Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 5 Min.

So (un)gerecht ist Deutschland


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 29.07.2019

70 Jahre ist es her, dass das Grund gesetz der Bundesrepublik Deutschland die Ideale der Gleichbehandlung, Chancengleichheit sowie allgemein gültige Grundrechte festschrieb. Gerecht sollte es fortan in der Gesellschaft zugehen. Doch wie sieht es heute damit aus?


Artikelbild für den Artikel "So (un)gerecht ist Deutschland" aus der Ausgabe 8/2019 von Reader´s Digest Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 8/2019

Für die meisten Bürger ist noch viel Luft nach oben. Das zeigen die Ergebnisse einer von Kantar Emnid fürReader’s Digest durchgeführten exklusiven Umfrage. Fast die Hälfte der 1013 repräsentativ ausgewählten Befragten beklagt einen Mangel an Gerechtigkeit in Deutschland. Um Abhilfe zu schaffen, würde eine Mehrheit weitreichenden Änderungen in ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 1,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Reader´s Digest Deutschland. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 8/2019 von ZUALLERERST: Zeitlose, anrührende Geschichten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ZUALLERERST: Zeitlose, anrührende Geschichten
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von Kampf auf Leben und Tod. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Kampf auf Leben und Tod
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von So überwinden Sie eine Zwangsstörung. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
So überwinden Sie eine Zwangsstörung
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von Zwei Probleme, eine Diagnose. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Zwei Probleme, eine Diagnose
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von NEUES AUS DER WELT DER MEDIZIN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NEUES AUS DER WELT DER MEDIZIN
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von GUTE NACHRICHTEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GUTE NACHRICHTEN
Vorheriger Artikel
Keine Chance für Taschendiebe
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Nur du und ich
aus dieser Ausgabe

Für die meisten Bürger ist noch viel Luft nach oben. Das zeigen die Ergebnisse einer von Kantar Emnid fürReader’s Digest durchgeführten exklusiven Umfrage. Fast die Hälfte der 1013 repräsentativ ausgewählten Befragten beklagt einen Mangel an Gerechtigkeit in Deutschland. Um Abhilfe zu schaffen, würde eine Mehrheit weitreichenden Änderungen in vielen Bereichen des gesellschaftspolitischen Lebens zustimmen.

Die Lasten scheinen ungerecht verteilt

„Wie gerecht geht es Ihrer Ansicht nach in Deutschland zu?” So lautete unsere erste Frage. Immerhin 50 Prozent der Befragten sagen „sehr gerecht” oder „eher gerecht”. Doch fast ebenso viele sind vom Gegenteil überzeugt! 47 Prozent antworten „eher ungerecht” oder sogar „sehr ungerecht”.

Unsere Umfrage macht deutlich, was Anlass für diesen Unmut ist: Rund 80 Prozent der Bürger halten die Höhe der Mieten in Ballungs räumen für ungerecht, 63 Prozent die Einkommensverteilung, ebenso viele das Rentensystem. Auch die Kosten für den Umwelt- und Klimaschutz sind für 54 Prozent nicht ausgewogen verteilt.

Professor Dr. Jan Delhey, der an der Universität Magdeburg zum Thema Soziale Ungleichheit forscht, sieht diese Ergebnisse gelassen: „Die Zahlen spiegeln die derzeit heißen Diskus - sionen um Miete, Mütterrente, Renten von Geringverdienern und den Klimaschutz wider.”

Der Soziologe verweist auch auf Studien aus anderen Ländern. „Die Einkommensverteilung etwa lehnen in fast allen Nationen rund zwei Drittel der Menschen als ungerecht ab”, erklärt er. „Fragt man die Menschen, ob sie selbst ungerechte Behandlung erfahren haben, sieht die Welt in den meisten Bereichen viel positiver aus.”

Die Schere öffnet sich – gefühlt und real

Also alles halb so wild? Nein, meint Stephan Grünewald, Psychologe und Geschäftsführer des Rheingold- Instituts für Medien- und Kulturforschung in Köln: „Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass die Menschen das Gefühl haben, dass die Klassen auseinanderdriften, dass es an Gemeinsinn fehlt und die Gesellschaft weniger durchlässig ist.”

Gerecht gehe es zu, wenn Rechte und Pflichten sich die Waage halten und für jeden verbindlich sind. „Doch heute entsteht bei vielen Menschen der Eindruck, dass diese Regel nicht mehr für alle gilt. Sie haben das Gefühl, sie müssten verzichten, während sich für die Eliten nichts verändert”, erklärt Grünewald, der sich auch als Buchautor mit der Frage beschäftigt, wie Deutschland tickt.

Besonders dramatisch wird dies offensichtlich beim Thema Miethöhen empfunden, die ja rund 80 Prozent der Befragten für ungerecht halten. „Wenn Mieten zunehmend unerschwinglich werden, geht es für Normalverdiener um ihr Zuhause, ihre Heimat. Da stellt sich die Frage: Hat man als normaler Bürger noch ein Bleiberecht in der Innenstadt oder wird man vertrieben?”, sagt der Experte.

Auch bei Einkommen und Renten klafft die Schere weit auseinander – und das nicht nur gefühlt. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin sind die Realeinkommen von 1991 bis 2016 zwar gewachsen, doch zugleich sind der Anteil der Menschen mit niedrigen Einkommen, das Armutsrisiko sowie die Ungleichheit der Einkommen gestiegen.

Dax-Konzerne weisen höhere Gewinne aus, während die Arbeitsverhältnisse von Arbeitern und Angestellten prekärer werden. „Das erleben die Menschen als einen Mangel an Wertschätzung und als zutiefst ungerecht”, meint Grünewald.

Vor Gericht geht es (meist) gerecht zu

Die Justiz kommt in unserer Umfrage vergleichsweise gut weg: 57 Prozent der Befragten halten die Urteile deutscher Gerichte für gerecht. Etwa jeder Dritte ist skeptisch. Für Psychologe Grünewald manifestiert sich in dieser Skepsis das Gefühl: Die Kleinen fängt man, die Großen lässt man laufen.

Schlupflöcher für Unternehmen, Gesetze, die nicht für alle gleichermaßen gelten und der Dieselskandal sorgten für Unmut. „Mit Recht haben Diesel-Käufer das Gefühl, sie werden bestraft und nicht die Industrie, die getrickst und gefälscht hat”, sagt er.

Mit großer Mehrheit positiv schließlich äußern sich die Befragten zu den Krankenkassenbeiträgen, zwei Drittel halten sie für gerecht. Die Beitragshöhe, die momentan im Schnitt um die 15 Prozent des Bruttolohns liegt, und die paritätische Finanzierung durch Arbeitnehmer und Arbeitgeber werden also als ausgewogene Lösung akzeptiert. Letztere gilt übrigens erst wieder seit 2019.

Der Osten ist zornig

Wie in der letzten exklusiven Umfrage vonReader’s Digest („Was Deutschland bewegt”, Februar 2019) zeigt sich auch in unserer aktuellen Befragung: Die Menschen in den östlichen Bundesländern sehen vieles besonders kritisch. 65 Prozent der Einwohner dort meinen, dass es generell ungerecht zugeht in Deutschland – im Westen sagen das nur 44 Prozent. Auch bei der Einkommensverteilung, der Kostenverteilung für Klima- und Umweltschutz sowie in der Rechtsprechung liegen etwa 20 Prozentpunkte zwischen den Einschätzungen der Menschen im Osten und denen im Westen – eine deutliche Diskrepanz.

„Im Osten ist das Gefühl mangelnder Wertschätzung viel stärker präsent”, erklärt Stephan Grünewald diesen Unterschied. „Denn nicht nur sind mit der DDR untergegangene Errungenschaften in Alltag, Emanzipation und Gesundheitsversorgung nie gewürdigt worden, es wird auch noch immer das Bild vom potenten Westen und zurückgebliebenen Osten genährt.”

Professor Delhey verweist darüber hinaus auf handfeste soziale und strukturelle Unterschiede zwischen Ost und West: „Im Durchschnitt geringere Einkommen und Bildung in den östlichen Ländern, die Abwanderung junger Menschen nach der Vereinigung und der in Folge noch verschärfte demografische Wandel sowie das,Abhängen’ vieler Regionen hinterlassen hier ihre Spuren.”

Vorstandsgehälter sollten maximal zehnmal so hoch wie das Durchschnittsgehalt sein, finden58 %

AN PESSIMISMUS KAUM noch zu überbieten ist übrigens die Haltung von Befragten, die der AfD zuneigen. Für rund 90 Prozent von ihnen geht es in Deutschland nicht nur generell, sondern auch im Rentensystem, bei der Einkommensverteilung und dem großstädtischen Mietniveau ungerecht zu. Fast 70 Prozent stören sich an der Kostenverteilung für den Umweltschutz und den von deutschen Gerichten verhängten Urteilen.

Experte Delhey überraschen diese Zahlen nicht. „Die Wähler der AfD lehnen unser jetziges Gemeinwesen im Vergleich zu Anhängern anderer Parteien am stärksten ab”, sagt er.

Grünewald fügt hinzu: „Die AfDWähler würden gern viele Entwicklungen der 68er und von Rot-Grün rückgängig machen, mit einer Sehnsucht nach dem Deutschland der D-Mark, starken Männern und Stabilität, die es heute so nicht mehr gibt.”

Gerechte Lösungen dürfen durchaus radikal sein

Was könnte das Land gerechter machen? Bei den Befragten ist die Unterstützung für radikale Vorschläge enorm: 78 Prozent sprechen sich dafür aus, dass Städte und Gemeinden eine Höchstmiete festlegen dürfen, die sich am mittleren Einkommen der Einwohner orientiert. 75 Prozent meinen, Alkohol- oder Drogeneinfluss sollte bei der Beurteilung einer Straftat strafverschärfend wirken – ein Rechtsgrundsatz, der beispielsweise in Großbritannien gilt.

69 Prozent der Bürger würden es begrüßen, wenn Menschen, die Kinder großgezogen haben, bei der Rente grundsätzlich besser gestellt würden als Kinderlose. 58 Prozent meinen, dass Vorstandsgehälter maximal das Zehnfache des betriebsüblichen Durchschnittsgehaltes betragen dürften.

Mit 49 Prozent Zustimmung zu 47 Prozent Ablehnung wäre sogar eine – wenn auch knappe – Mehrheit der Bürger dafür, fossile Brennstoffe deutlich zu verteuern, um deren Verbrauch zu senken und so das Klima zu schützen. Im Schnitt 55 Prozent der Großstädter stimmen für diesen Vorschlag, jedoch nur rund 30 Prozent der Befragten in Gemeinden und Städten bis 20 000 Einwohner. Wie stark man persönlich von Abgasen betroffen ist, macht offensichtlich einen Unterschied. Genau wie die Frage, ob man bequem auf den öffentlichen Nahverkehr umsteigen kann, wenn das Autofahren teurer wird.

Was sagt die junge Generation, die sich unter dem Motto „Fridays for Future” zahlreich für den Umweltschutz stark macht? 72 Prozent der unter 30-Jährigen wären bereit für eine Verteuerung fossiler Brennstoffe, Schüler sogar zu 96 Prozent.

Menschen, dievermeidbare Gesundheitsrisiken eingehen, sollten höhere Kassenbeiträge bezahlen, finden 49 %

„Allerdings fällt ihnen der Verzicht aufs Auto deutlich leichter”, erklärt Psychologe Grünewald. „Sie finden ihre Autonomie, den Zugang zur weiten Welt per Handy auf der Datenautobahn, nicht auf der Straße.” Tatsache bleibt dennoch: Der jungen Generation liegt der Schutz der Umwelt besonders am Herzen.

Mit Blick auf den von der Mehrheit der Befragten beklagten Mangel an Gerechtigkeit nicht nur bei der Kostenverteilung in Sachen Umweltschutz, sondern auch bei Miethöhen, Renten und Einkommen und der hohen Zustimmung für radikale Lösungen zieht der Experte ein klares Fazit. „Hier drückt sich eine große Sehnsucht nach sozialem Ausgleich aus.”

Vielleicht auch der Wille der Menschen, unser Grundgesetz 2019 wieder beim Wort zu nehmen. Es scheint nach 70 Jahren so aktuell wie nie.

Finden Sie, dass es in Deutschland gerecht zugeht?leserbriefe@readersdigest.de


FOTOS: (HINTERGRUND) © GETTY IMAGES/DAVID MALAN; (KUCHEN) © GETTY IMAGES/EYEEM/SHANNA JANICZ

FOTOS: © GETTY IMAGES/EYEEM/PIOTR MARCINSKI; © GETTY IMAGES/LARRY WILLIAMS & ASSOCIATES