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SIE IST SMART. SIE WIRKT ZART. SIE SCHLÄGT HART.


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The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 13.09.2022
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Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 10/2022

Sophia Ivy Rose Dunkley, geboren am 16. Juli 1998 in London, ist das neue Gesicht des unterschätzten Weltsports Cricket.

„Mein Karriereziel: Irgendwann muss die Hautfarbe auch im Cricket egal sein!“

Ein heißer Sommertag im Jahr 2006, eine Sackgasse im Norden Londons. Sophia Dunkley, fast acht, ist genervt. Und gelangweilt. Ihren Fußball hat sie schon tausendmal gegen die Wand gedonnert, aus ihrem Basketball ist die Luft raus. Da kommt Zak Carr um die Ecke, der Nachbarsjunge. Zak hat einen Cricketschläger dabei und einen Tennisball. Zwei, drei Schläge später weiß Sophia: Sie hat eine neue Leidenschaft gefunden. Und zwar eine fürs Leben.

Im heurigen Juli wurde Sophia Dunkley 24 Jahre alt, zufällig in jenen Tagen, in denen The Hundred startete. Das ist ein landesweites englisches Cricketturnier, bei dem je acht Damen- und Herrenteams gegeneinander antreten. Das Programm ist kompakt und intensiv, das Publikum jung und divers, der Frauenanteil hoch. Und Dunkley, deren Gesicht von allen Promo-Plakaten lächelt, führt diese ...

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... Cricket-Revolution an.

Aber Cricket-Revolution? Wen um alles in der Welt soll das jucken? In unseren Breitengraden wird Cricket gerne mit einem vergnüglichen Gartenspiel mit bunten Kugeln verwechselt – das allerdings Croquet heißt. Sportlich Versiertere verorten Cricket als schrulliges Pendant zum US-amerikanischen Baseball, nur ohne Kaugummi. Das kommt der Sache zwar etwas näher (siehe kleine Regelkunde, Seite 62), dennoch sollte man diese Einschätzung einem wahren Cricketfan gegenüber unterlassen.

Denn Cricket ist nicht nur in seinem Ursprungsland England extrem populär, sondern auch in fast allen Ländern des Commonwealth – in vielen davon sogar Nationalsport Nummer eins. Australien, Neuseeland, Indien, Pakistan, Sri Lanka, Simbabwe, Südafrika. Da knackt die Fangemeinde locker die Milliardengrenze.

Die Indian Premier League (IPL), jene der Männer, zählt zu den umsatzstärksten Sportligen der Welt, deren Starspieler sich mit Jahreseinkommen im zweistelligen Millionen-Dollar-Bereich auch regelmäßig im „Forbes“-Ranking der bestbezahlten Athleten finden. Vor allem aber ist Cricket ein elitärer Gentleman-Sport mit einer langen Tradition, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Cricket ist weiß und männlich. Sophia Dunkley ist schwarz und eine junge Frau.

Eine, die wirft und schlägt

Wir treffen Sophia in ihrem Hotelzimmer in Pune, einer Stadt im westindischen Maharashtra. Sie spielt hier in der indischen Damen-Bundesliga im Team der Trailblazers. Als All-Rounderin (das sind Spielerinnen, die sowohl den Wurf als auch den Schlag auf höchstem Niveau beherrschen) spielt sie gleichzeitig auch im britischen Test-Cricket-Nationalteam – als erste schwarze Spielerin der Geschichte.

Test Cricket ist die anspruchsvollste Form des Cricketsports. Der Name rührt daher, dass jedes Spiel selbst die härtesten Sportler „testet“, also fordert. Dunkley hat diesen Test mit Bravour bestanden, und ihr raketenhafter Aufstieg bringt junge schwarze Mädchen im ganzen Land zum Träumen. Tausende wollen ihr nacheifern und England als Cricketstar repräsentieren. Ein Schritt in die Normalität, hofft Dunkley: „Damit es dann nicht heißt: ‚Er oder sie ist die zweite schwarze Person im Test Cricket‘ – sondern die Hautfarbe irgendwann egal wird.“

Doch zurück nach Indien. Hier soll die Frauen-Premier-League, die bisher aus nur drei Teams bestand, in der kommenden Saison erstmals mit acht Teams an den Start gehen. Und Dunkley wird das Gesicht, die Symbolfigur dieser Erweiterung. Playerinnen wie sie nehmen dann auch an den legendären Spielerauktionen teil, in denen sie so wie die männlichen Profis an andere Teams „versteigert“ werden können. Für Stars wie Ben Stokes, den neuen Kapitän des englischen Test-Cricket-Teams, werden bei solchen Events gerne einmal siebenstellige Dollar-Summen geboten. Cricket zählt zu den lukrativsten Sportarten der Welt – und das nicht umsonst. „Diese Auktionen sind fast noch aufregender als ein Tag am Spielfeld“, erzählt Dunkley.

Heute ist sie selbst ein Star, doch sie hat ihre Wurzeln im Londoner Arbeiterbezirk Lambeth nicht vergessen. „In der Grundschule war ich komplett fußballvernarrt, bis mir mein Nachbar Zak Cricket gezeigt hat. Wir waren immer draußen, auf der Straße oder im Garten“, sagt sie. „Ich weiß gar nicht, wie viele Bälle wir im Lauf der Jahre dort verschossen haben. Natürlich musste auch das eine oder andere Fenster dran glauben. Wir sind zwar immer schnell davongerannt, aber man hätte kein Detektiv sein müssen, um uns auf die Spur zu kommen.“

Zak war es auch, der sie erstmals zum Crickettraining in den noblen Stadtteil Finchley mitnahm. Dunkleys Karriere begann im Burschen-Team des lokalen Clubs. Dass außer ihr vielleicht auch andere Mädchen diesen Sport ausüben könnten, auf diesen Gedanken wäre sie damals nicht gekommen. „Ich kam also durch die Jungs-Mannschaft zum Frauen-

„Ich war das erste Mädchen im Jungen-Team – und wenn ich besser war, kippte die Stimmung …“

Cricket“, erzählt sie schmunzelnd. Und schnell war klar, dieses zarte Mädchen hat das Zeug zum Schläger-Star! 2009 bekam Sophia ein Sportstipendium für die renommierte Mill Hill School und landete prompt in den First XI des Jungen-Cricketteams – so werden die Topspieler eines Vereins genannt. Bis zu ihrem Schulabschluss blieb sie das einzige Mädchen.

Diese Pionierinnenrolle war für sie nicht immer ganz einfach. „Wenn ich mehr Punkte als die Burschen gesammelt habe, kippte die Stimmung. Ein Abend war besonders schlimm: Ich schwor mir, nie wieder Jungen-Cricket zu spielen. Dieser Entschluss hielt aber nicht lange, bald darauf stand ich wieder auf dem Spielfeld. Für mich war das aber eine wichtige Phase: Ich kam mit einem neuen Mindset da raus.“ Und mit ihrem ersten Startplatz in einem Damenteam: Mit vierzehn schaffte Dunkley bei Middlesex den echten Durchbruch. Nun wurden auch die Scouts der National Cricket Conference (NCC) auf das Wunderkind aufmerksam. „Wir haben Sophia schon für die höchste Damen-Amateurliga ausgewählt, da war sie erst fünfzehn“, erzählt uns Simon Prodger, der Geschäftsführer der NCC. „Sie trat gegen die Combined Services, das Team der britischen Streitkräfte, und gegen den Marylebone Cricket Club an und erzielte gegen beide Teams hunderte von Punkten. Das waren Gänsehautmomente für uns. Da nahm es eine Fünfzehnjährige nicht nur mit erfahrenen Cricketspielerinnen auf, sie steckte sie sogar in den Sack. Das war wirklich außergewöhnlich!“

2015 hatte Sophia dann ihren ersten Auftritt am Lord’s Cricket Ground in London, dem berühmtesten Cricketplatz der Welt. Und zwei Jahre später sollte ihre Karriere genau hier einen weiteren Motivationsschub erfahren.

Als England 2017 Gastgeber des Frauenweltcups – der Weltmeisterschaft des Crickets – war, erlebte der Sport einen Wendepunkt. Als Preisgeld waren zwei Millionen Dollar ausgeschrieben, und die Dramaturgie konnte nicht besser sein: Zuerst brachte das englische Nationalteam unbeschadet die Gruppenphase hinter sich, an deren Ende die Qualifikation fürs Halbfinale stand. Im packenden Semifinale besiegte England Südafrika und sicherte sich so den Platz im ausverkauften Finale gegen Indien – genau die Mannschaft, gegen die das Nationalteam zuvor im Eröffnungsspiel verloren hatte.

„Die Warteschlange, der Ansturm aufs Stadion – das wirkte surreal, und ich wusste: Das will ich!“

Wendepunkt Weltmeisterschaft

„Als ich, damals noch Amateurin, am Tag vor dem Finale am Nursery Ground des Lord’s trainierte, wurde mir so richtig bewusst, was für eine große Sache das war“, erinnert sich Dunkley. „Der nächste Morgen fühlte sich noch surrealer an: Eine lange Warteschlange zog sich durchs Gelände. Keine von uns hatte je so einen Ansturm auf ein Frauenspiel gesehen.“ Am Ende setzte sich England gegen Indien durch. „Ich saß völlig elektrisiert im Publikum“, erzählt Sophia. „Und da wusste ich: Beim nächsten Weltcup will ich dabei sein, darauf muss ich hinarbeiten.“

Hätte man 2017 irgendeinem der im Lord’s Anwesenden – Sophia Dunkley inklusive – geflüstert, was zwischen dem Finale und dem nächsten Weltcup, im heurigen März in Neuseeland, alles passieren würde – man hätte ungläubiges Kopfschütteln provoziert. Doch schon 2018, im Jahr darauf, erlebte Sophia eine wegweisende Saison. Mit dem Regionalteam Surrey Stars gewann sie im Sommer 2018 das Finale gegen Loughborough Lightning in der Kia Super League, der wichtigsten Challenge für Regional- und Universitätsteams. Vor bescheidenen 3500 Zuschauern, aber jeder Menge Scouts – und einem ganz speziellen.

Der Big Boss am Handy

„Wenn der Name Jonathan Finch auf deinem Handydisplay auftaucht, weißt du, du hast es geschafft“, erklärt Dunkley. Jonathan Finch ist der Direktor des englischen Frauen-Crickets beim England Cricket Board, also dem nationalen Verband. „Im Herbst 2018 durfte ich ein paar Testspiele auf den Westindischen Inseln spielen. Ich hatte keinen Schimmer, dass dort die Selektion für das Nationalteam stattfand. Bei der letzten Trainingseinheit hieß es, dass die Auserwählten einen Anruf bekommen würden. Ich rechnete mir keine Chancen aus. Doch um 15 Uhr klingelte das Telefon – und Jonathan Finch war dran. Seine ersten Worte waren, dass ich meinen Reisepass bereithalten solle. An den Rest kann ich mich nicht erinnern, so geschockt war ich. Ins Nationalteam gerufen zu werden, das ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl.“

Im Juni 2021 stellte sich Sophia Dunkley erstmals der Herausforderung eines Länderspiels. Im Match gegen Indien schrieb sie nicht nur als erste schwarze Test-Cricket-Spielerin Geschichte – sondern auch mit 74 Runs, ohne ins Out zu kommen. Wisden, der „Almanach des Crickets“, tweetete im Anschluss: „Diese Wertung war die höchste im englischen Frauen-Test-Cricket seit 35 Jahren.“

Dass Dunkley rockt, war nun auch statistisch erwiesen. Das „Problem“ daran: Inzwischen fand jeder ihrer Schritte im Rampenlicht statt. Seit Ebony Rainford-Brent – die erste schwarze Frau im englischen Cricket – im Jahr 2020 ihre Erfahrungen mit Rassismus öffentlich gemacht hat, ist das Thema in aller Munde. „Die Leute sagen, in unserem Sport gäbe es keine ungleiche Behandlung“, so Rainford-Brent, „aber schaut euch doch einmal um, welche Leute in Machtpositionen sitzen – da werdet ihr null schwarze Menschen entdecken. Da gibt’s keine Chancen-gleichheit. Es ist ein Strukturproblem.“ – „Das war“, sagt Dunkley, „ein echt starkes Stück Fernsehen.“

„Ich spiele, weil es Spaß macht. Aber zu wissen, dass man die nächste Generation inspiriert, ist schon ein gutes Gefühl.“

Cricket für absolute Einsteiger

Die kürzeste Erklärung für das längste Spiel

Zwei Mannschaften zu je elf Playern matchen sich am ovalen Feld. Das eine Team hat pro Runde (Inning) nur zwei Schlagmänner (Batsmen) mit ihren Schlaghölzern (Bats) am Feld, das andere alle.

Ziel des vollständigen Teams ist es, dank seiner Werfer (Bowler) mit einem kleinen Ball das gegnerische, aus drei Stangen und zwei losen Querbalken bestehende Tor (Wicket) zu treffen.

Ziel der gegnerischen Batsmen: den geworfenen Ball mit dem Bat zu treffen und möglichst weit über das Feld zu schlagen. Solange der Ball nicht zurück bei einem der beiden Wickets ist, versucht der Batsman, so oft wie möglich zwischen diesen hin- und herzulaufen.

Für jeden erfolgreichen Run gibt es Punkte. Ist der Batsman noch unterwegs, während einer der Gegner das Wicket trifft, oder wird sein weggeschlagener Ball direkt gefangen, wird der Batsman durch einen anderen Batsman ersetzt. Sind alle Schlagmänner ausgeschieden, ist das Inning zu Ende. Da beliebig viele Innings vereinbart werden können, kann sich ein Spiel sogar über Tage erstrecken.

Für eine Sportart wie Cricket ist ein Weckruf wie dieser besonders wichtig. Im englischen Cricket fiel die Anzahl schwarzer Profi-Spieler in den letzten 25 Jahren um 75 Prozent, berechnete das African-Caribbean Engagement Programme, das junge schwarze Spieler fördern will. „Das Programm hat einen positiven Wandel eingeleitet“, sagt Dunkley. „Ich hoffe, wir stehen an der Schwelle zu etwas Neuem. Je mehr Menschen sich dafür engagieren, desto eher kann etwas Besonderes entstehen.“ Mit Sophia Dunkley hat der englische Cricketsport das beste Role Model, das er sich wünschen kann – und zwar sowohl für Jungs als auch für Mädchen. „Ich denke da nicht allzu viel darüber nach. Man spielt doch, weil es einem Spaß macht“, hält die junge Frau den Ball flach. „Doch zu wissen, dass man die nächste Generation inspiriert, das ist schon ein tolles Gefühl.“

Nachspiel: Beim Weltcup 2022 stand Sophia Dunkley mit England im Endspiel und verlor. Kurz war sie enttäuscht. Doch dann wurde aus der Enttäuschung ein neues großes Ziel am Weg nach oben.

Instagram: @sophiadunkley