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So entsteht die neue SUPERSERIE


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TV Digital XXL-Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 24/2021 vom 12.11.2021

REPORT

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ALLE AN DECK Baran bo Odar (l.) und Jantje Friese (2. v. l.) mit dem Cast ihrer neuen Serie ?1899?

S chwerer Seegang oder völlig glatter Ozean? Es ist Dreh - tag 64 am Set von „1899“ im Studio Babelsberg, und Regisseur Baran bo Odar muss sich für einen Hintergrund entscheiden. Rund 1000 verschiedene Parameter bestimmen das Aussehen der virtuellen Wellen auf der LED-Wand. Für die heutige Szene seiner maritimen Mysteryserie soll es eine konservative Variante sein: leicht gekräuselt, ohne Schaumkrone.

An anderen Sets sind Filmemacher den Elementen ausgeliefert. Bei der historischen Netf lix-Serie „1899“ macht sich der Regisseur sein Wetter selbst. Ermöglicht wird dies durch das sogenannte Volume, eine neu errichtete Bühne, die einzige ihrer Art in Europa. Das Volume besteht aus einer gigantischen LED-Wand, die den Set umschließt (s. Grafik Seite 8). Auf ihr können verschiedenste Umgebungen eingespielt werden. Der Clou: Verändert sich die Kameraposition, wird auch die Perspektive des Hintergrunds in Echtzeit neu berechnet. Ein verblüffender Effekt.

Albtraum auf dem Atlantik

In diesem einzigartigen Studio also entsteht das achtteilige Mysterydrama „1899“, das in eben diesem Jahr spielt. Das rie - sige Auswandererschiff von Kapitän Eyk Larsen (Andreas Pietschmann) soll Passagiere aus unterschiedlichsten Ländern von Europa aus in die Vereinigten Staaten von Amerika bringen. Doch die Überfahrt nimmt eine unerwartete Wendung: Mitten auf dem Atlantik trifft man auf ein mysteriöses Schiff, das als vermisst gilt. Was als Reise in eine bessere Zukunft begann, entwickelt sich zu einem albtraumhaften Trip. Obendrein scheint das Rätsel auf hoher See auf merkwürdige Weise mit der Vergangenheit einzelner Passagiere verbunden zu sein.

Heute Vormittag hat Baran bo Odar eine Schlüsselszene – Kapitän Larsen empfängt den Notruf des zweiten Schiffes – abgedreht. Kurz darauf trifft TV DIGITAL den Regisseur sowie die Autorin Jantje Friese in der Kulisse der Schiffsbrücke. Durch die Fenster schimmert der fotorealistische graue Himmel, darunter die leicht gekräuselten Wellen. Aus dieser Entfernung wirken sie täuschend echt.

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TÄUSCHEND ECHT Himmel und Meer stammen aus einer riesigen LED-Leinwand, die den ganzen Set umgibt

Die neue Technologie war für das Showrunner-Duo, das zuvor Netflix mit „Dark“ einen Welthit beschert hatte, eine Reise ins Ungewisse. Mit „The Mandalorian“ hatte bis dahin nur eine einzige Serie weltweit mit einer ähnlichen Technik gedreht – allerdings im fernen Los Angeles. „Für mich“, sagt Baran bo Odar, „gilt bei ‚1899‘ dasselbe wie für unseren Kameramann, die Schauspieler und den Rest des Teams: Ein Stück weit muss ich das Filmemachen für die Serie neu erlernen.“

1899 So entsteht die neue SUPERSERIE

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DREHBÜHNE Ein Teil des Schiffsdecks wurde im Studio in Babelsberg nachgebaut

Noch vor wenigen Jahren hätte „1899“ nur mit Greenscreens gedreht werden können. Dort, wo solche grünen Leinwände am Drehort stehen, können in der Nachbearbeitung künstliche Hintergründe eingesetzt werden. Filmemacher sind längst darin geschult, bei solchen Produktionen Spiegelungen aller Art zu vermeiden, da in ihnen die grüne Leinwand reflektiert wird. Bei „1899“ aber kann das Team gezielt Ref lektionen des Lichts von den LED-Wänden einsetzen – sei es in einer Pfütze, einem Spiegel oder sogar den Augen eines Darstellers. „Wir mussten vor Drehbeginn eine Menge ausprobieren und wussten gar nicht, ob es k lappt“, so Odar. „Aber der Gesamteffekt ist erstaunlich gut.“

Interview bei Seegang

Davon kann sich TV DIGITAL in diesem Moment selbst überzeugen. Durch das Fenster hinter Odar ist bei genauem Hinschauen zu erkennen, dass sich der Horizont leicht senkt und hebt. So simuliert das Volume leichtes Schiffsschaukeln, ohne dass die Kulisse bewegt werden muss. Die Wirkung? Seekrankheit wäre zu viel gesagt, aber ein flaues Gefühl im Magen spüren sensible Menschen durchaus.

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NAHAUFNAHME Andreas Pietschmann als Kapitän Eyk Larsen an Deck seines Schiffes
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SETBESUCH Reporter Michael Tokarski beim Dreh von ?1899? im August in Babelsberg

So funktioniert der Dreh im „Volume“

Die Kamera 1 filmt die Szene auf einer drehbaren Bühne 2 . Gleichzeitig wird per Computer auf einer ungefähr halbrunden LED-Wand 3 sowie auf Decken-LEDs 4 der gewünschte Hintergrund eingeblendet. Bewegt sich nun die Kamera, verändert sich auch der Hintergrund entsprechend. Deckenleuchten 5 können der Szene zusätzliches Licht liefern. Bei Bedarf kann das Drehteam auch eine installierte Beregnungsanlage 6 nutzen sowie den Set noch um eine mobile LED-Einheit 7 erweitern.

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Die LED-Wände können mehr als nur Meer. Mit der neuen Technologie lassen sich auch klassisch gebaute Sets virtuell in den Hintergrund verlängern. So wurde etwa ein aufwendiges Luxusdinner in der ersten Klasse unter Deck gedreht. Neben dem Regisseur nutzte auch Autorin Jantje Friese die neue Technik voll aus: „Während der Vorbereitungszeit merkte ich“, so Friese, „welche Möglichkeiten sich uns hier bieten. Normalerweise denke ich schon beim Schreiben: Wie halte ich das jetzt irgendwie im Budget? In dieser Serie aber habe ich mich nicht mehr gescheut, Szenen zu schreiben, die in einem riesigen Maschinenraum mit 20 Kohleöfen spielen.“

Bei der Größe gibt es praktisch kein Limit mehr. Letztlich aber geht es in „1899“ um Enge. „Als wir Netflix die Serie vorschlugen“, erinnert sich Friese, „war es die Idee, die die Verantwortlichen so spannend fanden: ein Schmelztiegel unterschiedlichster Kulturen auf einem Schiff.“

Dialoge auf Kantonesisch

Bei den Dreharbeiten kopieren die Macher gewissermaßen die Ausgangssituation der Stor y. Die Figuren und ihre Darsteller, darunter die Britin Emily Beecham („Hail, Cesar!“), kommen aus unterschiedlichen Ländern. Gedreht werden die Szenen in der Sprache der jeweils Beteiligten, darunter Deutsch, Englisch, Dänisch, Französisch und sogar Kantonesisch. Dafür arbeitete Jantje Friese mit internationalen Autoren an den Skripten. Als multinationaler Writers’ Room, so Friese, erörterten sie die großen Fragen ihrer Serienfiguren: „Wie gehen all diese Kulturen auf engstem Raum miteinander um? Was passiert in einer Krisensituation, wenn keiner die Sprache des anderen versteht? Können sie trotzdem einen gemeinsamen Weg finden? Oder sind alle hoffnungslos verloren?“

Um diese Geschichte zu erzählen, ist die innovative Drehtechnik im Volume nur Mittel zum Zweck. Oder wie es Regisseur Baran bo Odar ausdrückt: „Letztlich ist es wie mit jeder Visual-Effects-Technik: Man muss sie so einsetzen, dass man gar nicht merkt, dass man sie benutzt.“ Ob die „1899“-Macher auf dem richtigen Kurs sind, erfahren Zuschauer nächstes Jahr bei Netflix.

MICHAEL TOKARSKI

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