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SKATING, zu Hause in GHANA


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Nylon - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 15.04.2022
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Bildquelle: Nylon, Ausgabe 1/2022

V. l. n. r.: Joshua von ?Skate Nation Ghana?, Eden vom ?Skate Gal Club? und Prince Naah aka Sremmlyf, eingehüllt in die Farben der ghanaischen Flagge. Das Foto entstand in Accra in der Nähe des Nationaltheaters

Wenn von Skateboarding in Afrika die Rede ist, scheinen die meisten Menschen auf die ghanaische Szene fixiert zu sein. Große Medien haben den Aufstieg dokumentiert: CNN, BBC, Eurosport, It’s Nice That – wer auch immer einen Artikel geschrieben oder ein Foto gemacht hat, hat das Aufblühen gestärkt. Warum aber gerade Ghana? Was macht die dortige Skateboarding-Kultur so einzigartig? Klar geht es auch hier darum, sich mit einer Subkultur zu identifizieren, darum, den Coolness-Faktor nicht verpassen zu wollen, um Skateboarding als Sport zur Verbesserung der körperlichen und mentalen Gesundheit. In Ghana fungiert Skateboarding außerdem als Mittel zur Förderung von Tourismus. Aber was die Szene wirklich einzigartig macht, ist ihre Geschichte.

A fari gehört. An diesem Ort, der sich mittlerweile in ein kleines Paradies auf Erden verwandelt hat, begegnet Sandy dem Surfer und Skater Jacob Arthur. Sie ist ...

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... damals zwar, wie sie selbst sagt, sowohl beim Surfen als auch beim Skateboarding eine Anfängerin, koordiniert aber in Paris als Sponsoring-Managerin bereits 15 Boardsport-Athlet*innen und kennt sich innerhalb der westlichen Szene aus. Von Jacob erfährt Sandy mehr über die Szene in Ghana. Ihr wird bewusst, dass die Leidenschaft und der Wille der Ghanaer*innen vorhanden ist, aber nicht genug Boards und Zubehör zur Verfügung stehen. Um dieses Problem anzugehen, muss die Message, dass es in Ghana tatsächlich Skater*innen gibt, so schnell wie möglich verbreitet werden – Instagram und WhatsApp erweisen sich hier als die besten Mittel. Im Anschluss reist Sandy zurück nach Frankreich, sammelt, was fehlt, und kehrt mehrfach zurück nach Ghana, um die Boards zu verteilen. Mit der Zeit bildet sich ein Netzwerk von gleich gesinnten Skateboardenden, Surfenden und Künstler*innen. Das entstandene Kollektiv gründet „Surf Ghana“, eine Surf-, Skateschule und Safe Space für die Extremsport-Community des Landes. Das Projekt ist so großartig, weil das Kollektiv sich nicht als Wohltätigkeits-ls Sandy Alibo eines Nachts in einem Vorort von Paris nach einem Ort zum Surfen googelt, taucht in den Suchergebnissen Busua, Ghana, als Traumziel vieler Surfer*innen auf. Sandy ist für ihre Entdeckungsreisen bekannt und beschließt, sich selbst ein Bild zu machen. Busua ist damals ein verlassener Strand mit Baracken, der einer Gruppe einheimischer Rastaorganisation versteht, die fehlende Produkte in das Land liefert. Es geht vielmehr darum, die Leidenschaft zum Surfen und Skateboarding mit den Locals zu teilen. Doch auch in Ghana ist Skateboarding ein von Männern dominierter Sport. Neben „Surf Ghana“ ruft Sandy deshalb gemeinsam mit Kuukua Eshun den „Skate Gal Club“ ins Leben, um junge Frauen dazu zu ermuntern, sich an Skateboarding zu wagen.

War es das zufällige Aufeinandertreffen von Sandy und Jacob vor fünf Jahren, das den Beginn der Entwicklung für die Skateboarding-Szene in Ghana markiert? In der Hauptstadt Accra gab es bereits eine Szene, die sich um Joshua Ganyobi Odamtten sammelte. Schon 2008 gründete er „Skate Nation Ghana“, eine gemeinschaftsbasierte Organisation mit dem Ziel, Skateboarding nach Ghana zu bringen und die dortigen Skateboarder*innen mit der weltweiten Szene zu vernetzen. Jedoch hat Jacob, der eine Skater aus Busua, das Interesse der Skateboarder*innen in Accra geweckt, daran teilzuhaben, eine Community in ganz Ghana aufzubauen. Wenn es in Busua einen Skater gibt, dann doch bestimmt auch in anderen Gegenden Ghanas, davon war jetzt auch die „SkateNation“-Crew überzeugt – sie kooperieren mit „Surf Ghana“ und die Idee für die erste Skate-Tour ist geboren. Auf der Tour treffen sich viele der Teilnehmer*innen zum ersten Mal. In der Hitze des Moments gibt es kaum Zeit, sich auszutauschen, um die Zusammenarbeit zu erleichtern. In den ersten drei Städten gibt es Schwierigkeiten mit der Ausrüstung, dem Aufbau. Es ist schwierig, Eltern zu erklären, was die Crew ihren Kindern beibringen möchte. Dann aber fahren sie in Sekondi-Takoradi ein. Die vierte Stadt auf der Tour empfängt die Skateboarder*innen mit offenen Armen. Es ist bereits ein Inline-Skating-Festival im Gange und die „Surf Ghana“-Crew mischt sich einfach darunter. Die Menge tobt. Die Kids in der Stadt wollen unbedingt lernen, Skateboard zu fahren. Jacob bricht sich den Arm. Es ist Silvester 2018.

Zu sagen, dass vor der Tour noch niemand in Ghana von Skateboarding gehört hätte, wäre anmaßend, aber für Ghana als postkoloniales Land war es schwierig, auf natürliche Weise eine Skateboard-Kultur zu entwickeln, die von Importen abhängig war. „Surf Ghana“ hat geholfen, eine Organisationsstruktur aufzubauen, die das Wachstum der Szene ermöglicht. Der Weg zur Gründung und Erhaltung des Kollektivs war allerdings nicht einfach: Skateboarding war nicht gerade populär. Lange Zeit waren die Kirche, die Regierung, die Polizei und die Eltern dagegen. Skateboarding galt als banausenhaft, als Einfallstor für unerwünschte Verhaltensweisen wie Sachbeschädigung und Atheismus. In Ghana, einem sehr religiös geprägten Land, war der Ungehorsam, den Skateboarder*innen vermeintlich an den Tag legen, verpönt. Niemand wollte, dass Kids durch die Straßen fahren, sich die Nasen blutig schlagen und anders leben. Diese fehlende Liebe und Unterstützung hat dem Skateboarding in Ghana fast den Garaus gemacht. Viele Kids, die davon träumten, gesponsert zu werden, verließen das Land und orientierten sich anderswo. Nachdem „Surf Ghana“ drei Jahre lang versucht hat, Skateboarding in Accra voranzubringen, beginnt der Glaube daran langsam zu schwinden. Bis eines Abends, als alle wie so oft am Esstisch im Skate-Haus sitzen und zusammen essen, Sandys Handy klingelt.Nachdem sie aufgelegt hat, erzählt sie freudig und aufgeregt: „UNICEF und die Weltgesundheitsorganisation wollen, dass wir für sie skaten – OMG, so cool!“ Am Tag der Veranstaltung räumt ein Polizeikonvoi die Autos von der Straße, damit die Skateboarder*innen in Ruhe an den besten Stellen der Stadt skaten können. Für eine Gruppe von Menschen, die mehrere Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften hatten, war das der Wahnsinn. Diese Art von staatlicher Unterstützung ebnet ihnen den Weg und gibt ihnen eine stärkere Stimme. Die Liebe, die Skateboarding jetzt erfährt, geht außerdem mit einem süßen Erfolg einher, für den kein Geringerer mitverantwortlich ist als Virgil Abloh, der Gründer von Off-White und Menswear-Director von Louis Vuitton. Als Ghanaer*innen außerhalb der Szene erfahren, dass Abloh in die Skateboarding-Kultur von Ghana investiert, wollen sie alle Teil davon sein.

Virgil Abloh lernt Sandy und Joshua Ganyobi Odamtten von der „Skate Nation Ghana“-Crew während der ersten Skate-Tour von „Surf Ghana“ kennen – bei ihrem Stopp in Kumasi, der Hauptstadt der

Ashanti-Region. Später erzählt Abloh, dass seine Mutter von dort stammt. Er bleibt in Kontakt mit der Szene, teilt und kommentiert ihre Bilder auf Social Media. Doch das ist schnell nicht mehr genug. Schließlich kontaktiert er Joshua und schlägt vor, gemeinsam an einer Idee zu arbeiten, um noch mehr Spotlight auf die Skateboarding-Szene in Ghana zu werfen. Gemeinsam wollen sie eine Rampe bauen mit Graffitis von Off-White und das Ganze mit einer Foto-und Videokampagne promoten. Joshua holt Sandy mit ins Boot und so beginnt das Gespräch über den Bau eines Skateparks in Ghana, der den Träumen des Kollektivs entspricht: einen sicheren Raum zu schaffen, in dem Skateboarding für alle, vor allem aber für die Kids leicht zugänglich ist. Im Dezember 2021 ist es dann so weit. Die Mode-Labels Daily Paper, Off-White und das Kollektiv „Surf Ghana“, dem mittlerweile auch Joshua angehört, eröffnen in Accra den ersten voll funktionstüchtigen Skatepark Ghanas. „Die Locals haben jetzt einen Ort, an dem sie ihre Fähigkeiten zusammen mit Gleichgesinnten frei entwickeln und ihr wahres Potenzial erreichen können – daher auch der Name Freedom Skatepark“, sagt Jefferson Osei, der Mitgründer von Daily Paper, in einem Presse-Statement. Virgil Abloh stirbt noch vor der Eröffnung. Um ihm zu huldigen, wird „Virgil was here“ auf eine der Wände des Skateparks gedruckt. Die Wand ist seitdem zu einem fast schon heiligen Ort geworden.

Joshua Ganyobi Odamtten weiß heute, dass das rasche Wachstum der ghanaischen Skateboarding-Szene auf den neuen Skatepark zurückzuführen ist. „Früher gab es nur zwei Skateboard-Coaches in Ghana, aber jetzt können wir andere dazu bringen, ebenfalls zu lernen und zu unterrichten, Skateboard-Coaching wird zu einer alltäglichen Sache im Land“, erzählt er. Aber auch ghanaische Künstler*innen wie Artsoul Kojo, $pacely und die Jungs von La Même Gang, Free the Youth und andere kreative Start-ups spielten eine große Rolle bei der Expansion der Kollektive. Die Beteiligung von Persönlichkeiten aus den Bereichen Mode, Literatur, Musik, bildende Kunst und Kino brachte ebenfalls frischen Wind. Nach und nach stieg die Zahl der Teilnehmer*innen an den von „Surf Ghana“ ins Leben gerufenen Veranstaltungen. Jetzt, da Skateboarding in Accra in aller Munde ist, sind die Skateboarder*innen überall. EA Sports hat den letzten Go Skate Day gesponsert, außerdem munkelt man, dass ein Skateboard-Videospiel in Arbeit ist, in dem „Surf Ghana“-Skateboarder*innen als Charaktere auftreten. Im Freedom Skatepark unterrichten die Frauen vom „Skate Gal Club“ die nächste Generation. Und Ende März diesen Jahres veranstaltete „Board Spirit Marseille“ in Zusammenarbeit mit „Surf Ghana“ den größten Skateboarding-Wettbewerb, den es je in Ghana gab.

Es hat sich viel getan, seit die Kids, die auf einem Holzbrett die Straße entlangrollten, in Ghana für eine Zirkusattraktion gehalten wurden. Viele der Schaulustigen von damals wünschten sich heute, sie hätten gesehen, was diese Kids vor einem Jahrzehnt schon sahen. Diejenigen, die das Wachstum der Skateboard-Kultur in Ghana über die Jahre beobachtet und miterlebt haben, blicken heute nostalgisch auf alles, was passiert ist: die Shows, die Veranstaltungen, die Spendenaktionen, die Ausstellungen. Denn jeder noch so kleine Step auf der Reise hat diese Entwicklung erst möglich gemacht. ◆