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Sieg über die Supermacht


G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 15.10.2021

9 n. Chr.

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 11/2021

Asymmetrischer Krieg: Die Germanen greifen die Römer immer wieder in unübersichtlichem Gelände an, sodass diese ihre taktische und waffentechnische Überlegenheit nicht ausspielen können

PROLOG

Der kräftig gebaute Soldat in Roms Diensten hat keine Chance, trotz aller Kampferfahrung, die er als 35-Jähriger gesammelt hat. Ein wuchtiger Schwert- oder Lanzenhieb trifft den 1,71 Meter großen Mann von hinten auf den Kopf, und kein Helm bremst den Aufprall. Die Klinge dringt durch den Knochen bis zum Gehirn vor, mit solcher Gewalt, dass ein handtellergroßes Stück der Schädeldecke abplatzt. Binnen kürzester Zeit stirbt der Getroffene – als eines von Tausenden Opfern auf dem Schlachtfeld von Kalkriese.

Der 2000 Jahre alte Schädel erzählt von einem brutalen Tod Die erhaltenen Teile seines Skeletts hat die Anthropologin Birgit Großkopf von der Universität Göttingen in Detektivarbeit untersucht. Größe und Alter des Mannes ermittelte sie anhand der Knochen und Zähne. Die Todesursache war offensichtlich: Der Schädel hat ein scharfkantiges Loch, dessen unterer Rand glatt verläuft – hier ...

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... schnitt die Klinge hinein –und dessen oberer Rand gezackt ist – hier brach das Schädelstück heraus.

In der Falle

Die Germanen attackierten Roms Armee im Engpass zwischen Kalkrieser Berg und Großem Moor. Davon zeugen Tausende Funde wie der Schädel (oben links) und die Maske (Rekonstruktion oben rechts).

Offen bleibt, welcher Teil der mehrtägigen Varusschlacht sich hier abspielte

Vermuteter Marschund Fluchtweg der römischen Armee

Fundstellen (Münzen, Schlachtentrümmer)

Die Knochenfragmente zeugen zusammen mit Tausenden von Schlachtentrümmern von der Brutalität der Kämpfe an dem Ort, an dem sich vermutlich ein Teil des Gemetzels abspielte, das bekannt ist als Varusschlacht oder Schlacht im Teutoburger Wald. Als Indizien dafür gelten unter anderem die Masse der Funde, die Prägedaten der entdeckten Münzen und die Plünderungsspuren an den römischen Rüstungsteilen. Diese zeigen, dass die Germanen gewannen – denn hätten die Römer gesiegt, hätten sie ihre Toten bestattet und sie nicht gefleddert.

Wie lief das mehrtägige Gemetzel ab, in dem Guerillakämpfer 9 n. Chr. die Weltmacht Rom schlugen – und so verhinderten, dass Germanien romanisiert wurde? Wir können nur mutmaßen, aber die Kombination der Funde mit den Schriftquellen erlaubt es, ein Bild zu entwerfen.

Arminius’ eigener Schwiegervater verrät den Römern die Pläne

Den Ausgangspunkt bildet das Cheruskerland an der Weser. Roms Statthalter Varus hält sich dort 9 n. Chr. mit drei Legionen auf. Im September trifft der 54-Jährige Vorbereitungen, mit dem Heer wieder zum Rhein zurückzukehren, um wie üblich in Gallien zu überwintern.

Doch es kommen beunruhigende Nachrichten. Erst warnt der cheruskische Adlige Segestes vor einer Verschwörung. Aber das nimmt Varus nicht ernst, zumal Segestes denjenigen denunziert, der seine Tochter Thusnelda gegen seinen Willen geheiratet hat: den cheruskischen Häuptlingssohn Arminius, der eine germanische Hilfstruppeneinheit in der römischen Armee anführt. Dabei hat Arminius sich so ausgezeichnet, dass die Römer ihm nicht nur das Bürgerrecht verliehen, sondern ihn sogar in den Adelsstand erhoben – was von keinem anderen Germanen zu der Zeit bekannt ist.

Zudem treffen Berichte über einen Aufstand ein. Der Unruheherd liegt fast auf der geplanten Heimroute, sodass Varus nur einen Umweg machen muss, um die Revolte rasch zu ersticken. Doch der Aufstand ist fingiert, um die Römer in die Falle zu locken. Kopf der Verschwörung ist ebenjener Arminius, der regelmäßig bei Varus weilt und dessen Vertrauen genießt.

Auf welchem Weg die Varuslegionen ins Verhängnis laufen, ist nicht überliefert. Der große Historiker Theodor Mommsen vermutete 1885, dass sie von Minden an der Weser Richtung Kalkriese marschierten. Jüngere Funde, etwa römische Sandalennägel und Bleilote aus jener Zeit bei Minden, erhärten diese Annahme.

Vom heutigen Minden aus begeben sich die Varuslegionen vermutlich auf den Hellweg vor dem Sandforde, ein schon damals jahrhundertealter Handelsweg. Er folgt dem Nordrand des Wiehengebirges und passiert nach 60 Kilometern den keilförmig aus der Gebirgskette vorspringenden Kalkrieser Berg. Links des Hellwegs zieht sich damals urwüchsiger Bergwald hoch, zur Rechten erstrecken sich ausgedehnte Sümpfe und Moore. Einmal auf den Hellweg eingebogen, gibt es für das Heer also keinen Seitenausgang, zumal Varus auch den Tross mit Zivilisten sowie allem Hab und Gut mitnimmt.

Dabei haben die Soldaten allein schon genug Gepäck. Jeder Legionär schleppt fast 50 Kilogramm: erstens eine rund 30 Kilo schwere Kampfausrüstung, bestehend aus Kettenhemd oder Schienenpanzer, Helm, Schwert, Dolch, Wurfspeer und Turmschild. Zweitens eine kreuzförmige Tragestange, an der etwa 18 Kilo Proviant, Geschirr und Kleidung baumeln.

Am ersten Marschtag kommt Varus’ Armee unbehelligt voran. In Sollstärke besteht sie aus knapp 15 000 Legionären, aber viele Soldaten sind in kleineren Stützpunkten übers Land verteilt. Dazu kommen die wohl vorwiegend germanischen Hilfstruppen: 3000 Fußsoldaten und 1500 Reiter, die die Vor- und Nachhut bilden. Mitsamt Tross zieht sich der Heereswurm über eine Länge von geschätzt 15 Kilometern hin.

Arminius und seine Mitverschwörer begleiten die römische Armee und verschwinden am zweiten Tag – mit offizieller Genehmigung des Varus, so der antike Historiker Cassius Dio, »um weitere Hilfstruppen zu mobilisieren«.

Doch die Verschwörer »übernahmen ihre schon irgendwo in Bereitschaft stehenden Streitkräfte«, so Cassius Dio, »und griffen Varus selbst an, als er sich in schwer passierbaren

Waldgegenden befand«. Dabei setzen die Germanen, die großteils nur mit Speer und leichtem Schild kämpfen, wohl auf eine Nadelstichtaktik: Sie greifen die Kolonne in Guerillamanier immer wieder an der Breitseite an und ziehen sich dann rasch in die Bergwälder zurück.

Hilfssoldaten schlagen die Römer mit ihren eigenen Waffen

Entscheidend dürften die germanischen Hilfssoldaten sein, die wahrscheinlich jetzt großteils die Fronten wechseln. Sie sind keine ungerüsteten Bauern wie die meisten Stammeskrieger, sondern römisch gedrillte Berufssoldaten, die nun die Römer buchstäblich mit ihren eigenen Waffen schlagen.

Die überrumpelte Varusarmee bringt keine wirkungsvolle Gegenwehr zustande. Trotzdem gelingt es den Legionären, am Ende des Tages ein befestigtes Lager zu errichten. Laut Dio verbrennen sie viele Wagen und Gepäck und nehmen nur noch mit, was sie dringend benötigen.

»Am anderen Morgen zogen die Römer in etwas besserer Ordnung weiter«, berichtet Dio über den dritten Tag des Marsches, und »erreichten sogar offenes Gelände.« Aber die Germanen verweigern sich einer Feldschlacht – und fahren mit ihrer Nadelstichtaktik fort, sobald die Legionäre in Kolonne weiterziehen.

Am vierten Tag verfinstert sich die Welt. »Ein strömender Regen und ein furchtbarer Sturm fielen über die Römer her, sodass diese weder vorwärtskamen noch einen festen Stand fanden«, schildert Dio. »Für die Feinde hingegen war die Nässe kaum ein Hindernis, da sie ja größtenteils leichtbewaffnet waren.«

Als sich der Heereswurm durch den Engpass zwischen Kalkrieser Berg und Großem Moor schlängelt, müssen sich die Legionäre zunehmender feindlicher Attacken erwehren. Das deuten heute die Kalkrieser Schlachtfeld-Funde an, die gut drei Kilometer vor dem Kalkrieser Berg beginnen und sich dann auf dem Weg um die Erhebung herum häufen.

Direkt im Engpass entdeckten die Archäologen zudem einen 400 Meter langen Wall, den sie lange als Bollwerk der germanischen Rebellen interpretierten. Doch neue Funde wecken Zweifel daran (siehe Interview rechts).

Am Ende gelingt es den Aufständischen, deren Zahl unbekannt ist, die römische Armee nahezu vollständig aufzureiben. »Das tüchtigste aller Heere«, klagt der zeitgenössische Historiker und Offizier Paterculus, »wurde Mann für Mann abgeschlachtet, von demselben Feind, den es stets wie Vieh abgeschlachtet hatte.«

Varus’ Kopf geht auf eine weite Reise

Nicht alle Römer sterben. Wenige können fliehen, einige kommen gegen Lösegeld frei, viele werden zu Sklaven. Varus selbst stürzt sich in sein Schwert. Seine Soldaten versuchen noch, ihren toten Feldherrn zu verbrennen, so wie es römischer Sitte entspricht. Doch Stammeskrieger dringen zum Scheiterhaufen vor, trennen den Kopf ab und bringen ihn Arminius. Der sendet das Haupt des Varus als gruseliges Präsent dem Markomannenherrscher Marbod in Böhmen – wohl um den Germanenfürsten zu einem Bündnis gegen Rom zu bewegen. Doch Marbod bleibt neutral und schickt als Zeichen guten Willens gegenüber Rom Varus’ Kopf an Kaiser Augustus.

Dieser hat auf die Nachricht von der Niederlage hin ausgerufen: »Quintilius Varus, gib mir die Legionen wieder!« Nun zeigt er sich gnädig und erlaubt der Familie des unglücklichen Heerführers, dessen Haupt ehrenvoll zu bestatten.

Rom räumt alle seine Stützpunkte östlich des Rheins. Die gedemütigte Supermacht zieht sich hinter den Strom zurück, gibt ihre Eroberungspläne aber nicht auf. Fünf Jahre später, 14 n. Chr., schlägt das Imperium zurück.

LESETIPP

Weite Passagen des Texts stammen aus dem Buch »Die Varusschlacht.

Der germanische Freiheitskrieg« von G/GESCHICHTE-Chefredakteur Christian Pantle (Sonderausgabe im Nikol Verlag 2019, € 7,95).