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Single und neu in der Stadt


myself - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 12.12.2018

Wie es sich anfühlt, Anfang 40 wieder bei null anzufangen? Besser als gedacht


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Bildquelle: myself, Ausgabe 1/2019

Was ich zurzeit erlebe, machen andere mit Anfang 20 durch: Ich wohne zum ersten Mal allein. Mit Anfang 40 – und dann auch noch in einer fremden Stadt. Ich habe eine Trennung und einen Jobwechsel hinter mir. Dass ich noch nie zuvor auf mich allein gestellt war, hat sich so ergeben. Verrückt, denn ich halte mich eigentlich für eine emanzipierte Person. Ich komme aus Luxemburg, da sind Wohnungen sehr teuer. Daher lebten meine Schwester und ich, bis ich Mitte 30 war, zusammen in einer WG. Ich nahm von Anfang an die Rolle derjenigen ...

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... ein, die sich um nichts kümmern muss. Ich hielt mich aus allen Haushaltsangelegenheiten raus und konzentrierte mich voll auf meine Karriere. Man könnte auch sagen: Ich habe eigentlich ein Leben geführt wie das Klischee von einem Mann. Für meine Schwester war das total in Ordnung. Irgendwann zog ich zu meinem Freund, der lebte in einer fertig eingerichteten Wohnung. Auch dort habe ich mich nie um die lästigen Seiten des Alltags gekümmert: Wir gingen entweder essen oder besorgten uns nach Feierabend schnell noch irgendeine Kleinigkeit. Ausgiebige Wochenendeinkäufe oder Marktbesuche waren nie unser Ding.

Und jetzt ist alles anders: Die Beziehung zu meinem Freund ging nach zehn Jahren in die Brüche, kurz darauf bekam ich nach zwölf Jahren als Projektmanagerin in der Kulturszene ein tolles Jobangebot in München. Ich zog in meine erste eigene Wohnung. Alles auf Anfang. Ich will mich für diesen Lebensabschnitt komplett neu einrichten und kaufe jetzt plötzlich Dinge wie ein Milchkännchen für eine Person oder einen kleinen Kochtopf. Und in Sachen Haushalt muss ich wirklich alles neu lernen. Dauernd fehlt irgendetwas, überall lauern Erkenntnisse der Sorte „Wenn keiner einkauft, bleibt der Kühlschrank halt leer“. Die einen lachen über meine Naivität, andere fassen sich bestürzt an den Kopf. Und ich bin ziemlich erstaunt darüber, wie viel Zeit und Kraft die Organisation eines Ein-Frau- Haushalts benötigt.

Mir ist klar, dass ich ein ziemlich exotisches Exemplar bin, zumal ich jeden Tag meine alleinerziehende Kollegin beobachte, wie die ihren Alltag wuppt. Ich habe den Eindruck, jeden Tag eine neue To-do-Liste schreiben zu müssen, um alles im Griff zu haben. Einkaufen überfordert mich fast. Dabei gehe ich nur noch in kleine Läden mit wenig Auswahl, denn das Angebot in den Supermärkten erschlägt mich jedes Mal.

Meine Einkaufstouren sind Odysseen, sie dauern ewig. In Luxemburg wusste ich wenigstens aus der Erinnerung, welcher Joghurt mir schmeckt. Hier in Deutschland probiere ich einen nach dem anderen aus, um herauszufinden, welchen ich mag. Ich muss mir nach und nach ein persönliches Lieblingssortiment kuratieren. Außerdem brauche ich eine Hausratversicherung und habe keine Ahnung, wo man die bekommt. Ein Freund, der in Berlin lebt und dem ich deshalb keine Aufgaben aufs Auge drücken kann, sagt, ich solle bei der Bank nachfragen. Ernsthaft? In Luxemburg würde mir meine Bank den Vogel zeigen. Neulich ging mein Staubsauger kaputt, und in meiner Verzweiflung schraubte ich ihn irgendwann selbst auf. Ich habe so lange darin herumgestochert, bis er wieder ging. Und zwar nur, weil ich total überfordert war mit der Frage, wer so was für mich erledigen könnte. Aber dann: ein tolles Gefühl.

Bitte nicht falsch verstehen, ich will nicht jammern über die vielen neuen Anforderungen meines Alltags! Ich beobachte mich selbst und muss oft über mich lachen. Es gefällt mir gut, diese Welt zu entdecken. Ich merke zum Beispiel, dass ich gar nicht so unpraktisch bin, wie ich immer dachte: Ich kann kochen, waschen, bügeln, putzen. Kein Wunder eigentlich. Im Job stelle ich schließlich auch ein großes Projekt nach dem anderen auf die Beine. Ich musste dieses Talent nur bislang nie privat anwenden. Das ist jetzt anders, und es ist gut. Vermutlich ist es bei vielen Männern, die im Haushalt nichts tun, gar nicht anders. Sie könnten es, vielleicht würden sie es sogar gern tun, aber man macht es sich halt immer so bequem in seiner Rolle.

Ich gehe im Moment häufig zum Yoga und befasse mich mit Minimalismus- Konzepten. Und verstehe es jetzt immer besser, was der Autor meint, wenn er schreibt, dass es wichtig für die Seele sei, den eigenen Dreck wegzuputzen und Haushaltsroutinen zu pflegen. Auf den ersten Blick sind sie lästig, klar. Auf den zweiten aber geben sie mir das Gefühl, mein Leben wirklich selbst in der Hand zu haben. Vieles erscheint mir plötzlich als Gelegenheit zur Kontemplation. Mein Zuhause ist zu meinem Rückzugsraum geworden, zu einem Ort der Geborgenheit, das ist neu. Früher war ich ständig auf Reisen, und wenn ich dann mal daheim war, bin ich oft ausgegangen. Wie ein echtes Zuhause hat sich das Leben bei meinem Freund und mit meiner Schwester nie angefühlt. Jetzt freue ich mich über meine Wohnung. Diese Stille. Und niemand liegt auf der Couch und hat vielleicht schlechte Laune. Da ist jede Menge Raum für mich. Und davon brauche ich gerade total viel. Ich bin eine regelrechte Wurschtlerin geworden, ich räume auf, mache diese Ecke schön und jene auch und bin ganz erstaunt: So kenne ich mich überhaupt nicht.


Mein Leben war lauwarm. Jetzt ist es heiß und kalt. Ich spüre mich wieder


Mir fällt auch erst jetzt auf, wie sehr ich mich als kinderlose Frau jahrelang auf meinen Job konzentriert habe. Man krallt sich als Ersatz einfach etwas anderes. Status und Anerkennung – all diese Sachen waren mir wahnsinnig wichtig. Das ändert sich gerade, ich widme mich jetzt verstärkt meiner Zwei-Zimmer-Wohnung, habe ein neues Gespür für die Kleinigkeiten des Alltags entwickelt. Ich bin dankbar für diesen Neuanfang. Mein Leben war über die Jahre lauwarm geworden. Jetzt ist es mal wieder richtig heiß und kalt, und ich spüre mich in all meinen Facetten.

Was meinen Singlestatus angeht: Ich kenne zwar einige Leute, aber – das ist das Schöne am Älterwerden, man ruht viel mehr in sich – ich verspüre nicht den Druck, mir innerhalb von ein paar Monaten in der neuen Stadt einen Freundeskreis aufzubauen, ständig auszugehen. Ich tue es hin und wieder trotzdem und lerne mich auch im Kontakt zu anderen Menschen und Orten neu kennen. Neulich gab mir eine Assistentin einen Tipp für ein Café. Ich ging dorthin und dachte: Na klar, das hier ist für sie bestimmt grad das Größte, aber ich kann damit nichts anfangen. So suche ich weiter nach Läden und Leuten, die jetzt zu mir passen. Zu mir und meinem neuen Leben.

DER NAME DER PROTAGONISTIN IST DER REDAKTION BEKANNT