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So gut schmeckt Klimaschutz


Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 30.01.2020

Nachhaltigkeit liegt im Trend – vor allem bei jungen Familien. Und es ist gar nicht so schwer, beim Einkaufen und Kochen die Welt ein Stück besser zu machen


Artikelbild für den Artikel "So gut schmeckt Klimaschutz" aus der Ausgabe 3/2020 von Leben & erziehen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Leben & erziehen, Ausgabe 3/2020

In der Küche von Nadine Schubert ist alles ein bisschen anders. Wo sonst Tupperdosen und -deckel ganze Schubladen füllen, stehen hier Weck- und Schraubgläser. Die stammen noch von Oma und beherbergen jetzt Müsli, Mehl und Nudeln. Im Kühlschrank ein ähnliches Bild: Gläser, Edelstahldosen, Milchfl aschen. Und Tupper? „Wir haben eine Dose mit Seife, das ist praktisch zum Mitnehmen beim Sport oder auf Reisen“, sagt die 38-jährige Zweifach- Mama. Seit ...

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... 2013 versucht die Journa- listin, auf Plastik zu verzichten. Da war sie mit ihrer Tochter schwanger und sah einen Bericht über Plastikmüll im Fernsehen gesehen. Über die Unmengen von Plastik im Meer, das Tiere tötet. Über gesundheitsschädliche Weichmacher in Wasserfl aschen. Und über Mikroplastik in Zahnpasta, Cremes und Duschgel.

„Jetzt ist Schluss, wir verwenden kein Plastik mehr“, ist die erste Reaktion. Und sie bleibt dran. Nachdem das Baby da ist und sich der Alltag eingespielt hat, beginnt Nadine, den Haushalt umzustellen: kauft Milch, Joghurt und Getränke in Glasfl aschen, Obst und Gemüse nur noch unverpackt. Sie marschiert mit ihren Metalldosen zum Metzger und lässt sich die Wurstscheiben direkt hineinlegen. Bei einigen Lebensmitteln stößt sie an ihre Grenzen: „Kaffee war echt ein Problem, den musste ich anfangs verpackt kaufen.“

Nicht nur Nadine, auch ihr Mann und der damals achtjährige Sohn müssen sich umstellen. Chips gibt’s nur noch selbst gemacht und Cornfl akes nicht mehr jeden Tag, stattdessen selbst geröstetes Knuspermüsli zum Frühstück. Nadine, die zu dieser Zeit noch als Online-Redakteurin arbeitet, ist fi ndig, überlegt sich für alles Alternativen. „Wenn die anderen Mütter auf dem Spielplatz Reiskekse aus Tupperdosen verteilten, hatte ich selbst gebackenen Zwieback dabei.“

Plastikfrei einkaufen

• Einkaufstasche mitnehmen

• Obst und Gemüse nicht abgepackt kaufen

• Mehrweg aus Glas (z. B. für Joghurt oder Milch) bevorzugen

• Wasser aus der Leitung trinken

• Käse und Wurst in mitgebrachte Dosen füllen lassen

• Unverpackt-Läden (oder Naturkost-Läden wie die Bio Company) bieten Nudeln, Müsli, Hülsenfrüchte lose an

• Einige Online-Shops, die in Papier verpacken: alb-gold.de, dinkelnudeln-moser.de, mein-muesli-laden.de

Mehr als 18 Millionen Tonnen Verpackungsmüll produzieren wir Deutschen im Jahr. Das entspricht 220 Kilogramm pro Kopf. Viele sind genervt von den Plastikverpackungen, aber wie darauf verzichten? „Einkaufszettel schreiben, da hinfahren, wo man sonst auch immer einkauft, und schauen, was man ohne Plastik kriegt“, rät Nadine Schubert. Dann kann man überlegen, wo man den Rest herbekommt. „Man braucht nur ein bisschen Organisationswillen“, sagt die Journalistin. Sie hat sich selbstständig gemacht, hält Vorträge, schreibt Bücher, betreibt einen Blog (besser-leben-ohne-plastik.de). Da bleibt nicht viel Zeit für den Haushalt. Daher plant sie gut, kauft viel auf Vorrat, zum Beispiel im Unverpackt- Laden 5-Kilo-Säcke mit Nudeln oder Müsli.

Familie Schubert hat den Plastikverzicht auf das ganze Leben ausgedehnt. Putzmittel wird selber gemacht, die Zahnbürsten sind aus Bambus, und das Klopapier kommt als Großlieferung im Papierkarton. Konsequent ist Nadine Schubert, aber nicht dogmatisch. „Unserer 90-jährigen Uroma kann ich nicht erklären, warum sie den Kindern keine ‚Werthers Echte‘ mitbringen soll.“ Und deshalb hat sie die Tupperdosen aus ihrem alten Leben auch nicht weggeworfen. Höchstens ein paar verschenkt. Was gute Qualität hat, einmal produziert und gekauft wurde, sollte weiterverwendet werden, ist ihre Devise. Schließlich kann man es wunderbar umfunktionieren, so wie die Tupperdose als Seifenbox.

Einkaufszettel nicht vergessen

Von Spontankäufen im Supermarkt hält Martina Glauche vom Ökomarkt Hamburg e. V. gar nichts. „Sonderangebote wie ‚Kaufe drei für den Preis von zwei‘ sind Blödsinn“, sagt die Ernährungswissenschaftlerin. Vielmehr rät sie Familien, einen Wochenplan aufzustellen: Was wollen wir essen? Kommt jemand zu Besuch? Was brauchen die Kinder für die Kita? Dazu überprüfen, was an Vorräten da ist, und dann mit einer Einkaufsliste losgehen. Das schont nicht nur die Familienkasse, sondern hat noch einen unschlagbaren Vorteil: Weil nur das gekauft wird, was wirklich gebraucht wird, landet weniger im Müll.

„Lebensmittel wegzuwerfen ist eine unheimliche Ressourcenverschwendung“, sagt Martina Glauche. Ein Beispiel: Bis ein Bund Möhren im Einkaufsnetz landet, sind viele Produktionsschritte notwendig. Der Bauer verwendet Saatgut, er düngt, wässert, erntet. Dann fährt er die Möhren zum Großhändler. Von da werden sie in den Supermarkt gebracht. Jeder dieser Schritte verbraucht Energie und verursacht CO2. Gar nicht gut fürs Klima, wenn die Möhren im Kühlschrank vergammeln, weil die günstige Großpackung doch nicht gegessen wird.

Bio ist besser

Viele Familien achten bereits darauf: Obst aus der Region statt Litschis aus Thailand. Es hat sich herumgesprochen, dass die Klimabilanz eines Lebensmittels besser ausfällt, je kürzer seine Transportwege sind. Wer dazu noch weniger Fleisch isst und bio kauft, ist auf einem guten Weg: „Weil Öko-Bauern auf Kunstdünger und synthetische Pfl anzenschutzmittel verzichten, landen weniger Treibhausgase in der Luft“, erklärt Martina Glauche. Außerdem wird der Boden nicht so ausgelaugt, im Gegenteil, es bildet sich sogar eine Humus-Schicht, die das klimaschädliche CO2 binden kann. Klar ist ein Familien-Großeinkauf im Bioladen teurer. Aber: Wer kauft, was gerade Saison hat, und frisch kocht, lebt sogar günstiger als der, der viele Fertigprodukte kauft.

Ab in den Kühlschrank

Noch ein Tipp gegen die Lebensmittelverschwendung: Werden die gekauften Lebensmittel richtig aufbewahrt, bleiben sie frisch und schmecken lange gut (siehe Kasten). Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist übrigens kein Wegwerfdatum! Ist es überschritten, rät Martina Glauche: „Vorsichtig probieren – riecht und schmeckt es normal, kann das Lebensmittel ohne Weiteres gegessen werden.“

So hält’s länger im Kühlschrank

• Gemüse lose oder in ein feuchtes Tuch gewickelt im Gemüsefach aufbewahren

• Fleisch, Wurst oder angebrochene Packungen im Fach darüber aufbewahren, dort ist es am kühlsten

• Käse und Wurst abdecken, ebenso angebrochene Packungen

• Neugekauftes nach hinten sortieren, damit zuerst die älteren Lebensmittel gegessen werden

Familien müssen keine Öko-Idealisten sein, um etwas für den Klimaschutz zu tun. Und sie brauchen nicht von null auf hundert zu starten, sondern können mit kleinen Schritten anfangen: etwas weniger Fleisch essen, keine Plastikfl aschen kaufen und mit Einkaufszettel shoppen gehen. Das bekommt eigentlich jeder hin. Und wenn es den Kindern auch noch gut verkauft wird (nach dem Motto: „Mal schauen, wer am meisten Plastik spart“), wird daraus ein tolles Familienprojekt.

Zum Schluss noch ein Tipp: Auch bei der besten Planung bleiben hin und wieder Nudeln, Kartoffeln oder Wurst übrig. Die App „Beste Reste“ hat dafür tolle Rezeptvorschläge!

ANGELA MURR

UNSERE EXPERTIN

Martina Glauche

ist Diplom-Ökotrophologin beim Hamburger Ökomarkt e. V. Der Verein berät Verbraucher, wie sie sich mit Bio-Produkten gesund und umweltverträglich ernähren können, und organisiert Exkursionen für Kita-Gruppen zu Bio-Bauernhöfen. oekomarkt-hamburg.de


FOTOS/ILLUSTRATIONEN: GETTY IMAGES