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Siegel-Dschungel: War ich glücklich?


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ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 23.06.2022
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E ingeschweißtin Plastikfolie liegen sie in der Kühltheke: XXL-Rostbratwürste, 500 Gramm für gerade einmal 2,49 Euro. „Spitzenqualität“ steht auf der Verpackung. Aber kein Wort dazu, wie die Schweine gelebt haben, deren Fleisch in die Wurst kam. Die Thüringer Bratwurst daneben kostet etwas mehr und trägt einen Hinweis: Stufe 2, Stallhaltung Plus. Muss wohl besser fürs Schwein gewesen sein; die nehmen wir.

„Das Vertrauen der Kunden in die Unternehmen der Fleischwirtschaft ist gering.“

Die Deutschen achten immer mehr darauf, dass die Tiere, deren Fleisch sie verzehren, ein gutes Leben hatten – zumindest in Umfragen. Anfang des Jahres erklärten 61 Prozent von 5.000 Befragten den Meinungsforschern von Civey, sie seien bereit, mehr Geld für Fleisch auszugeben, wenn sich dadurch das Wohl der Tiere verbessere. An den Kühltheken der Supermärkte, dort wo es um reale Kaufentscheidungen geht, ist der Trend zu ...

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... mehr Tierwohl bei Weitem nicht so ausgeprägt. „Solche Befragungen sind eher als Trends zu verstehen, die zeigen, wie eine ideale Welt beschaffen sein sollte“, nennt der Göttinger Agrarmarktprofessor Achim Spiller einen Grund für die Diskrepanz zwischen Moral und Geldbeutel. Zudem sei das Vertrauen der Kunden in die Unternehmen der Fleischwirtschaft gering und Auslobungen wie „aus artgerechter Tierhaltung“ nicht gesetzlich geschützt. Kommt dann noch, wie bei Bio-Fleisch, ein deutlich höherer Preis hinzu, greifen viele Kunden doch zum Billigfleisch.

VIELE SIEGEL – WENIG TRANSPARENZ

Doch das steht seit Jahren wegen der Zustände in den Ställen und Schlachthöfen in der Kritik. Deshalb starteten Unternehmen und Verbände aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmittelhandel 2015 die Initiative Tierwohl. Deren Ziel sei, so die Initiative, die Haltungsbedingungen in den Ställen schrittweise zu verbessern und die Landwirte dafür auch zu entlohnen. Parallel dazu entwickelten Tierschutzorganisationen eigene Siegel; Hersteller und Händler starteten Programme, die mehr Tierwohl versprachen.

So überfluteten Dutzende Logos die Kühltheken, die mehr Tierwohl versprachen, und machten sich neben den wenigen eingesessenen Siegeln wie Bio und Neuland breit: Namen wie Landglück, Strohschwein oder FairFarm versprachen glückliche Tiere und fürs Tierwohl engagierte Landwirte. Gemeinsam haben die meisten dieser selbstgestrickten Siegel, dass sie wenig transparent sind. Die Verbraucher müssen mühselig nach Webseiten googeln und finden dort im besten Fall magere Kriterienlisten, oft aber nur schöne Worte wie „artgerecht“, die nicht genau definiert sind. Im Gegensatz etwa zum Bio-Siegel mit seinen EUweit gesetzlich festgelegten Mindeststandards. Angesichts der unübersichtlichen Menge an Siegeln fordern ÖKO-TEST und andere Verbraucherschützer schon lange ein verbindliches staatliches Tierwohlkennzeichen. Doch das scheiterte immer wieder. Die frühere Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner brachte nicht einmal das angekündigte freiwillige Tierwohllabel auf den Weg. Diese Lücke nutzte der Handel und preschte gemeinsam mit der Initiative Tierwohl vor: Sie entwickelten eine vierstufige Kennzeichnung für die Hal-tungsform. 2019 wurden die ersten Produkte damit ausgezeichnet, inzwischen ist das Logo in den Kühltheken der Supermärkte weit verbreitet: für Schweine-, Rind- und Geflügelfleisch sowie seit Anfang dieses Jahres auch für Milchprodukte.

„Die Haltungsform ist ein Einordnungssystem für die verschiedenen Tierwohlsiegel.“

VIER SCHUBLADEN FÜR ALLE SIEGEL

„Die Haltungsform ist ein Einordnungssystem für die verschiedenen Tierwohlsiegel“, erklärt Patrick Klein, Pressesprecher der Gesellschaft zur Förderung des Tierwohls in der Nutztierhaltung mbH. Sie betreibt sowohl die Initiative Tierwohl als auch die Kennzeichnung Haltungsform. Gesellschafter sind sechs Verbände aus Landwirtschaft, Fleischverarbeitung und Handel. Diese stehen auch hinter der QS Qualität und Sicherheit GmbH und ihrem QS-Prüfzeichen, das „Qualitätssicherung vom Landwirt bis zur Ladentheke“ verspricht. Die QS-Prüfung ist die Voraussetzung dafür, dass ein Erzeuger überhaupt Fleisch an die Lieferanten der großen Handelsketten verkaufen kann.

Gleichzeitig kontrolliert QS auch, ob teilnehmende Landwirte die Bedingungen der Initiative Tierwohl einhalten. Beide Gesellschaften haben den selben Geschäftsführer.

Das Einordnungssystem Haltungsform ver-knüpft die einzelnen Akteure. Es hat vier Stufen mit wenigen zu erfüllenden Mindestkriterien, denen die jeweiligen Siegel oder Qualitätsprogramme zugeordnet sind (siehe Kasten).

Siegel-Dschungel: Tierwohl in vier Stufen – die Kennzeichnung des Handels

Stufe 1: heißt „Stallhaltung“ und beschreibt nicht mehr als die gesetzlichen Mindestanforderungen. Wo diese wie bei Rindern oder Puten fehlen, gelten die üblichen Branchenstandards. Als Garant dafür eingeordnet wird das QS-Prüfzeichen sowie das von Bauernverband und Milchindustrie getragene Prüfzeichen QMilch.

Stufe 2: „Stallhaltung plus“ bekommt ein Produkt, wenn der Landwirt den Tieren Beschäftigungsmaterial zur Verfügung stellt und ihnen etwas mehr Platz einräumt als vorgeschrieben. Bei Schweinen sind das gerade mal zehn Prozent zusätzlich. Diese Kriterien können bestehende Betriebe leicht umsetzen und bekommen dafür Geld aus dem Topf der Initiative Tierwohl. Sie ist deshalb das wichtigste Programm in dieser Stufe.

Stufe 3 „Außenklima“ Hier bekommen Schweine 40 Prozent mehr Platz im Stall sowie Stroh als Einstreu und gentechnikfreies Futter. Beim Stall muss eine Front offen sein, damit ein frisches Lüftchen wehen kann.

Stufe 4 „Premium“ Hier dürfen die Tiere auch nach draußen und Schweine haben doppelt soviel Platz wie gesetzlich vorgeschrieben. Für die anderen Tierarten sind die Anforderungen dieser Stufen ähnlich. In diese beiden Stufen ordnet die Haltungsform rund 50 Siegel ganz unterschiedlicher Träger ein. Eigenmarken großer Handelketten sind ebenso darunter wie Programme von Fleischverarbeitern oder Siegel von Verbänden. Bio-Fleisch und -Milch werden in Stufe 4 einsortiert. Auf der Verpackung erscheint neben der Einstufung der Haltungsform auch das jeweilige Siegel. Das macht die verschiedenen Logos miteinander vergleichbar. Gleichzeitig ebnet es aber Unterschiede gerade beim Tierwohl ein.

TIERWOHL BRAUCHT KONTROLLE

„Die Haltungsform-Kennzeichnung des Handels kann Verbraucher:innen die Orientierung beim Fleischeinkauf erleichtern“, sagt Jutta Jaksche, Lebensmittelexpertin beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. „Etwas mehr Platz und minimale Beschäftigungsmöglichkeiten im Stall, wie in Stufe 2, sind zwar kein Garant für mehr Tierwohl. Die Haltungsformen 3 und 4 signalisieren aber deutlich verbesserte Tierhaltungsbedingungen“, erklärt Jaksche. Sie schränkt aber ein: Für alle Stufen bräuchte es regelmäßige Kontrollen in den Ställen und auf den Schlachthöfen, bei denen der Zustand der toten und lebenden Tiere erfasst wird. Dazu entsprechende Sanktionen, wenn Missstände erkennbar werden. Manche Siegel sehen Beratung und häufige unabhängige Kontrollen vor, andere nicht.

„Es ist problematisch, dass man da in einer Haltungsformstufe Labels zusammenpackt, die ganz unterschiedliche Kriterien haben“, sagt Jaksche. „Für alle Programme ab der Stufe 2 sind jährliche Kontrollen durch neutrale, zugelassene Kontrollstellen vorgesehen“, erklärt Haltungsform-Sprecher Patrick Klein. Ob und wie ein Programm Verstöße sanktioniere, liege in der Verantwortung des jeweiligen Programmträgers; von der Haltungsform her gebe es keine Vorgaben.

Greenpeace kritisiert, dass die Einstufung bei Schweinen nur die Mast betreffe, aber weder die Ferkelaufzucht noch die Haltung der Muttertiere. „Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass selbst bei der besseren Haltungsform 3 den Ferkeln betäubungslos der Ringelschwanz kupiert oder die Muttertiere wochenlang in zu engen Käfigen fixiert wurden“, schreiben die Umweltschützer.

„Die Haltungsformen 3 und 4 signalisieren deutlich verbesserte Tierhaltungsbedingungen.“

Ungeachtet dieser Unzulänglichkeiten hat die Angabe der Haltungsform die Supermärkte erobert. Verbraucherzentralen und Greenpeace checken regelmäßig, ob das Angebot an Fleisch der Haltungsformen 3 und 4 schon gewachsen ist. Stand September 2021 kamen laut Greenpeace vom Frischfleischsortiment der Supermarkt-Eigenmarken ein Drittel aus der Haltungsform 1 und 55 Prozent aus der Haltungsform 2. Die Haltungsformen 3 und 4 waren mit 3,7 und 5,9 Prozent schwach vertreten. Fortschritte vermeldete Greenpeace bei Schweinefleisch, das inzwischen fast komplett aus Haltungsform 2 kommt. Doch bleibt für die Handelsketten viel zu tun. Aldi und Rewe wollen bis 2030 beim Frischfleisch ganz raus aus den Haltungsformen 1 und 2. Die anderen Handelsketten haben dies ebenfalls angekündigt, allerdings ohne konkretes Datum.

DER HANDEL DEFINIERT DIE STANDARDS

Mit der raschen Umsetzung seiner Haltungsform-Kennzeichnung und den Ankündigungen hat sich der Handel als Treiber für Tierschutzverbesserungen positioniert – und damit das Vakuum genutzt, das durch das fehlende staatliche Tierschutzsiegel entstanden ist. Doch Verbraucher- und Tierschützer sehen die auf die vier Haltungsform-Schubladen fokussierte Entwicklung zunehmend auch kritisch.

„Ambitionierte Programme mit hohen Anforderungen an Tierschutz, Zertifizierung und Kontrolle müssen innerhalb der Haltungsform mit Programmen konkurrieren, die lediglich die wenigen Mindestanforderungen an die einzelnen Stu-fen einhalten sowie schwächere Zertifizierungsprogramme besitzen und so günstiger produzieren können“, analysiert Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. Haltungsform-Sprecher Patrick Klein räumt ein, dass eine solche Gefahr „zumindest theoretisch“ bestehe. „Zugleich gibt es die Notwendigkeit, wichtige Kernpunkte für mehr Tierwohl hervorzuheben, um die Komplexität für die Verbraucher zu reduzieren. Sonst gäbe es ebenso viele Haltungsform-Stufen wie es Tierwohl-Programme gibt.“ Damit wäre Verbrauchern nicht gedient, so Klein.

„Das ganze System ist stark zentriert und an dem Interesse des Handels orientiert, eine möglichst große homogene Masse an Fleisch zu bekommen“, sagt Jutta Jaksche. Daran ändert wohl auch die künftige staatliche Kennzeichnung nichts. Die Ampelkoalition hatte sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, ab 2022 eine „verbindliche Tierhaltungskennzeichnung“ einzuführen, „die auch Transport und Schlachtung umfasst“. Bisher bleibt sie aber hinter ihren Plänen zurück. Landwirtschaftsminister Cem Özdemir hat inzwischen erste Eckpunkte des Siegels vorgestellt. Es soll nun ab 2023 gelten – und zunächst nur für frisches Schweinefleisch.

Rindfleisch, Milchvieh und Geflügel sollen folgen – wann ist aber noch unklar. Fünf Stufen sind geplant, eng angelehnt an die bisherige Haltungsform-Kennzeichnung des Handels.

Siegel-Dschungel: Siegel für besseres Fleisch

Mehrere Siegel garantieren den Verbrauchern bessere Haltungsbedingungen und mehr Tierwohl. Das sind die wichtigsten:

Logo Bioblatt Das Bio-Siegel garantiert den Tieren deutlich mehr Platz, artgerechteres Futter, Einstreu und Auslauf. Einige Eingriffe wie das Abschneiden von Ringelschwänzen sind verboten.

Logo Bioland, Naturland Die Bio-Verbände haben teils noch strengere Vorschriften und kontrollieren darüber hinaus jedes Jahr mit einem Tierwohl-Check den Gesundheitszustand der Tiere in den Ställen ihrer Mitglieder.

Logo Neuland Das von Tierschutz- und Umweltverbänden getragene Siegel entspricht bei den Haltungsbedingungen in etwa Bio-Standards, schreibt aber kein Bio-Futter vor.

Logo für mehr Tierschutz Dieses vom Deutschen Tierschutzbund entwickelte Siegel geht mit seiner Premiumstufe in manchen Tierwohlbereichen über den Bio-Standard hinaus.

Die Stufe „Stall“ soll demnach für die gesetzlichen Mindestanforderungen stehen, die Stufe „Stall plus Platz“ für einen etwas komfortableren Stall mit 20 Prozent mehr Platz. Im „Frischluftstall“ hat das Schwein 46 Prozent mehr Platz und eine Seite des Stalls ist offen. In der Stufe „Auslauf/Freiland“ kann das Schwein mindestens acht Stunden pro Tag raus und ihm steht mindestens 86 Prozent mehr Platz zur Verfügung. Die fünfte Kategorie weicht von der Haltungsform-Kennzeichnung des Handels ab, existiert aber längst und ist umfänglich geregelt: Bio-Haltung. Von den Plänen, die „auch Transport und Schlachtung“ umfassen sollen, gibt es allerdings keine Spur, es geht nur um die Haltungsbedingungen. Dass die Kennzeichnung nun verbindlich sein soll, begrüßen Tierschützer. Sie hätten sich aber eine Tierwohl-, nicht eine reine Tierhaltungskennzeichnung gewünscht, denn bessere Haltungsbedingungen alleine garantieren noch nicht, dass es den Tieren in den Ställen wirklich gut geht. Eine weitere Befürchtung: „Noch gibt es nur Eckpunkte für die Mastschweine. Für Ferkel, Sauen und die anderen Tierarten fehlen diese ja noch. Es muss vermieden werden, dass der Handel so viel Definitionsmacht bekommt, dass er die Standards der staatlichen Kennzeichnung nach unten verschiebt“, meint Jutta Jaksche.

„Es muss vermieden werden, dass der Handel so viel Definitionsmacht bekommt, dass er die Standards der staatlichen Kennzeichnung nach unten verschiebt.“

Jutta Jaksche Bundesverband der Verbraucherzentralen

DIE POLITIK MUSS RAN

Die Kennzeichnung soll – so die Pläne dann auch offiziell abgesegnet sind – gut sichtbar auf die Verpackungen gedruckt werden, gesetzlich verpflichtend. Die Verbraucherinnen und Verbraucher haben dann also die Wahl, welche Tierhaltung sie unterstützen wollen – zumindest, was Schweine betrifft. Agrarmarktexperte Achim Spiller warnt allerdings davor, die ganze Verantwortung für den Umbau der Tierhaltung bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern abzuladen. „Würde man bei der Energiewende oder der Mobilitätswende er-warten, dass der Verbraucher sie alleine mit seinem Einkaufsverhalten umsetzt?“, lautet seine Frage. Und die Antwort darauf: „Es ist die Aufgabe der Politik, die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen.“

Formuliert haben Wissenschaftler und Kommissionen diese Rahmenbedingungen längst. Nur passiert ist bisher wenig. Schon im März 2015 empfahlen die wissenschaftlichen Berater des Bundeslandwirtschaftsministeriums „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“. Das Ministerium machte sich nicht auf den Weg, sondern setzte vier Jahre später zwei Kommissionen ein, die über den Weg beraten sollten. Das Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung, die sogenannte Borchert-Kommission, präsentierte ihre Vorschläge im Februar 2020. Anstatt sie umzusetzen, gab die damalige Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner eine Machbarkeitsstudie und eine Folgenabschätzung in Auftrag. Beide wurden im Frühjahr 2021 vorgestellt und unterstützten die Borchert-Vorschläge. Die Zukunftskommission Landwirtschaft legte ihren Abschlussbericht im Juli 2021 vor, einstimmig verabschiedet von Bauernverbänden, Tierschützern und Umweltorganisationen. Die Berichte empfehlen, im Tierschutzrecht endlich Haltungsbedingungen für Mastrinder, Milchkühe, Puten und Wassergeflügel vorzuschreiben sowie Vorgaben für eine tierwohlgerechte Schlachtung festzulegen. Auch sollte es für serienmäßig hergestellte Stallbausysteme einen Tierschutz-TÜV geben. „Ein massiver und verlässlicher Ausbau der staatlichen Tierwohlförderung“, so die Borchert-Kommission, soll den Landwirten helfen, die notwendigen teuren Stallum- und -neubauten zu finanzieren.

Gleichzeitig müsse das Baurecht so geändert werden, dass Ställe ohne große neue Genehmigungsverfahren tiergerecht umgebaut werden könnten. Für einen erfolgreichen Umbau der tierhaltenden Landwirtschaft sei es notwendig, „dass der Konsum und damit einhergehend die Produktion tierischer Produkte zurückgehen“, schrieb die Zukunftskommission.

Dabei müssten wirksame Mechanismen ein auskömmliches Einkommen für die Tierhalter sichern.

„Das lässt sich nicht gänzlich über den Markt lösen. Eine Tierschutzsteuer wäre der Durchbruch für den Umbau der Tierhaltung.“

Achim Spiller Agrarmarktexperte

ZU WENIG GELD

Dafür braucht es Geld – und das fehlt. Der Etat des Bundeslandwirtschaftsministeriums ist gegenüber dem Vorjahr gesunken. Minister Özdemir feierte es als Erfolg, dass in der Planung von 2023 bis 2026 insgesamt eine Milliarde Euro für den Umbau der Tierhaltung vorgesehen ist.

Das sei „als Anschubfinanzierung begrüßenswert“, schrieb die Borchert-Kommission dem Minister, doch bleibe der Betrag weit hinter dem zurück, was notwendig sei. „Ein Umbau kann so nicht gelingen.“

Die Kommission hatte vorgeschlagen, für eine dauerhafte Finanzierung den ermäßigten Umsatzsteuersatz auf tierische Produkte abzuschaffen oder eine mengenbezogene Tierwohlabgabe einzufüh-ren. Der Vorteil: Eine Abgabe oder Steuer müssen alle zahlen, auch Fleischesser, denen das Tierwohl nicht so wichtig ist.

Siegel-Dschungel: Woher kommt mein Schnitzel?

Bei Fleisch muss im Supermarkt die Herkunft angegeben werden – zumindest teilweise.

Auch hier ist die Kennzeichnung kompliziert. Denn: Bei Schweinen, Lämmern und Ziegen muss genannt sein, in welchem Land das Tier aufwuchs und geschlachtet wurde. Allerdings gelten diese Vorgaben nur für unverarbeitetes und verpacktes Fleisch. Kaufen Sie den Braten an der Bedientheke oder wird das Lammkotelett mariniert angeboten, entfällt die verpflichtende Herkunftsangabe schon. Gleiches gilt für Wurst, für Lebensmittel, die Fleisch als Zutat enthalten, und für Fleisch in der Gastronomie.

Bei Rindern hingegen muss auch in Bedientheken angegeben werden, in welchem Land das Tier geboren, gemästet, geschlachtet und zerlegt wurde – nur nicht bei verarbeiteten Produkten. Um diese Lücken zu schließen, versprach die Ampelkoalition, „eine umfassende Herkunftskennzeichnung“ einzuführen. Doch dabei möchte sie, anders als etwa Österreich, der EU den Vortritt lassen. So lange warten Fleischwirtschaft und Handel nicht. Sie haben eine Kennzeichnung entwickelt für Schweine, die von der Geburt bis zur Verarbeitung immer in Deutschland waren: 5*D.

Doch von diesen marktwirtschaftlichen Steuerungsinstrumenten will die FDP nichts wissen. Sie setzt auf ein „durch Marktteilnehmer getragenes System“ und hat das auch so in den Koalitionsvertrag hineinverhandelt. Ein solches System wäre die Initiative Tierwohl, die bereits jetzt Gelder des Handels für kleine Tierschutzverbesserungen an Landwirte weitergibt. Doch für den großen Umbau braucht es jährlich einige Milliarden Euro, hat die Borchert-Kommission geschätzt. „Das lässt sich nicht gänzlich über den Markt lösen“, ist Agrarmarktexperte Achim Spiller überzeugt. „Eine Tierschutzsteuer wäre der Durchbruch für den Umbau der Tierhaltung.“ Das sieht auch die große Mehrheit der Deutschen so: In einer Umfrage des Instituts Kantar für Greenpeace waren 85 Prozent der Befragten bereit, zusätzliche Steuern oder Abgaben auf Fleischprodukte zu zahlen, um so das Tierwohl zu erhöhen.

KOMMENTAR

Siegel-Dschungel: Arme Säue

In Sachen Tierhaltungskennzeichnung ist die Industrie vorgeprescht und die Politik hat nachgezogen – viel zu langsam, viel zu zögerlich und viel zu spät. Eigene Akzente? Fehlanzeige. Das geplante staatliche Siegel ist bis auf ein paar kleine Abweichungen nichts anderes als das, was Industrie und Handel längst mit ihrer Haltungsform-Kennzeichnung praktizieren. Und die fünf geplanten Stufen sind ein Versuch, das sehr komplexe Thema Tierwohl in sehr simple Schubladen zu pressen. Ein bisschen mehr Platz – zack, zweite Stufe. Ein bisschen Frischluft – zack, dritte Stufe. Das Tier darf raus? Wunderbar, vierte Stufe. Aber: Was für Futter bekommen die Tiere? Wie hoch ist die Verlustrate der Betriebe? Werden die Tiere fixiert, ihnen die Schwänze abgeschnitten, die Hoden herausgerissen? Sind sie krank? Für die staatliche Tierhaltungskennzeichnung sind diese Tierwohl-Aspekte völlig irrelevant. Den entscheidenden Faktor für das Tierwohl – die Gesundheit der Tiere – blendet die Kennzeichnung komplett aus. Damit führt das Siegel in die Irre: Verbraucherinnen und Verbraucher bekommen nämlich das Gefühl, das Tierwohl entscheidend zu beeinflussen, wenn sie Fleisch aus einer höheren Stufe kaufen. Eine vertane Chance, wirklich etwas für die armen Säue in den Ställen zu tun.

INTERVIEW

„Der Druck steigt“

ÖKO-TEST: Seit 20 Jahren steht der Tierschutz im Grundgesetz – was hat es den Tieren in den Ställen gebracht?

Thomas Schröder: Das Staatsziel war ein großartiger Durchbruch für die gesellschaftliche Debatte, aber es ist politisch nicht umgesetzt worden. Das Tierschutzgesetz orientiert sich immer noch am Nutzen. Aber wir diskutieren über Tierschutzfragen, der gesellschaftliche Druck steigt.

Was wünschen Sie sich an Umsetzung?

Für Rinder, Puten und Wassergeflügel sowie für die Elterntiere etwa bei Hühnern gibt es keine gesetzlichen Haltungsvorgaben. Das müsste umgehend geändert werden. Eine weitere dringliche Aufgabe ist ein Stop im Stallbau.

Wenn ein Stallsystem als tierschutzwidrig erkannt ist, wie etwa der übliche Warmstall in der Schweinehaltung, sollte er nicht mehr gebaut werden dürfen. Denn ein Stall, der jetzt noch entsteht, wird 30 bis 40 Jahre betrieben und fällt unter Bestandsschutz.

Was halten Sie von der staatlichen Kennzeichnung?

Ich hätte es gerne als umfassendes Tierschutzsiegel gehabt, doch leider soll es ein Tierhaltungskennzeichen werden.

Was abgebildet werden soll, ist der Status quo, mir fehlt eine Weiterentwicklung. Mein Wunsch wäre es, dass auch Transport und Schlachtung eine Rolle spielen. Denn der Weg in den Tod muss so schonend wie möglich geschehen.