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Sind wir noch solidarisch?


Dialog - epaper ⋅ Ausgabe 129/2020 vom 21.01.2020

Wir haben jahrhundertelang eine enorme Arbeit geleistet, um aus Horden und Stämmen zu Gesellschaften zu werden. Manchen Politikern liegt daran, die Zeit zurückzudrehen und aus als Ganzes reibungslos funktionierenden Gesellschaften gegeneinander kämpfende Stämme zu machen. Was uns retten kann, ist Solidarität im Denken über uns als Europäer, die gemäß der Idee von einer „großen“ gewerkschaftlichen „Solidarität“ die Solidarität an sich als klassenübergreifende Gemeinschaftlichkeit verstehen.


Ich stamme aus einem Land, aus Polen, indem das Wort „Solidaritat“ seit Jahren rauf und runter dekliniert wird. Es ...

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Bildquelle: Dialog, Ausgabe 129/2020

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... ist die Solidaritat – die menschliche, die alltagliche, die nicht feiertagliche – die es meinem Volk ermoglicht hat, schwierigste Zeiten zu uberstehen. Die Solidaritat mit ihrem inklusiven Charakter wurde als gegenseitige Unterstutzung und Hilfe in schwierigen Momenten fur alle verstanden, die dies brauchten, unabhangig von ihrem Status, ihren Ansichten, und sogar von ihrer Konfession. Doch nicht weniger wichtig in der polnischen Geschichte war der exklusive Charakter dieser Solidaritat, der sich in dem gemeinsamen Widerstand gegen jederart Autokraten und Diktatoren auserte. Wie die neuste Geschichte zeigt, haben die Polen in den Jahren der Besatzung und der europaischen Ausgrenzung eine wichtige Lektion gelernt. Denn auf der Grundlage dieser gesellschaftlichen Erfahrungen wurde vor fast 40 Jahren (am 10. November 1980) in Danzig, einer Stadt im Norden Polens die menschliche Solidaritat formalisiert und gab sich den Namen Unabhangiger Selbstverwalteter Gewerkschaftsbund „Solidarność“. Diese Gewerkschaft entstand uber alle Klassenteilungen hinweg, gegrundet wurde sie von Arbeitern mit Lech Wałęsa an der Spitze, und ihre Entstehung wurde von den Intellektuellen angeregt. Die antikommunistische Tatigkeit der in der Gewerkschaft vereinigten Menschen, und auch aller anderen, die mit der Gewerkschaft sympathisierten, war und ist bis heute ein internationales gesellschaftliches Phanomen. Das gemeinschaftliche Gefuhl der Starke, die sich ergebende Chance fur Veranderungen, das Nahren der Hoffnung in den Menschen, das Gute, mit dem sich die Herzen der Polen fullten, und das in dem pseudodemokratischen, kommunistischen Land einmalige Gefuhl der Handlungsfahigkeit fuhrten dazu, dass die menschliche Solidaritat, die in der Tatigkeit der „Solidarność“ gebundelt war, nicht nur in Polen Veranderungen hervorrief, sondern auch im gesamten europaischen kommunistischen Block. Die Mauer, deren Apotheose die Grenzmauer in Berlin war, begann zu brockeln, doch als sie schlieslich fiel, war das unumkehrbar. Die Wende der 1990er Jahre war das europaische „Goldene Zeitalter“ der menschlichen Solidaritat. Damals begann auch die Hoffnung auf die Entstehung eines solidarischen Europas. Diese Hoffnung formte sich zu realen Planen, deren Verkorperung ein weiteres, in diesem Falle geopolitisches, Phanomen ist, namlich die Europaische Union.

Tomasz Sobierajski


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Mirosław Gryń

Seit diesen Ereignissen sind Jahrzehnte vergangen. Europa befindet sich in einem besonderen Moment. Einerseits ist es stark, dank der Bundnisse und – trauen wir uns ruhig, dies zu sagen – wegen der riesigen Gelder, und andererseits wird es gepiesackt von populistischen, diktatorischen Ausbruchen vieler antieuropaischer (sic!) Politiker, zu deren Werten die Solidaritat nicht gehort. Im Gegenteil. Populistische Politiker starken ihre Macht, indem sie unter den Burgern Angst schuren und am Leben erhalten. Zu diesem Zwecke kreieren sie Feinde, schliesen soziale Gruppen aus (das Gegenteil der Solidaritat): Fluchtlinge, Andersglaubige, Auslander, Frauen, Schwule. Zu den Wertvorstellungen von Populisten gehoren: Kampf, Schlitzohrigkeit, Kurzsichtigkeit, Kleinheit, Obskurantismus, Stillstand und die bereits oben erwahnte unaufhorliche soziale Ausgrenzung. Bedeutet dies, dass die Solidaritat fur Europaer – im „engeren“ Sinne als Gemeinschaft von Landern verstanden, die der Europaischen Union angehoren – aufgehort hat, ein Wert zu sein?

Bevor ich diese Frage beantworten werde, mochte ich, dass wir einen Augenblick lang innehalten und uns den Begriff des Wertes als gesellschaftliches Denkkonstrukt ansehen. Die vom Individuum angenommene Welt der Werte starkt das gesellschaftliche Gerust, macht, dass ein so kompliziertes Gebilde wie die Gesellschaft halbwegs stabil existieren kann, unabhangig davon, zu welcher Seite diese Konstruktion sich neigt. Max Weber schrieb in seinem Aufsatz „Politik als Beruf“ uber die Werte als etwas, was sich auf das Wesentliche und auf das objektive soziale Wissen bezieht, das eben durch Werte gefiltert wird. Der britische Soziologe Gordon Marshall spricht davon, dass in der Soziologie Werte zumeist als beinahe unveranderliche, starke, grundlegende und zuweilen verborgene Anweisungen definiert werden. Die zentrale Frage hinsichtlich der Untersuchung von Werten auf gesellschaftlicher Ebene ist der gesellschaftliche Konsens, der sich durch das Kapital der Wertegemeinschaft bildet. Mit anderen Worten: Wer in einer Gesellschaft lebt, erklart sich einverstanden mit der „Anerkennung“ eines bestimmten, fur alle einheitlichen Wertesystems, das ein gesellschaftliches Bindemittel darstellt. Ein Wert kann eine Idee sein, ein Gegenstand, aber auch ein von menschlichen Bewertungen und Einschatzungen unabhangiges Phanomen oder eine Motivationsrichtung. Werte werden oft als „Begehren“ verstanden, aber der Begriff des „Begehrens“ ist, wie der polnische Soziologe Stanisław Ossowski in seinem Buch „Uber Probleme der Sozialpsychologie“ zurecht bemerkt, unscharf, deshalb sei es „besser zu sagen, Werte verbleiben in einer gewissen Kausalbeziehung zu den Erlebnissen, die wir zu erfahren oder zu vermeiden begehren“. Mehr noch, Werte „sind der gesellschaftlichen Kontrolle ausgesetzt und (…) das soziale Umfeld versucht, uns die Uberzeugung aufzudrucken, Werte hatten einen objektiven Charakter, zumindest die Werte, die fur wesentlich und wichtig gehalten werden.“ Dabei muss deutlich betont werden, Werte seien dem Wirken der Zeit ausgesetzt und davon abhangig, in welchem Moment oder in welcher Kondition sich Menschen oder Gruppen befinden, die sich zu diesen Werten bekennen, oder sich ihnen widersetzen. Diese Konstatierung hat enorme Bedeutung nicht nur aus wissenschaftlicher Perspektive und im Hinblick auf die Analyse von Werten als soziale Fakten, sondern auch aus „normsetzender“ Perspektive. Werte sind keine „Fertigteile“, sie sind keine Wegweiser. Die Rolle von Werten ist eine andere: Nachdem sie von Individuen angenommen und internalisiert sind, haben sie die Aufgabe, diese zur Aktivitat anzuregen und von entgegengesetzten Handlungen abzuhalten.

Mit der individuellen Herangehensweise an Werte hat sich der bereits erwahnte Stanisław Ossowski befasst. Er unterscheidet empfundene Werte, die stark verbunden sind mit unseren Wunschen und emotionalen Zustanden, die standigen Veranderungen unterliegen, von anerkannten Werten, „das heist Gegenstande, von denen wir die Uberzeugung haben, sie wurden etwas objektiv Wertvolles besitzen“. Laut Ossowski konnen die Veranderungen bezuglich der empfundenen Werte abhangen vom Zustand, der Disposition unseres Organismus oder sie konnen Ergebnis von gesellschaftlichen Einflussen von ausen sein, denen wir unaufhorlich ausgesetzt sind. Indes werden anerkannte Werte als relativ fest angesehen, als wichtig fur die gesamte Gemeinschaft, als internalisiert und – nicht selten – als fundamental. Daher komme auch, so Ossowski, dass wir uns ungewohnlich oft so verhalten, „als wurden wir uns nach anerkannten Werten richten, und uns im Grunde die Angst vor den gesellschaftlichen Folgen lenkt, wenn wir uns anders verhalten, oder der Wunsch, von jemandem gelobt zu werden“. Aus diesem Grund verstehen viele von uns Solidaritat als einen anerkannten Wert (dies wird von einem Europaer mit mittlerer Bildung erwartet), nicht aber als empfundenen Wert. Andererseits ist fur viele Gruppen, insbesondere fur die, die die Populisten versuchen auszuschliesen, die Solidaritat nicht nur ein anerkannter Wert, sondern auch ein stark empfundener Wert. Es gibt noch einen wichtigen Aspekt, uber den Ossowski schreibt, und der indirekt auf den Charakter der anerkannten Werte Einfluss nimmt, und im Falle der Solidaritat als europaische Idee hat er wesentliche Bedeutung. Es handelt sich um die axiologische „Fassade“, sprich ein Image von sich selbst fur die Ausenwelt aufzubauen, Anschein zu erwecken, sich von der besten Seite zu prasentieren. Diese Fassade stellen wir aus „erhabenen“ Werten her, die oft identisch sind mit den anerkannten Werten, wodurch wir von anderen starker akzeptiert werden. Hinter der glanzenden Werte- Fassade steckt oft ein weniger reiches Inneres, bestehend aus empfundenen Werten, die im Gegensatz stehen konnen zu dem, was wir nach ausen prasentieren. Mit anderen Worten stehen unsere eigenen Uberzeugungen, Aussagen, Beurteilungen, wie wir sie in hauslicher Abgeschiedenheit und unter vertrauten Personen zeigen, in keinem Verhaltnis zu dem, was wir zu anderen, zu fremden Menschen sagen, wenn wir um deren Akzeptanz und Aufmerksamkeit kampfen, und dem Ausschluss aus einer Gruppe vorbeugen oder uns vor ihm schutzen wollen. Erhabene Werte sind fur die Menschen normalerweise „wichtiger“ als die alltaglichen Werte.

Doch zuruck zur oben aufgeworfenen Frage. Hat die Solidaritat fur die Europaer aufgehort, ein Wert zu sein? Nein, sie ist es noch immer. Die Frage, die es zu klaren gilt, ist, welchen Charakter dieser Wert hat. Die Solidaritat ist eine der grundlegenden Ideen der Europaischen Union, die als multinationales Konglomerat dank der Zusammenarbeit vieler Staaten reibungslos funktionieren kann. Doch diese Solidaritat hat einen spezifischen, mechanistischen Charakter. Sie basiert namlich auf einer Reihe von Zugestandnissen, unterliegt zahlreichen Einschrankungen und steht interessanterweise nicht im internationalen Recht (obwohl sie in diesem Recht als Handlung nach bestem Wissen zum Zwecke der Maximierung der Gewinne aller beteiligten Seiten funktioniert), so zum Beispiel im Recht der Europaischen Union, abgesehen von vereinzelten Eintragungen, die erst nach der Unterzeichnung des Lissaboner Vertrages vor knapp einem Jahrzehnt dazugekommen sind. Dies fuhrt unter anderem dazu, dass die Solidaritat von Politikern und Technokraten mit Loyalitat verwechselt wird. Sie dient auserdem als Werkzeug, um bei manchen Mitgliedslandern bestimmte partikulare Entscheidungen zu erzwingen. Ein solcher Umgang mit Solidaritat durch die Vertreter hoch burokratisierter EU-Strukturen hat es verursacht und bewirkt, dass die Solidaritat unter den Europaern immer haufiger als anerkannter, fassadenartiger, erhabener Wert verstanden wird, und nicht als empfundener Wert. Als Europaer fuhlen wir, dass wir solidarisch sein sollten: miteinander, mit den Armen, den Schwachen, den Ausgegrenzten. Als Vertreter konkreter Staaten, Gesellschaften, Nationen schieben wir die Solidaritat als Wert von uns. Wir verbinden sie hauptsachlich mit dem Zwang, (jemandem etwas) abgeben zu mussen, mit der Einschrankung des (eigenen) Raumes, der Moglichkeiten, Lohne, Traume, mit dem Zwang, das teilen zu mussen, wovon wir aus unserer Sicht selbst wenig haben, oder etwas, was fur uns (materiell oder immateriell) sehr wertvoll ist.

Sind wir also in den heutigen Zeiten des europaischen Wohlstandes, der erschuttert wird durch populistische, oft faschistische Slogans, dazu fahig, uber die Teilungen hinweg solidarisch zu sein und uns gegen etwas zu stellen, so wie vor wenigen Jahrzehnten in Polen die Arbeiter, mehrheitlich Nachkommen von Bauern, gemeinsam mit den Intellektuellen unter der Fahne des Unabhangigen Selbstverwalteten Gewerkschaftsbundes „Solidarność“ gegen das kommunistische Regime aufgetreten sind? Aus meiner Sicht nicht. Diese innere gesellschaftliche Kraft gibt es nicht mehr. Es gibt nicht den einen strukturellen Feind. Er ist zerstreut worden, wassrig gemacht worden durch globale Korporationen. Sind wir angesichts dessen uberhaupt in der Lage, solidarisch zu sein? Ja, aber nur innerhalb unserer eigenen Klasse. Die Solidaritat hat nicht mehr den egalitaren Kundgebungscharakter, sie ist zur Klassen-Solidaritat geworden. Sie ist eingeschlossen in den – auch gedanklich – engen Welten sozialer Klassen, die sich um ihre eigenen Interessen sorgen, die vergessen haben, was uns zu einer Gesellschaft macht. Der deutsche Soziologe Ulrich Beck hat einmal gesagt, wir haben jahrhundertelang eine enorme Arbeit geleistet, um aus Horden und Stammen zu Gesellschaften zu werden. Manchen Politikern liegt daran, die Zeit zuruckzudrehen und aus als Ganzes reibungslos funktionierenden Gesellschaften gegeneinander kampfende Stamme zu machen. Was uns retten kann, ist Solidaritat im Denken uber uns als Europaer, die gemas der Idee von einer „grosen“ gewerkschaftlichen „Solidaritat“ die Solidaritat an sich als klassenubergreifende Gemeinschaftlichkeit verstehen.

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller

Tomasz Sobierajski

Soziologe, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Warschau, Autor von etwa einem Dutzend Büchern und mehreren Dutzend Publikationen im Bereich Soziologie, Sozialpsychologie und interpersonelle Kommunikation.