimme in meinem Kopf, die mir sagt, dass es besser sein müsste. Viel besser.

Was genau hat dich zum Tätowieren hingezogen?

Das Tattoo auf dem Arm meines Vater hat mich fasziniert. Er wurde in den 1960 oder 1970er Jahren tätowiert. Ich erinnere mich daran, dass ich versuchte, die blau schwarze Tinte von seinem Arm zu rubbeln, als ich ein Kind war. Ich konnte nicht verstehen, warum man es nicht abwaschen konnte. Ich war fasziniert davon, dass diese Zeichen für immer auf der Haut blieben, und so begann ich, auf mir selbst und auf Freunden in der Schule zu zeichnen. Und natürlich hatten die coolsten Leute zu meiner Teenagerzeit Tattoos. Ich wollte genau wie sie sein, und so kam ich auf die Idee, mir selbst und meinen Freunden Tattoos zu stechen. Also fing ich direkt damit an.

Das geschah alles, bevor es YouTube und Social Media gab, also hatte ich auch keine Ahnung, wie ich eine Maschine zusammenbau und all die anderen technischen Dinge, aber ich habe es trotzdem geschafft. Ich habe so viele Tattoos versaut. Mein erstes Tattoo war einfach nur schrecklich und wir lachen heute noch darüber. Die ersten zehn Tattoos heilten nach einem Monat dickem Schorf und 70% der Tinte waren verschwunden. Meine Freunde nahmen es nicht so krumm, denn sie dachte, das wäre eben Punk. Mir war es auch egal.

Wie lange hat es gedauert, bist du dachtest: Jetzt bin ich ein richtiger Tatttookünstler?

(Lacht) Weniger als eine Stunde, nachdem ich die Maschine bekam. Ich war 15, fast 16 Jahre alt. Aber ein richtig schlechter Tätowierer. Ich bin nach 21 Jahren immer noch ein richtig schlechter Tätowierer, kann jedoch jetzt wenigstens die Outlines und ein paar Schatten und Farben aufbringen, ohne Angst haben zu müssen, dass die Farben verschwindet.

Vermisst du die alten Zeiten?

Sehr sogar. Das Tätowieren war viel gefährlicher und dem Untergrund vorbehalten. Es gab in Singapur nur eine sehr kleine Community und die Tätowierer waren sehr verfeindet. Viele Tätowierer gehörten einer Gang an, damit man sie in Ruhe ließ. Mein erster Laden befand sich im inoffizellen zweiten Rotlichtviertel von Singapur, genannt “Ochard Towers”, und diese Zeit war unheimlich aufregend. Es gab viele Kämpfe, Gang-Aktivitäten und betrunkene Kunden wurden tätowiert, weil wir eben bis drei Uhr früh offen hatten.

Singapur gilt weltweit als sicheres Land, wenn du aber einen Einheimischen nach den Orchard Towers in den 90er - 2000er Jahren, werden sie dir sagen, dass es ein gefährlicher Ort war. Und ich hing dort mit meinen 16 Jahren in meinem kleinen Laden ab und wurde Zeuge vieler Verbrechen und Chaos.

Der Shop gehörte natürlich einem Anführer einer Gang, der sich nicht im Geringsten für das Tätowieren interessierte. Sie gaben uns nur eine große Geldsumme, um den Laden zu öffnen. Wahrscheinlich, um Geld zu waschen. Lustige Zeiten.

Was hast du in den ersten Jahren gelernt, das dir immer noch von Nutzen ist?

Durchhaltevermögen und Respekt vor dem Handwerk und für diejenigen, die uns den Weg geebnet haben.

Wer sind deine fünf Lieblingstätowierer?

Horikyo sensei (RIP), Mick aus der Schweiz, Horiuno 1 and 2, Horibun

Welchen Fehler würdest du einem Tätowierer nicht verzeihen?

Ich hasse es, wenn Tätowierer ihre Macht missbrauchen. Ich hasse es, wenn Tätowierer ihren Vorteil aus den Kunden ziehen. Unsere Kunden vertrauen uns und im Gegenzug müssen wir dafür sorgen, dass sie eine sichere und rücksichtsvolle Tattooerfahrung machen. Ich hasse es, wenn Tätowierer Tattoos stechen, von denen wir alle wissen, dass sie nicht lange halten werden. Manche Tattoos funktionieren nun mal einfach nicht auf der Haut, unabhängig davon, wie gut du bist. Das nervt mich. Ich meine, wir arbeiten auf menschlicher Haut, die über die Jahre altert. Viele der Pigmente, die wir in die Haut stechen, werden definitiv verblassen, ganz egal, wie gut die Tinte oder die Maschine oder die Technik ist. Wir arbeiten nicht auf einem Stück Papier oder einer Leinwand oder einem Computerbildschirm. Wir sind keine Zauberer und wir müssen uns klarmachen, dass es Grenzen gibt, wenn man auf menschlicher Haut arbeitet. Und gewisse Arten von Tattoos halten nun einfach nicht darauf.

Wo bist du besser, im Studio oder im richtigen Leben?

(Lacht) Ich bin der totale Chaot, glaub mir. Ich habe kein normales Leben und das Studio ist mein Spielplatz. Vielleicht sollte ich mich ab und zu wie ein Erwachsener benehmen.

Hättest du gerne in einer anderen Zeit oder in einem anderen Land gelebt?

Mir gefällt es, in dieser Zeit zu leben. Ich liebe es, dass wir in der Lage sind, so viel Wissen so effizient zu teilen. Ich würde gerne in einem Land mit ganz viel Natur leben, vielleicht irgendwo in den Bergen oder am Meer. Aber momentan bin ich zufrieden, wo ich bin.

Ich habe für ungefähr sieben Jahre in Zürich gelebt. Aber frage mich nicht, ob ich etwas auf Deutsch sage oder schreibe. Mein Deutsch ist sehr, sehr schlecht, aber fluchen kann ich gut. Ich habe eine Weile in London gelebt und viel Zeit mit Reisen durch Europa verbracht. Ich wollte eigentlich nach Australien, das wurde dann aber durch die Geburt unseres Sohnes hinfällig. Ich lebe seit August 2014 in Singapur, nachdem ich aus Zürich zurückkam.

Erzähl uns mehr über Singapur - wie findet das Tätowieren dort statt?

Das Tätowieren hat sich stark weiterentwickelt, wie in den meisten Teilen der Erde. Es ist weltoffen und überall gibt es Tattoostudios. Als ich damals anfing gab es, glaube ich, um die 10 Shops? Vielleicht 15? Mittlerweile gibt es Hunderte, vielleicht auch Tausende, ich weiß es nicht. Ich habe aufgehört zu zählen und ich stehe auch nicht in Kontakt mit vielen Tätowierern in Singapur. Innerhalb der letzten 2 Dekaden wurde eine riesen Industrie daraus. Ich hätte nie gedacht, dass das mal so groß und gesellschaftlich akzeptiert sein würde. Ich weiß noch, dass ich mal Probleme mit der Polizei bekommen habe, weil ich tätowiert war. Sie kamen immer in die Clubs und Bars, pikten sich die Tätowierten heraus, sammelten uns und befragten uns. Ich habe es mir damals angewöhnt, meine Tattoos mit langen Ärmeln zu bedecken, um Stress mit der Polizei zu vermeiden. Welch Ironie, früher habe ich so viel Aufwand betrieben, um meine Tattoos vor der Polizei zu verstecken und heute kommen Polizisten zu mir, um sich Body Suits stechen zu lassen.

Was genau formt das Tätowieren in Singapur?

Um ehrlich zu sein, keine Ahnung. Wie formt man etwas, das nicht wirklich eine Form hat? Vielleicht habe ich deine Frage nicht richtig verstanden, aber ich kann nicht wirklich für das Tätowieren in Singapur sprechen. Ich habe in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass vielleicht ein oder zwei mehr Body Suits durch Singapur laufen, ich kann aber nicht sagen, was das Tätowieren hier formt.

Wie sieht die Zukunft für dich aus?

Ich bin Punkrock, es gibt keine Zukunft für mich! (lacht) Ich glaube, die Zukunft wird lustig und vielversprechend. Ich möchte mein Buch bald beenden. Ich befinde mich auf der Zielgeraden zur Veröffentlichung meines ersten Buches, für das ich fünf oder sechs Jahre gebraucht habe. Ich plane, ein zweites Buch herauszubringen, das ist jedoch ein geheimes Projekt und ich werde darüber nicht sprechen. Es befindet sich in der Planungsphase. Ich kann nicht nichts tun, ich bin immer an irgendetwas dran, deshalb denke ich, dass das meine Zukunft recht unvorhersehbar macht.

Möchtest du noch irgendwas loswerden?

Nicht viel, aber vielleicht ein paar Worte, um dieses Interview zu beenden. Der jüngeren Generation von Tätowierern sage ich immer: “Veranstaltet Chaos”. Seit leichtsinnig, unermüdlich, bleibt euch selbst treu und schaut niemals zurück. Wir haben nur einen Versuch in diesem Leben, lass dich nicht von deinen Zielen abhalten! Und an die ältere Generation: Vielen Dank, dass ihr uns den Weg geebnet habt und uns die Möglichkeit gegeben habt, diese wunderbare Form der Kunst zu erleben.

Vielen Dank für deine Zeit, Shane!

Ich danke Dir!

SHANE TAN

shane_tan

www.feathercloudgallery.com