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Singen unterm Christbaum


zwiefach - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 30.10.2019

Ein Pilotprojekt für inklusive Teilhabe in München


Artikelbild für den Artikel "Singen unterm Christbaum" aus der Ausgabe 6/2019 von zwiefach. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Hunderte kommen zur Singstunde vor der Münchner St. Michaelskirche


Fotos: Thomas Merk / Kulturreferat München

Geistesblitze kommen einem buchstäblich dann, wenn man gar nicht mit ihnen rechnet. Wenn sich dann auch noch KooperationspartnerInnen und UnterstützerInnen finden, die von einer Projektidee so begeistert sind, dass eine zügige Finanzierung und damit Realisierung möglich ist, ist das »wie Weihnachten und Ostern zusammen«. Und so fühlten wir uns zwischen Weihnachten 2016 und Ostern 2017 tatsächlich, als wir zusammen mit der Veranstaltungsabteilung im ...

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... Referat für Arbeit und Wirtschaft (RAW) beschlossen, eine Singaktion auf dem Münchner Christkindlmarkt durchzuführen. Doch der Reihe nach!

A ls Fachbereich Volkskultur im Kulturreferat der LH München arbeiten wir seit Jahren erfolgreich mit dem RAW zusammen, das unter anderem auch für die Organisation des Oktoberfestes, verschiedener Dulten, für das Stadtgründungsfest und eben auch für den Münchner Christkindlmarkt verantwortlich ist. Bei einem unserer Treffen bat uns das RAW eher zufällig um eine Einschätzung, wie das Rahmenprogramm des Münchner Christkindlmarktes am Marienplatz insbesondere für die einheimische Bevölkerung an Attraktivität gewinnen könnte.

Uns war klar, dass eine Singaktion wohl die größte Aussicht auf Erfolg versprach, denn was liegt näher, als mit Menschen in der Advents-und Weihnachtszeit gemeinsam zu singen? Freilich, diese Idee und deren Umsetzung ist nicht neu und landauf landab bereits erprobt. Wir wollten für die MünchnerInnen aber ein Singen anbieten, das diesem buchstäblich eine besondere Note verleihen sollte. Ganz unserem Grundsatz der niederschwelligen Vermittlung und kulturellen Teilhabe verpflichtet, bekam die damals neu geschaffene Fachstelle für Inklusion im Kulturreferat Wind von unseren Planungen und bot ihre aktive Mithilfe an. So kam eines zum anderen, und am Ende war unser»Singen unterm Christbaum « zu Weihnachten 2017 als Leuchtturmprojekt für praktizierte Inklusion in aller Munde.

Praktizierte Inklusion

Besonders der umfassende Vermittlungsansatz unterscheidet sich von anderen Singveranstaltungen und macht »Singen unterm Christbaum« zu einem bislang einzigartigen Projekt. Die konkrete Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die vor mittlerweile zehn Jahren ratifiziert wurde, stand dabei im Mittelpunkt der Überlegungen. Von Anfang war uns klar, keine Veranstaltung auf die Beine zu stellen, bei denen Menschen mit Behinderung unter sich bleiben sollten. Dieser Ansatz, wie er leider zunächst auch von Medien falsch als »Singen für Menschen mit Behinderung « propagiert wurde, widerspricht deutlich unserem Konzept praktizierter Inklusion. Menschen mit Handicap muss es selbstverständlich möglich sein, am alltäglichen gesellschaftlichen Leben ohne Einschränkungen teilhaben zu können. Ein hehres Ziel, das in der Praxis oft nicht realisierbar scheint. Die vordergründige Frage, die uns deshalb umtrieb war also, welche Voraussetzung gegeben sein mussten, um gelebte Inklusion Realität werden zu lassen und Menschen mit Behinderungen unterschiedlichster Art die Teilhabe am»Singen unterm Christbaum « zu ermöglichen.

Monika Drasch (links) und Traudi Siferlinger


Was ist barrierefrei?

Das beginnt mit der sprichwörtlichen Barrierefreiheit des Singortes, der für Rollatoren-und RollstuhlfahrerInnen ebenerdig zugänglich sein muss. Menschen mit Seheinschränkungen brauchen ein gesondertes Singheft in Großschrift. Für blinde Menschen steht das gesamte Repertoire in Braille-Schrift zur Verfügung. Zudem sind Assistenzhunde ausdrücklich erlaubt. Menschen mit Höreinschränkungen haben die Möglichkeit eine über die Technikanlage gekoppelte Induktionsschleife auszuleihen, um die Anleitung der Lieder besser verstehen zu können.

Das Angebot wird schließlich abgerundet durch eine Gebärdensprachdolmetscherin, die für gehörlose Menschen die Moderationen und Lieder auf der Bühne in Echtzeit gebärdet – eine besondere Herausforderung die Kreativität voraussetzt, weil speziell für Dialektbegriffe neue Gebärden entwickelt werden müssen.

Alles eine Frage der richtigen Platzwahl

Unser favorisierter Ort war zunächst der große Christbaum am Marienplatz, denn wir wollten dem Titel angemessen direkt »unterm Christbaum« singen. Schnell wurde uns aber bewusst, dass sich dort die oben genannten Kriterien für eine inklusive Veranstaltung alleine schon aus Platzgründen nicht annähernd erfüllen ließen. Adäquates Ausweichquartier fanden wir schließlich auf dem großzügig angelegten Vorplatz von St. Michael mitten in der Fußgängerzone und Einfallstor zum Münchner Christkindlmarkt.

Dieser prominente Platz erforderte natürlich auch eine prominente Singvermittlung. Immerhin rechneten wir durchschnittlich mit 300 BesucherInnen pro Veranstaltungstag, die es professionell und mit Charme und Humor anzuleiten galt. Als wir mit unserer Projektidee Traudi Siferlinger und Monika Drasch anfragten, rannten wir offene Türen ein. Mit Hansi Zeller, der die beiden als Akkordeonist musikalisch begleitet, hat sich ein vielseitiges Vermittlungstrio gefunden, das alle Voraussetzungen für ein gelungenes gemeinsames Singen erfüllt.

Die Musikerinnen werden von Johann Zeller am Akkordeon begleitet. Eine Gebärdensprachendolmetscherin ist auch mit auf der Bühne.


Leise rieselt der … Schweiß

Zusammen mit der früheren Leiterin der Volkskultur Eva Becher machte sich Traudi Siferlinger auf die Suche nach geeignetem Liedmaterial. Verschiedene Kriterien fanden dabei Berücksichtigung. Neben bekannten Liedern sollten auch Stücke einen Platz bekommen, die weniger bekannt bzw. aus der Münchner Singtradition überliefert sind. Bei der Auswahl wurde darauf geachtet, dass die Melodien und Texte, insbesondere bei Dialektfassungen, eingängig, leicht verständlich und einfach mitzusingen waren. Getestet wurde die Auswahl unter anderem direkt an den KollegInnen der Volkskultur – bei hochsommerlichen Temperaturen über 30 Grad mitten im August eine willkommene, wenn auch nur gedankliche Abkühlung.

Das Resultat ist eine stolze Sammlung von 20 Liedern, die die Geschehnisse im Advent und um Weihnachten abbildet (Verkündigungs-, Herbergs-, Hirten und Krippenlieder). Das Singheft inklusive Groß-und Brailleschriftausgaben wird bei den Veranstaltungen kostenlos verteilt. Die Ausgaben stehen außerdem als kostenloser Download zur Verfügung.

Zum umfassenden Vermittlungsansatz gehört es auch, die Lieder dauerhaft erlebbar zu machen. Deshalb wurden alle Singtermine mit der Kamera aufgezeichnet und die gesungenen Lieder aus insgesamt drei Kameraperspektiven eingefangen.

Herausgekommen sind Videos mit eingeblendeten Untertiteln und Gebärdenübersetzung, die jederzeit auf der städtischen Homepage abrufbar sind und von überall angehört und nachgesungen werden können.

Viele Hände, gutes Ende!

Wie eingangs erwähnt, wäre dieses großartige Projekt ohne Unterstützung – egal ob inhaltlicher, organisatorischer oder finanzieller Art – nicht möglich gewesen. Aus dem Kulturreferat ist allen voran das Projekt Inklusion und die Technikabteilung zu nennen.

Das RAW als städtischer Kooperationspartner sowie die Marktkaufleute des Münchner Christkindlmarktes tragen dazu bei, dass das»Singen unterm Christbaum« mit rund 4.000 BesucherInnen in 2017 und 2018 heuer in die dritte Runde gehen kann, wenngleich es eine wesentliche Neuerung geben wird. Baustellenbedingt ziehen wir um von St. Michael zum Petersbergl. Direkt vor der Peterskirche haben wir ein neues Domizil gefunden, das uns alle noch ein Stück näher an den Christbaum am Marienplatz rückt.

»Singen unterm Christbaum « – Ein Singerlebnis zum Mitmachen

Mitten im bunten Treiben laden die aus Funk und Fernsehen bekannten Musikerinnen Traudi Siferlinger und Monika Drasch zusammen mit Johann Zeller am Akkordeon die BesucherInnen des Münchner Christkindlmarkts ein, Advents-und Weihnachtslieder selbst zu singen. Besonderer Service für Menschen mit Handicap: barrierefreier Zugang, Texte in Großschrift und Blindenschrift, Gebärdensprachübersetzung sowie Induktionsschleifen für Hörgeschädigte. Assistenzhunde sind erlaubt. Treffpunkt: Alter Peter, Rindermarkt 1. Eintritt frei, Anmeldung nicht erforderlich, Singhefte kostenlos zum Mitnehmen. An den Donnerstagen, 28.11., 05.12., 12.12. und 19.12, jeweils 16.30 Uhr (Dauer ca. 30 Min.). Singhefte (auch in Großschrift) und die Lieder zum Anhören und Nachsingen unter www.muenchen.de/singenuntermchristbaum