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So klappt die Work-Love-Balance


myself - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 10.07.2019

Es ist das Dilemma moderner Paare: Zwischen beruflichen Ambitionen und nervigem Alltagskram gehen Lust und Liebe schon mal flöten


Artikelbild für den Artikel "So klappt die Work-Love-Balance" aus der Ausgabe 8/2019 von myself. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Fotos: Alexander Scholle

Keine Frage, Beatrice Wagner hat aktuell viel zu tun. Trifft die Paar- und Sexualtherapeutin mit zwei Praxen in München und Icking doch nahezu täglich auf gestresste Männer und Frauen, die zwar in ganz verschiedenen Branchen arbeiten, doch mit dem gleichen Problem kämpfen: Irgendwo zwischen Karriere und Alltag haben sie die Lust auf Intimität verloren. Da ist das junge Paar, das vor lauter Arbeit seit Jahren keinen Sex mehr hat. Und die Eltern, die sich ...

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... seit der Geburt der Kinder keine Zeit mehr für die Beziehung genommen haben. Aber auch die „Absolute Beginners“, wie Beatrice Wagner sie nennt: Männer und Frauen über 30 Jahre, die noch nie eine Beziehung hatten, weil Nähe nicht in ihr leistungsorientiertes Leben passt.

Tatsächlich haben die Menschen trotz mehr Möglichkeiten immer weniger Sex. David Spiegelhalter, Professor und Statistiker an der Universität von Cambridge, glaubt sogar, dass wir bis zum Jahr 2030 weitgehend auf Geschlechtsverkehr verzichten würden. Seine Erklärung? Netflix. Statt sich lustvoll in den Laken zu wühlen, schauen sich Pärchen heute lieber gemütlich eine Serie an. Eine steile These – und doch geben die Zahlen ihm recht. Der Hamburger Urologe Frank Sommer befragte für eine Studie rund 10 000 Probanden nach ihrem Liebesleben. Dabei fand er heraus, dass Männer in den 80er-Jahren noch sechs- bis zehnmal pro Monat Geschlechtsverkehr hatten. Heute sind es nur noch zwei- bis dreimal. Laut einer aktuellen Umfrage der japanischen Nichtregierungsorganisation Japan Family Planning Association spiele Sex für fast die Hälfte aller Ehepaare keine Rolle mehr. Ein Grund dafür lautet: Häufig sind die Menschen einfach zu erschöpft dafür.

DIE KARRIEREFRAU

Sarah Stemmler, 29, arbeitet als Datenspezialistin bei der Softwarefirma One Logic und lebt seit vier Jahren mit ihrem Freund zusammen, der ebenfalls in der IT-Branche tätig ist.

Wie steht es um Ihre Work-Love-Balance?
Ich glaube, wir haben das gut im Griff. Das mag natürlich auch daran liegen, dass wir weder Kinder noch Haustiere haben. Unsere freie Zeit gehört uns allein, unseren Hobbys und unseren Freunden. Aber wir führen unsere Beziehung auch sehr bewusst und sprechen darüber, was wir im Leben wollen. Besonders schön ist, dass wir in derselben Branche arbeiten und uns über den Job auf Augenhöhe unterhalten können.
Wer kümmert sich um den Haushalt?
Jeder macht, was ihm auffällt. Oder einer von uns sagt: Schau dich mal um, wir müssen dringend aufräumen.
Und dann?
Machen wir es gemeinsam. Wir wohnen bewusst auf kleinem Raum mit wenigen Möbeln – je weniger man hat, desto weniger muss man aufräumen. Sachen wie Briefe sortieren und andere Alltagsdinge versuchen wir nach Feierabend zu erledigen, damit wir die Wochenenden freihaben. Im Zweifel lassen wir lieber was liegen, als auf eine schöne Unternehmung zu verzichten.
Wie schützen Sie Ihre Beziehung in stressigen Zeiten?
Indem wir die Zeit, die bleibt, umso bewusster nutzen. Zusammen wandern, Freunde treffen, gut essen gehen. Und wir haben ein gemeinsames Hobby: kleine Filme von unseren Reisen machen. Dafür haben wir mehrere Kameras und eine Drohne.
Wie koordinieren Sie alles?
Wir haben einen gemeinsamen Kalender. So wissen wir immer, wer wann welche Termine hat, und müssen das gar nicht mehr groß ankündigen oder besprechen.
Bestes Mittel gegen Streit?
Okay, jetzt wird es nerdig. Wir sind beide zu harmoniebedürftig, um uns heftig zu streiten, aber wenn wir mal nicht auf einer Wellenlänge sind, benutzen wir IT-Vokabular. Und sagen zum Beispiel, dass wir uns dringend „synchronisieren“ müssen.


„Wir müssen uns dringend synchronisieren“


Wundert das jemand? Die Arbeitsverdichtung in den Industrieländern steigt seit Jahren, dazu kommen noch all die kleinen und großen Verpflichtungen. Ein Wochenende mit Freunden, das Fußballtraining der Kinder, der zugemüllte Keller. Früher, als die Frau oft zu Hause blieb, war all das noch leichter zu organisieren. Doch heute werkeln in der Regel beide Partner fleißig an der Karriere – mit weitreichenden Folgen für Freizeit und Beziehung.
Das bestätigt auch die Sexualtherapeutin. Wer Beatrice Wagners Hilfe sucht, verdient meistens gut. Gerade karrierebewusste Menschen haben es demnach schwer, eine gute Beziehung und ein gutes Liebesleben zu führen, meint die Therapeutin. Dahinter steckt eine einfache Rechnung: Wer seine Stunden vor allem in Überstunden und Meetings investiert, hat auf seinem Zeitkonto nicht mehr viel für die Beziehungspflege übrig.

Doch es geht auch anders. Es gibt durchaus Menschen, die den Spagat zwischen Liebe, Job und Kindern meistern (siehe Interviews!) – nur landen die eben seltener auf Beatrice Wagners Couch. Wie ihnen das gelingt? Zum Beispiel, indem sie sich früh die richtige Frage stellen: Was brauche ich wirklich? Im Leben, in der Liebe, im Job? Üblicherweise ist das kein schnelleres Auto oder eine größere Wohnung, sondern Zeit für emotionale Eindrücke, wie die Expertin betont. Und einen Beruf, der einen fordert, aber nicht überfordert. Beatrice Wagner weiß, dass es gar nicht so leicht ist, sich die eigenen Wünsche einzu-gestehen. Sie empfiehlt den Leuten daher, ihr Leben aus der Sicht des Sterbenden zu beurteilen: „Soll auf Ihrem Grabstein wirklich stehen, dass Sie immer fleißig waren, viel gearbeitet haben und ein Megahaus am See besaßen? Oder soll da stehen, dass Sie lieben konnten, viel Zeit in der Natur verbracht haben und echte Freundschaften pflegten?

Natürlich soll das nicht bedeuten, dass nicht auch die Karriere einen Menschen erfüllen kann. Wer einen Job hat, in dem er etwas bewegen kann, darf sich das gerne auch später auf den Grabstein schreiben. Doch wie so oft im Leben kommt es auf die richtige Balance an, aber eine ausgewogene Mischung zwischen Leben und Arbeit fällt bei einer 60-Stunden-Woche eben schwer. Man müsse sich Zeit für seine Gefühle nehmen, sagt Beatrice Wagner. Zeit zum Durchatmen und Ankommen. Aber auch Zeit für Zweisamkeit. Manchmal reiche es schon, nackt beieinanderzuliegen und sich zu küssen. „Der Akt der reinen Penetration ist völlig überschätzt. Worum es geht, ist Liebeskommunikation“, so die Therapeutin.

Funktioniert die, hat das übrigens auch positive Auswirkungen auf die Karriere. Zu diesem Ergebnis kommen US-Wissenschaftler aus Oregon und Washington. Sie ließen verheiratete, angestellte Paare zwei Wochen lang Tagebuch führen. Und stellten dabei fest, dass diejenigen, die am Abend zuvor miteinander geschlafen hatten, im Job engagierter und motivierter waren.

DAS PATCHWORK-PAAR

Juliane Broß, 36, gründete vor acht Jahren die Agentur Stilgeflüster. Vor vier Jahren kam ihre Tochter zur Welt, vor zwei Jahren trennte sie sich vom Kindsvater. Seit neun Monaten ist sie mit Philipp, 32, Angestellter in einem Automobilkonzern, zusammen. Vor Kurzem ist er bei ihr eingezogen.

Juliane sagt:

Glücklicherweise fühlt sich Philipp für den Haushalt genauso verantwortlich wie ich und erledigt alles Notwendige, ohne dass ich ihn darum bitten muss. Mein Ex-Freund hatte da ein eher klassisches Rollenverständnis. Philipp hingegen ist mit einer alleinerziehenden Mutter groß geworden, für ihn ist das Anpacken selbstverständlich. Es ist eher so, dass ich ihn manchmal stoppen muss. Früher habe ich den Job über meine Beziehung gestellt. Das ist heute andersherum. Es ist wichtig, sich Zeit füreinander zu nehmen. Das Handy auszuschalten. Den anderen zu fragen, wie es ihm geht, was er braucht. Gemeinsam Neues ausprobieren, auch im Bett. Denn nichts macht stärker im Job als eine gute Beziehung.

Philipp sagt:

Ich bin mir ehrlich gesagt gar nicht so sicher, ob Juliane überhaupt weiß, wo sich die Mülltonnen in unserem Haus befinden. Nein, nur Spaß …! Der Haushalt läuft bei uns nebenher, ohne großen Planungsaufwand. Ich koche außerdem gern aufwendig, allerdings eher am Wochenende. Für den Haushalt haben wir eine Reinigungskraft, die uns einmal in der Woche unterstützt. Ich glaube, unser Beziehungsgeheimnis ist, dass wir uns gegenseitig immer wertschätzen und darauf achten, schöne Sachen miteinander zu unternehmen. Am Wochenende fahren wir oft ans Meer, besuchen Freunde oder genießen gemeinsam die schönen Seiten Hamburgs.

DAS GRÜNDER-DUO

Die Deutsche Caroline Nichols, 34, und der Brite Tim Nichols, 37, sind nicht nur beruflich, sondern auch privat ein Team – gemeinsam gründeten sie ihr Porridge-Start-up 3Bears.

Caroline sagt:

Am gemeinsamen Arbeitsalltag schätze ich vor allem, dass wir unseren Traum leben und zusammen daran wachsen. Man lernt sich dabei jeden Tag besser kennen und entdeckt immer wieder neue Qualitäten an dem anderen. Es ist allerdings eine Herausforderung, nicht ausschließlich über die Arbeit zu sprechen. Mittlerweile klappt das sehr gut, da wir beide viel Wert auf unser Privatleben legen und uns genug Zeit nehmen für Outdoor-Aktivitäten, Sport und unsere Freundeskreise. Zudem nehmen wir uns regelmäßig vor, an bestimmten Abenden oder bei Ausflügen nicht über die Arbeit zu sprechen. Im Urlaub versuchen wir regelmäßig, gar nicht über Berufliches zu reden und Digital Detox zu machen – unser Team kommt auch mal ohne uns aus.

Tim sagt:

Mit jemandem zu arbeiten, den man so wahnsinnig gut kennt und dem man voll und ganz vertrauen kann, ist definitiv eine Bereicherung. Doch natürlich geht auch ein Stück Unabhängigkeit verloren, wenn man mit dem Partner zusammenarbeitet. Darum ist es uns wichtig, nicht alles zu zweit zu machen, eigene Freunde zu haben und Hobbys auch mal allein zu pflegen. Kurz: regelmäßig sein eigenes Ding zu machen. Eine Zeit lang haben wir uns zusätzlich noch „No Porridge“-Sonntage verordnet, an denen keiner das Wort „Porridge“ sagen durfte. Wer es doch getan hat, musste einen Euro in eine Spardose stecken. Irgendwann haben wir das aber wieder aufgegeben, weil es irgendwie idiotisch ist, sich künstlich Gespräche zu verbieten, wenn sie gerade passen.


FOTOS: SIMONA KEHL (1)

FOTOS: ALEXEY TESTOV (1)