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SO KOMMEN WIR AUS DEM SEELENTIEF


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petra - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 06.10.2022

Tabuthema Depression

Artikelbild für den Artikel "SO KOMMEN WIR AUS DEM SEELENTIEF" aus der Ausgabe 11/2022 von petra. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: petra, Ausgabe 11/2022

Die Krankheit zeigte sich ausgerechnet am Tag ihrer Hochzeit. Dem Tag, der der schönste ihres Lebens werden sollte. Alina, 40, erlebte ihn wie in Trance: „Ich war völlig versteinert. Statt Glück und Freude empfand ich nur entsetzliche Leere und Kälte, stand teilnahmslos vor dem Altar. Und trotz all der Liebe, die mich an diesem Tag umgab, fühlte ich mich total einsam.“ Der Grund für diese ungewöhnliche Reaktion waren nicht etwa Zweifel an ihrem Entschluss zu heiraten. Sondern eine Krankheit, an der sie seit rund 15 Jahren leidet und die ausgerechnet an diesem Tag wieder ausbrach – Depression. Der hartnäckige Schatten auf der Seele ist dann mehr als eine vorübergehende Traurigkeit oder gedrückte Stimmung.

Einfachste Alltagsdinge fallen unendlich schwer

Was Depression von Niedergeschlagenheit unterscheidet, erklärt Professor Ulrich Hegerl von der Goethe Universität Frankfurt: „Es ...

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... ist die totale Unfähigkeit, überhaupt Freude zu empfinden über irgendetwas. Alles ist eine Belastung, selbst Dinge, die sonst Spaß machen, etwa Freunde zu sehen oder die Gartenarbeit.“ Diagnostiziert wird eine Depression, wenn mindestens zwei Hauptund zwei Nebensymptome über zwei Wochen bestehen. Hauptsymptome sind gedrückte Stimmung, Antriebslosigkeit und Interessenverlust, Nebensymptome unter anderem Appetitlosigkeit und Konzentrationsprobleme. „Depressive Menschen fühlen sich wie abgestorben, wie innerlich versteinert. Wir sprechen auch vom Gefühl der Gefühllosigkeit. Sie leiden unter hartnäckigen Schlafstörungen, haben häufig unbegründete Schuldgefühle und eine tiefe Hoffnungslosigkeit“,

„Der Organismus ist im ständigen Alarmzustand“

führt der Psychiater aus. „Die Betroffenen werden von einer Grübelneigung gequält. Die durch die Depression dunkel gefärbten Gedanken kreisen um eigenes Versagen, die scheinbar ausweglose Situation und die unbewältigbar erscheinende Zukunft. Und sie führen oft zu Selbstmordgedanken.“ Der Organismus ist in einem krankhaften Dauer-Alarmzustand, weshalb sich die Betroffenen permanent wie vor einer Prüfung fühlen. Die Stresshormone sind erhöht, der Herzschlag beschleunigt. Sich aufraffen, einfachste Alltagsdinge wie einen Einkauf im Supermarkt verrichten fällt unendlich schwer.

Unterschiedliche Ausprägungen

Depression hat verschiedene Gesichter. Man unterscheidet drei Typen: Am häufigsten ist der Männer in Deutschlandgeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Schuldgefühle und Schlaf-störungen. Bei der manisch-depressiven Erkrankung (bipolare affektive Störung) erleiden die Erkrankten zusätzlich manische Phasen mit Selbstüberschätzung und übersteigertem Antrieb. Eine chronische Depression – Variante drei – liegt vor, wenn die Symptome weniger stark ausgeprägt sind, jedoch mindestens zwei Jahre andauern. Aber was genau löst die Krankheit eigentlich aus? „Entscheidend für das Auftreten einer Depression ist eine entsprechende Veranlagung. Diese kann vererbt oder etwa durch Traumatisierungen in frühen Lebensabschnitten erworben sein. Liegt eine Veranlagung vor, können verschiedene Lebensereignisse eine depressive Phase auslösen.

11,3%

der Frauen und 5,1 Prozent die unipolare Variante. Ihre typischen Symptome sind Nieder- leiden an Depressionen.

Quelle: Stiftung Deutsche Depressionshilfe

16-20%

aller Menschen haben einmal im Laufe ihres Lebens eine depressive Episode.

Quelle: Deutsche Depressionsliga e.V.

Verlusterlebnisse etwa oder auch Überforderungssituationen am Arbeitsplatz, und dies meist mehrfach im Leben“, weiß der Experte. Oft sind auch Familienangehörige erkrankt. Menschen ohne diese Veranlagung erkranken jedoch trotz schwerster Bitternisse nicht an einer Depression.

Körperliche Ursachen ausschließen

Depressionen können sich hinter körperlichen Beschwerden wie Ohrgeräuschen, Kopf-, Rückenoder Bauchschmerzen verstecken. Es gibt aber auch körperliche Erkrankungen wie etwa eine Unter- oder Überfunktion der Schilddrüse oder entzündliche Erkrankungen, die zu Krankheitszeichen führen, die mit einer Depression verwechselt werden können. Der erste Schritt für Betroffene besteht darin, sich einzugestehen, dass etwas nicht stimmt. Und offen darüber zu reden. Erster Ansprechpartner bei Verdacht auf eine Depression ist der Hausarzt, Psychiater oder psychologische Psychotherapeut. Der Hausarzt oder Facharzt kann körperliche Ursachen zum Beispiel durch eine Laboruntersuchung ausschließen und beurteilen, ob eine vorübergehende Traurigkeit oder Überforderung vorliegt oder eine Depression. Davon hängt es ab, ob Gesundheitsanwendungen oder eine Lifestyle-Änderung helfen – oder ob eine Behandlung der Depression notwendig ist. „Wir wissen, dass bei der Depression zahlreiche Hirnfunktionen verändert sind, auch wenn wir den genauen Krankheitsmechanismus noch nicht im Detail verstanden haben“, sagt Professor Hegerl zum Stand der Forschung. Die langjährige Hypothese, dass eine Depression durch einen Serotoninmangel im Gehirn ausgelöst wird, ist so nicht mehr haltbar.

Unterschiedliche Auslöser erkennen

Gut belegt ist aber heute die Wirksamkeit von Antidepressiva. Ebenso wichtig und wirksam ist eine Psychotherapie, insbesondere das Verfahren der kognitiven Verhaltenstherapie, bei der es unter anderem um das Vermeiden von Selbstüberforderungen und das Korrigieren negativer Gedanken-Automatismen geht. Für alle gilt: Betroffene müssen genau analysieren, welche Auslösersituationen bei ihnen vorliegen. So fand auch Alina nach neun Wochen Aufenthalt in der Psychiatrie und anschließender Therapie in einer Tagesklinik zurück ins Leben. „Meist geht es mir acht Monate gut, dann kommt ein Rückfall. Durch leicht dosierte Medikamente wird die Schwere aber abgemildert.“ Sie hat ihr Leben verändert, arbeitet Teilzeit, denn sie weiß, dass sie sich nicht zu viel zumuten darf: „Wichtig ist, dass ich keinen Leistungsdruck empfinde.“

HILFE FÜR BETROFFENE

Ein pflanzliches Antidepressivum ist Johanniskraut (z.B. in „Neuroplant“). Einen Selbsttest gibt es unter . Auf depressionsliga.de findet man unter anderem Selbsthilfegruppen. Ein deutschlandweites Info-Telefon „Depression“ unter: 0800 33 44 5 33 (kostenfrei). Hilfe und Beratung bei den sozialpsychiatrischen Diensten der Gesundheitsämter, ein fachlich moderiertes Online-Forum zum Erfahrungsaustausch unter www.diskussionsforumdepression.de. Mit der App „selfapy“ gibt es auf Rezept in Kursen Hilfe – ohne Warteliste.