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SO GEHT UNABHÄNGIGKEIT


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arrive - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 01.04.2022

TINY HOUSE

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Küche, Bad, Bett und Wohnzimmer auf 25 Quadratmetern? Das mag für viele beengend klingen, doch die durchdachte Innenarchitektur lässt den Wohnwagon geräumiger wirken als erwartet. Über eine vierstufige Holztreppe gelangt man zur verglasten Eingangstür und dann direkt in den Wohnbereich. Vor uns steht ein Esstisch mit zwei Stühlen, rechts ist ein großes Bett, und links sind Küche und Bad. Die zentrale Wärmequelle ist ein Holzofen, dessen Edelstahlrohr schon von außen deutlich zu sehen ist. Auf den ersten Blick kommt hier Hüttenfeeling auf, mit zwei Ausnahmen: Erstens, die Hütte steht auf vier Rädern, und zweitens, direkt neben der Tür ist ein farbiges Display mit Knöpfen.

Gerade springt die Anzeige auf 73 Prozent. Damit ist der Ladezustand des Akkus gemeint, der momentan über die Solarpaneele auf dem Dach des Wohnwagons geladen wird. An sonnigen Tagen kann sich der 6,7-kWh-Akku im ...

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... Unterboden komplett regenerieren. Zur Einordnung: Bei einem elektrischen Leichtfahrzeug wie dem Renault Twizy ist ein ähnlich großer Akku verbaut. Wer ein bisschen auf den eigenen Stromverbrauch achtet, kommt mit der erzeugten Energie über die Nacht und kann energieautark im Wohnwagon leben. Nach mehreren Tagen ohne richtigen Sonnenschein könnte das trotz Sparsamkeit schwierig werden. Aus diesem Grund ist unser Wohnwagon Frida zusätzlich ans Stromnetz angeschlossen. Wie viel Strom gerade vom Dach oder aus dem Netz bezogen wird und wie viel wir gerade verbrauchen, wird in Echtzeit auf dem Display neben der Tür angezeigt. Jedes elektrische Gerät macht sich sofort bemerkbar.

ENERGIE BEWUSST EINSETZEN

Fünf Watt fürs Smartphone, 80 Watt für den Kühlschrank und 2500 Watt für den Wasserkocher. So bewusst waren uns diese Stromverbräuche noch nie. Haare fönen, Tee kochen und Brot toasten sollte man nicht gleichzeitig machen, sonst fliegt die Sicherung. Auch ein angeschlossenes Elektroauto bringt das System schnell an seine Grenzen, deshalb hängen wir unser E-Fahrzeug lieber bei nächster Gelegenheit an eine öffentliche Ladestation ein paar Ortschaften entfernt. Der nächstgelegene Ort heißt Gutenstein. Hier fertigt das Un ternehmen aus Niederösterreich seine mobilen Behausungen. Gründerin und Geschäftsführerin Theresa Mai hat uns erzählt, wie es dazu gekommen ist.

„ Wir denken, es macht einen Unterschied, wenn Menschen eine Basis haben, die sie frei macht. Ein Zuhause, das hohen Komfort bietet, aber dank der Autarkie kaum Fixkosten verursacht.“

Theresa Mai

„Im Grunde entstand die Idee zum Wohnwagon aus dem geteilten Wunsch, konkrete Lösungen zu zeigen, wie ein zukunftsfähiges Leben ausschauen könnte. Wir könnten es so schön haben! Wir wollten zeigen, dass ein Wohnen im Kreislauf mit der Natur möglich ist und dass man dafür beim Lebensstandard keine Abstriche machen muss, im Gegenteil! Durch die Reduktion auf das Wesentliche und die enge Beziehung zur Natur entsteht ein Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung. Wir wollten greifbar und spürbar machen, dass es sich lohnt, gemeinsam Neues zu erkunden. Mittlerweile ist aus dieser Idee ein Unternehmen mit 32 Mitarbeitenden geworden, das nicht nur nachhaltige Häuser baut, sondern auch in vielen anderen Bereichen Impulse setzt. Zum Beispiel mit unserem umfangreichen Angebot zum Probewohnen oder unseren Events und Workshops.“

KREISLAUFWIRTSCHAFT UND AUTARKIE

Teil der Wohnwagon-Philosophie ist die Kreislaufwirtschaft. Optional kann man nämlich nicht nur energieautark in den Tiny Houses leben, sondern auf Wunsch auch wasserautark. Mit einer natürlichen Kläranlage auf oder neben dem Wohnwagon wird dann das Regenwasser aufbereitet. Duschen und Geschirrspülen ist damit problemlos möglich, nur für das Trinkwasser muss ein zusätzlicher Filter eingebaut werden. Das meiste Wasser in unseren Wohnungen und Häusern brauchen wir aber woanders.

Im Durchschnitt verbrauchen wir in Deutschland 34 Liter Trinkwasser am Tag nur für die Toilettenspülung. Dabei entstehen Unmengen an Abwasser, das aufwendig aufbereitet werden muss. Die Toilette im Wohnwagon kommt ohne Wasserspülung aus, denn es ist eine sogenannte Trenntoilette. Statt Abwasser entsteht hier Dünger für den Garten. Trenntoilette heißt es deshalb, weil Flüssiges und Festes voneinander getrennt werden. Wie waren skeptisch, wie praktikabel und angenehm das sein kann und wurden positiv überrascht. Die Trenntoilette war komplett geruchsneutral, und statt Wasser haben wir eben eine Mischung aus Sägespänen, Erde und Kaffeesatz hinterhergekippt.

NACHHALTIG UND PREISWERT

Neben den ausgeklügelten Systemen, mit denen sich der Wohnwagon selbst mit Strom, Wasser und Wärme versorgt, zeichnet sich das Tiny House für Theresa Mai noch durch etwas anderes aus. „Wenn man reingeht, spürt und riecht man es sofort: Der Wohnwagon besteht aus natürlichen Materialien. Massivholz, Schafwolle und Lehmputz sorgen für ein unschlagbares Raumklima in dem kleinen, flexiblen Zuhause. Wir bauen jeden Wohnwagon als individuelle Einzelanfertigung für unsere Kunden hier in unserer Manufaktur im niederösterreichischen Gutenstein.“

Manufaktur klingt nach Qualität, aber vor allem nach hohen Preisen. Im Vergleich zu einem Haus ist ein Wohnwagon aber ein echtes Schnäppchen. Voll ausgestattet und voll autark gibt es das Tiny House bereits für unter 95 000 Euro. Für diesen Preis bekommt man heute nicht mal mehr eine Eigentumswohnung mit einem Zimmer. Sogar ein elektrischer Camper-Van kann voll ausgestattet mehr kosten. Leider kann man einen Wohnwagon nicht an jedem beliebigen Ort aufstellen, auch wenn einem das Grundstück gehört.

„Ein Wohnwagon sollte auf einem Baugrundstück stehen, denn obwohl er Räder hat, wird er baurechtlich als Gebäude gewertet und ganz normal bei der Behörde eingereicht. Ansonsten ist das Allerwichtigste, dass man sich dort wohlfühlt! In unserem Webinar ‚Grundstückssuche‘ geben wir die Erfahrungen aus den letzten Jahren weiter und versorgen Interessierte mit Tipps und Tricks“, erzählt Theresa Mai. Baurechtlich erfüllt der Wohnwagon bereits alle Vorschriften, und das spürt man auch. Während unseres dreitägigen Probewohnens hatten wir zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, in einer provisorischen Behausung zu leben.

„ Ein E-Auto mit bidirektionaler Lademöglichkeit wäre die perfekte Ergänzung zum Wohnwagon: Im Sommer tankt man es mit den Überschüssen der Fotovoltaik-Anlage, im Winter dient der Akku als Back-up.“

Theresa Mai

Gerade wenn man sich gegenüber steigenden Energiepreisen und jobbedingten Ortswechseln machtlos fühlt, könnte eine autarke und mobile Behausung ein Stück Selbstbestimmung zurückbringen. Und genau darum geht es Theresa Mai: „Wir denken, es macht einen Unterschied, wenn Menschen eine Basis haben, die sie frei macht. Ein Zuhause, das hohen Komfort bietet, aber dank der Autarkie kaum Fixkosten verursacht. Um das zu gewährleisten, ist automatisch wieder eine engere Beziehung zur Natur notwendig, man stellt sich anders auf das Wetter ein, freut sich über jeden Regentropfen – das erdet! Man wird weniger manipulierbar und kann seine Entscheidungen aus einer starken Mitte treffen. Soweit zum Philosophischen. Ganz praktisch ist es aber auch so, dass immer mehr Menschen in flexiblen Situationen leben und keine Sicherheit besteht, was Job und Familie über die nächsten zehn Jahre betrifft. Ein flexibles Zuhause bietet die Möglichkeit, dennoch Wohneigentum zu schaffen und von der Miete unabhängig zu werden, ohne sich fix an einen Ort binden zu müssen.“

DAS ARRIVE-FAZIT

Morgens zwitschern die Vögel, und abends knistert das Feuer. Drei Tage energieautark zu leben war dank moderner Technik ohne Probleme möglich. An die Trenntoilette könnten wir uns gewöhnen, genauso wie an den begrenzten Platz. Insgesamt war das Probewohnen im Tiny House überraschend komfortabel und eine empfehlenswerte Erfahrung. Der Überblick über den eigenen Strombedarf war augenöffnend, und die potenzielle Unabhängigkeit vom Stromnetz hat sich befreiend angefühlt.