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Sie ist wieder da!


tennisMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 80/2021 vom 16.07.2021

TURNIERE

Artikelbild für den Artikel "Sie ist wieder da!" aus der Ausgabe 80/2021 von tennisMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: tennisMAGAZIN, Ausgabe 80/2021

Sie ist in ständiger Bewegung. In der Mitte der Grundlinie geht sie in die Knie, spielt einen tiefen Rückhand-Slice in die Mitte des Feldes. Die Gegnerin rückt auf, greift an und spielt die Vorhand ins Aus. Angelique Kerber reißt die Arme in die Luft und lässt den Kopf in den Nacken fallen. Dann läuft sie zum Netz und reicht Karolina Muchova die Hand. Trainer Torben Beltz strahlt sie an, zeigt mit dem Finger auf sie und ballt die Faust. Mit einem erleichterten Siegesschrei geht Kerber in die Hocke und lässt ihrer Freude über den Halbfinal-Einzug freien Lauf. „Ich genieße jeden Moment. Es bedeutet mir so viel, hier zu spielen, insbesondere vor diesem Publikum“, sagte sie anschließend im On-Court- Interview.

Drei Jahre ist es her, dass Angelique Kerber den Titel in Wimbledon gewann. Damals war es keine Überraschung, dass die Weltranglisten-Zehnte Serena Williams, die nach ihrem Comeback ...

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... gerade einmal auf Rang 181 stand, im Finale mit 6:3 und 6:3 besiegte. Denn im Laufe der 2018er- Saison gewann Kerber den Titel in Sydney, erreichte das Halbfinale in Melbourne, das Viertelfinale in Paris und stand vor Beginn der Championships in London im Halbfinale von Eastbourne. Die Deutsche war präsent, jeder hatte sie auf dem Zettel und sie zählte zu den Mitfavoritinnen.

Im Juni 2021, drei Jahre nach diesem Triumph, zählte Kerber als Nummer 26 der Weltrangliste längst nicht mehr zu den möglichen Titelanwärterinnen. Klar, wie es immer so schön heißt: „Die Damentour ist eine Wundertüte.“ Doch bevor überhaupt jemand auf Kerber gesetzt hätte, fiel die Wahl man wohl eher auf aufstrebende, junge Spielerinnen wie Elena Rybakina, Karolina Muchova oder Coco Gauff.

Ein Extra-Kick

Dass man Angelique Kerber, die frühere Nummer eins, aber zu keiner Zeit abschreiben sollte – egal, wie lange ihr letzter Turniersieg zurückliegt – zeigte schon ihr Zweitrunden-Match bei den bett1open in Berlin gegen Victoria Azarenka. „Auch wenn in Berlin der große Erfolg von Angie noch nicht kam, war dieses Gefühl, sich in Deutschland, zu Hause vor eigenem Publikum, präsentieren zu können, ein möglicher Auslöser für den Durchbruch“, analysierte Barbara Rittner im Gespräch mit tennis MAGAZIN.

Kerber verlor zwar mit 3:6, 5:7, konnte sich aber bereits an ihren Lieblingsbelag Rasen und die Zuschauer gewöhnen. Eine Woche später, bei den Bad Homburg Open, dem Turnier, das Angelique Kerber als Schirmherrin mitbetreute, folgte dann der Durchbruch. Nachdem sie drei Jahre keinen Titel mehr gewonnen hatte und in der Weltrangliste aus den Top 20 gefallen war, glänzte die 33-Jährige wieder mit starkem Rasentennis und sicherte sich ihren 13. Karrieretitel. „Ich glaube, das Halbfinale in Bad Homburg gegen Petra Kvitova war ein wichtiges gewonnenes Match. Die zweifache Wimbledon-Siegerin und Rasenkönigin vor ihrem Heimpublikum zu schlagen, hat Angie nochmal den extra Kick gegeben“, resümierte Rittner.

Und diesen Extra-Kick gepaart mit einem Turniersieg und einer ganzen Ladung Selbstvertrauen nahm Kerber mit nach Wimbledon. Doch so klar sie sich in Bad Homburg auch durchgesetzt hatte, musste sie sich in London erstmal wieder eingrooven. In ihrer ersten Partie gegen die Serbin Nina Sojanovic musste die Deutsche gleich zu Beginn einen 0:3-Rückstand aufholen. Aber sie drehte das Match und gewann in zwei Sätzen. Ein Pflichtsieg müsste man meinen, aber Kerber gestand sich auch selbst ein, wie bedeutungsvoll dieser Matchgewinn war. „Besonders bei den letzten Punkten im Match war ich schon etwas nervös“, meinte sie später.

Doch diese Nervosität war schnell wieder vergessen. „Ich fühle mich richtig gut. Gerade mit dem Turniersieg der letzten Woche im Gepäck nach Wimbledon zu kommen, gibt mir eine Menge Selbstvertrauen“, sagte Kerber. Doch nicht nur der Turniersieg beflügelte die 33-Jährige: „Ich liebe es, auf Rasen zu spielen. Es passt zu meinem Spiel.“ Wie wohl sich Kerber auf dem grünen Untergrund fühlte, war auch in ihren Folgepartien zu sehen. Sie bewegte sich gut, spielte aggressiv, variabel und fand von Match zu Match besser zu ihrem Spiel. Doch das Wohlbefinden war nicht nur ihrem Spielstil anzusehen. Auch ihre Körpersprache stimmte: Aufgerichtet, selbstsicher und gleichermaßen fordernd und zielstrebig bewegte sie sich zwischen den Ballwechseln. Gelegentlich huschte ihr auch ein Lächeln über die Lippen, wenn sie in ihre Box blickte.

Unabhängig davon, ob Kerber gerade in Führung ging oder zurücklag, hielt sie ihre positive Körpersprache aufrecht. So auch in ihren Zweit- und Drittrundenmatches gegen Sara Sorribes Tormo und Aliaksandra Sasnovich. In beiden Partien musste Kerber starke Phasen ihrer Gegnerinnen hinnehmen, geduldig auf ihre Chancen warten und zurück ins Match finden. Die folgenden Matches gegen die deutlich namhafteren und gesetzten Gegnerinnen Coco Gauff (20) und Karolina Muchova (19) entschied sie aber deutlicher für sich.

Doch auch wenn viele die Deutsche nach ihrer langen Durststrecke schon abgeschrieben hatten und die Diskussionen über das mögliche Ende ihrer Karriere im vollem Gange waren, zählte sie unter ihren Mitspielerinnen eher zu den Angstgegnerinnen.

„Manchmal ist es die beste Entscheidung, einfach den Ball ins Spiel zu bringen und zu sehen, was der Gegner damit macht. Das hat sie heute gut gemacht und oft die Richtung gewechselt“, analysierte die 17-jährige Gauff.

DEUTSCHE FINALISTIN

Zum ersten Mal überhaupt schlug die Deutsche Nastasja Schunk bei einem Grand Slam-Turnier auf und erreichte gleich beim ersten Anlauf das Juniorinnen- Finale in Wimbledon. „Ich versuche, mich einfach auf mich selbst zu konzentrieren und nicht zu denken:

Finale ist ja schon gut“, sagte Schunk noch vor der Partie. Im Endspiel kämpfte die 17-Jährige gegen Ane Mintegi del Olmo aus Spanien. Den ersten Satz entschied Schunk noch klar für sich, musste sich dann aber gegen die ebenfalls 17-jährige Gegnerin geschlagen geben. Endstand: 6:2 4:6 1:6. Die deutsche Linkshänderin qualifizierte sich zuletzt beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart, verlor ihr Hauptfeld-Debüt aber gegen die Top-Ten-Spielerin Belinda Bencic. Ihr Ziel sei es nun, sich „auf der Damentour zu etablieren“.

Das US-Supertalent verlor im Achtelfinale gegen die Deutsche. Anschließend fügte sie grinsend hinzu: „Aber ich meine, es ist Angelique. Wir wissen, dass sie das gut kann.“ Was Kerber bekanntlich ebenfalls gut beherrscht: flache Bälle tief aus der Hocke spielen. Mit diesem Markenzeichen wurde auch die 24-jährige Tschechin Muchova im Viertelfinale vertraut gemacht. „Sie spielt viel über Winkel und tiefe Bälle. Die springen nicht wirklich hoch auf Rasen. Und sie gibt niemals auf. Man hat das Gefühl, sie ist bei jedem Punkt überall“, fasste Muchova die 2:6, 3:6-Niederlage zusammen.

Viel Lob der Gegnerinnen

Auch die Weltranglisten-Erste Ashleigh Barty, auf die Kerber im Halbfinale traf, blickte mit großem Respekt auf die Partie gegen die Deutsche: „Angie hat eine unglaubliche Bilanz in Wimbledon, sie hat mehrere Endspiele erreicht. Sie ist eine der besten Rasenspielerinnen, die es gibt.“

Doch auch Ashleigh Barty weiß, wie man auf dem grünen Belag spielt. Im Halbfinale brachte sie die Wimbledon-Siegerin von 2018 mit ihren zügigen Aufschlägen und ihrem variablen Slice auf der Vor- und Rückhandseite in Bedrängnis. Nach dem verlorenen ersten Satz (3:6) wurde die Deutsche offensiver, ging mehr Risiko ein und knöpfte der Australierin ein Aufschlagspiel ab. Ihre 5:2- Führung konnte sie aber nicht nutzen und verlor schließlich im Tiebreak mit 3:7. „Ich habe weiter versucht, mein Spiel zu spielen. Aber sie hatte immer eine gute Antwort. In den wichtigen Momenten spielte sie super“, resümierte Kerber.

Den Platz verließ sie nach der Halbfinal- Niederlage dennoch erhobenen Hauptes und mit einem Lächeln im Gesicht. Denn auf die vergangenen Wochen blickte sie sichtlich zufrieden zurück: „Ich bin nach so einer langen Zeit zurückgekommen, konnte alles umdrehen, habe das Turnier zu Hause in Deutschland gewonnen, unglaubliches Tennis gespielt und so viele Emotionen und mein Herz auf den Platz gebracht. Ich habe wirklich um jeden einzelnen Punkt gekämpft, von der ersten Runde an. Das bedeutet mir sehr viel nach den letzten Monaten.“

Aber was war nun der Auslöser für den unerwarteten Siegeslauf über zehn gewonnene Partien von Angelique Kerber? Barbara Rittner meint, es sei eine Kombination aus drei Dingen gewesen: „Erstmal hat Angie nie aufgehört, hart an sich zu arbeiten – auch in den Wochen, in denen der Erfolg vermeintlich ausblieb. Zweitens ist sie auf Rasen eine ganz besondere Spielerin, ihr Spiel passt zu dem Belag, da fühlt sie sich wohl und hat konstant große Erfolge. Durch die deutsche Turnierserie konnte sie wieder das Selbstverständnis gewinnen, eine Topspielerin zu sein. Und zu guter Letzt brauchte Angie die Emotionen und die Atmosphäre, die die Zuschauer ihr jetzt wieder geben konnten. Das hat sie so erfolgreich gemacht.“

Wenn Kerber selbst analysieren soll, was sie in den vergangenen Wochen so beflügelt hat, ist für die Deutsche ganz klar: „Ich habe niemals aufgehört, an mich und mein Team zu glauben.“ Und das hat ihr Team, insbesondere Coach Torben Beltz, auch nicht. „Sein großer Anteil ist, dass er immer weiter an sie geglaubt hat und ihr auch das Gefühl gegeben hat, dass es eine Frage der Zeit ist, wann sie wieder gut spielt und sie wieder gemeinsam Erfolg haben“, sagt Rittner. Es wird spannend zu beobachten, wie es für Kerber weiter geht. Nächste Chance bei einem Majorturnier, an den Erfolg von Wimbledon anzuknüpfen: die US Open. Start: 30. August.

STATISTIKEN: ZEHN SIEGE IN SERIE

Bad Homburg:

Ekaterina Yashina 6:1, 6:1

Anna Blinkova 6:0, 6:2

Amanda Anisimova 2:6, 6:3, 6:3

Petra Kvitova (1) 3:6, 6:4, 7:6

Katerina Siniakova 6:3, 6:2

Wimbledon:

Nina Stojanovic 6:4, 6:3

Sara Sorribes Tormo 7:5, 5:7, 6:4

Aliaksandra Sasnovich 2:6, 6:0, 6:1

Coco Gauff (20) 6:4, 6:4

Karolina Muchova (19) 6:2, 6:3

Ashleigh Barty (1) 3:6, 6:7

Kerbers Auftritte bei großen Turnieren seit ihrem Wimbledon-Sieg 2018:

2018:

US Open 3. Runde

WTA-Finals (Gruppenphase, 1 Sieg, 2 Niederlagen)

2019:

Australian Open 4. Runde French Open 1. Runde Wimbledon 2. Runde US Open 1. Runde

2020:

Australian Open 4. Runde US Open 4. Runde French Open 1. Runde

2021:

Australian Open 1. Runde French Open 1. Runde Wimbledon Halbfinale