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So schlapp


Vital - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 07.07.2021

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Wie traumhaft: wohlig im Bett liegen. Die Müdigkeit, eine sanft heranrollende Welle, die einen davonträgt in tiefen Schlummer. Wenn es mit erholsamem Schlaf doch so gut klappen würde. Zah- len zufolge wurden wir spätestens mit Beginn der Corona-Pandemie zu einem Volk von Schlechtschläfern. Nach einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der mhplus Krankenkasse hat über alle Altersgruppen hinweg mehr als jede(r) Zweite Probleme einzuschlafen, wacht morgens wie gerädert auf und hängt tagsüber durch wie Tulpen ohne Wasser.

Der Hauptfaktor für schlechte Nächte ist Stress, wie eine Erhebung der KJT Group im Auftrag von Philips kürzlich ergab: Demnach antworteten 32 Prozent der Befragten, Sorgen um die Gesundheit und um finanzielle Herausforderungen schränkten ihre Fähigkeit, gut zu schlafen, am stärksten ein.

Wenn die Batterien einfach nicht mehr richtig aufladen

Solche Phasen mit Erschöpfung und ...

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... Tagesmüdigkeit kennen viele. Was aber, wenn diese Symptome nicht mehr verschwinden? Wenn die Muskeln ständig schwer sind, jede kleinste Anstrengung zur Herausforderung wird. Wenn Konzentrationsschwäche, Schwindel, Kopfschmerz oder depressive Verstimmungen dazukommen. Halten derartige Zeichen über einen längeren Zeitraum an, sprechen Experten von „Fatigue“ (sprich: Fatieg, von franz. = müde) oder dem Chronischen Fatigue Syndrom (CFS). Betroffene dieser schweren Erkrankung können kaum noch am normalen Leben teilhaben, sie leiden unsichtbar. Deshalb fehlt allgemein das Bewusstsein für diese Krankheit – was sich jetzt zu ändern scheint. Jahrelang bewegten sich die Zahlen bei uns um die 300 000 Fälle. Mit Corona schossen sie regelrecht in die Höhe: Fatigue als Folge einer COVID-19- Infektion betrifft mittlerweile mehr als 100 000 Menschen zusätzlich. Laut Schätzungen sollen weltweit rund zehn Millionen Menschen unter Post- COVID-Dauererschöpfung leiden.

Dr. Michael Feld

Allgemein-und Schlafmediziner, Somnologe (DGSM) aus Frechen bei Köln, gefragter TV-Experte sowie Buchautor („Dr. Felds große Schlafschule“, GU, 192 S., 19,99 Euro)

Klassisch tritt die Fatigue in Verbindung mit einer Krebserkrankung auf. „Tumorzellen senden bestimmte Boten- stoffe mit chronisch entzündlicher Aktivität aus. Aber auch Chemotherapien können massiv schwächen und ein dauerhaftes Zerschlagenheitsgefühl auslösen“, erklärt Dr. Michael Feld, Allgemeinund Schlafmediziner aus Köln. Autoimmunerkrankungen wie Rheuma und schwere Virusinfektionen wie Borreliose, Grippe oder eben COVID-19 verursachen das Syndrom ebenfalls. „In meiner Praxis habe ich einige Post-COVID-Fälle. Die Patienten leiden über Wochen bis Monate unter schwerer körperlicher Dauerschwäche. Die demaskiert sich, wenn man z. B. zu Fuß eine Treppe nehmen möchte, aber es einfach nicht schafft“, so Dr. Feld. „Im Vergleich zur Depression könnte man sagen: Bei der Depression ist der Wille zum Antrieb nicht da. Bei der Fatigue ist der Wille vorhanden, aber der Körper macht nicht mit.“

INTERVIEW

Gut zur Ruhe kommen

Um frisch und fit in den Tag zu starten, geht nichts über eine gute Nacht. Für die lässt sich einiges tun. Oft genügt es, wenn wir kleine Details beachten

vital: Gut schlafen wollen wir alle. Woran liegt es, wenn es nicht klappt?

Prof. Amann-Jennson: Psychologische Faktoren spielen eine große Rolle. Nicht nur weil Stress die Hauptursache für Schlafstörungen ist. Allzu leicht gerät man in einen Teufelskreis. Morgens denkt man, dass man nicht fit ist, weil man eine unruhige Nacht hatte. Am Abend geht man ins Bett und denkt: „Bestimmt schlafe ich wieder schlecht.“ Das ist dann wie eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Sie propagieren einen „bioenergetischen“ Schlaf. Was genau ist das?

Im Grunde der Idealzustand: die größtmögliche Energie und Erholung aus dem Schlaf ziehen. Ich bin der Meinung, dass dies nur gelingt, wenn man sich um seine Schlafkultur kümmert.

Das heißt?

Um die Hardware wie Lattenrost, Matratze, Bettzeug und eine wohltuende Umgebung. Und um die Software. Dazu gehören beruhigende Rituale oder Musik, die innerlich auf den Schlaf einstimmen.

Was empfehlen Sie noch?

Lärm-und Lichtquellen sollte man konsequent ausschalten. Sobald es finster ist, schüttet der Körper das Hormon Melatonin aus, das für guten Schlaf sorgt. Versuchen Sie nicht, den Schlaf zu beschwören. Wenn man sich darüber ärgert, klappt es erst recht nicht. Bejahende Affirmationen wie „Ich werde super schlafen!“ bringen viel. Man sollte allerdings schon den Tag schlaffreundlich gestalten, mit Bewegung und gesunder Ernährung. Das sind wichtige bioenergetische Schlafkriterien.

Prof. Dr. h. c. Günther W. Amann-Jennson Schlafpsychologe und -coach in Frastanz, Vorarlberg, nahe Bodensee

30 Prozent mehr Betroffene leiden seit der Corona- Pandemie an einer Fatigue – mindestens

Ein komplexes Therapieschema kann die Kraft zurückbringen

Wer sich ständig extrem erschöpft fühlt, sollte frühzeitig ärztliche Hilfe suchen. Weil starke Müdigkeit verschiedene Gründe haben kann – unruhige Beine, nächtliche Atemaussetzer, Probleme mit dem Eisenhaushalt, der Schilddrüse oder den Nieren –, stehen meist Untersuchungen wie Ultraschall, EKG oder eine Lun­ genfunktionsprüfung auf dem Programm. Und das Blutbild: „Auch wenn es keine superaussagekräftigen Werte gibt, können erhöhte Entzündungsmarker und bestimmte Immunzellen einen Hinweis geben“, sagt Dr. Michael Feld. In manchen Fällen schwellen die Lymphknoten zusätzlich an.

„Bei einer Fatigue unter Krebs sind die Behandlungsschemata, die z. B. in Unikliniken angeboten werden, sehr komplex: Kombinationen aus Sport, Psychotherapie, Medikamenten oder bestimmten Mikronährstoffen wie Selen und Zink, die je nach Tumorart zum Einsatz kommen und immer mit dem Onkologen abgestimmt werden müssen“, weiß Dr. Feld. „Sehr gut eignet sich auch Melatonin, denn es verbessert nicht nur den Schlaf, sondern hat auch eine stark antientzündliche Funktion als Radikalfänger. Außerdem sind Adaptogene oft hilfreich, Pflanzenstoffe wie beispiels­ weise in Ginseng, die die Belastungsresistenz erhöhen.“

Natürliche innere Schlafhelfer

Sehnen wir den Schlaf herbei, verhält er sich häufig erst recht launisch. Daher kommt es auf Ruhe und Entspannung an. 6 guteTipps, sie leichter zu finden

Beruhigender Lavendel

Seine Inhaltsstoffe Linalool und Linalylacetat wirken ausgleichend bei Nervosität und innerer Unruhe. Für guten Schlaf z. B. einige Tropfen Lavendelöl aufs Kopfkissen träufeln. Der Serotoninspiegel steigt, das macht zufriedener. Oder Weichkapseln mit Arzneilavendel schlucken, um Ängste zu lösen (z. B. „Lasea“, in Apotheken).

Wiederholungen

15-minütige Rituale eignen sich perfekt, um Körper und Geist auf die Nacht einzustimmen. Musik hören, spazieren gehen, drei Seiten lesen – Hauptsache, es finden Handlungsketten in der immer gleichen Reihenfolge statt.

Im Schichtdienst

Wer im wechselnden Schichtdienst arbeitet, braucht oft Unterstützung, um in den Schlaf zu finden. Melatoninsprays (z. B. „Orthomol Nemuri Night“, in Apotheken), auch angereichert mit Passionsblume und Melisse, überwinden den Jetlag.

Bei gestörtem Tag- Nacht-Rhythmus

Nomen est omen: Die Schlafbeere (Ashwagandha) gilt im indischen Ayurveda als ein bewährtes Mittel bei Schlafproblemen und Erschöpfung. Sie wirkt ausgleichend, beruhigend und kräftigend zugleich, wenn der Tag- Nacht-Rhythmus durcheinander ist, und hilft, die Einschlafzeit zu verkürzen (z. B. in „Natürlich & schneller Einschlafen“ von Klosterfrau, in Drogerien).

App auf Rezept:

Ärztinnen oder Psychotherapeuten können Betroffenen ein Schlaftraining per App als digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) verordnen. Dann trägt die Krankenkasse die Kosten. In der „Somnio“-App z. B. können Sie ein intelligentes Schlaftagebuch führen, Entspannungstechniken gezielt anwenden lernen, Schlafzeiten optimieren – dabei hilft Ihnen Albert (s. Bildschirm oben), der digitale Schlafexperte.

Atemkonzentration

Wer nachts aufwacht, kann mit Atemkonzentration wieder besser eindämmern: Die Hände auf den Bauch legen und unbeirrt den Atemzügen nachspüren, ganz ruhig und tief.

80 Prozent der Menschen brauchen im Schnitt 7–8 Stunden Schlaf, um langfristig gesund und fit zu sein

Aufbaukur für den Zellstoffwechsel

Bewährt im Kampf gegen die große Müdigkeit haben sich zudem Aku­ punktur, Lichttherapie oder Entspan­ nungsverfahren. „Das sind unspezifi­ sche Therapien, wissenschaftlich schwierig nachzuweisen, aber wirkungs­ voll“, betont Dr. Feld. „Gerade bei Long- COVID bringt eine Eigenbluttherapie mit Ozonsauerstoff viel.“ Um die Immunzellen auf Trab zu brin­ gen, wird Blut entnommen, mit Sauerstoff und Ozon versetzt und zurück in die Vene gegeben. Auch die sogenannte IHHT, Intervall-Hypoxie- Hyperoxie-Therapie, bringt gute Erfolge. Dabei atmen Patienten abwechselnd jeweils sauerstoffreduzierte und -ange­ reicherte Luft, um die Mitochondrien in den Zellen zu stärken. Zusammen mit Mikronährstoffen und Infusionen wirken diese Methoden aktivierend. „Die Patienten machen eine Art Aufbaukur über mehrere Wochen“, so der Experte.

Grundsätzlich bringt es eine Menge, sich um eine gute Schlafhygiene zu kümmern (siehe Tipps S. 43) und die innere Uhr über einen regelmäßigen Tagesab­ lauf zu takten, etwa indem Sie immer zur selben Zeit aufstehen und ins Bett gehen. „Wenn psychische Stressoren die Ruhe stören, können sanfte Rituale vor dem Zubettgehen helfen“, empfiehlt Dr. Feld. Einen kleinen Spaziergang machen, leichte Literatur lesen – der Kopf asso­ ziiert das dann mit der Nachtruhe. Er programmiert auf Müdigkeit, und das Einschlafen gelingt besser. Und die Batterien laden endlich wieder auf.