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Slow Food Deutschland zur gesunden Ernährung: Menschengesundheit nur mit Planetengesundheit


Slow Food Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2020 vom 29.09.2020

Gesunde Ernährung ist ein großes Thema. Die allermeisten von uns wollen sich gesund ernähren, wissen oftmals aber nicht wie. Dieses Bedürfnis wissen Wirtschaft und Politik für sich zu nutzen und bedienen die Ratlosigkeit der Verbraucher – der Markt mit verschiedensten »gesund machenden« Produkten sowie mit immer neuen und oftmals widersprüchlichen Empfehlungen, die Bundesregierung mit Maßnahmen wie der Einführung von Nutri-Scores. Aus diesem Grund hat Slow Food Deutschland ein Positionspapier zur gesunden Ernährung erarbeitet. Daran mitgewirkt haben Ursula Hudson, Nina Wolff, Lotte Rose, Andrea ...

Artikelbild für den Artikel "Slow Food Deutschland zur gesunden Ernährung: Menschengesundheit nur mit Planetengesundheit" aus der Ausgabe 5/2020 von Slow Food Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Slow Food Magazin, Ausgabe 5/2020

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Gute Inhaltsstoffe nicht ausreichend

Slow Food hat sich zu der Gemengelage an Themen rund um »gesunde« Ernährung bislang zurückgehalten. Aufgrund der Tatsache aber, dass wir uns als Gesellschaft beim Essen immer weiter und radikaler »entgrenzt« haben – mit immensen Folgekosten für Mensch, Tier, Umwelt und Klima –, haben wir im Frühjahr 2020 einen verlässlichen Kompass in Sachen gesundheitsförderlicher Ernährung veröffentlicht. Dessen Botschaft lautet: Gesund ist Essen nur dann, wenn es über die Frage nach den ernährungsphysiologisch guten Inhaltsstoffen weit hinaus geht. Entscheidend ist, ob ein Lebensmittel in der Herstellung und Verarbeitung weder dem Kontext, aus dem es stammt – dieser umschließt Mensch, Tier und Umwelt gleichermaßen –, noch den Menschen in den Lieferketten Schaden zufügt.

Verantwortung gefragt

Für Slow Food verdient eine Ernährungsweise das Adjektiv »gesund« nur dann, wenn sie dazu beiträgt, Böden, Wasser und Umwelt sauber und lebendig zu halten; wenn sie die Vielfalt von Arten und Kulturen bewahrt, Tierwohl fördert, globale Nahrungsgerechtigkeit schafft. Für Slow Food ist gesundes Essen untrennbar mit sozialer, ökologischer und ethischer Verantwortung verbunden.
Die bisherigen gängigen Gesundheitsstrategien, die sich auf individuelles Wohlergehen fixieren, gehen Slow Food nicht weit genug. Sie kreisen um jeden Einzelnen von uns und stellen keinen Zusammenhang zur Mitwelt her. Dabei ist die Planetengesundheit essenzielle Voraussetzung für unser individuelles Wohlergehen; beides ist untrennbar miteinander verbunden. Die Frage danach, wie sich Erzeugung, Verarbeitung und Handel von Lebensmitteln auf den Planeten auswirken, ist entscheidend. Eine holistische Betrachtung »gesunder« Ernährung macht schnell deutlich, dass vieles an unserem Ernährungsalltag ungesund ist, mit immensen Folgekosten.

Der bewährte Slow-Food-Dreiklang aus »gut, sauber, fair« bietet uns eine verlässliche Orientierung und führt uns hin zu einem sozial, ökologisch und ethisch vertretbaren gesunden Genuss.

GESUNDES ESSEN FÜR MENSCH UND PLANET – ZEHN GRUNDSÄTZE *

1. Vom richtigen Maß

Zu wenig essen macht krank, zu viel auch. Es ist an der Zeit, dass wir ein »gesundes« Maß finden. Wenn wir gesund leben wollen, müssen wir uns als Weltbürger verstehen und erleben, indem wir lernen, besser zu (ver-)teilen und uns gemeinsam gesund zu ernähren. Bewusste Einschränkung führt zu einem besseren Welt- und Lebensgefühl und vermeintlicher »Verzicht« sorgt für eine neue, höhere Qualität.

2. Nicht so tierisch

Fleisch und Fisch, Eier, Milch und Käse zu verzehren, ist nicht per se bedenklich. Im Gegenteil. Die Ausmaße sind es. Eine gesunde Zukunft liegt darin, dass wir uns von unserer nur durch Billigproduktion ermöglichten tierfixierten Ernährungsweise lösen. Qualität über Quantität stellen. Worauf wir damit verzichten? Auf Massenställe, Fließbänder, die Rodung von Regenwäldern für den Futtermittelanbau, Überfischung sowie unwürdige Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen, auf Äckern und Trawlern. Slow Food meint: Purer Zugewinn!

3. Protagonistin Pflanze

Pflanzen können am besten wachsen und gedeihen, wenn Böden und die sonstige Umwelt intakt sind. Und nur wenn ein vielfältiger Genpool der Pflanzen im Zusammenspiel von örtlichen und klimatischen Gegebenheiten gute Erträge sichert. Die Biodiversität der Obst-, Getreide- und Gemüsesorten, der Leguminosen, Nüsse und Beeren garantiert geschmacklichen Reichtum auf dem Teller und auch Wohlergehen. Sie ist gut für unsere Ökosysteme. Und mit einer pflanzendominierten Ernährungsweise machen wir gewaltige Flächen für die menschliche Ernährung frei, statt sie für die Tierfutterproduktion zu reservieren.

4. Local Food ist Super Food

Superfoods aus fernen Ländern in Form von Samen, Gewürzen, Obst und Gemüse sorgen seit Jahren für ordentlich Umsatz. Viele dieser Produkte aber haben oft verheerende ökologische Fußabdrücke und soziale Auswirkungen in ihren Ursprungsländern. Wirklich super ist stattdessen der Griff zu altbekannten, heimischen Lebensmitteln. Sie punkten mit vergleichbaren Inhaltsstoffen, schonen Ressourcen und stärken die Regionalwirtschaft; erhältlich dort, wo sich lokale Vermarktung etabliert hat.

5. Original statt Imitation

In der heutigen kulinarischen Scheinwelt sind wir Nachbildungen ganzer Lebensmittel mit gesundheitlichen Folgen ausgesetzt. Broccoli-Suppe mit wenigen Gramm Broccoli, Käsebrezeln ohne Käse – wir bekommen leere Kalorien mit Geschmacksverstärkern statt echten Nährstoffen angeboten. Weil unser Körper letztere aber benötigt, regen solche Produkte zum Weiteressen an, was sich oft in Körpermasse niederschlägt. Der Griff zum Original wird da zur (Er-)Lösung. Gut beraten sind wir mit kurzen Zutatenlisten und möglichst gering verarbeiteten Lebensmitteln.

6. Der Lebensmittelmarkt – Wettbewerb mit Dopingmitteln

Höher, schneller, weiter – der Lebensmittelmarkt wird getragen von Wettbewerbslogik und Gewinnstreben. Das funktioniert nur mit Züchtungen, industriellen Designs und schnelleren Produktionstechniken, die unsere Lebensmittel tiefgreifend verändern, »geschmeidiger« und länger haltbar machen. Mandarinen ohne Kerne, wochenlang »frische« Milch. Wer »Ungedoptes« will, der muss zurück zu den »Wurzeln«: Kaufen und genießen, was möglichst naturnah wächst und einen kurzen Draht hat zu Erzeugern für mehr Transparenz.

7. Essen im Rhythmus der Jahreszeiten

Der moderne Lebensmittelmarkt ist zeitlos. Natürliche Zyklen bei Mensch, Tier und Umwelt sind zerstört. Die Produktion darf niemals stocken. Lebensmittel aber verlieren dadurch Vitalstoffe, Qualität und Identität: Eine Tomate ist eine Tomate, eine Birne ist eine Birne – unabhängig davon, unter welchen Bedingungen, wann und wo sie erzeugt wurden. Das ist ethisch und ökologisch fragwürdig. Wer die Fülle genießen möchte, muss essen, was gerade Saison hat – was Boden, Bäume, Tiere hergeben, ohne agrartechnische Manipulation.

8. Hausgemacht: keine Floskel

Durch das wachsende Angebot an Convenience werden wir ohne viel Arbeitseinsatz »satt«. Damit aber stürmt beim Essen vieles auf uns ein, woran unser Körper menschheitsgeschichtlich nicht gewöhnt und dessen Bekömmlichkeit umstritten ist. Die Geschmacksfreuden selbstgemachten Essens aus Grundnahrungsmitteln erleben zu dürfen, kann stattdessen ganzheitlich gesund machen. Das handwerkliche Arbeiten, das Sehen, Fühlen, Hören, Riechen und Schmecken tun uns gut. Unser Plädoyer fürs Selbst-Kochen gilt auch für Kantinen, Mensen, Restaurants – Essensorte, die immer wichtiger werden in unserem Leben.

9. Orte und Zeiten des Essens

In den reichen Ländern sind wir heute permanenten Anreizen zur Nahrungsaufnahme ausgesetzt. Wir essen überall, oftmals eher nebenbei, ohne zu registrieren, was wir da eigentlich kauen. Wenn wir dem Essen wieder eine Heimat und einen Rahmen geben, tut uns das gut. Das betrifft Zeit, Ort, Menge und Qualität. So wird das Essen registriert, ritualisiert, zelebriert. Gemeinsam essen und teilen lässt Beziehungen erleben, Nähe entstehen und erhöht das kulinarische Vergnügen – allesamt gesundheitspräventive Faktoren.

10. Kulinarische Sinnesfreude als Gesundheitsquelle

Für Slow Food ist Genuss nicht der Feind einer gesunden Ernährung, wie es in medizinischen Argumentationen häufig erscheint, sondern ein entscheidender Ansatzpunkt für ganzheitliche Gesundheit. Essen muss schmecken und sollte nicht von Zwang und Regeln bestimmt sein. Genuss im Rahmen planetarer Grenzen ist ein legitimes Bedürfnis und Recht – für alle Weltbürger.

* Die Langfassung des Positionspapiers »Menschengesundheit nur mit Planetengesundheit« finden Sie unterwww.slowfood.de/slow_themen/gesundeernaehrung