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Sind Leckerli eigentlich Bestechung?


Mein Hund & Ich - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 18.12.2019

Die Keksfrage als Glaubensfrage: Ist ein Leckerli ein gutes Hilfsmittel oder ein fataler Fehler? Was denn nun?


Artikelbild für den Artikel "Sind Leckerli eigentlich Bestechung?" aus der Ausgabe 1/2020 von Mein Hund & Ich. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Mein Hund & Ich, Ausgabe 1/2020

Zum Glück sind unsere Hunde viel zu komplexe und anspruchsvolle Lebewesen, um in die eine oder die andere Schublade zu passen. Im Training schließe ich daher Leckerli weder kategorisch aus, noch finde ich sie in jeder Situation angebracht. Überlegen wir doch einmal, warum überhaupt Kekse in der Hundeerziehung verwendet werden: Um unseren Hund für ein bestimmtes Verhalten (z. B. „Platz“ oder „Hier“) zu belohnen. Man könnte aber doch auch andere Belohnungsformen wählen. Man könnte stimmlich loben, ...

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... streicheln oder ein Spiel beginnen.

Die passende Belohnung

Und da sind wir schon beim wichtigsten Punkt, den es zu zu klären gilt: Was ist überhaupt eine Belohnung für meinen Hund? Unsere Hunde haben Vorlieben und Abneigungen. Sie bringen genetisch fixierte Grundmotivationen mit sich. Ich kann nicht automatisch von einen Hund auf den anderen schließen, selbst wenn sie derselben Rasse angehören. Jeder Hund hat seine Persönlichkeit, die wir im Laufe eines gemeinsamen Lebens immer besser kennenlernen dürfen.
Wenn es für meinen Hund z. B. nichts Großartigeres gibt, als abends auf der Couch gestreichelt und bekuschelt zu werden, heißt das noch lange nicht, dass er es auch nur ansatzweise großartig findet, wenn ich ihn draußen im Park streichle, nachdem er sein Spielzeug apportiert hat. Die Belohnungsform passt hier nicht zur Situation.

Die Situation ist entscheidend

Kuscheln und Kontaktliegen im vertrauten häuslichen Umfeld mögen viele Hunde gern. Aber es gehört für die meisten nicht nach draußen in offenes Gelände. Und schon gar nicht gekoppelt mit einer jagdlichen Beschäftigung wie Apportieren. Hier kann ein Leckerli mehr Sinn machen, wenn es sich um einen futtermotivierten Hund handelt. Wenn hingegen das Werfen und Bringen an sich der größte Spaß für unseren Hund ist, dann wendet er eventuell den Kopf ab, wenn wir ihn mit Futter belohnen wollen, oder er spuckt uns den Keks vor die Füße. Es gilt also nicht nur, darauf zu achten, welche Belohnungsformen ein Hund überhaupt bevorzugt. Sondern auch je nach Situation zu unterscheiden, welche Belohnung denn gerade passt.

Leckerli können sehr motivieren

Wenn ich meinem Welpen „Sitz“ beibringen möchte, weiß der kleine Kerl ja noch überhaupt nicht, was ich eigentlich von ihm möchte. Er folgt vielleicht ein paar Mal meiner Hand, die sich über seinen Kopf schiebt, aber dann verliert er schnell das Interesse und jagt lieber einer Staubfl use hinterher. Habe ich in meiner Hand dagegen ein kleines Futterstück versteckt, wird das Interesse meines Welpen vermutlich länger anhalten. Er wird motivierter ausprobieren, was er tun kann, um an den Keks zu kommen. Sobald er sich hinsetzt, erhält er sein Leckerli und ein ruhiges Lobwort, und die Übung kann noch mehrmals wiederholt werden. Würde man streicheln oder zu stark stimmlich loben, würde das unseren Welpen in einen höheren Erregungszustand versetzen. Er würde aufstehen oder sich auf den Rücken legen und uns den Bauch zum Streicheln präsentieren. Oder er würde eine lustige Rauferei mit unserer Hand beginnen. Das würde sicher auch Spaß machen, aber wäre in diesem Fall als Lernform weniger effektiv als der Einsatz eines Leckerchens. Nach kurzer Zeit ist meine Hand, die zum „Sitz“ auffordert, übrigens leer. Jetzt ist die Belohnung nicht mehr vorher zu sehen, sondern kommt aus der anderen Hand, oder ich greife erst nach erfolgter Ausführung nach dem Keks in meiner Hosentasche.
Aber muss ich denn nun ein Hundeleben lang Futter geben für „Sitz“? Sicherlich nicht! Sobald mein Hund ein neu erlerntes Signal sicher beherrscht, wird nicht mehr jedes Mal belohnt. Aber über einen langen Zeitraum immer noch oft genug, dass er motiviert bleibt. Und für schwierige Situationen (z. B. ein sicheres „Bleib“, während ein Häschen über den Weg hoppelt), darf es gern auch noch bei einem älteren, fortgeschrittenen Hund einen dicken Keks geben!

Auf das Timing kommt es an!

Völlig anders sieht es aber aus, wenn ich ein Leckerli brauche, damit mein acht Monate alter Hund Sitz macht. Wenn ich also meinem Hund für eine ihm bekannte Aufgabe vorab erst einmal zeigen muss, was ich zu bieten habe, bevor er sich entscheidet, ob er mitmacht oder nicht, kann man tatsächlich von Bestechung sprechen. Meistens ist dieses Problem hausgemacht durch nicht optimales Timing und kein Gegenargument für den Einsatz von Futter im Training.

Hunde sind sehr gute Beobachter

Wir Hundehalter sprechen oft ein Signal aus, obwohl unser Hund gerade abgelenkt oder die Situation einfach zu schwer ist. Da er scheinbar nicht auf uns reagiert, kramen wir in der Tasche nach einem Keks, halten ihn unserem Hund vor die Nase und wiederholen das Signal. Motiviert durch das Futter, führt unser Hund zwar unseren Wunsch aus, hat aber fürs nächste Mal gelernt, bloß nicht auf unsere erste Ansprache zu reagieren, sondern abzuwarten, bis der leckere Keks ins Spiel kommt! Dieser kleine Teufelskreis überträgt sich mehr und mehr auf alle Signale, die wir Menschen verwenden. Wir machen uns nicht nur vom Futter abhängig, sondern auch noch von der Qualität des Futters: Ein Hund, der auf „Hier!“ erst einmal schaut, was wir denn da in der Hand halten, und dann entscheidet, dass er lieber auf den Käse wartet, hat leider optimal gelernt, uns in dieser Situation zu manipulieren. Wäre es aber überhaupt mit dem besten aller Leckerchen getan, damit unsere Hunde sicher in allen Lebenslagen zu uns zurückkehren, wären Hundeschulen nicht so gut besucht. Für die meisten Hunde ist beispielsweise eine spannende Begegnung mit Artgenossen unwiderstehlicher als jedes Futter. Ein sicherer Rückruf kann zwar mithilfe einer Superbelohnung aufgebaut werden. Aber damit er im Alltag auch funktioniert, braucht man weitere Trainingsschritte. Nur mit der Leberwurst zu winken, reicht auf Dauer nicht aus. Schon gar nicht bei Hunden, die ohnehin nicht sonderlich an Futter interessiert zu sein scheinen. Sehr oft höre ich von Hundehaltern: „Auf Futter reagiert unser Hund überhaupt nicht. Das ist ihm gar nicht wichtig. Wir sind schon froh, wenn er überhaupt frisst!“ Auch dieser Einwand bedeutet nicht automatisch, dass Leckerli im Training völlig verkehrt sind. Erst einmal steht nur fest, dass dieser Hund es nicht nötig hat, sich für sein Futter anzustrengen! Wozu auch, wenn der Napf mit dem Trockenfutter den ganzen Tag über zur Verfügung steht? Hunde sind fantastische Beobachter: Sie sehen unsere kleinsten Reaktionen und spüren unsere Sorge. Schnell haben sie gelernt, dass Frauchen und Herrchen es nicht aushalten, wenn der Napf halb voll bleibt. Es wird Hüttenkäse zugegeben, Quark obendrauf und gutes Öl! Na also, man muss nur etwas Geduld haben, und schon bemühen sich die Menschen sehr, dass das arme Tier endlich frisst.

Und, was hast du für mich? Lohnt es sich überhaupt, dass ich mich anstrenge?


Vom „schlechten Esser“…

Wenn wir es bei unserem „schlechten Esser“ aber obendrein mit einem Hund zu tun haben, der auch nicht fürs Spielen zu begeistern ist, dann gehen uns rasch die Motivationsmöglichkeiten aus. Macht jeder beim Spaziergang also sein eigenes Ding? Der Mensch bleibt auf dem Weg und sein Hund kümmert sich um die spannenden Dinge, die er ganz alleine draußen machen kann? Hier kann es sinnvoll sein, das Futter unseres Hundes attraktiver, also rarer zu machen, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Das heißt keineswegs, dass er hungern muss. Aber dass der Napf eben nicht 24 Stunden steht. Und dass unser Hund in kleinen Schritten lernt, dass sich die Zusammenarbeit mit seinem Menschen lohnt, weil sie ihn ernährt.

Futter nur für Arbeit?

Aber ist es nicht ein krasser Schritt, dass sich unser Hund nun sein Futter verdienen muss? Tierschützer gehen auf die Barrikaden! „Hundearbeit“ ist doch nicht mit dem Tierschutzgesetz vereinbar. Doch, ist sie! Hunde sind von Natur aus keine Faulenzer: Sie sind Jäger, Wächter, Begleiter. Sie möchten sich fortpfl anzen und streiten sich um die schöne Nachbarshündin. Oder sie möchten ihr Rudel zusammenhalten, ihr Revier für sich beanspruchen, jagen gehen usw. Beschäftigen wir unsere Hunde nicht ausreichend, kommt es schnell zu unerwünschten Verhaltensweisen wie übermäßigem Bellen am Zaun oder Wildern im Wald. Die natürli- chen Vorlieben eines Hundes sollten erkannt und im Spiel kanalisiert werden.

Ein gemeinsames Erfolgserlebnis

Irgendetwas, das unseren Hund antreibt, das ihm Spaß macht und für das er sich ins Zeug legen möchte, finden wir immer. Warum sollte das nicht auch Fressen sein? Ist mein Hund völlig auf ein Bällchen fixiert – egal wer es wirft, egal wohin es fl iegt, er muss hinterher –, scheint das in der Hundewelt akzeptierter zu sein als ein Hund, der „nur“ seinen Futterbeutel apportiert. Und das „nur“, weil da sein Futter drin ist. Aber einen Plastikball findet dieser Hund eben nicht spannend. Sein Futter ist ihm wichtig genug, dass er ihm hinterherläuft. Er hat gelernt, den Beutel und somit sein Fressen zu seinen Menschen zu tragen. Er vertraut ihnen die Beute an und wird dafür belohnt: Hund und Mensch gehen gemeinsam jagen und teilen Erfolgserlebnisse in bindungsfördernder Zusammenarbeit. Es spricht also überhaupt nichts dagegen, Kekse und Leckerli in Training und Spiel sowohl drinnen als auch draußen zu verwenden, wenn ihr Einsatz a) sinnvoll für den jeweiligen Hund ist, b) zur aktuellen Situation passt und c) mit gutem Timing erfolgt.

Niemals fremde Hunde belohnen

Nur weil Leckerli und Co. im Training also passend sein können, ist das nicht gleichbedeutend mit einem Freifahrschein für „wildes“ Füttern im Park! Es ist definitiv nicht angebracht, einem fremden Hund Kekse zu geben, weil man Hunde so sehr liebt. Oder aus Höflichkeit: Schließlich hat der eigene Hund gerade eine Belohnung bekommen, und dieser hier schaut doch so nett … Auch unter Hunden mehren sich die Futtermittelunverträglichkeiten und Allergien. Nicht jeder Hund reagiert gut auf jedes Futter. Und ist der mit den Armen fuchtelnde, rufende Mann da hinten nicht evtl. das Herrchen? Man tut ihm keinen Gefallen, wenn man seinen Hund dafür belohnt, dass er gerade nicht auf den Hier-Pfiff hört! Ganz zu schweigen davon, dass man durch wahlloses Kekse-Geben auch wahlloses Anspringen und einforderndes Verhalten gegenüber fremden Menschen antrainiert. Hier ist es also sicher vorzuziehen, sich erst mit dem anderen Hundehalter zu verständigen, wenn man dessen Hund ein Futterstückchen geben möchte.

Bitte nicht verallgemeinern!

Leckerli sind also nur dann Bestechung, wenn wir sie als solche gebrauchen. Ein Spiel von Zwei- und Vierbeiner, das über Futter aufgebaut wurde, ist nicht weniger wertvoll als ein Spiel zum Selbstzweck. Mithilfe von Leckerli erarbeitete Grundsignale, Leinenführigkeit etc. machen Spaß und sind im Alltag einsetzbar. Die Futterbelohnung sollte aber wieder abgebaut werden, damit man nicht auf den Keks angewiesen bleibt.
Mein Fazit zu diesem polarisierenden Thema fällt klar aus: Ich verwende sehr gern Futter, um Hunden auf motivierende Art Neues beizubringen. Und auch in artgerechter Beschäftigung hat die Belohnung über Futter für mich ihren festen Platz. Aber nicht pauschal auf alle Hunde verallgemeinert! Nicht bei jedem Hund müssen Kekse verwendet werden. Nicht jeder Hund braucht die Motivation über Futter. Für mich ist es eine spannende Reise, Menschen und ihre Hunde auf dem Weg zu einem Team zu begleiten. Und zu einem guten Teampartner Mensch gehört auch, dass er die Neigungen seines Vierbeiners nicht nur (er)kennt, sondern auch bereit ist, sich danach auszurichten. Ich erinnere mich gut an die geradezu entsetzte Frage eines Hundehalters: „Füttern Sie Ihren Hund immer noch unterwegs?“ Na klar! Und gerne noch dazu! Denn ich weiß, dass mein Hund sich als existenzieller Jäger am liebsten seine Beute selber suchen würde. Nur seine Erziehung hält ihn davon ab. Dafür biete ich ihm die Ersatzjagd mit mir als Partner – und mit seinem alltäglichen Futter. Denn das macht ihn zufrieden. Und wenn ich eines Tages mit einem anderen Hund zusammenleben werde, gilt es wieder neu zu entscheiden, woran er Spaß hat. Und ob, wie viel und wann Leckerli für diesen Vierbeiner sinnvoll sein werden.

DIE EXPERTIN

STEPHANIE KRAUSS

ist als Rütter DOGS Coach im Einsatz und begleitet Menschen und ihre Hunde auf dem Weg zu einem harmonischen Team. Ihre eigene Lieblings-Begleitung ist Rhodesian Ridgeback Jamani (10).
www.martinruetter.com/fuerstenfeldbruck-starnberg


Fotos: istockphoto.com (3)