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„So funktioniert das Leben mit vielen Hunden“


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Partner Hund - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 05.10.2022

RÜTTER

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Bildquelle: Partner Hund, Ausgabe 11/2022

Nicole Schanze

Die Sozialarbeiterin ist nicht nur zertifizierter DOGS Coach in Lüneburg und Buxtehude, sondern auch selbst Halterin mehrerer Hunde. In Nicoles Dreier-Rudel leben Momo, Anders und Gizzy. Sie ist also eine echte Expertin auf dem Gebiet der Mehrhundehaltung, die ihr Wissen gerne teilt – auch, weil sie viele Fehler gemacht hat, aus denen sie gelernt hat. www.martinruetter. com/lueneburg-buxtehude

F unktioniertdas Zusammenleben mit dem Einzelhund, ist er gut erzogen und der Alltag läuft, stellt sich so manche die Frage, ob es nicht schön wäre, sich einen zweiten, dritten oder sogar weiteren Hund anzuschaffen. Nicht zuletzt wäre es ja auch für den Hund schön, tierische Gesellschaft zu haben, oder?

Zwei Hunde, doppelte Freude?

Mehrhundehaltung ist einer der Trends der letzten Jahre. Ich selbst bin Halterin von mehreren Hunden. Mit mir zusammen leben Momo, eine 14-jährige kastrierte ...

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... Hündin, Anders, ein 3,5-jähriger, unkastrierter Rüde, und Gizzy, ein 2-jähriger, unkastrierter Rüde.

Nichts ist schöner, als meine Hunde in der Kommunikation miteinander und mit mir zu beobachten, so wie zum Beispiel jetzt gerade, wenn Gizzy mit einem Spielzeug zu mir kommt und an mir hochklettert. Nicht, weil er möchte, dass ich mit ihm spiele, sondern weil er weiß, dass Anders dann sofort reagiert und sich seiner annimmt. Dass er nicht mit mir spielen möchte, zeigt der Blick von Gizzy, der immer wieder zu Anders geht. Gizzy weiß, dass Anders wenig Interesse an gemeinsamen Zerrspielen hat. Allerdings ist Anders sehr sozial motiviert und in dem Moment, in dem Gizzy um meine Aufmerksamkeit zu buhlen scheint, schaltet er sich ein und lenkt ihn von mir ab. Und Gizzy bekommt, was er von Anfang an haben wollte. Ein Spiel um Beute mit Anders! Und Momo? Momo ist mittlerweile taub und kann die beiden noch besser ignorieren, als sie es ohnehin schon immer gemacht hat. Bis zu diesem harmonischen Miteinander war es allerdings ein langer und zuweilen auch sehr steiniger Weg, und das ist es oft genug auch heute noch. Er ist gepflastert mit viel Arbeit – wie getrennte Spaziergänge, Training mit jedem einzelnen Hund sowie mit allen zusammen, dem Umsetzen und Durchsetzen klarer und eindeutiger Regeln. Es gab auch kleine Nervenzusammenbrüche – dann, wenn man doch mal mit allen dreien gleichzeitig spazieren geht. Ich hatte Schuldgefühle, keinem der drei gerecht zu werden und insbesondere die Hunde-Omi zu vernachlässigen. Und ich habe mir Vorwürfe gemacht, wenn die beiden Rüden doch mal wieder einen ernsthaften Streit (inklusive blutiger Nase) hatten. Und das ist nur ein kleiner Auszug dessen, was auf MehrhundehalterInnen zukommen kann ...

Wann macht es Sinn?

Dazu muss man zunächst einmal klären, welches eigentlich die Vorteile für Mensch und Hund sind, wenn man einen weiteren Hund bei sich aufnimmt. Ein wesentlicher Vorteil für den Menschen – ich habe es eingangs schon beschrieben – ist natürlich die Möglichkeit, seine Fähigkeiten in Bezug auf Körpersprache und Kommunikation von Hunden täglich im eigenen Rudel schulen zu können. Zum anderen bewahrt es viele Menschen beim Tod eines Hundes vor einer übereilten Neuanschaffung.

Natürlich profitieren auch die Hunde davon, mit Artgenossen zusammenzuleben. Innerhalb ihrer Gruppe haben sie dann die Möglichkeit zu inner-artlicher Kommunikation – und das sind die idealen Bedingungen, die arteigene Sprache zu erlernen, um sie auch extern sicher einsetzen zu können.

“ Bei der Auswahl eines weiteren Hundes gibt es viele Punkte, die man bedenken muss. ”

Wenn mehrere Hunde zusammenleben, können angeborene Bedürfnisse, wie die gegenseitige Fell- und Körperpflege, befriedigt werden. Das funktioniert vor allem dann gut, wenn die Hunde sehr eng und vertraut miteinander sind. Und auch das oft leidige Thema des Alleinbleibens verliert bei mehreren Hunden häufig an Gewicht. Allerdings sollte man hier immer bedenken, dass auch zwei Hunde gemeinsam einsam sein können. Tägliches, stundenlanges Alleinbleiben mehr als sechs Stunden sollte man also auch zwei oder mehr Hunden nicht zumuten.

Ist mein Hund sozial?

Auch, wenn Hunde nicht gern allein sind, mögen sie nicht jeden anderen Hund.

Wie beim Menschen gibt es auch beim Hund Sympathien und Antipathien. Vor der Anschaffung eines weiteren Hundes sollte man daher genau überlegen, ob sich auch der eigene Hund über einen tierischen Mitbewohner freut. Ist der schon in der Familie lebende Hund ein eher geselliges Tier, das interessiert und neugierig auf andere Hunde zugeht und gern ein gemeinsames Spiel startet? Dann steht einer Erweiterung der Familie vermutlich nichts entgegen.

Ignoriert er dagegen seine Artgenossen und geht lieber eigene Wege, wird es unter Umständen schon schwieriger mit der passenden Partnerwahl. Gibt es häufig aggressive Kontakte zu anderen Hunden, muss man zunächst die Ursache dafür herausfinden. Reagiert der Hund beispielsweise nur aggressiv auf bestimmte Hunde oder lehnt er jeden anderen ab, der „sein“ Haus und „seinen“ Garten betritt? Bei der Einschätzung und der gegebenenfalls daraus resultierenden Verhaltenstherapie kann zum Beispiel ein professioneller Hundetrainer/eine professionelle Hundetrainerin helfen.

Zu glauben, man könne einen Hund therapieren, indem man einen zweiten Hund einziehen lässt, verursacht in der Regel mehr Probleme, als es löst. Es gibt aber durchaus auch therapeutische Gründe, die für einen Zweithund sprechen. So kann ein geeigneter Hund überaus wertvoll für einen Hund sein, der starke Unsicherheiten und Ängste zeigt. Geeignet wäre in diesem Fall allerdings nur ein Hund, der sehr umweltsicher ist und der souveränes und sicheres Verhalten zeigt, vor allem natürlich in dem Bereich, in dem der zu therapierende Hund Ängste hat. Einen solchen zu finden, der dann auch noch allen weiteren Kriterien einer Zweithundeanschaffung entspricht, ist jedoch nicht leicht. Denn bei der Auswahl eines weiteren Hundes gibt es viele Punkte, die man bedenken muss.

Checkliste für den Neuzugang

Wer wird sich mit dem neuen Hund hauptsächlich beschäftigen? Ist die Bezugsperson des ersten Hundes auch für den zweiten zuständig oder kümmert sich ein anderes Familienmitglied um den neuen Hund? Gibt es eine Aufgabenteilung? Solche Verantwortlichkeiten sollten zuvor genau abgesprochen werden.

Gibt es Grenzen in Hinsicht auf die finanzielle Lage? Für einen weiteren Hund fallen weitere Kosten an. Haftpflichtversicherung, Steuern, Futter – das sind die berechenbaren Posten. Nicht fest stehen dagegen die Tierarztkosten. Leider weiß man nie genau, was hier unter Umständen auf einen zukommt. Gibt es Einschränkungen bezüglich der räumlichen Situation? Passt ein weiterer Hund ins Auto, gibt es im Haus oder der Wohnung genügend passende Liegestellen? Wohnt man zur Miete, muss natürlich eine Erlaubnis des Vermieters/der Vermieterin vorliegen, auch dann, wenn bereits ein Hund in der Familie lebt.Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Urlaubsplanung. Viele Hotels, Ferienwohnungen und Campingplätze erlauben die Mitnahme von Hunden, die Anzahl ist aber oftmals begrenzt. Auch die Unterbringung mehrerer Hunde in der Hundepension ist häufig nicht so einfach, und wenn, dann fallen direkt hohe Kosten an, die das Urlaubsbudget stark dezimieren.Und auch, wenn man das gern ausblendet: Natürlich muss man auch den Notfall bedenken.

“ Wie beim Menschen gibt es auch beim Hund Sympathien und Antipathien. ”

Oftmals haben Hundehaltende Menschen in ihrem Umfeld, die den Hund in einer Notsituation betreuen würden. Aber können und wollen diese Menschen bei Bedarf zwei, drei oder sogar mehr Hunde versorgen? Und falls nicht alle Hunde bei einem Menschen untergebracht werden können, braucht man entsprechend mehr Menschen, die einen der Hunde aufnehmen.

Wenn aufgrund dieser Rahmenbedingungen nichts gegen einen weiteren Hund spricht, muss man „nur noch“ den passenden Hund finden, der zu den Vorstellungen der Familie, aber eben auch zu den bereits vorhandenen Hunden passt.

Besser gleiche Rassen ?

Zwei Hunde einer Rasse verstehen sich häufig gut, denn es gibt meist keine Pro- bleme bei der körpersprachlichen Verständigung. Das körperliche Spiel eines Retrievers kann dagegen vom sensiblen Windhund als Provokation aufgefasst werden, das Fixieren des Hütehundes zur Spielaufforderung vom Haus- und Hofhund als ernsthafte Drohung. Hier muss der Umgang miteinander und die Kommunikation des anderen erst erlernt werden. Für viele Menschen spielt die Optik eines Hundes eine große Rolle, man mag den Typus „Jagdhund“, „Hütehund“ oder „Windhund“ eben einfach.

Doch noch entscheidender ist eigentlich das, was diese Hunde ausmacht. Denn gleiche Interessen machen die gemeinsame Beschäftigung mit dem Menschen möglich, zum Beispiel beim Apportiertraining auf dem Spaziergang.

Man muss aber bedenken, dass dies auch zu Interessenskonflikten zwischen den Hunden führen kann, denn jeder der Hunde möchte dann gegebenenfalls gern die Beute haben, möchte mit „seinem“ Menschen zusammen trainieren.

Große Unterschiede bedeuten in aller Regel, dass der Mensch das Zusammenleben mehr lenken und leiten muss. Das gilt übrigens auch für die Größe und das Gewicht der Hunde! Holt man sich zu einem Berner Sennenhund einen Chihuahua, ist das Risiko sehr hoch, dass der kleinere Hund ernsthafte Verletzungen erleidet – sowohl beimgemeinsamen Spiel als auch bei Auseinandersetzungen.

Ist ein Rüde der ideale Partner für eine bereits in der Familie lebende Hündin? Hält man nur Rüden bzw. Hündinnen, gibt es in der Regel kein sexuelles Konfliktpotenzial, wenn man mit den Hunden unterwegs ist. Allerdings können Streitereien untereinander durchaus heftig werden, wenn die Hunde in starker Konkurrenz zueinander stehen.

Rüde und Hündin dagegen treten auf dem Spaziergang oft als Paar auf, der Rüde verdeutlicht seinen Anspruch auf die Hündin gegenüber anderen Rüden, insbesondere zur Zeit der Läufigkeit der Hündin. Und auch diese kontrolliert Kontakte des Rüden mit anderen Hündinnen häufig sehr genau. Außerdem muss natürlich die Verhütung sichergestellt sein. Eine Kastration bietet diesbezüglich zwar dauerhaft Schutz, sollte jedoch in Bezug auf ihre Vor- und Nachteile gemeinsam mit dem Tierarzt gut abgewogen werden. Als alternative Möglichkeit besteht die zeitweise Trennung der Hunde, falls man einen Menschen kennt, der einen der Hunde aufnehmen kann.

Altersunterschiede erwünscht

Wie zuvor bereits geschrieben, wird ein neuer Hund keine Probleme lösen, die es mit dem bereits in der Familie lebenden Hund gibt. Die Beziehung zwischen Mensch und Hund sollte daher im Großen und Ganzen geklärt

sein. Gibt es im Alltag klare Regeln und Strukturen, weiß der Hund, was von ihm erwartet wird, und kann sich an seinen Menschen orientieren. Eine geklärte Beziehung kann es aber nur dann geben, wenn der Hund erwachsen ist, denn in der Pubertät und Jungerwachsenenphase wird alles, auch das Zusammenleben mit dem Menschen, noch einmal hinterfragt. Ideal ist daher, wenn der Hund mindestens drei, besser sogar vier bis fünf Jahre alt ist, da er sich dann, in Bezug auf den Einzug eines jüngeren Hundes/Welpen, in einem anderen Lebensabschnitt befindet und so dem neuen Hund Orientierung bieten und tatsächlich auch dem Menschen als „Erziehungshilfe“ für den neuen Hund dienen kann. Die Betonung liegt hier auf Erziehungs-„Hilfe“, denn den größten Teil der Ausbildung und Erziehung muss natürlich auch beim neuen Hund der Mensch übernehmen. Wie oft habe ich von meinen Kunden schon gehört: „Ich dachte, der alte Hund würde den neuen schon erziehen.“ Das geht in der Regel schief.

Damit wird auch direkt klar, dass die Idee, zwei Welpen aus einem Wurf aufzunehmen, nicht sinnvoll ist, denn da sie alle Altersphasen (Welpe, Junghund, Pubertät) gleichzeitig durchlaufen, müssen sie sowohl im Training als häufig auch im Alltag getrennt werden, sodass man eher zwei Einzelhunde hat. Die Haltung von Geschwistern bringt zudem häufig Schwierigkeiten mit sich. Die beiden verstehen sich „ohne Worte“, die intensive Bindung zwischen ihnen lässt den Menschen oft außen vor. Doch es kommt nicht selten auch zu heftigen Auseinandersetzungen, denn wer sich von der ersten Minute an kennt, weiß auch um die Schwächen des anderen.

Der erste Kontakt entscheidet

Genauso, wie wir Menschen in den ersten Sekunden entscheiden, ob wir ein Gegenüber sympathisch finden oder nicht, ist auch die Begegnung des bereits in der Familie lebenden Hundes mit dem neu ausgewählten Hund von entscheidender Bedeutung. Um Konflikte zu vermeiden, arrangiert man das Kennenlernen daher am besten auf neutralem Boden. Ein Helfer ist dabei für den neuen Hund zuständig, der Halter/die Halterin kümmert sich um den bisherigen Hund. Es bietet sich an, zu einem Spaziergang aufzubrechen, anfangs noch angeleint, später, wenn keine Spannungen zu erkennen sind, auch im Freilauf. Zu Hause sollte man schon rechtzeitig vor dem Einzug dafür sorgen, dass Spielzeug, Kauartikel sowie andere potenzielle Quellen für Auseinandersetzungen zunächst nicht herumliegen. Jeder Hund sollte als Rückzugsort eine eigene Liegestelle haben. Die erste Fütterung sollte, selbst wenn es bei keinem der Hunde bisher diesbezüglich Probleme gab, zunächst mit genügend Abstand durchgeführt werden.

Erziehung und Struktur

Dem aufmerksamen Leser ist es vielleicht aufgefallen: Bezogen auf Alter, Zeitpunkt und Geschlecht habe ich bei der Aufnahme meiner eigenen Hunde fast alles falsch gemacht! Stimmt. Aus heutiger Sicht, mit meinem Wissen als DOGS Coach und meinen Erfahrungen als Mehrhundehalterin, würde ich vieles anders machen.

Als die oben beschriebenen Rahmenbedingungen in meinem Alltag für einen zweiten Hund günstig waren, war meine Hündin bereits elf Jahre alt. Doch sie war körperlich und geistig so fit, dass ich dachte, es sei noch nicht zu spät und sie noch nicht zu alt. Das traf auf das erste halbe Jahr auch zu. Hunde altern ab einem gewissen Alter jedoch wirklich schubweise, sodass die körperlichen Unterschiede zwischen der alten Hündin und meinem dann 8 Monate jungen Rüden plötzlich eklatant waren. Ich musste in den folgenden Monaten oft eingreifen und den jungen Hund häufig begrenzen, da er seine körperliche Überlegenheit der alten Hündin gegenüber ausnutzen wollte.

“ Für einen entspannten Alltag ist es entscheidend, die Hunde genau zu kennen. ”

Für einen entspannten Alltag ist es daher entscheidend, die Hunde genau zu kennen und einschätzen zu können. Ich muss wissen, was welchem Hund wichtig ist, wann ich einen Streit laufen lassen kann und wann ich eingreifen muss. Nicht jeder Hund ist zum Beispiel so auf Spielzeug fixiert, dass er dafür einen Streit riskiert bzw. dass er Beute verteidigt. Wobei das Verteidigen von Beute nicht generell verboten ist, ein Hund darf seinen Besitz den anderen Hunden der Familie gegenüber durchaus verteidigen. Daher darf Spielzeug nach der ersten Zeit der Eingewöhnung auch frei herumliegen, denn so können die Hunde ihren Status zueinander ausloten. Erwachsene Hunde nutzen Spielzeug oftmals gezielt, um junge Hunde zu erziehen und Sozialverhalten zu festigen. Nicht selten, so wie meine alte Hündin, sogar ohne selbst wirklich ein Interesse am Gegenstand zu haben. Doch kommt es ständig zu Streitereien oder aber zu ernsthaften Verletzungen, zum Beispiel wenn Kauartikel gefüttert werden, ist eine Trennung, entweder in unterschiedlichen Räumen, gegebenenfalls aber auch nur auf getrennten Liegeplätzen, sinnvoll.

Jeder Hund braucht Regeln und Strukturen, an denen er sich orientieren kann, um seinen Menschen als kompetenten und souveränen Sozialpartner wahrzunehmen. Dies gilt natürlich auch für die Mehrhundehaltung. Je mehr ich den Alltag der Hunde strukturiere, durch das Zuweisen fester Liegestellen, die Übernahme von Verantwortung, die Verwaltung von Ressourcen und das Wahrnehmen der Bedürfnisse des Einzelnen, desto entspannter können die Hunde miteinander leben. Der Mensch übernimmt also die Verantwortung für jeden Einzelnen in der Gruppe. Viele potenzielle Konfliktherde werden dadurch von Anfang an vermieden. Das Management der Gruppe bedeutet daher für Mehrhundehaltende eine nicht zu unterschätzende Aufgabe! Die Haltung von zwei Hunden ist damit mehr als doppelt so aufwendig wie die Haltung eines Einzelhundes.

Nimm zwei – oder gleich drei?

Nach meiner Ausbildung zum DOGS Coach wurde ich von einer engen Freundin um Hilfe gebeten, den acht Monate alten Junghund ihrer Tochter zu vermitteln.

Da ich Gizzy bereits kannte und auch unsere Hunde sich bei vorherigen Treffen gut verstanden hatten, war für mich klar, dass wir uns des Rüden annehmen, auch wenn mein junger Rüde Anders gerade einmal 1,5 Jahre alt war. Schließlich war ich frisch gebackener DOGS Coach! Wer, wenn nicht ich war geeignet für das Zusammenleben mit zwei jungen Rüden? Heute kenne ich

nicht nur eine, sondern viele Antworten auf diese Frage: Jeder, der konsequenter ist als ich! Jeder, der mehr Geduld hat als ich! Jeder, der mehr Platz hat als ich! Jeder, der mehr Zeit hat als ich! Jeder, der jünger ist als ich!

Gizzy war schon früher mit seiner vorherigen Halterin bei uns zu Besuch gewesen. Da die Besuche immer problemlos verlaufen waren, machte ich mir über die Zusammenführung der Hunde und das Zusammenleben keine großen Sorgen. Aber es ist eben etwas ganz anderes, wenn ein Hund nicht nur zu Besuch ist, sondern sich dauerhaft in eine bestehende Gruppe integrieren muss. Denn nun beansprucht er auf einmal die gleichen Dinge wie die anderen Hunde: die Aufmerksamkeit der Menschen, Liegestellen, Futter, Spielzeug und vieles mehr. Meiner alten Hündin war das vollkommen egal, aber zwischen den beiden jungen Rüden entwickelte sich plötzlich eine starke Konkurrenz. Habe ich darüber nachgedacht, den Kleinen wieder abzugeben? Natürlich habe ich das. Und ich finde, das sind wichtige und reflektierte Gedanken, für die es Raum und Zeit geben muss. Wenn zwei Hunde einen Konflikt miteinander haben, dann ist es die Aufgabe der Hundehaltenden, herauszufinden, warum es diesen Konflikt gibt und wie er entstanden ist. Und vor allem natürlich, wie und ob weitere Konflikte in Zukunft vermieden werden können.

Dabei gilt auch in diesem Fall: Je konsequenter ich mich als HundehalterIn verhalte, desto entspannter sind die Hunde. Und auch ich konnte erleben, dass sich mein Verhalten sofort im Verhalten der Hunde widerspiegelte. Das half und hilft mir auch heute noch beim Einhalten der alltäglichen Regeln, was wirklich IMMER erforderlich ist. Das kann ganz schön anstrengend sein. Doch dann sehe ich meine beiden Jungs, die miteinander spielen und auch mal nahe beieinander liegen, und freue mich, dass sie sich grundsätzlich auch sympathisch sind und einander mögen.

“ Das Management der Gruppe ist für Mehrhundehaltende eine nicht zu unterschätzende Aufgabe. ”

Und aus diesem Grund steht natürlich die Trennung von einem der Hunde nicht zur Debatte. Nicht, solange ich als Mensch noch etwas verändern kann. Das bin ich all meinen Hunden schuldig, denn ich habe mich für sie entschieden. Dennoch, in seltenen Fällen gibt es Hunde, die sich trotz aller Bemühungen durch den Menschen nicht riechen können und trotz aller aufgestellter Regeln keine Gelegenheit auslassen, miteinander zu streiten. Immer dann, wenn das Zusammenleben für einen der Hunde großen Stress bedeutet, muss man sich, schweren Herzens, für eine Trennung – und damit für die Abgabe eines Hundes – entscheiden. Aber auch das ist dann ein verantwortlicher Umgang mit den uns anvertrauten Hunden.

NICOLE SCHANZE