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SICH SELBST GENUG SEIN


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I Am - Laura Malina Seiler - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 20.10.2021

WARUM EINE PARTNERSCHAFT NICHT AUTOMATISCH DER SCHLÜSSEL ZUM GLÜCK IST

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Zugegeben: dass wir Glück und Zufriedenheit nicht im Außen finden, sondern letztlich immer in uns selbst, wissen wir eigentlich schon. Wir wissen, dass wir uns weder glücklichkaufen können noch zufriedener werden, wenn wir besonders reich, schön oder berühmt sind. Es gibt einfach zu viele Gegenbeispiele, die uns vor Augen führen, dass Äußerlichkeiten selten etwas mit einem Gefühl von tiefer Harmonie und Erfüllung zu tun haben. Umso erstaunlicher ist es, dass wir trotzdem so gerne an der Vorstellung festhalten, mit der Liebe käme gleichzeitig das große und ewige Glück in unser Leben. „Wennich nur einen liebevollen Partner hätte, dann wäre mein Leben perfekt“, denken wir. Und sobald unser Wunsch Wirklichkeit wird und wir jemanden gefunden haben, sind wir fest davon überzeugt, dass wir endlich glücklich sein könnten, wenn der ...

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... Mensch an unserer Seite doch bloß ein bisschen anders wäre. Wir sind enttäuscht, wenn er uns nicht genügend Aufmerksamkeit schenkt, und würden uns wünschen, dass er ein bisschen netter zu unseren Freunden und etwas f leißiger im Haushalten wäre. Wir glauben, dass wir viel ruhiger schlafen könnten, wenn er nicht so oft mit seinen Kumpels um die Häuser zöge und dass er irgendwie schuld daran ist, dass wir so oft schlechte Laune haben. Und schon haben wir ihn gefunden – den Sündenbock für unser vermasseltes Glück. „In der ersten Verliebtheit glauben viele Menschen, sie hätten nun ‚ausgesorgt‘“, sagt Ursula Nuber, Diplom-Psychologin und Paartherapeutin in der Nähe von Heidelberg. Sie beobachtet häufig das Phänomen, dass mit dem Beziehungsalltag schnell auch die alten Probleme zurückkehren. Wir schieben dem anderen die Schuld dafür in die Schuhe, dass wir unglücklich sind, und machen ihm den Vorwurf, er habe sich verändert. „Tatsächlich stecken hinter diesem Verhalten Kindheitserfahrungen“, so Ursula Nuber. „Hatten wir das Glück, in Sicherheit und Geborgenheit aufzuwachsen, fühlen wir uns auch in unseren Liebesbeziehungen sicher und sind nicht darauf angewiesen, dass andere uns glücklich machen. Wir können und wollen für uns selbst sorgen.“ Wer hingegen als Kind keine bedingungslose Zuwendung und Unterstützung erfahren durfte, bleibe bedürftig. Das wiederum könne dazu führen, dass man auch als Erwachsener zu viel von den Menschen in seinem Umfeld erwarte und sich abhängig fühle, so die Expertin. Ein Phänomen, dass sich im Übrigen nicht bloß auf den Partner, sondern gerne auch auf Freundschaften ausweitet. Hat die beste Freundin mal keine Zeit für uns, sind wir schnell beleidigt, reagieren ungehalten oder ziehen uns traurig zurück. Und das, obwohl hinter der Zurückweisung nichts weiter steckt als ein voller Terminkalender, nicht etwa Ablehnung.

MIT DEM ALLTAG KOMMEN AUCH DIE PROBLEME ZURÜCK

„Ein Partner kann früh Entbehrtes nicht nachliefern oder gar Wunden heilen“, sagt die Psychologin. Damit sei jede Liebe schlichtweg überfordert, denn schließlich sei der andere kein Elternteil. Zu große Erwartungen können eine Beziehung auf Dauer nicht nur zerstören, wir schaden uns damit auch selbst: „Wir verbauen uns Entwicklungschancen, wenn wir glauben, dass die eigene Zufriedenheit vom Verhalten des anderen abhängt“, so Ursula Nuber. Mehr noch: Wir machen uns selber schwach und klein, indem wir das Ruder aus der Hand geben und einem anderen Menschen so viel Verantwortung für unser Wohlergehen auf bürden. Das ist nicht nur unfair, sondern auch rückschrittlich. Aber ist es nicht zutiefst menschlich, dass wir uns einen Partner an unserer Seite wünschen, der uns in gewisser Weise vervollständigt? „Wir alle verlieben uns in einen Menschen, wenn wir glauben, uns mit ihm weiterentwickeln zu können“, sagt die Psychologin. „An dieser Hoffnung ist nichts egoistisch, denn der andere hat diese Hoffnung schließlich auch.“ Im Grunde sei eine solche Beziehung eine Winwin-Situation für das Paar. Problematisch werde es nur, wenn wir den anderen mit übersteigerten Erwartungen überfrachten würden.

LIEBE MUSS NICHT PERFE KT SEIN

Wer aber ist denn nun Schuld an der ganzen Misere? Unter anderem die Tatsache, dass wir Liebe mit Verliebtsein verwechseln, meint Ursula Nuber. „Wer sich verliebt, zieht nicht in ein Luxusapartment, sondern in einen Roh- bau.“ Das Verliebtsein sei lediglich die Vorbedingung, damit Liebe überhaupt erst wachsen könne. Der Alltag würde aber nicht auf rosaroten Wolken stattfinden. Fakt ist, dass viele von uns immer noch dem Trugschluss unterlegen sind, wer liebt, müsse immer Schmetterlinge im Bauch und ständig prickelnden Sex haben. Lässt das Gefühl mit den Jahren nach, kommen Zweifel in uns auf und wir fragen uns, ob wir den Menschen an unserer Seite überhaupt noch lieben. Die Wahrheit ist aber: Erst, wenn die Phase der Verliebtheit langsam abebbt, lernen wir unseren Partner wirklich kennen. Und der Endorphinrausch am Anfang der Beziehung darf mit den Jahren tieferen Gefühlen weichen. Nur dann ist es möglich, nicht irgendwann frustriert das Handtuch zu werfen, sondern tatsächlich zu erfahren, was es eigentlich bedeutet, einen Menschen mit vollem Herzen zu lieben. Laut Ursula Nuber muss die Liebe dafür fünf verschiedene Stationen durchlaufen, denn „was von Dauer sein soll, dauert“, sagt sie. Das heißt, nachdem wir die Verliebtheitsphase hinter uns gelassen haben, kommt die zweite Stufe, in der wir ernüchtert feststellen, dass der andere die eine oder andere Macke hat oder dass wir uns auch mal wieder wünschen, allein mit den Freundinnen in den Urlaub zu fahren. Viele versuchen diese Phase abzuwehren, um die eigene Enttäuschung nicht allzu schmerzlich zu spüren. Irrationale Annahmen brechen sich nun Bahn: „Wenn mich der andere wirklich liebt, muss er doch wissen, was ich denke!“ oder auch „Wer sich wirklich liebt, sollte nicht streiten.“ Gedanken wie diese sind schlichtweg falsch, denn Liebe muss nicht perfekt sein, um echt zu sein. In der dritten Phase werden die Zweifel und Probleme noch größer. Gegenseitige Vorwürfe, Anschuldigungen und ständige Auseinandersetzungen sind nun an der Tagesordnung. Diese Stufe sei oft geprägt von Machtkämpfen, heißt es im Buch von Ursula Nuber. Jeder wolle die Kontrolle über den anderen erlangen, aber in Wirklichkeit gehe es dem Paar um die Kontrolle über die Angst vor dem drohenden Verlust und über das beängstigende Gefühl der Einsamkeit. Der Rat der Psychologin: „Konf likte, Meinungsverschiedenheiten und Distanzierungen dürfen nicht als Zeichen dafür gewertet werden, dass man nicht zusammenpasst. Ganz im Gegenteil: Sie sind unvermeidlicher Bestandteil einer Beziehung und gehören zur Liebe dazu.“ In Stufe vier halten Vernunft und Realitätssinn langsam Einzug und beide Partner erkennen und akzeptieren die Grenzen des anderen. Sie wissen, dass sie dem anderen nicht näherkommen, wenn sie ihn zur Anpassung zwingen. „Gelingt es Partnern in dieser Phase, glaubhaftes Inter esse an den Entwicklungen und Plänen des anderen zu zeigen, kann die anfängliche Faszination für den Partner neu belebt werden“, weiß Ursula Nuber. Paare, die die fünfte Stufe erreichen, erleben die Beziehung als den Zuf luchtsort, für den man sie ganz zu Beginn der Liebe gehalten hat. Beide sind nun stabil genug, um sich auch mal schwach, anhänglich oder symbiotisch zu zeigen.

Buchtipp!

Viele Paare haben oft keine richtige Vorstellung davon, welche Probleme und Prüfungen auf zwei Liebende zukommen und dass diese mitunter unausweichlich und völlig normal sind. Das ist schade, denn dadurch wissen wir meist nicht, wie wir damit umgehen sollen. Ursula Nuber zeigt in ihrem Buch „Was Paare wissen müssen: 10

Grundregeln für das Leben zu zweit“, dass es auch anders geht, und erklärt, wie Paare ihre Beziehung wirklich erhalten und stärken können. (Piper Verlag, 12 Euro).

VERLIE BTHEIT WIRD ZU LIEBE

Wie aber erreicht man Stufe fünf, wenn die eigenen Erwartungen und Wünsche auf dem Weg dorthin ständig enttäuscht werden und zu kurz kommen? Anders gesagt: Wie schaffe ich es, die Balance aus realistischen und übersteigerten Erwartungen zu wahren und meinen Partner nicht ständig für die eigene Unzufriedenheit verantwortlich zu machen? In ihrem Buch „Der Bindungseffekt. Wie frühe Erfahrungen unser Beziehungsglück beeinf lussen und wie wir damit umgehen können“ beschreibt Ursula Nuber, wie wichtig es sei, den eigenen Bindungsstil zu kennen. Dieser bilde sich in der Kindheit heraus und könne einen großen Einfluss darauf haben, wie glücklich oder unglücklich wir in unseren späteren Beziehungen werden. „Wissen wir zum Beispiel, dass wir aufgrund früher Erfahrungen einen ängstlichen Bindungsstil haben und dazu neigen, uns anklammernd und zu fordernd unserem Partner oder der Partnerin gegenüber zu verhalten, können wir lernen, mit unserem Bindungsstil bewusster umzugehen. Das verbessert nicht nur das Klima in unseren Beziehungen, sondern verhilft uns auch zu mehr Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein“, so die Diplom-Psychologin.

Es geht nicht darum, als Einzelkämpfer das Leben zu bestreiten, sondern vielmehr darum zu erkennen, dass unsere Eigenständigkeit keine Bürde, sondern unser großes Glück ist. Wer sich selbst genug ist und seinen Wert kennt, braucht keinen Applaus von außen, um sich gut zu fühlen. Eine wunderbare Erkenntnis, die frei und ein ganzes Stück weit glücklich macht. Das sei im Übrigen auch ein Grund, warum Introvertierte deutlich weniger auf die Bestätigung von außen angewiesen seien als Extrovertierte. „Sie können sich selbst genug sein“, sagt Ursula Nuber.

Den eigenen Selbstwert nicht vom Zuspruch des Partners abhängig machen – das klingt nachvollziehbar und nach einem gesunden Weg. Aber wie erkenne ich, wo die Grenze liegt und wann meine Liebe „ungesunden Mustern“ folgt, die bloß darauf aus sind, mein Ego zu streicheln? Laut Ursula Nuber geht es darum, die richtige Balance zwischen dem Bedürfnis nach Unabhängigkeit und dem nach Geborgenheit zu finden. Wer zu sehr darauf beharre, nur „Ich“ zu sein, der könne kein „Wir“ entstehen lassen. Man müsse immer wieder überprüfen, ob die gemeinsame Schnittmenge groß genug sei; am besten, indem man sich Fragen wie diese stelle: „Wie viel Zeit verbringe ich mit dem anderen?“, „Was haben wir gemeinsam?“, „Bin ich gerne zu zweit?“

Was zunächst ein wenig ernüchternd und desillusionierend in Bezug auf die Liebe und das große Glück klingt, ist in Wahrheit vielleicht unser schönstes Geschenk. Nämlich dass wir mit dem Älterwerden und einem wachsen den Erfahrungsschatz immer mehr begreifen, dass Liebe sich uns nicht unbedingt in Gestalt verklärter Abende bei Kerzenschein zeigt, sondern vielmehr ein wunderbares Zusammenspiel aus Vernunft, Respekt, Realität, Arbeit und einer gesunden Distanz ist. „Wenn die Liebe mit den Jahren das alles beinhaltet, ist dem Paar etwas Tolles gelungen, denn es hat die Liebe auf ein stabiles Fundament gestellt“, bestätigt Ursula Nuber. „Das heißt nicht, dass es nicht zwischendurch romantische Abende und auch leidenschaftlichen Sex geben kann. Aber wichtiger als das ist das Gefühl, einen Freund an seiner Seite zu haben, den man auch liebt.“

Q & A MIT LAURA

LAURA, WIE KANN MAN EINE GUTE BEZIEHUNG FÜHREN?

Ich wünschte, ich könnte diese Frage hier in Kürze beantworten. Aber ich glaube, Beziehungen zu führen, ist für uns alle eine der größten Herausforderungen. Was ich aber mit Sicherheit sagen kann, ist, dass es wichtig für eine gute Beziehung ist, die Bereitschaft zu haben, an sich selbst zu arbeiten und zu erkennen, dass vieles, was wir unserem Partner vorwerfen, meist wenig mit dem Partner zu tun hat und viel mit uns selbst.

HAT SICH DEINE PERSPEKTIVE AUF BEZIEHUNGEN MIT DEN JAHREN VERÄNDERT?

Ja, definitiv. Ich habe mein Glück früher sehr oft davon abhängig gemacht, wie es meinem Partner geht oder ob ich in einer Beziehung bin oder nicht. Heute kann ich sehen, dass es viel wichtiger für mich ist, mein Glück von mir selbst abhängig zu machen, weil ich es sowieso nur in mir selbst erschaffen kann. Das entspannt dann auch direkt die Beziehung.