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Sichtweisen von Eltern auf den Umgang mit Heterogenität: ■ Sichtweisen von Eltern auf den Umgang mit Heterogenität: Ergebnisse auf Basis der JAKO-O Bildungsstudie 2017


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Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 5/2018 vom 30.04.2018

Eltern erfahren den Umgang mit der Unterschiedlichkeit von Kindern und Jugendlichen oft sehr unmittelbar.Wie stehen sie dazu, dass die Kinder bereits nach der 4. Klasse in (vermeintlich) homogenere Lerngruppen aufgeteilt werden? Welche Erfahrungen machen sie mit Inklusion und Ganztagsschulen? Und für wie kompetent im Umgang mit der Unterschiedlichkeit der Kinder halten sie die Lehrerinnen und Lehrer ihrer Kinder?


Die Lerngruppen in unseren Schulen sind heterogen. Schüler(innen) unterscheiden sich hinsichtlich Leistungsfähigkeit, Interesse und Motivation, Geschlecht, sozialer Herkunft, Sprache oder ...

Artikelbild für den Artikel "Sichtweisen von Eltern auf den Umgang mit Heterogenität: ■ Sichtweisen von Eltern auf den Umgang mit Heterogenität: Ergebnisse auf Basis der JAKO-O Bildungsstudie 2017" aus der Ausgabe 5/2018 von Pädagogik. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Pädagogik, Ausgabe 5/2018

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... kultureller Orientierungen – um nur einige Differenzkategorien zu nennen. Die Heterogenität der Schülerschaft ist kein neues Thema, sie hat aber in der Diskussion über Schule und Unterricht eine wachsende Bedeutung. Dabei wird vor allem die Frage eines produktiven Umgangs mit Heterogenität diskutiert. In dem Zusammenhang ist interessant, wie Eltern über den Umgang mit Heterogenität denken. Mit dieser Sichtweise beschäftigt sich dieser Beitrag. Dabei werden mehrere Ebenen in den Blick genommen.

Auch Ganztagsschulen, deren Angebot als Reaktion auf den »PISA-Schock « kräftig ausgebaut wurde, nehmen für sich in Anspruch, besonderes Potenzial für eine bessere individuelle Förderung der Schüler(innen) zu bieten. Wie die Ergebnisse unserer Befragung zeigen, stoßen Ganztagsschulen bei Eltern auf große Zustimmung. Gefragt nach der Schule, die ihr Kind aktuell besucht, gaben 2017 insgesamt 47% der befragten Eltern eine Ganztagsschule an (davon 17%eine mit verbindlichem und 30% eine mit freiwilligem Nachmittagsangebot). Deutlichmehr, nämlich 72% der Eltern, wünschen sich für ihr Kind einen Platz an einer Ganztagsschule. Folglich klafft zwischen Angebot und Nachfrage eine deutliche Lücke.


(Nur) gut ein Drittel der Eltern mit Ganztagsschulerfahrungen sieht im Bereich der individuellen Förderung Verbesserungsbedarf.


Interessant ist nun die Frage, wie die 47% der Eltern mit einem Kind auf einer Ganztagsschule die pädagogische Qualität und hier vor allem den Umgang mit der Heterogenität der Schüler/innen einschätzen. Wir haben den Eltern insgesamt sechs Qualitätsbereiche vorgegeben, die im Hinblickdarauf eingeschätztwerden sollten, obkein, wenig, viel oder dringender Verbesserungsbedarf besteht. Den größten Verbesserungsbedarf sehen die Eltern bei der individuellen Förderung (siehe Abb. 3). Insgesamt 38% sehen diesen Qualitätsbereich alsmehr oderweniger verbesserungsbedürftig an. Die anderen sechs Qualitätsbereiche folgen erst mit deutlichem Abstand (ohne Abbildung): Hausaufgabenbetreuung (25%), Gespräche mit Eltern und Pädagogen über das eigene Kind (25%), inhaltliche Verknüpfung von Unterricht und außerunterrichtlichen Angeboten (25%), Qualität der außerunterrichtlichen Angebote (22%), Einbeziehung der Eltern in die inhaltliche Gestaltung der Schule (22%) und verlässliche Betreuungszeiten (19%).

Eine relativ große Anzahl von Eltern sieht zwar einen Verbesserungsbedarf im Bereich der individuellen Förderung, gleichzeitig zeigt sich aber, dass mehr Eltern (insgesamt 62%) wenig bis keinen Verbesserungsbedarf sehen. Somit ergeben die Antworten der Eltern eher ein ambivalentes Bild. Positiv lässt sich abschließend festhalten, dass sich die Bewertungen zwischen 2014 und 2017 leicht verbessert haben. Während 2014 insgesamt 42% der Eltern die individuelle Förderung als verbesserungsbedürftig ansahen, sind es 2017 nur noch 38%.

Wie schätzen Eltern die Kompetenzen der Lehrkräfte im Umgang mit der Heterogenität der Schülerschaft ein? – Ebene des Unterrichts

Die zuletzt dargelegten Ergebnisse lassen sich dahingehend zusammenfassen, dass die von den Eltern wahrgenommenen Gegebenheiten an den Einzelschulen für einen angemessenen Umgang mit Heterogenität noch günstiger sein könnten. Hier schließt sich nun die Frage an, wie sich unter diesen Bedingungen die Kompetenzender Lehrkräfte im Umgang mit heterogenen Lernvoraussetzungen der Schüler(innen) darstellen. Den Elternwurde im Rahmender Befragung eine Reihe von Kompetenzen vorlegt. Für jede einzelne Kompetenz sollten die Eltern angeben, ob diese für die Lehrkräfte des Kindeszutrifft odernicht zutrifft . Rückschlüsse auf den Umgang mit Heterogenität lässt eine Auswahl von Kompetenzen zu (siehe Abb. 4). Diese Kompetenzen sind besser ausgeprägt, alsman dies aufgrund der Ergebnisse, die sich auf die Einzelschule beziehen, hätte erwarten können. Folglich lassen die Wahrnehmungen von Eltern durchaus auf eine heterogenitätssensible Förderung im Unterricht schließen, die z. B. in der Berücksichtigung unterschiedlicher finanzieller und sozialer Lebensumstände oder unterschiedlicher sprachlicher Voraussetzungen ihren Niederschlag findet.


Die Wahrnehmungen der Eltern lassen auf eine heterogenitätssensible Förderung im Unterricht schließen.


Dennoch muss festgestellt werden, dass die höchsten ermittelten Prozentwerte auf Kompetenzen entfallen, die sich nicht unmittelbar auf den Umgang mit Heterogenität beziehen (ohne Abbildung): So schätzen 88% der Eltern die Lehrkräfte ihres Kindes als fachlich kompetent ein und 82%nehmen wahr, dass sie sich für gute soziale Beziehungen zu ihren Schüler(inne)n einsetzen. Des Weiteren fällt auf, dass die auf den Umgang mit Heterogenität bezogenen Kompetenzen jeweils nach Schulform des Kindes anders bewertet werden. Maximale Prozentwertdifferenzen zeigen sich bei der Aussage »Sie tun alles, damit auch die Schwächeren mitkommen «. Während 75%der Eltern von Grundschüler(inne)n das so sehen, sind es bei den Eltern von Gymnasiast(inn)en 47%undbei den Eltern von Realschüler(inne)n 57%. In der Wahrnehmung der Eltern gelingt es den Lehrkräften an diesen selektiveren Schulformen offenbar noch nicht hinreichend, leistungsschwächere Schüler(innen) didaktisch angemessen zu fördern.

Fazit

In diesem Beitrag werden Ergebnisse präsentiert, die Rückschlüsse darauf zulassen, welche Sichtweisen Eltern auf den Umgang mit Heterogenität haben. Dabei werden drei Ebenen betrachtet. Zunächst zur Ebene des Schulsystems: Obwohl das historisch verankerte hierarchisch gegliederte Schulsystem und die damit einhergehende frühe Aufteilung der Schüler(innen) auf verschiedene weiterführende Schulformen für Deutschland konstitutiv ist, zeigen sich in den entsprechenden Antworten der Eltern keine Beharrungstendenzen. Eine große Mehrheit der Eltern spricht sich vielmehr für einen späteren Übergang nach Klasse 6 oder sogar erst nach Klasse 9 aus. Dies kann als eindeutiges Votum der Elternfür ein längeres gemeinsames Lernen bzw. einen produktiven Umgang mit heterogenen Lernvoraussetzungen im Schulsystem aufgefasst werden.

Etwas differenzierter ist die Sache, wenn die beiden anderen Ebenen, nämlich Unterricht und Einzelschule, betrachtet werden. Dabei nimmt immer noch eine Mehrheit der Eltern wahr, dass die Lehrkräfte ihres Kindes über Kompetenzen im Umgang mit heterogenen Lernvoraussetzungen verfügen. Dieses Ergebnis lässt den Schluss zu, dass – aus Sicht von Eltern – unter Lehrkräften eine (wachsende) Bereitschaft herrscht, Unterschiede zwischen Schüler(inne)n zu respektieren und pädagogisch konstruktiv damit umzugehen. Das ist positiv zuwerten. Dabei darf aber nicht übersehen werden, dass das Idealbild einer vollentwickelten »Heterogenitätskompetenz « einen hohen Anspruch definiert, der Lehrkräfte mitunter überfordern und der am Ende bei Akteuren und Publikum Enttäuschung und Widerwillen erzeugen kann (Terhart 2014). Umso wichtiger ist konkrete Unterstützung, die einen produktiven Umgang mit heterogenen Lernvoraussetzungen erleichtert und ermöglicht. Hierzu braucht es z. B. Zeit, finanzielle Ressourcen, zielgerichtete Fortbildung oder Stützsysteme für Schulen in Form von kontinuierlicher Beratung. Und genau hier gibt es, das deuten auch die präsentierten Ergebnisse an, durchaus noch »Luft nach oben«.

Literatur

Ackeren, van Isabell/Kühn, Svenja (2017): Homogenität und Heterogenität im Schulsystem. In: Bohl, Thorsten/Budde, Jürgen/Rieger-Ladich, Markus (Hg.): Umgang mit Heterogenität in Schule und Unterricht. Grundlagentheoretische Beiträge, empirische Befunde und didaktische Reflexionen. Bad Heilbrunn, S. 175–190Eikenbusch, Gerhard (2017): Vier Konsequenzen aus den Ergebnissen für Lehrkräfte, Schulen, Bildungspolitik und: Eltern. In: Killus, Dagmar/ Tillmann, Klaus-Jürgen (Hg.): Eltern beurteilen Schule – Entwicklungen und Herausforderungen. Ein Trendbericht zu Schule und Bildungspolitik in Deutschland. 4. JAKO-O Bildungsstudie. Münster/New York, S. 177–191
Killus, Dagmar/Tillmann, Klaus-Jürgen (Hg.) (2017): Eltern beurteilen Schule – Entwicklungen und Herausforderungen. Ein Trendbericht zu Schule und Bildungspolitik in Deutschland. 4. JAKO-O Bildungsstudie. Münster/New York
Terhart, Ewald (2014): Umgang mit Heterogenität: Anforderungen an Professionalisierungsprozesse. In: Lehren & Lernen, H. 8–9/2014, S. 7–12

Dr. Dagmar Killus ist Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Schulpädagogik an der Universität Hamburg, Fakultät für Erziehungswissenschaft.
Adresse: Von-Melle-Park 8, 20146 Hamburg
E-Mail: dagmar.killus@uni-hamburg.de