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Silicon Saxony


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 18.03.2020

Jeder zweite in Europa gebaute Mikrochip kommt aus Dresden. Wie wurde diese Stadt zum Zentrum der europäischen Chipindustrie? Von Dietmar H. Lamparter


Wer einmal mit eigenen Augen sehen will, dass auf einer deutschen Baustelle für ein Großprojekt alles klappen kann, muss nach Dresden fahren. Hier entsteht die modernste Halbleiterfabrik Europas - das erste Projekt dieser Art auf dem Kontinent seit mehr als zehn Jahren. Eine Milliarde Euro gibt Bosch dafür aus. Nach einer Startphase ist hier ab Ende 2021 die Serienproduktion von Mikrochips geplant. Bauteile, die die Stuttgarter für das autonome Fahren, für ...

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Bildquelle: Deutsch perfekt, Ausgabe 4/2020

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... intelligente Fabriken, das Internet der Dinge und Smarthome-Produkte brauchen. Für die Zukunft also.

„Wir sind voll im Plan“, sagt Otto Graf, der 61-jährige Werkleiter auf der Baustelle. Der Ingenieur aus Österreich bringt viele Jahre Erfahrung beim Aufbau von Hightechproduktionen mit. 10 000 Quadratmeter groß wird der Reinraum. Dort werden die nur wenige Millionstel Millimeter dicken Strukturen der elektronischen Schaltkreise auf die runden Siliziumscheiben, die Wafer, gesetzt. „In Dresden ist das Umfeld für den Aufbau einer Halbleiterproduktion ideal“, sagt Graf.

Standorte aus der ganzen Welt hatten sich um die Bosch-Fabrik beworben. Auf der „Shortlist“ hätten zuletzt Singapur und der Staat New York neben Dresden gestanden, sagt Frank Bösenberg vom Verein „Silicon Saxony“, eine Organisation aus mehr als 300 Firmen aus der Region. „Es war unser Ökosystem, das den Ausschlag gab“, sagt der 42-jährige Sachse.

Die Fab 1 von Globalfoundries ist eine der bald vier Dresdener Chipfabriken - und die größte Chipfabrik Europas.


Mit Biologie hat das natürlich nichts zu tun. Er meint damit den Cluster von mehr als 2300 Unternehmen, die sich in Sachsen mit Mikroelektronik, Maschinen- und Anlagenbau, Software und spezialisierten Dienstleistungen beschäftigen. So ein Cluster ist einmalig in Europa

Rund 65 000 Menschen arbeiten im Silicon Saxony, vom Start-up bis zu den drei und mit Bosch dann vier großen Chipfabriken in Dresden. Jeder zweite in Europa gebaute Mikrochip kommt aus diesen „Fabs“, wie die Halbleiterfabriken genannt werden. Zum Cluster gehört auch eine in Deutschland einmalige technisch orientierte Hochschul- und Forschungslandschaft, sagt Cheflobbyist Bösenberg. Er meint die Technische Universität (TU) Dresden, die Hochschule für Technik und Wirtschaft und die vielen Forschungsinstitute wie Fraunhofer, Max Planck, Leibniz und Helmholtz.

Dresden ist Europas Hotspot für Mikroelektronik. Warum ist speziell hier ein Cluster für diese Industrie entstanden?

Informiert man sich in der Stadt, werden mindestens fünf wichtige Faktoren deutlich: Dazu gehören die Historie in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und eine gelungene Wirtschaftspolitik nach deren Ende, eine unproblematische Bürokratie, der Wissenschaftsstandort, das Potenzial an Experten und besonders die spezielle Atmosphäre, für die der Ort inzwischen bekannt ist

Schon zu DDR-Zeiten, mit dem Modell der Planwirtschaft, wurden Computer und Mikrochips gebraucht. Als Zentrum dafür wählten die Planer in Ostberlin die Stadt Dresden. Das Kombinat Robotron war der ostdeutsche Monopolist für Computer. Und das Zentrum für Mikroelektronik (ZMD) sollte den Vorsprung des Westens bei der Entwicklung von Halbleitern aufholen. Beide waren in Dresden. Kurz vor der Öffnung der Grenze stellten die ZMD-Ingenieure ihren ersten 1-Megabit-Speicherchip vor. Aber das Embargo für westliche Spezialmaschinen machte eine einfache Produktion unmöglich. Der Chip wäre viel teurer gewesen als ähnliche Produkte aus Japan oder den USA.

Nach dem Ende der DDR mussten die Firmen - wie fast alle früheren Staatsbetriebe - für immer schließen und wurden an Investoren verkauft.

Der Ökonom Joachim Ragnitz (59), stellvertretender Leiter der Niederlassung des Ifo Instituts in Dresden, sieht das heute positiv. „Sanierungsversuche hätten länger gedauert, und Neugründungen waren letztlich effektiver“, sagt er. Ragnitz ging 1994 nach Ostdeutschland und hat seit damals die wirtschaftliche Entwicklung untersucht. „Die Unternehmen der DDR waren in der Marktwirtschaft nicht wettbewerbsfähig, die qualifizierten Mitarbeiter aber sehr wohl“, sagt Ragnitz.

Der aus dem Westen kommende Politiker Kurt Biedenkopf, der erste sächsische Ministerpräsident, hatte durch die günstigen Ingenieure und Fachkräfte Erfolg bei der westlichen Industrie. Für Siemens war dies - neben großen Subventionen - das zentrale Argument, 1994 eine große Chipfabrik für seinen Halbleitersektor (heute Infineon) statt in Malaysia in Dresden zu bauen. Wenig später baute der US-Gigant AMD, ein Konkurrent von Intel bei Mikroprozessoren, in Dresden die zweite große Chipfabrik.

Siemens und AMD investierten danach noch mehr Milliarden in ihre Fabriken. Infineon, inzwischen ein eigenes Unternehmen, gliederte seine Dresdener Speicherchipfertigung in eine Tochterfirma aus, Qimonda. Die großen Halbleiterfabriken wurden auch zu einer Chance für viele kleine Dresdener Firmen als Lieferanten

Dann kam die Krise. Der Wettbewerb unter Halbleiterfirmen ist groß, schnell und global. Die Schaltstrukturen auf den Chips werden immer kleiner, die Chips schneller - aber die Preise fallen. Im Jahr 2009 musste Qimonda Konkurs anmelden, 4000 Mitarbeiter verloren ihre Jobs. Auch Nachbar AMD machte damals keinen Profit.


Schon in der Deutschen Demokratischen Republik war Dresden das Chip-Zentrum.


Aber den Dresdener Cluster für Mikroelektronik gibt es heute noch immer. „Wir haben mit 52 000 Quadratmetern die größte Reinraumfläche Europas“, sagt Thomas Morgenstern, Chef von Globalfoundries Dresden. Mehr als 3200 Mitarbeiter mit 50 verschiedenen Nationalitäten hat die gigantische frühere AMD-Fabrik heute. Globalfoundries aus den USA finanziert sich mithilfe von Investoren aus Abu Dhabi.

Das Unternehmen ist ein sogenannter Auftragsfertiger. Es stellt die Chips auf Basis von Kundenwünschen her. Dank Milliardeninvestitionen stellt „Fab 1“ inzwischen ein immer größeres Spektrum an Produkten her, vieles läuft automatisiert. „Polykultur statt Monokultur“, sagt Morgenstern zum Produktprogramm. Mikrochips aus der Fab 1 finden sich heute zum Beispiel in Smartphones, Tablets oder Reisepässen.

„Innovationen sind heute siliziumgetrieben“, sagt Morgenstern. Der 50-jährige Chemiker hat schon für Infineon, Qimonda und Bosch gearbeitet. Ohne die Chipfertigung im Land wären wichtige deutsche Industrien - egal, ob Automobilfirmen oder Druckmaschinenhersteller - auf eine gefährliche Art abhängig von Lieferanten aus Amerika und Asien, glaubt Morgenstern.

„Wenn ein Unternehmen mit einem so guten Ruf wie Bosch jetzt dazukommt, macht das den Cluster in Dresden nur stärker“, sagt der Manager. Auch wenn man Leute an die neue Fabrik verliert.

Sehr stark fühlt man sich in diesem Moment im Werk von Infineon nebenan. „Die Geschäfte laufen sehr gut“, sagt Raik Brettschneider. Der 40-jährige Sachse ist stolz darauf, „als erster Ostdeutscher“ Chef einer Halbleiterfabrik von Infineon zu sein. Die Anlagen in seiner Fabrik waren dank der früheren Tochterfirma Qimonda schon da. Er erzählt, dass dieser Standort für Infineon so etwas wie „ein Leuchtturm“ ist. Auch weit außerhalb von Dresden wissen Infineon-Mitarbeiter davon. In den letzten zwei Jahren kamen 600 neue Mitarbeiter hierher, 2500 Menschen arbeiten jetzt im Werk. Und der Vorstand in München hat Dresden sein Okay für die Planung eines neuen Forschungszentrums mit 250 Stellen gegeben.

Wie ein Cluster funktioniert und einen Standort populär macht, zeigt das Beispiel der Firma Fabmatics. Sie ist darauf spezialisiert, Fabriken für die Herstellung von Halbleitern zu automatisieren. So wie viele andere mittelständische Unternehmen der Region ist Fabmatics mit den Chipfabriken gewachsen - und ist Teil eines immer stärker werdenden industriellen Netzwerks.

Im eigenen Reinraum von Fabmatics läuft auf selbst entwickelten mobile Robotern vom Typ „Hero Fab 300“ ein 72-Stunden-Test. In dem Raum ist kein Mensch. Gesteuert werden die Heros und ihre Brüder vom Typ „Scout Active“ über Sensoren und selbst entwickelte Software. Sie laufen mit Akku-Antrieb.„Bei der Systemintegration von Transportsystemen in Halbleiterfabriken ist Fabmatics weltweit einmalig“, sagt der Chef des Hidden Champions, Heinz Martin Esser.

Spezialfirmen wie Fabmatics sind ein Standortvorteil für Dresden. Noch einer sind die speziell ausgebildeten Fachkräfte: „Wir können zwischen den guten und den besten Leuten wählen“, erzählt Bosch-Werkleiter Otto Graf auf der Baustelle. Elf Jahre Halbleitererfahrung haben die schon eingestellten Ingenieure im Durchschnitt mitgebracht. „Damit fangen wir nicht bei null, sondern gleich mit 70 Prozent an“, sagt er. Für 700 Angestellte ist die Fabrik geplant.

Globalfoundries-Manager Morgenstern und Bosch-Werkleiter Graf sind Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt, im Wettbewerb um die besten Spezialisten. Aber eines finden beide: Mit der Bürokratie in Sachsen und in der Stadt Dresden haben sie sehr gute Erfahrungen gemacht. „Wenn es uns nicht gelingt, schnelle Entscheidungsprozesse umzusetzen, dann sind wir raus“, sagt Robert Franke, der Leiter des Amtes für Wirtschaftsförderung, „wir verstehen uns als Dienstleister der Unternehmen“.

Maximale Sauberkeit ist in allen Chipfabriken extrem wichtig.


Frankes Team hat inzwischen 60 Leute und kümmert sich nicht nur um die wichtigsten Firmen, sondern um „das gesamte Ökosystem“. So begann 2019 der Betrieb für zwei neue „Start-up-Zentren“. Neben Räumen für die Arbeiten halten diese auch Wohnraum in einer Art Wohngemeinschaft bereit, damit sich die jungen Gründer austauschen können. Für die 550 000-Einwohner-Stadt hat das Vorteile. „In den letzten zwölf Jahren ist die Arbeitslosenquote von 15 auf unter sechs Prozent gefallen“, sagt Franke.

An diesem Wafer-Testgerät wird Material analysiert.


Eine extrem große Hilfe für neue und alte Unternehmen ist auch die Dresdener Community rund um Silicon Saxony. Die Atmosphäre in Dresden beschreibt Gerhard Fettweis, Professor für Nachrichtentechnik an der TU, als „ein bisschen so wie im Silicon Valley der Anfangszeit“. Der 57-jährige Halbamerikaner arbeitete zu dieser Zeit im kalifornischen Berkeley, als ihn die Regierung Sachsens 1995 um Unterstützung bat, um eine Infrastruktur für AMD an diesem Ort möglich zu machen. Wenig später zog er nach Dresden um.

Dreimal hat Fettweis seither ein Angebot, in Berkeley Professor zu werden, abgelehnt. Wegen der „einmaligen Chance, in Dresden was aufzubauen“ ist er geblieben - und wegen der Schönheit der alten Kulturstadt.

Wenn Fettweis erzählt, bekommt man einen Eindruck davon, wie das Silicon-Saxony-Netzwerk funktioniert. So hat er vor Jahren „einen Stammtisch für Chipentwickler“ gestartet, die sich alle paar Monate in einer anderen Firma treffen. „Da bekommt ein Team schon mal Tipps von den Kollegen, wenn es sich bei einer Entwicklung festgefahren hat.“ Einen ähnlichen Treff gibt es für die Telekom-Leute, die sich mit 5G beschäftigen. „Alle wollen, dass der Standort nach vorn kommt“, sagt Fettweis. Weniger Egoismus, mehr Kooperation: „Wir nennen das den Dresden-Spirit.“

Noch gibt es im sächsischen Cluster keine großen Firmen, wie sie im Silicon Valley entstanden. Aber Fettweis hat „die Hoffnung, dass einer der Mittelständler in der Stadt mal richtig groß wird“.

Branchenexperte Fettweis hält das für eine gute Investition. Seine Bilanz der Vergangenheit: „Jede Subvention hat sich in fünf Jahren durch Steuereinnahmen amortisiert.“


Foto: Globalfoundries

Foto: Globalfoundries