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So wie einst Toni Sailer


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MountainBIKE - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 04.10.2022

CORTINA D’AMP EZZO

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Bildquelle: MountainBIKE, Ausgabe 11/2022

„Hochalpine Pfade einerseits, MTB-Trails auf unglaublich weichem Waldboden andererseits – der Gegensatz der Schmalspurwege in Cortina d’Ampezzo fasziniert mich ungemein.“

Max Schumann

1 | Max hebtvor den Flanken des Monte Kristallo ab. Dort wurden viele Szenen des Kletter-Blockbusters Cliffhanger gedreht.

2 | Rund ein DutzendGondeln und Sessellifte mit Radmitnahme ermöglichen es, auch hohe Regionen mühelos schwebend zu erreichen.

3 | Nicht gerade einfach und dennoch flowig:Der Krampus-Trail meistert diesen Spagat überraschend souverän.

EineHandbewegungalsStartsignalundmitkräftigenHübenseinerSkistöckestößtsichAntonEngelbert,genannt„Toni“,Sailer ...

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66 Jahre später und mit vermutlich 33° Celsius mehr auf dem Thermometer stehe ich mit Enduro-Pro Max Schumann und Trial-Legende Tom Öhler am Start der legendären Skirennstrecke in Cortina – selbstredend mit anderem Sportgerät. Wir sind für ein langes Wochenende nach Cortina d’Ampezzo gekommen, um zu sehen, ob der Ort im Sommer für Biker ähnliche Anziehungskraft besitzt wie im Winter für Skifahrer.

Erdfräsen auf dem Krampus

Doch erst mal machen wir es wie die Menschen auf zwei Latten: Drei Sessellifte bringen uns zum höchsten Punkt des Bikeparks auf 2300 Metern. Dort zieht es uns an den Rand des kleinen Plateaus, und wir blicken auf ein gigantisches Panorama. Sogar die berühmten Zacken der Cinque Torri, eine bis zu 2361 Meter hohe Felsformation in den Ampezzaner Dolomiten, erspähen wir. Die rund 1100 Höhenmeter zum Pomedes-Plateau sind natürlich auch mit Wadenkraft erreichbar, so oder so ist dies ein idealer Ausgangspunkt, um die Strecken des Bikeparks anzugehen oder zu den alpinen Trails unterhalb des knapp über 3000 Meter gelegenen Sattels Forcella Tofana zu gelangen.

Uns lockt gleich das Highlight des Bikeparks: der Krampus-Trail. Wir biken am Rifugio Pomedes vorbei und holpern über die sich zum Teil noch im Bau befindlichen gleichnamigen Trails zum Einstieg des Krampus. Empfing uns der Bikepark erst als alpine Steinwüste mit kahlen Felsen und losem Gestein, so surfen wir nun plötzlich auf butterweichem, torfigem Waldboden. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass wir uns noch auf 2100 Meter Höhe und damit eigentlich über der Waldgrenze befinden. Max und Tom fräsen fröhlich durchs Unterholz – und mir spritzt die Erde fast ins Gesicht. Alles fühlt sich seltsam „fluffig“, dennoch griffig an. Zudem ist der Trail extrem gut angelegt, an den ausgesetzten Stellen verbreitert er sich, und auf steile Passagen folgen immer wieder Kurven und Bodenwellen, die den Speed aufnehmen. Glückselig wedeln wir hinab, und ich fühle mich ein wenig wie Toni Sailer im Temporausch. Übrigens: Ist der Krampus-Trail dennoch anspruchsvoll aufgrund seiner Lage und des Gefälles, so sind die anderen Trails im Bikepark familientauglich.

Seine erste touristische Blütezeit erlebte Cortina d’Ampezzo Ende des 19. Jahrhunderts. Bergfexe, aber auch der österreichisch-ungarische Adel sowie das wohlhabende Bürgertum Frankreichs und Englands entdeckten das damals zu Österreich gehörende Örtchen. Gefördert vom deutschen und österreichischen Alpenverein wurde aus Anpezo (so der damalige Name) ein mondänes, im Sommer wie im Winter begehrtes Feriendomizil, das als „Perle der Dolomiten“ bekannt war. Luxusherbergen entstanden, ebenso die anno 1903 gegründete Skischule. 27 Hotels mit 1400 Betten zählte Anpezo, ehe diese goldene Epoche jäh mit dem Attentat von Sarajevo und dem Beginn des Ersten Weltkriegs endete. Nach dem auch rund um Anpezo tobenden Inferno fiel der Ort wie das benachbarte Südtirol durch Inkrafttreten des Vertrags von Saint-Germain an Italien – und erhielt 1923 seinen jetzigen Namen. Nicht zur Freude der meist ladinisch (ein romanischer Dialekt, der nur in wenigen Alpentälern Südtirols, Venetiens und des Trentino gesprochen wird) geprägten Bevölkerung. Trotz vieler Bemühungen – und blutiger Aus- schreitungen – bekam Cortina nie den Autonomiestatus der Südtiroler Nachbarn.

Am Nachmittag sind wir mit Alessandro von „Ride in Cortina“ verabredet. Er und sein Team bauen die Trails im Bikepark und rund um Cortina – und bieten Radverleih und geführte Touren an. Laut Alessandro verändert sich gerade die Sicht auf den Sommertourismus in Cortina, und er und sein Team haben den Auftrag bekommen, in den kommenden Jahren noch weitere 16 Kilometer an Trails zu bauen. Heute zeigt uns Alessandro aber ein ganz besonderes, quasi uraltes Schmankerl: Nach einem sehr flowigen Singletrail fahren wir immer wieder in, auf oder neben der olympischen Bobbahn von 1956! Die Betonwände sind erstaunlich hoch, und Max und Tom spielen mit den Fliehkräften, als wären sie Flipperkugeln. Wäre das nicht schon surreal genug, zieht Max auf vier Meter Höhe einen Bunnyhop und steht quasi senkrecht zum Boden in der Luft. Mein Mund steht weit offen.

Flache, geschwungene Trails

Am Ende der Bobbahn pedalieren wir wieder hoch und lernen eine neue Seite der Landschaft um Cortina kennen. Vom Col du Drasciè aus führen uns eher flache, geschwungene Natur-Trails in einem Wald mit hohem Gras und tiefem Boden Richtung Tal. Bremswellen oder tiefe Rillen gibt es keine, die Schmalspurpfade nutzen das Gefälle optimal, die Bremse darf Pause machen. Ab und an queren wir die Skipisten und kommen nach einem kleinen Anstieg wieder in der Mitte des Bikeparks an. Genüsslich surfen wir eine der Flow-Strecken hinab – auf zu einem italienischen Abendessen.

Apropos: Nach den Katastrophen der Weltkriege und dem „Umzug“ nach Italien, dauerte es nicht lange, bis Cortina d’Ampezzo zurück zu touristischem Glanz gelangte. Die besagten Olympischen Spiele von 1956 sorgten für Investitionen, 1970 hievteDieZeithinsichtlich „Ski, Party und Design“ Cortina auf eine Stufe mit St. Moritz, Kitzbühel und Megève. Und nach der Ausrichtung der Ski-WM 2021 ist das nächste Mega-Event nicht mehr weit entfernt. 2026 ist Cortina d’Ampezzo Gastgeber der XXV. Olympischen Winterspiele – zusammen mit Mailand und weiteren Orten in den italienischen Bergen. Die der kalten Jahreszeit „geschuldete“ Infrastruktur steht heute auch Bikerinnen und Bikern zur Verfügung. Rund ein Dutzend Gondeln und Sessellifte stehen für die Radmitnahme parat. Mit einer der ersten Gondeln des Morgens schaukeln wir auch tags drauf in Richtung Faloria – und ermogeln uns so die 700 Höhenmeter zum Ausgangspunkt  unserer heutigen Tour. Steile, schroffe Felsen rauschen unter der Gondel entlang, und wir verstehen, warum auf dieser Seite des Tales viele der Szenen für den legendären Action-Dampfhammer Cliffhangermit Sylvester Stallone gedreht wurden – auch wenn die Handlung in den Rocky Mountains spielt. Von oben können wir gut sehen, wie viele Facetten alpiner Landschaft Cortina bietet: Wald mit geringem Gefälle und dann wieder karges Gelände mit wenig Vegetation, schmalen Gebirgspfaden und gewaltigen Felswänden.

„Die fürsorglich gepflegten Strecken im Bikepark bieten Spaß für alle Könnensstufen. Für die alpinen Trails der Umgebung sollte man aber natürlich sicher sein Bike beherrschen.“

Tom Öhler

1 | Glanzstückdes Bikeparks ist der zwar anspruchsvolle, aber sehr gut und „sicher“ gebaute Krampus-Trail.

2 | Mit dem Chalet Tofanebefindet sich im Fuße des Bikeparks ein feines Restaurant. Ideal, um die Planung der nächsten Stunden zu besprechen.

3 | Am Monte Faloriazeigen sich die Dolomiten von ihrer schroffen und besonders beeindruckenden Seite.

1 | Eine große Anzahlan flowigen Natur-Trails macht Biken rund um Cortina zum Hochgenuss.

2 | Einzigartiges Erlebnis:Max surft durch die Bobbahn der Olympischen Spiele von 1956.

3 | Technische, hochalpine Trailsfindet man ebenfalls in Cortina. Max und Tom gönnen sich eine Runde Rock ’n’ Roll unweit der Pomedes-Hütte.

Nach längerem Aussichtsgenuss arbeiten wir uns auf einem schmalen Pfad unterhalb des Cime de Laudo entlang. Ein wunderschöner, alpiner Trail, der nicht wirklich verboten, aber auch nicht wirklich erlaubt ist. Somit gilt es, besonders viel Rücksicht zu nehmen und keine Spuren zu hinterlassen. Die hohen Wände, die über den Trail wachen, geben ihm seinen Charakter: eher steil, oft leicht ausgesetzt, aber stets gut fahrbar. Schade nur, dass der gegenüber gelegene Monte Cristallo heute nicht gut aufgelegt ist und seinen Gipfel meist hinter Wolken versteckt. Gegen Ende des Trails tauchen wir in den Wald ein und fahren parallel zu einem Gebirgsbach Richtung Passo Tre Croci, wo wir für Risotto und Pasta mit Steinpilzen sowie einen Espresso einkehren. Wie auf der Südtiroler Seite jenseits dieses Passes oder des benachbarten Passo Cimbanche haben sie sich auch hier in Sachen Kulinarik und Genuss einfach das Beste aus beiden Welten – der alpinen und der mediterranen – geschnappt. „Schlecht essen“ (und trinken) ist nahezu unmöglich.

Fürs Biken gilt natürlich Gleiches. Egal ob im liebevoll gepflegten Park oder auf den fantastischen Natur-Trails: Hier bergradelt es sich klasse. Dazu kommen die typischen Zutaten eines Urlaubs in den Dolomiten: geniale Panoramen, stabiles Alpensüdseitenwetter sowie ein dicker Schuss Dolce Vita. Schlussendlich reiht sich Cortina so ein in den Reigen vieler eigentlicher Wintersport-Destinationen, die mehr und mehr den Sommer entdecken. Und damit uns Bikerinnen und Biker.