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So funktioniert Geldanlage mit System


Traders - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 26.08.2021

QUANT-INVESTING

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Bildquelle: Traders, Ausgabe 9/2021

Das Thema, mit dem Oliver Paesler sich seit mehr als 15 Jahren beschäftigt, hat viele Namen: Quant-Investing, regelbasierte Geldanlage, mechanische Handelssysteme. In diesem Artikel berichtet er über seine Erfahrungen und erklärt nicht nur, was der Unterschied zwischen systematischem und diskretionärem Trading ist, sondern auch, wie Handelssysteme eigentlich funktionieren.

„Clever mit System“

Seit meinen Anfängen habe ich viel gelernt – unter anderem von Ed Seykota, der bereits 1970 ein erfolgreiches Handelssystem programmierte, und von James „Jim“ Simons, dem legendären Gründer von Renaissance

Oliver Paesler

Oliver Paesler entwickelt nicht nur Anlagestrategien, sondern mit dem Captimizer (www.captimizer.de) auch die entsprechende Software zum Erstellen und Testen. Privatanleger können seinen Strategien mit dem Anlageroboter RoboVisor (www.robovisor.de) folgen. Auf seinem YouTube-Kanal ...

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... (www.youtube.com/c/OliverPaesler) sowie als Fachbuchautor gibt er sein Wissen weiter.

Technologies, der mit seinem Quant-Hedgefonds Medallion von 1988 bis 2018 eine durchschnittliche Rendite von rund 39 Prozent pro Jahr (nach vier Prozent Managementund 44 Prozent Performancegebühr) erzielt hat.

Doch auch das Wissen vieler anderer hat mir weitergeholfen. Das Buch „Clever mit System“ von Van K. Tharp hat mich zum Beispiel erst dazu gebracht, ein Quant zu werden. Als ich dieses Buch gelesen habe, kam mir die Idee, den Captimizer zu programmieren, eine Software, mit deren Hilfe man Anlagestrategien entwickeln, realistisch testen und umsetzen kann.

Mit diesem Werkzeug konnte ich endlich prüfen, ob eine Anlagestrategie wirklich Aussicht auf Erfolg hat, und zwar bevor ich mein Geld investiere. Der Captimizer ist noch heute mein zentrales Werkzeug und steuert sogar den Anlageroboter RoboVisor. Den RoboVisor habe ich vor drei Jahren ins Leben gerufen, weil ich gesehen habe, dass es vielen Privatanlegern schwerfällt, Anlagestrategien selbst zu entwickeln – obwohl man dafür beim Captimizer nicht mal Programmierkenntnisse braucht.

Ich wurde immer häufiger von privaten und institutionellen Anlegern beauftragt, ein Handelssystem zu entwickeln, dem man einfach nur noch zu folgen braucht. Daraus ist die Idee des RoboVisors entstanden. Eine Plattform mit vielen Börsenstrategien, die regelmäßig getestet werden und denen man mittels Kauf- und Verkaufssignalen einfach folgen kann. Nur für die Umsetzung ist der Anwender noch selbst verantwortlich.

Bevor ich zum Quant wurde, habe ich 25 Jahre lang Dinge ausprobiert, viele Börsenbücher gelesen, einiges an Lehrgeld bezahlt und auch die falschen Fragen gestellt. Van K. Tharp beschreibt es in seinem Buch sehr treffend: „Die Menschen wollen irregeleitet werden. Sie stellen ständig die falschen Fragen, und die Medien bedienen dieses Bedürfnis, indem sie den Leuten die Antworten geben, die sie hören wollen. Einige dieser falschen Fragen lauten:

• Wohin wird der Markt jetzt tendieren?

• Was soll ich jetzt kaufen?

• Ich habe xyz-Aktien. Denken Sie, dass sie steigen werden? (Wenn man die Frage verneint, dann fragen diese Leute jemanden anderen, bis sie einen finden, der ihre Meinung teilt.)

• Sagen Sie mir, wie ich an der Börse in den meisten Fällen recht behalten kann.“

Es ist nun schon fast 40 Jahre her, dass ich mit 14 meine erste Aktie kaufte. Ich habe schon einiges an der Börse mitgemacht, scheinbar endlose Haussen, schmerzhafte Baissen, sogar den Crash von 1987 habe ich miterlebt. Und ich bin ein wenig stolz, in dieser langen Zeit nie pleitegegangen zu sein. Ich hatte und habe immer Respekt vor dem Risiko und Kapitalerhalt ist mein oberstes Gebot.

Der Mensch ist nicht für die Börse geschaffen

Aber das Anlegerverhalten nicht so rational, wie es einige Modelle gerne hätten. Der Nobelpreisträger Prof. Dr. Daniel Kahneman formuliert es wie folgt: „Man kann nicht erwarten, dass Investoren an den Aktienmärkten systematisch lernen. Die Erfahrung zeigt, dass sie immer wieder die gleichen Fehler machen.“

Wenn die Mehrzahl der Anleger nicht aus ihren Fehlern lernt und immer wieder die gleichen Anlagefehler begeht, so muss sich dieses Verhalten in wiederkehrenden Mustern widerspiegeln, die systematisch zum eigenen Vorteil genutzt werden können. Einige Gründe für den Misserfolg an der Börse sind:

• Anleger lassen sich von ihren Emotionen (Gier und Angst) leiten und werden unbewusst von Urinstinkten wie dem Herdentrieb gesteuert.

• Einstandsorientierung und Dispositionseffekt sorgen dafür, dass die Gewinne begrenzt und die Verluste laufen gelassen werden.

• Selektive Wahrnehmung bewirkt, dass Informationen abhängig von der eigenen Meinung gefiltert werden.

• Anleger lernen nicht systematisch aus ihren Fehlern und neigen zur Selbsttäuschung.

• Die Risiken sind meist unbekannt oder werden falsch eingeschätzt. In Bezug auf ihr verfügbares Kapital riskieren Anleger zu viel.

• Anleger sind zu sehr auf den Einstieg fixiert und gehen ohne Strategie planlos an die Börse.

Nichts tun ist keine Lösung!

Wir Menschen sind eigentlich nicht für die Börse geschaffen, begehen deshalb Anlagefehler und setzen so unser Vermögen aufs Spiel. Aber aus Angst vor Fehlern nichts zu tun ist auch keine Lösung. Denn wer sein Geld nicht investiert und auf dem Sparbuch lässt, verliert mit Sicherheit. Im aktuellen Nullzinsumfeld sorgt die Geldentwertung für einen schleichenden Verlust an Kaufkraft. Werden Sie sich der menschlichen Schwächen bewusst und versuchen Sie sie zu vermeiden. Bereits 1949 stellte Benjamin Graham in seinem legendären Werk „The Intelligent Investor“ sichere und zugleich renditestarke Anlagestrategien speziell für Privatanleger vor.

Im Vorwort zu Grahams Buch gibt Warren Buffett den Ratschlag: „Ihre Aufgabe ist es, Ihre Emotionen unter Kontrolle zu halten.“ Graham hatte früh erkannt, wie negativ sich menschliche Emotionen auf das Anlageergebnis auswirken, und riet zum Einsatz mechanischer Anlagestrategien. Mit festen Anlageregeln lassen sich menschliche Emotionen wie Gier und Angst ausschalten. Außerdem lässt sich das Regelwerk realistisch testen, bevor Geld investiert wird. Mit den richtigen Regeln und ausreichend Disziplin bei der Umsetzung können auch Privatanleger an der Börse erfolgreich sein.

Das legendäre Turtle-Trader-Experiment

Richard Dennis war ein legendärer Rohstoffspekulant, der in 18 Jahren aus 400 Dollar Startkapital geschätzte 200 Millionen Dollar machte und „King of the pit“ genannt wurde. Er war davon überzeugt, dass Erfolg an der Börse kein Zufall, sondern erlernbar ist. Es bedürfe nur fester Anlageregeln und ausreichend Disziplin, sich auch an diese Regeln zu halten. Um das zu beweisen, startete er gemeinsam mit seinem Freund William Eckhardt ein Experiment, das in die Börsengeschichte einging. Es begann Ende 1983 mit einer Reihe von Zeitungsanzeigen in der New York Times, Barron’s und dem Wall Street Journal. Gesucht wurden Börsenneulinge, die für Richard Dennis handeln wollten.

Es meldeten sich rund 1000 Bewerber, von denen 13 für die erste Tradergruppe ausgewählt wurden. Ein Jahr später stellte er eine zweite Gruppe aus zehn Teilnehmern zusammen. Nach einer zweiwöchigen Schulungsphase, in der Dennis die Grundlagen des Commodity-Tradings und die Regeln der Handelsstrategie erklärte, erhielt jeder seiner Studenten eine Million US-Dollar zum Traden – mit durchschlagendem Erfolg: In den viereinhalb Jahren, in denen die sogenannten Turtles für ihn handelten, erwirtschafteten sie eine Rendite von durchschnittlich 80 Prozent pro Jahr. 20 Jahre später, nachdem die Geheimhaltungspflicht endete, veröffentlichte Curtis Faith die originalen Turtle-Regeln in einem Buch. Curtis Faith war der jüngste und einer der erfolgreichsten Teilnehmer am Experiment.

Ein vollständiges Handelssystem

Das eigentliche Erfolgsgeheimnis der Turtle-Trader waren nicht die Regeln selbst, sondern dass sie ein vollständiges Handelssystem einsetzten. Das war zur damaligen Zeit etwas völlig Neues. Ein vollständiges Handelssystem beantwortet im Voraus alle Fragen, die zum erfolgreichen Handeln an der Börse erforderlich sind – nämlich was man wann und in welcher Größenordnung kaufen und verkaufen sollte. Es umfasst also vordefinierte Regeln für das Wann (Ein-und Ausstieg), das Wieviel (Positionsgröße) und das Was (Anlageuniversum). Jeder, der eine Anlageentscheidung trifft, muss sich über diese Punkte Gedanken machen.

Das Anlageuniversum definiert, was überhaupt gehandelt werden darf, also die Werte, die beobachtet werden. Beispielsweise könnte man als Anlageuniversum alle Aktien aus dem DAX definieren. Dann darf die Handelsstrategie nur Aktien aus dem DAX auswählen. Wann ge- und verkauft und welcher Wert ausgewählt wird, bestimmen die Regeln zum Ein- und Ausstieg. Als Letztes muss festgelegt werden, wie viel ge- und verkauft werden soll. Das geschieht nach den Regeln zur Berechnung der Positionsgröße.

Sehr praktisch ist, dass sich die Regeln eines vollständigen Handelssystems einfach programmieren lassen. Das ermöglicht es, das Regelwerk langfristig über mehrere Hausse- und Baissephasen und mit unterschiedlichen Anlageuniversen zu testen. Außerdem können so die Routinearbeiten an einen Anlageroboter delegiert werden. Warum sollte man täglich Hunderte von Charts prüfen oder Ranglisten manuell berechnen, wenn Kollege Computer diese Arbeit in Sekunden erledigen kann?

Der Anlageroboter meldet sich mit einem Kauf- oder Verkaufssignal, sobald es erforderlich ist. Mit seiner Unterstützung lassen sich auch Handelsstrategien mit vielen Einzelwerten und mehrere Handelsstrategien parallel und zeitsparend in die Praxis umsetzen. In seinem Buch „Quantitative Investing“ sieht Fred Piard den Hauptvorteil bei der Verwendung eines quantitativen Modells darin,

• dass es den Investmentprozess unabhängig von Meinungen und Emotionen macht (das ist der wichtigste Faktor für Privatanleger) und

• dass die Anlageergebnisse von jedem jederzeit reproduzierbar sind (der wichtigste Faktor für institutionelle Anleger).

Systematisch oder diskretionär?

Lassen Sie uns nachfolgend die beiden gegensätzlichen Vorgehensweisen bei der Geldanlage genauer definieren. Dann können Sie besser einschätzen, wie Sie selbst an der Börse agieren. Geldanlage mit System bedeutet:

• Alle Anlageentscheidungen erfolgen nach festen Regeln.

• Alle Regeln werden vorab definiert und anhand von Vergangenheitsdaten getestet.

• Der Anwender setzt nur noch die „Anweisungen“ des Systems um.

• Der Anwender hat nur darüber zu entscheiden, ob er dem System weiterhin vertraut oder es stoppt.

Das Gegenteil der systematischen ist die diskretionäre Vorgehensweise. Der Begriff „diskretionär“ ist etwas missverständlich, da er eingedeutscht wurde. Das englische „discretionary“ bedeutet so viel wie beliebig oder nach eigenem Ermessen. Die diskretionäre Vorgehensweise bedeutet also:

• Es gibt keine festen Regeln bei der Anlageentscheidung. Der Anwender handelt quasi aus dem Bauch.

• Viele Faktoren haben auf die Anlageentscheidung Einfluss.

• Es kann nicht genau definiert werden, warum eine bestimmte Entscheidung getroffen wurde.

• Der diskretionäre Ansatz hat eine hohe emotionale Komponente.

Glück

Das soll jetzt aber nicht heißen, dass man mit der diskretionären Vorgehensweise an der Börse keinen Erfolg haben kann, aber so langfristig ein Vermögen aufgebaut und erhalten hat wohl selten jemand. Wenn doch, könnte der Faktor Glück dabei eine große Rolle gespielt haben. Was natürlich nicht bedeutet, dass Sie bei der systematischen Geldanlage kein Glück brauchen. Allerdings wird durch eine wissenschaftlich fundierte Vorgehensweise die Wahrscheinlichkeit, dass man langfristig erfolgreich ist, deutlich erhöht.

Multistrategieansatz

„Auch die Profitabilität von Tradingsystemen scheint sich zyklisch zu verhalten. Perioden, in denen Trendfolgesysteme höchst erfolgreich sind, führen zu ihrer erhöhten Beliebtheit. Wenn dann die Anzahl der Systemanwender steigt und der Markt von einem trendfolgenden Verhalten zu einem richtungslosen Auf und Ab übergeht, werden die Systeme unprofitabel und Trader mit zu wenig Kapital oder zu wenig Erfahrung werden abgeschüttelt. Ausdauer ist der Schlüssel zum Erfolg.“

Für sein Buch „Magier der Märkte“ hat Jack Schwager unter anderem Ed Seykota interviewt, von dem diese sehr lehrreichen Sätze stammen. Obwohl Seykota in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist, wurde er von Jack Schwager aufgrund seiner Leistungen als einer der besten Trader aller Zeiten eingestuft.

Seykota gilt als der Erste, der bereits 1970 für eine der damals größten Brokerfirmen ein computerisiertes Handelssystem zum Management von Kundengeldern entwickelt hat. Doch er wollte seinen eigenen Weg gehen und verließ seinen Arbeitgeber. Er nutzte seine Computermodelle ohne fremde Einmischung sehr erfolgreich für sein eigenes und das Geld weniger Kunden. Seykotas Zitat hat mir gezeigt, dass man nicht nur einen Ansatz verwenden, sondern auf mehrere möglichst voneinander unabhängige Anlagestrategien setzen sollte, deren Erwartungswert positiv ist. Dann können die temporären Schwächephasen eines Ansatzes durch die anderen ausgeglichen und so eine gradlinigere Entwicklung des Anlagekapitals erzielt werden. Deshalb kombiniere ich bevorzugt Strategien, die nach unterschiedlichen Ansätzen wie absolutes und relatives Momentum, niedrige Volatilität, Value (Dividende) und Saisonalität funktionieren, zu einer Multistrategie.

Ausdauer und Disziplin

Aus Ed Seykotas Worten wird auch deutlich, dass Anwender mechanischer Handelsstrategien einen langen Atem und Disziplin bei der Umsetzung benötigen. Wer nach festen Regeln handelt, sollte alle Signale umsetzen und nicht einzelne Trades auslassen, nur weil man eine andere Marktmeinung hat. Ich hatte schon oft Situationen, in denen ich nach meinem Bauchgefühl anders entschieden hätte. Man sollte nicht einzelne Trades auslassen, sondern das ganze Handelssystem abschalten, wenn man ihm nicht mehr vertraut. Ebenfalls im Buch „Magier der Märkte“ von Jack Schwager finden sich diese Leitlinien von Ed Seykota:

• Verluste abstoßen

• an Gewinnen festhalten

• Einsätze niedrig halten

• Regeln nicht in Frage stellen und

• wissen, wann man die Regeln brechen muss.

Die letzten beiden Punkte scheinen sich zu widersprechen, weshalb Seykota weiter ausführt: „Meistens folge ich den Regeln. Wenn ich die Märkte weiter studiere, finde ich manchmal eine neue Regel, die eine vorherige Regel bricht und dann ersetzt. Ich glaube nicht, dass Trader Regeln sehr lange befolgen können, wenn sie nicht ihren eigenen Handelsstil widerspiegeln. Irgendwann ist eine Grenze erreicht und der Trader muss aufhören oder sich verändern oder neue Regeln finden, die er befolgen kann. Dies scheint ein Teil des Evolutions- und Wachstumsprozesses eines Traders zu sein.“

Selbst umsetzen oder umsetzen lassen?

Der systematische Anleger muss „nur“ die Kauf-und Verkaufssignale seines Handelssystems diszipliniert umsetzen. Aber das ist manchmal nicht so leicht, wie es auf dem ersten Blick erscheinen mag. Insbesondere dann, wenn man völlig anderer Meinung als das System ist und vielleicht die Wertentwicklung des systematisch gemanagten Portfolios schon einige Zeit in die falsche Richtung zeigt. Dann fällt es vielen schwer, dem System weiter zu vertrauen und die Regeln selbst konsequent umzusetzen.

Wer die Disziplin bei der Umsetzung nicht aufbringen kann, sollte das Handelssystem lieber von einem Fachmann umsetzen lassen. Dafür bieten sich eine digitale Vermögensverwaltung oder ein Quantfonds an. Das ist zwar etwas teurer, aber auch bequemer – und Sie müssen in den entscheidenden Marktphasen nicht selbst die notwendige Disziplin aufbringen.

Was funktioniert an der Börse wirklich?

James P. O’Shaughnessy sorgte mit seinem Buch „What Works on Wall Street: A Guide to the Best-Performing Investment Strategies of All Time“ im Jahr 1996 dafür, dass die Nutzung regelbasierter Anlagestrategien in den USA immer populärer wurde. Einige Jahre später griffen auch deutschsprachige Finanzmagazine das Thema auf und veröffentlichen seitdem in unregelmäßigen Abständen Tests von Börsenstrategien mit teils spektakulären Ergebnissen. Allerdings werden dabei immer wieder andere Strategien getestet. Auch Testzeitraum und -kriterien sind meist sehr unterschiedlich und nur schwer vergleichbar. Um eine wirklich fundierte Entscheidung für oder gegen eine Anlagestrategie zu treffen, sollte man wissen, welche Alternativen es gibt und was sie bei einer langfristigen Betrachtungsweise wirklich gebracht haben.

Faktorprämien

Da die untersuchten Faktoren in der Literatur leider sehr unterschiedlich definiert sind, werden die in der im Text erwähnten Studie untersuchten Faktorprämien nachfolgend kurz erläutert:

Trend steht für absolutes Momentum oder Time-Series-Momentum und kann auch mit Trendfolge beschrieben werden. Die Idee dahinter ist, dass sich ein Aufwärtstrend fortsetzt, also eine Aktie mit positiver Wertentwicklung in der Vergangenheit dazu neigt, sich auch in Zukunft positiv zu entwickeln.

Mit Momentum ist relatives Momentum, Cross-Sectional-Momentum oder relative Stärke gemeint. Bei diesem Ansatz werden Aktien erworben, die sich im Vergleich zu anderen Aktien besser entwickelt haben, da man davon ausgeht, dass sich die Outperformance noch einige Zeit fortsetzt.

Value beschreibt einen Ansatz, bei dem in Aktien investiert wird, die gemessen am Kurs/Gewinn-, Kurs/Buchwert-Verhältnis oder der Dividendenrendite günstig sind. Es wird davon ausgegangen, dass günstige Aktien langfristig eine höhere Rendite erzielen als teurere.

Bei Carry geht es um Anlagen, die eine hohe Rendite ohne Kursgewinne erzielen. Bei Aktien sind die Dividenden das Carry. Der Anleger geht davon aus, dass Anlagen mit einer hohen Rendite auch ohne Kursgewinne besser abschneiden als Anlagen mit niedrigeren Rendite.

Seasonality umschreibt saisonale Ansätze, bei denen der Kalender als Signalgeber fungiert. Die Idee ist, dass es Zeiträume gibt, in denen sich Aktien statistisch gesehen besser entwickeln als in anderen Zeiträumen. Prof. Jacobsen untersuchte beispielsweise mehrfach den Halloweeneffekt, demzufolge die Aktienrenditen in den Wintermonaten signifikant höher sind als in den Sommermonaten.

Bei Betting Against Beta (BAB) wird davon ausgegangen, dass Aktien, die weniger stark schwanken als der Gesamtmarkt, höhere Renditen erzielen als solche, die stärker als der Gesamtmarkt schwanken.

„Der systematische Anleger muss „nur“ die Kauf- und Verkaufssignale seines Handelssystems diszipliniert umsetzen.“

Faktoren und Faktormodelle

In der Kapitalmarktforschung ist die Erklärung und Prognose von Aktienrenditen eine zentrale Herausforderung. In der wissenschaftlichen Literatur spricht man von Faktoren, mit denen sich die Aktienrenditen beschreiben lassen. Mithilfe von Faktormodellen werden meist stochastische Prozesse, die die Aktienrenditen generieren, beschrieben. In der Literatur werden die Faktoren auch als Risikofaktoren oder Faktorprämien bezeichnet. Dr. Gerd Kommer und Alexander Weiss haben den Begriff sehr treffend beschrieben: „Faktorprämien sind statistisch identifizierbare Treiber von Rendite und Risiko in einer Assetklasse wie z. B. Aktien, Anleihen oder Immobilien. Sie erklären einen großen Teil der Risiko-Rendite-Kombination innerhalb der Assetklasse. Statistisch können Rendite und Risiko eines Wertpapierportfolios nur dann zu über 90 Prozent erklärt werden, wenn man das Factor Exposure in diesem Portfolio identifiziert und misst – also wie stark ein Portfolio diesen Faktorprämien ausgesetzt ist.“

Auch das altbekannte Capital Asset Price Model (CAPM), für das Harry M. Markowitz und William F. Sharpe 1990 den Nobelpreis erhielten, versteht sich als Ein-Faktor-Modell, bei dem die Aktienrenditen durch das systematische Marktrisiko erklärt werden. Empirische Untersuchungen haben allerdings gezeigt, dass das CAPM keine gute Erklärung der tatsächlichen Aktienrenditen ermöglicht. Deshalb versuchen Wissenschaftler die Aussagekraft zu verbessern, indem sie das Modell um weitere erklärende Variablen (Faktoren) erweitern.

Beim Drei-Faktor-Modell von Eugene F. Fama und Kenneth R. French, das sich zum Standard in der Kapitalmarktforschung entwickelt hat, sind neben dem Marktrisiko auch die Faktoren Value und Size enthalten. Allerdings konnte auch das Drei-Faktor-Modell die tatsächlichen Aktienrenditen nicht ausreichend gut erklären. Also entwickelte Mark M.Carhart das Vier-Faktor-Modell, in dem er den Faktor Trend hinzufügte. Mittlerweile gibt es auch Modelle mit fünf und mehr Faktoren.

20 Jahre Testzeitraum

Wer aussagekräftige Zahlen zu den Renditen bekommen möchte, muss bei kurzfristigen Backtests mit Zeiträumen unter 20 Jahren vorsichtig sein. Bei kurzen Testzeiträumen sind die Ergebnisse nur wenig aussagekräftig und enthalten oft nur eine bestimmte Marktsituation. Erstreckt sich der Testzeitraum dann zufällig nur auf eine lang anhaltende Aufwärtsphase an der Börse, so sind die Ergebnisse wenig hilfreich. Der Testzeitraum sollte lang genug sein, um auch Seitwärts-und Abwärtsphasen in ausreichendem Maße zu berücksichtigen. Deshalb werden beim Dauertest von Börsenstrategien auch alle Anlagestrategien zurück bis ins Jahr 2000 getestet. In den letzten mehr als 20 Jahren sind viele unterschiedliche Marktphasen zu finden, sodass die Rendite-und Risikokennzahlen eine Einschätzung der jeweiligen Anlagestrategien ermöglichen.

200 Jahre Testzeitraum

Über einen außergewöhnlich langen Testzeitraum haben Prof. Dr. Guido Baltussen, Dr. Laurens Swinkels und Dr. Pim van Vliet die Renditen verschiedener Faktorprämien mit Daten der letzten 200 Jahre untersucht und unter dem Titel „Global Factor Premiums“ veröffentlicht. Dabei zeigte sich, dass sich die Faktorprämien selbst über einen so langen Zeitraum und bei verschiedenen Märkten und Anlageklassen als beständig erwiesen.

Fazit

Als Programmierer werde ich gelegentlich – auch von diskretionären Anlegern – gefragt: Können Sie meinen Handelsansatz programmieren? Dann lautet meine Antwort immer: Ja, programmieren kann ich alles, aber Sie können mir Ihre Vorgehensweise wahrscheinlich nicht eindeutig genug beschreiben.

Als Quant-Developer entwickle ich aus wissenschaftlich fundierten Faktorprämien anwendbare Anlagestrategien, teste sie unter realistischen Bedingungen und kombiniere sie zu einer Multistrategie. Dann können auch Privatanleger ihr Geld auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse systematisch an der Börse investieren, ohne die eigene Disziplin oder Regelfestigkeit auf die Probe stellen zu müssen.