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SKANDINAVIEN DIE SCHÄTZE DER WIKINGER


Spektrum Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 20.10.2019

Goldschmuck kennzeichnete den erfolgreichen Wikingerkrieger ebenso wie den treuen Gefolgsmann seines Königs – das verraten Überlieferungen und Grabbeigaben. Doch die in manchem Hort zu findenden goldenen Ringe scheinen eine andere Funktion gehabt zu haben. Nur welche?


Artikelbild für den Artikel "SKANDINAVIEN DIE SCHÄTZE DER WIKINGER" aus der Ausgabe 3/2019 von Spektrum Geschichte. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Spektrum Geschichte, Ausgabe 3/2019

Die prähistorische ArchäologinHeidemarie Eilbracht (links) vom Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte forscht in einem Projekt der Mainzer Akademie der Wissenschaften und Literatur zur Geschichte des Ostseeraums. Die ArchäologinAntje Wendt arbeitet als Kuratorin an den Staatlichen Historischen Museen in Stockholm mit der ...

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Die prähistorische ArchäologinHeidemarie Eilbracht (links) vom Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte forscht in einem Projekt der Mainzer Akademie der Wissenschaften und Literatur zur Geschichte des Ostseeraums. Die ArchäologinAntje Wendt arbeitet als Kuratorin an den Staatlichen Historischen Museen in Stockholm mit der wikingerzeitlichen Sammlung.

AUF EINEN BLICK METALL DER MÄCHTIGEN

1 Während des Wikingerzeitalters (800–1050) flossen große Mengen Silber, aber auch Gold durch Raubzug, Handel und Diplomatie nach Skandinavien.

2 Aus beiden Edelmetallen fertigten Schmiede eleganten Schmuck. Vor allem solcher aus Gold diente wohl als Statussymbol, während silberner, in Stücke gehackt, auch ein Zahlungsmittel war.

3 Überlieferungen zufolge schenkten Herrscher ihren Gefolgsleuten goldene Ringe. Unklar ist, warum diese sich dann nicht in den Gräbern der Elite finden, sondern in Schatzhorten.

»An ihrer Kleidung sieht man und an ihren Goldringen, dass sie Freunde des Königs sind«, beschrieb der Dichter Thorbjörn Hornklaue die Gefolgsleute Harald Schönhaars (um 852–933), des ersten norwegischen Königs. In seinem Loblied verrät er auch die Quelle des kostbaren Schmucks: Der König hatte sie seinen Männern geschenkt, offenbar als Zeichen der Anerkennung oder als Dank für ihre Gefolgschaft. Vergleichbare Überlieferungen bezeichnen die Monarchen als »Ringbrecher« – ein Ausdruck für einen freigiebigen Mann, der sein Gefolge großzügig belohnte.
Glanz, Farbe und Seltenheit machten Gold zu einem sozialen und politischen Statussymbol. Auch die Feinschmiede, die es zu verarbeiten wussten, genossen hohe gesellschaftliche Anerkennung. Wie etwa jene beiden aus dem Gefolge der schwedischen Königin Sigrid († nach 1014). Sie erkannten einen Ring, den ihr der norwegische König Olav Tryggvason (regierte 995–1000) als Verlobungsgeschenk gesandt hatte, als Fälschung. Tatsächlich bestand er nicht wie angegeben aus massivem Gold, sondern nur aus vergoldetem Kupfer! Die Heirat kam nicht zu Stande. Immer wieder erwähnen skandinavische Lieder und Sagas das Edelmetall. Einen besonderen Stellenwert genossen dabei aus Gold geschmiedete Ringe. Sie gehörten oft Göttern und brachten ihren Besitzern Glück oder Unglück.
So spielt Andvaranaut, der Ring eines Zwergs, eine Rolle in den Sigurd-Liedern, einer nordischen Variante des Nibelungenlieds. In der wohl in der Völkerwanderungszeit wurzelnden Sage trägt dieser Ring einen Fluch: Seinem Besitzer droht der Tod. Über den Schatz des Drachen Fafnir gelangt er in Sigurds Besitz – und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Hingegen symbolisierte der Ring Draupnir Reichtum und Überfluss, tropften doch in jeder neunten Nacht acht neue Ringe von ihm ab, ein jeder so schwer wie das Original. Der Draupnir galt als Attribut Odins, des Herrn der Götter, des Krieges, der Magie und des Todes. Zwergehatten ihn geschmiedet, gemeinsam mit Thors Hammer und dem goldenen Eber, der den Wagen des Naturgotts Freyr zog.

Der Goldschatz von Hoen wurde 1834 beim einstigen Wikinger- hof Hoen-Gård im Oslofjord entdeckt. Er enthält etwa 200 Objekte, darunter Hals- und Armringe, Kettenanhänger, Perlen aus Gold und Glas sowie goldene und silberne Münzen. Die Preziosen stammen aus der Zeit vom 4. bis 9. Jahrhundert.

Archäologen bergen in einstigen Siedlungen und Gräbern jener Epoche immer wieder Schmuck aus Gold oder Silber. Nicht nur in Skandinavien selbst, sondern auch in England und Irland sowie im Osten Europas, was sich gut an Formen und Ornamenten erkennen lässt. Die meisten Edelmetallfunde stammen aber aus den als Horte bezeichneten Schatzdepots, von denen die meisten der heute bekannten schon im 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts zu Tage kamen. Allerdings besteht der Großteil aller Fundstücke aus Silber, das in der Wikingerzeit (siehe »Kurz erklärt: Die Wikinger«, S. 55) offenbar reichlich verfügbar war. Den Wert des Goldes steigerte das aber nur noch. Wohlgemerkt: Keines der Edelmetalle wurde zu jener Zeit in Nordeuropa selbst gewonnen. Vieles stammt wohl aus jenen Raubzügen gegen Klöster und Siedlungen Westeuropas, die unser Bild des Wikingers prägen, sowie aus Tributen und Schutzgeldern, mit denen die Bedrohten solches Unglück abzuwenden hofften. Zum Beispiel überließ der westfränkische König Karl der Kahle Chroniken zufolge im Jahr 845 einem Häuptling namens Ragnar 7000 Pfund Silber, damit dieser mit seinen Kriegern aus dem Gebiet der Seine abzog. 856/57 warb er für einen ähnlichen Preis – 6000 Pfund Silber – den Wikinger Weland an, eine andere Gruppe Nordmänner zu vertreiben. Der erfüllte zwar seinen Auftrag, gewährte den Invasoren jedoch freies Geleit – gegen die gleiche Menge Gold und Silber.

Kriegerische Kaufleute
Solche Summen waren keine Seltenheit, wie zeitgenössische Verwaltungslisten und Chroniken verraten. Zudem gab es eine weitere Quelle der Edelmetalle, denn die Wikinger waren nicht nur gefürchtete Krieger, sondern auch weit reisende Händler. Mit dem gleichen Mut und nautischen Geschick, mit dem sie Raubzüge unternahmen, belieferten sie ferne Märkte – selbst in den von Plünderung bedrohten Ländern – mit Prestigegütern wie Walrosselfenbein und kostbaren Pelzen sowie Sklaven. Dass beispielsweise im fränkischen Reich, bei den Angelsachsen und in den arabischen Kalifaten Silbermünzen die vorherrschende Währung darstellten, erklärt die Dominanz dieses Edelmetalls im wikingischen Skandinavien.
Dazu kamen wertvolle Geschenke im Rahmen diplomatischer Beziehungen insbesondere zwischen wikingischen Eliten und fränkischen Herrschern. In diesem Zusammenhang ist beispielsweise auch die politisch motivierte Übernahme des christlichen Glaubens zu sehen. Als sich der dänische Thronanwärter Harald Klakk in den 820er Jahren von Ludwig dem Frommen, dem Sohn und Nachfolger Karls des Großen, in Mainz taufen ließ, erhielt er laut einem Lobgedicht auf Ludwig Geschenke, »wie sie der Franken Gebiet nur zu erzeugen vermag«. Dazu gehörten goldverzierte Kleidungsstücke, »goldene Gehänge« – vermutlich Schmuckketten – und Sporen.
Dass inzwischen mehrere tausend Edelmetallartefakte aus den 250 Jahren der Wikingerzeit ans Licht gekommen sind, verwundert daher nicht. Die Skandinavier benötigten dafür keine Minen oder Flussgoldwäscher. Hinzu kam sicherlich die Wiederverwendung von »Altmetall« aus vorangegangenen Epochen. Während des 3. bis 5. Jahrhunderts, also der ausgehenden römischen Kaiserzeit und der Völkerwanderungszeit, waren Goldmünzen im Zuge von Handel und Söldnerdiensten aus dem Imperium nach Skandinavien gelangt, eingeschmolzen und zu Schmuck oder Ringgeld verarbeitet worden. Silber hatte in dieser Phase Nordeuropas eine untergeordnete Rolle gespielt.

Die Scheibenfibel des Goldschatzes von Hiddensee hat einen Durchmesser von 80 Millimetern und wiegt 114 Gramm. Die Schauseite (oben) ist mit einem Ornament aus stilisierten Tierkörpern verziert. Diese wurden mit Golddrähten und -kügelchen (Filigran- und Granulationstechnik) aufwändig dekoriert. Die Rückseite (unten) trug eine Konstruktion, um das Gewand zu verschließen; die zugehörige Nadel ist verloren. In der Öse am Rand konnte man Ketten befestigen. Die Fibel gehört zu einem 16-teiligen Schatzfund, der in den 1870er Jahren auf der Insel Hiddensee zu Tage kam.


Die bronzenen Pressmodeln gehören zu einem Set von insgesamt 41 Exemplaren, die 1979 im Hafen der Wikingersiedlung Haithabu gefunden wurden. Feinschmiede legten Bleche aus Gold und Silber darauf und drückten mit einem weichen Stab das jeweilige Muster in das Blech hinein.


Sicherlich war dieses Gold zum Teil auch während der Wikingerzeit noch im Umlauf, sei es als Erbstück, als umgearbeiteter Schmuck oder schlicht als eingeschmolzenes und wieder vergossenes Altgold.
Das demonstriert zum Beispiel der mit etwa 2,5 Kilogramm schwerste bislang entdeckte Hort jener Epoche, der Goldschatz von Hoen (siehe Bild S. 51). Das im Osloer Fjord geborgene Ensemble besteht sowohl aus in Skandinavien hergestelltem Schmuck als auch aus importierten Objekten, die beispielsweise aus Westeuropa, aus dem byzantinischen und dem britischen Raum kamen. Das jüngste stammt aus dem 9., das älteste aus dem 4. Jahrhundert. Zu den schönsten Beispielen wikingischer Feinschmiedekunst zählt der Goldschmuck von Hiddensee aus 16 Teilen: eine scheibenförmige Fibel (Bild links), ein mehr als 150 Gramm schwerer offener Halsring, der sich mit einem Haken und einer Öse schließen ließ, zehn kreuzförmige Anhänger und vier kleinere Stücke, alles zusammen knapp 600 Gramm des Edelmetalls. Experten datieren den Hort auf das späte 10. Jahrhundert. Materialanalysen zufolge bestehen alle Objekte aus Gold mit einem Feingehalt von 92 bis 96 Gewichtsprozent; das entspricht 22 bis knapp 24 Karat. Eine derartig hohe Reinheit bei einer so großen Menge ließ sich wohl nur durch Läutern erreichen. Bei diesem chemischen Verfahren wird der Schmelze Blei zugesetzt, das unedlere Bestandteile in einer Schlacke bindet. Das Kupellation genannte Verfahren wurde in der Antike im Mittelmeerraum entwickelt und unter anderem von den Kelten übernommen.
Ob für ein Schmuckstück des Hiddensee-Schatzes Altgold verwendet wurde, das lange zuvor andernorts geläutert wurde, lässt sich mit den heutigen Methoden nicht beantworten. Archäologen haben aber in Wikinger- Werkstätten durchaus Hinweise auf Kupellation entdeckt, beispielsweise Schlacken und Herdgruben mit hohem Bleigehalt; die Technik war also vermutlich auch in Skandinavien bekannt.
Archäologen gehen davon aus, dass Münzen und Schmuck im Lauf der Jahrhunderte häufig eingeschmolzen wurden. Dabei kam Gold aus verschiedenen Quellen und mit diversen Reinheitsgraden zusammen. Insgesamt aber war geläutertes Material eine Ausnahme. In enger Koopera- tion erkundeten Chemiker, Physiker, Restauratoren und Archäologen zudem die Fertigungstechniken des Hiddensee- Schmucks. So umfassen die Fibel und die Anhänger hunderte kleine Einzelteile aus sehr gleichartigem Gold. Offenbar hatte man eigens Drähte und Bleche gegossen, diese geschmiedet sowie anschließend die für ein Schmuckstück benötigten Teile abgetrennt und bearbeitet. Ebenso wie die Scheibenfibel besteht auch der Hauptkörper eines Anhängers aus zwei Goldblechen für Vorder- und Rückseite. Letztere ist plan und mit einer Öse versehen, in die kleine Dekorelemente eingehängt werden konnten. In das Blech der Vorderseite hatte man ein Muster gepresst: Bei der Scheibenfibel war es ein verschlungenes Tier-, bei den verschiedenen Anhängern symmetrische Bandornamente. Das Muster hat man abschließend mit Drähten und Kügelchen aufwändig verziert. Insgesamt wurden etwa 20 goldene und gut 80 silberne so oder ähnlich gestaltete Schmuckstücke geborgen.

Um etwas Derartiges zu schaffen, benötigten die Schmiede so genannte Pressmodeln aus massiver Bronze (siehe Bild S. 53). Solche Werkzeuge fanden sich an mehreren archäologischen Stätten, welche die Forscher als Herrschaftszentren deuten. Dazu zählen die Siedlungen Haithabu nahe Schleswig und Sigtuna im schwedischen Mälarsee sowie die dänische Ringburg von Trelleborg an der Westküste Seelands. Vermutlich war Schmuck vom Hiddenseetyp einer Elite vorbehalten und diente der Präsentation von Rang und Macht.
Wie dieser Hort auf die namensgebende Ostseeinsel gelangte und wer ihn dort vergrub, wird bis heute diskutiert. Vieles spricht dafür, dass der Schmuck Harald »Blauzahn « Gormsson gehörte. Er war ab 958 König von Dänemark und ab 960/962 bis zu seinem Tod 987 auch König von Norwegen. Auf einem seinen Eltern gewidmeten Runenstein im jütländischen Jelling bezeichnete er sich als »jener Harald, der für sich gewann ganz Dänemark und Norwegen und der die Dänen zu Christen machte«. In diesem Sinn wird der Goldschmuck von Hiddensee als Symbol seiner Macht und – nicht zuletzt der Kreuzanhänger wegen – als Ausdruck der neuen Religion interpretiert. Von seinem Sohn Sven abgesetzt, verließ Harald Dänemark. Ob er zuvor jenen Schatz vergraben ließ, wie es eine Legende behauptet, bleibt freilich ungewiss.

Der Schatz von Peenemünde
Hortfunde aus der Wikingerzeit, mit Schmuck, Münzen und Edelmetallbarren ausgestattet, sind keine Seltenheit. Im Allgemeinen enthalten sie aber hauptsächlich Silber. Reine Golddepots wie die von Hiddensee und Hoen sind selten, und diese beiden stechen unter den Ausnahmen sogar noch hervor, denn andere Goldhorte umfassen fast ausschließlich massive Ringe. Beispielsweise stieß eine Forstarbeiterin beim Pflanzen von Bäumen an der Nordspitze Usedoms 1905 auf zwei goldene Armringe und das Fragment eines weiteren. Drei Jahre später gingen Archäologen der Sache nach und entdeckten an gleicher Stelle noch einmal fünf solcher Objekte. Vermutlich trug man die Ringe am Arm, denn sie durchmessen jeweils weniger als zehn Zentimeter. Insgesamt wiegt der Schatz von Peenemünde (siehe Bild unten) etwa 390 Gramm. Das scheint auf den ersten Blick nicht viel, doch Experten schätzen anhand von schriftlichen Überlieferungen, dass Gold in jener Zeit als zehn- bis zwölfmal so wertvoll galt wie Silber. Vergleicht man den Hort von Peenemünde etwa mit dem 2018 entdeckten Silberschatz von Schaprode auf Rügen, so war dieser trotz seines beeindruckenden Gewichts von 1,5 Kilogramm nur halb so viel wert. Dieser Rügener Hort bestand aus zirka 600 Stücken, zumeist Fragmenten von Münzen und Schmuck. Dabei zeigen die Kanten deutlich, dass die ursprünglichen Objekte absichtlich zerteilt wurden. Solches »Hacksilber« ebenso wie Waagen und Gewichtssätze verraten, wie man in der Wikingerzeit Waren und Dienste bezahlte: mit Edelmetallstücken, deren Wert nach ihrem Gewicht bemessen wurde.
Gold aber hatte offenbar eine andere Funktion, denn Ringe daraus finden sich nicht in den Hacksilberdepots. Diese waren oft an markanten, leicht wiederzufindenden Stellen niedergelegt worden, etwa an Findlingen, Wegkreuzungen oder Grabhügeln. Vermutlich handelte es sich um Verstecke in unsicheren Zeiten, wobei Grabhügeln sicher ein besonderer Nimbus zukam. Depots in Mooren oder an Seeufern hingegen waren Gaben für die Götter, da diese Orte in vorchristlicher Zeit als Bereiche galten, die sowohl der irdischen als auch der übernatürlichen Welt angehörten. Diese Schätze sollten nicht zurückgeholt werden. Sie waren vielleicht Investitionen in der Hoffnung auf göttlichen Beistand für ein mit Risiken behaftetes Unternehmen oder Dankesopfer für eine glückliche Heimkehr. Außerdem erzählen Überlieferungen von einem Gesetz Odins, wonach alles vor dem Tod eigenhändig Vergrabene im Jenseits zugänglich sei. Allerdings melden einige Experten Zweifel an der Verlässlichkeit dieser Berichte an.
Noch rätselhafter ist eine Lücke zwischen den schriftlichen und den archäologischen Quellen. Denn die von den Überlieferungen inspirierte Deutung der Goldringe im Kontext von Gefolgschaft hat einen Schönheitsfehler: Bislang kommen sie nur in Horten, nicht aber als Grabbeigaben zu Tage. Das passt nicht gut zu ihren postulierten gesellschaftlichen Funktionen. Wenn ein Verstorbener Waffen und sonstigen wertvollen Besitz auf seine letzte Reise mitnimmt, warum nicht auch seine Rangabzeichen? Zumal solcher Brauch vor der Wikingerzeit durchaus üblich gewesen war, wie goldene Hals-, Arm- und Fingerringe aus älteren Gräbern Wohlhabender beweisen.

Der Hortfund von Peenemünde besteht aus sieben vollständigen Goldarmringen und einem Teilstück. Zwei der Ringe und das Fragment fanden sich 1905 bei Waldarbeiten an der Nordspitze Usedoms, die übrigen fünf Armringe entdeckte man drei Jahre später. Auf Grund der Form lassen sich die Ringe in das 10. Jahrhundert datieren.


Kurz erklärt: Die Wikinger

Als Wikingerzeit bezeichnet man heute die von 800 bis 1050 dauernde Phase des Mittelalters, die vor allem im Norden Europas eine Epoche des Umbruchs war. Die Bezeichnung »Wikinger« leitet sich vermutlich vom altnordischen »vikingr« ab, das so viel bedeutete wie »Seekrieger, der sich auf langer Fahrt immer weiter von der Heimat entfernt «. Tatsächlich ist es aber ein Sammelbegriff, eine entsprechende Ethnie gab es nicht. Allerdings pflegten die Fischer, Bauern, Händler und Krieger Skandinaviens überall eine ähnliche Lebensweise. Mächtige Großbauern herrschten gewissermaßen als Kleinkönige. Darunter folgten die freien, ebenfalls Grund besitzenden Bauern, freie Handwerker und Landarbeiter und schließlich Leibeigene.
Wer über die nötigen Mittel und Gefolgsleute verfügte, rüstete Schiffe aus für Beutezug oder Fernhandel. Über ein Netz aus Handelsbeziehungen, diplomatischen Kontakten und militärischen Bündnissen bis weit über Europa hinaus nahmen skandinavische Gruppen Impulse auf, die ihre politischen und kulturellen Strukturen verändern sollten. Beispielsweise lösten die dänischen, schwedischen und norwegischen Königreiche gegen Ende des 1. Jahrtausends kleinteiligere Herrschaftsstrukturen ab. Außerdem verdrängte das Christentum nach und nach den Glauben an die nordische Götterwelt. In diesen Prozessen spielten Machtsymbole eine wichtige Rolle, und Gold nahm dabei einen hohen Rang ein.

Dieser Rügener Hort bestand aus zirka 600 Stücken, zumeist Fragmenten von Münzen und Schmuck. Dabei zeigen die Kanten deutlich, dass die ursprünglichen Objekte absichtlich zerteilt wurden. Solches »Hacksilber« ebenso wie Waagen und Gewichtssätze verraten, wie man in der Wikingerzeit Waren und Dienste bezahlte: mit Edelmetallstücken, deren Wert nach ihrem Gewicht bemessen wurde.
Gold aber hatte offenbar eine andere Funktion, denn Ringe daraus finden sich nicht in den Hacksilberdepots. Diese waren oft an markanten, leicht wiederzufindenden Stellen niedergelegt worden, etwa an Findlingen, Wegkreuzungen oder Grabhügeln. Vermutlich handelte es sich um Verstecke in unsicheren Zeiten, wobei Grabhügeln sicher ein besonderer Nimbus zukam. Depots in Mooren oder an Seeufern hingegen waren Gaben für die Götter, da diese Orte in vorchristlicher Zeit als Bereiche galten, die sowohl der irdischen als auch der übernatürlichen Welt angehörten. Diese Schätze sollten nicht zurückgeholt werden. Sie waren vielleicht Investitionen in der Hoffnung auf göttlichen Beistand für ein mit Risiken behaftetes Unternehmen oder Dankesopfer für eine glückliche Heimkehr. Außerdem erzählen Überlieferungen von einem Gesetz Odins, wonach alles vor dem Tod eigenhändig Vergrabene im Jenseits zugänglich sei. Allerdings melden einige Experten Zweifel an der Verlässlichkeit dieser Berichte an.
Noch rätselhafter ist eine Lücke zwischen den schriftlichen und den archäologischen Quellen. Denn die von den Überlieferungen inspirierte Deutung der Goldringe im Kontext von Gefolgschaft hat einen Schönheitsfehler: Bislang kommen sie nur in Horten, nicht aber als Grabbeigaben zu Tage. Das passt nicht gut zu ihren postulierten gesellschaftlichen Funktionen. Wenn ein Verstorbener Waffen und sonstigen wertvollen Besitz auf seine letzte Reise mitnimmt, warum nicht auch seine Rangabzeichen? Zumal solcher Brauch vor der Wikingerzeit durchaus üblich gewesen war, wie goldene Hals-, Arm- und Fingerringe aus älteren Gräbern Wohlhabender beweisen.

Wunderbare Schätze, jedoch schlecht dokumentiert
Die umgekehrte Frage harrt ebenfalls der Antwort: Wenn nicht in Gräbern, warum deponierten die Wikinger Goldringe in Horten? Die Unkenntnis liegt nicht zuletzt daran, dass die Schätze meist zufällig zu Tage kamen, noch dazu in einer Zeit, in der eine penible Dokumentation von Ort und Fundumständen noch unüblich war. Ob die Ringe eher als Opfer an einem heiligen Ort dargebracht wurden oder zur Besitzsicherung, lässt sich daher nicht entscheiden. Jede Interpretation kann sich nur auf die Objekte selbst stützen. Für den Halsring aus dem Hort von Hiddensee kennt man ein wichtiges Detail: Mit einem Innendurchmesser von gerade einmal elf Zentimetern konnte ihn lediglich eine sehr junge Frau oder ein Kind tragen. Gebrauchsspuren zeigen, dass dies wirklich der Fall war. Für die Deponierung hat man ihn doppelt zusammengewunden, so dass er nur noch acht Zentimeter durchmaß. Experten vermuten, dass es mit allen anderen Stücken in einem Gefäß etwa dieser Öffnung eingebracht wurde; bei der Auffindung des Horts war es längst zerstört.
Den vielleicht rätselhaftesten Goldring entdeckten Bauern 1977 zufällig auf Seeland (Dänemark). Spätere Ausgrabungen brachten dort die Wikingersiedlung Tissø zu Tage. Mit 1,8 Kilogramm Gewicht ist er der schwerste wikingerzeitliche Einzelfund aus Gold. Materialanalysen ergaben einen Goldanteil von etwa 96 Prozent. Für ein Schmuckstück im klassischen Sinn war dieser Ring zu schwer und mit 30 Zentimetern Durchmesser auch viel zu groß. Diente seine Niederlegung also entgegen den bisherigen Annahmen doch schlicht als Wertdepot, von dem man sich bei Bedarf bediente? Oder war er eine Opfergabe für die Götter? Trotz naturwissenschaftlicher Analysen, sorgfältig dokumentierter Grabungen und einer kritischen Textanalyse der Schriftquellen ist es noch nicht gelungen, das Geheimnis der Wikinger-Goldringe zu lüften.


MUSEUM OF CULTURAL HISTORY, UNIVERSITY OF OSLO / OVE HOLST (PRESSEBILD)

STRALSUND MUSEUM (INV.-NR. 1873:499B); FOTO: SABINE SUHR, LANDESAMT FÜR KULTUR UND DENKMALPFLEGE MECKLENBURG-VORPOMMERN

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