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SOCIAL MEDIA: WEBBEKANNT


tennisMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 120/2018 vom 19.10.2018

Posen, posten, potenzieren: Tennisspielende Influcener inszenieren sich und ihr Leben im Internet – auch, um damit Geld zu verdienen. Vor allem aber, um ihre Passion auszuleben und andere für Tennis zu begeistern


Artikelbild für den Artikel "SOCIAL MEDIA: WEBBEKANNT" aus der Ausgabe 120/2018 von tennisMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: tennisMAGAZIN, Ausgabe 120/2018

HINGUCKER AUF DEM PLATZ: Die ehemalige Profispielerin Sarah Gronert weiß genau, wie man sich für ein Foto perfekt in Szene setzt – und sei es nur, dass sie sich gerade intensiv auf einen Aufschlag vorbereitet.


Früh am Morgen postet Sarah Gronert ein Foto von sich auf einem Tennisplatz in Düsseldorf über ihren Instagram-Account. Sie steht dort breitbeinig in engen Leggings und macht eine Übung mit ...

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... einem Trainingsband, das sie über ihrem Kopf mit beiden Armen auseinanderzieht. Man sieht eine durchtrainierte und durchgestylte junge Frau, wie es sie tausendfach bei Instagram gibt. Sie schreibt zu ihrem Post: „Normalerweise bedeutet Herbst: Dunkelheit, Schmuddelwetter, triefende Nase, trübe Stimmung. Aber bei dem Hammerwetter heißt es: ab in die Tennisschuhe und auf den Court. Seid ihr auch meiner Meinung?“ Weiter unten weist sie darauf hin, von welcher Marke ihr Outfit stammt. Und mit einem weinenden Emoji merkt sie an: „Leider habe ich keinen Rabattcode mehr für euch.“

Fast 40.000 Fans folgen Gronert bei Instagram. Sie ist – zumindest im Mikrokosmos deutsche Tennisszene – eine Berühmtheit. Wer sich für Tennis interessiert und in den sozialen Netzwerken unterwegs ist, kommt an Gronert nicht mehr vorbei, die mittlerweile auch als Sportmodell und „Fitnessgirl“ wahrgenommen wird. Gronert ist das, was man heutzutage einen Influencer nennt: Sie beeinflußt mit ihren Bildern ihre Fans.

HINGUCKER AM STRAND: Viel Haut zu zeigen, gehört zum Geschäft der weiblichen Influencer im Sport- und Fitnessbereich dazu. Das gilt auch für Tennismodell Gronert während eines Foto-Shootings auf Mallorca.


Ihre morgendliche Trainingseinheit ist beendet. Gronert nimmt sich jetzt Zeit für die Fragen von tennis MAGAZIN. Sie erzählt von ihrem Leben, in dem Tennis die zentrale Rolle einnimmt. Die 32-Jährige steht in der DTB-Damenrangliste unter den Top 30 und stieg jüngst mit dem TC Bredeney aus Essen in die erste Damen-Bundesliga auf.


MEHR FANS HEISST:MEHR GELD FÜR BEZAHLTE POSTS


Gronert spielt auch für Mannschaften in den Niederlanden und in Luxemburg. Außerdem besitzt sie eine A-Trainerlizenz und leitet eine Tennisschule in Dormagen. Ihren „Tennis-Lifestyle“, wie sie es nennt, teilt sie bereitwillig via Instragram. Warum? „Ich will damit andere Leute inspirieren und Tennis attraktiver machen – gerade für jüngere Zielgruppen.“ Auch wenn sie sich selbst in erster Linie als Spielerin und Trainerin sieht: Ihre Social Media-Aktivitäten sind längst eine wichtige Einnahmequelle für Gronert geworden. Weil sie im Web so viel Anklang findet, wird sie von Firmen gebucht, die Gronert dafür bezahlen, dass sie deren Produkte auf ihren Fotos ansprechend in Szene setzt. Ihre Kunden kommen aus dem Tennisbereich; sie wirbt aber auch für Sportlernahrung oder für Fitnessmarken. „Ich mache für Geld nicht alles auf Instagram. Anfragen von Kasinos oder Wettanbietern lehne ich etwa kategorisch ab“, stellt sie klar.

Das Prinzip des „Influencer Marketing“ ist dabei so simpel wie einleuchtend: Je mehr Fans du hast, desto mehr Geld kannst du für einen bezahlten Post verlangen. Unterhält man sich mit Gronert über die Mechanismen dieser Branche, wird deutlich, dass sie nicht bindlings Fotos mal mit und mal ohne Werbung über ihre Kanäle raushaut. Sie macht sich Gedanken – und sie nimmt sich vor allem Zeit für ihre Fans. Es ist auffällig, wie intensiv sie sich mit ihnen austauscht.

Ein Vorteil ihrer Interaktionen: Die User nehmen es ihr nicht übel, wenn sie einen Post mit offensichtlicher Werbebotschaft veröffentlicht. „Ich denke, die meisten haben dafür Verständnis“, ist sich Gronert sicher.

Wobei sie sich gleichzeitig darüber im Klaren ist, die Geduld ihrer Abonennten nicht überstrapazieren zu dürfen. Denn: „Der Realness-Faktor darf nicht verloren gehen“, bemerkt sie. Was sie damit meint: Manchmal muss der Ursprungscharakter von Instagram als eine Art digitales Bilder-Tagebuch im Vordergrund stehen – ohne Werbung, ohne viel Tamtam.

Aber ist das überhaupt noch möglich? Auch Gronert räumt ein, dass die Bilder bei Instagram immer professioneller werden, dass vieles geschönt und inszeniert ist. Sie will sich aber nicht von ihrem sportlich geprägten Alltag auf ihren Fotos entfernen und versucht, über Spielbilder mit Ergebnismeldungen den Kontakt zur Basis zu halten.

Denn genau das ist das große Pfund, mit dem Gronert wuchern kann. Während man sich bei vielen branchenübergreifenden Influencern mit Millionen von Fans oft fragen muss, worin deren Talent abgesehen von einem großen Hang zur zwanghaften Selbstinszenierung eigentlich liegt, hat Gronert während ihrer früheren Karriere als Profispielerin den Grundstein für den heutigen Erfolg gelegt: Glaubwürdigkeit.

Gronert weiß, worüber sie postet – egal, ob es um Rückhandtechnik, fiese Drills für schnellere Beine, Matchvorbereitung, neue Schläger oder um Ungeduld während einer längeren Verletzungspause geht.

Fünf Jahre, von 2007 bis 2012, war sie im Proficircuit unterwegs. Gronert gewann neun ITF-Turniere und kletterte in der Weltrangliste bis auf Platz 164 (Mai 2012).


BANDSCHEIBEN- VORFALL BEENDETEIHRE PROFIKARRIERE


Ein Bandscheibenvorfall beendete ihre Profilaufbahn. Aber es kam noch ein anderer Aspekt hinzu, unter dem sie zu leiden hatte: Weil Gronert als Hermaphrodit, also mit Merkmalen beider Geschlechter, zur Welt kam, wurde sie von Konkurrentinnen angefeindet, nicht bei den Damen starten zu dürfen. Sie sah sich gezwungen, einen ärtzlichen Nachweis ihres Geschlechts zu erbringen. „Das Getuschel und Gerede von früher gibt es heute nicht mehr. Die Welt ist zum Glück moderner geworden“, sagt Gronert dazu.

Sie begann damals zaghaft ihre zweite Karriere – als Coach, Spielerin und Tennisbegeisterte, die viel mit Social Media-Tools experementierte und deren Name dadurch immer bekannter wurde. Mittlerweile bekommt sie mehr Aufmerksamkeit als früher und sie kann – auch aufgrund ihres Standings im Web – bessere Verträge etwa mit den Teams, für die sie im Sommer an den Start geht, aushandeln. „Das Interesse an meiner Person ist in den letzten Jahren auch dank Social Media gewachsen. Ich bekomme heute mehr und lukrativere Angebote als noch zu meiner Profizeit“, räumt Gronert ein.

Jetzt führt sie ein Leben, um das sie von vielen jungen Mädchen beneidet wird, für die der Berufswunsch „Influencerin“ heutzutage nichts ungewöhnliches mehr ist. Gronert sieht gut aus, ist super-sportlich, wird zu Foto-Shootings eingeladen, bekommt ständig neue Klamotten – und schließlich auch noch Geld. Ein Lebensentwurf, der Begehrlichkeiten weckt. Gronert ist sich ihrer Verantwortung bewusst, gibt aber gleichzeitig zu: „Ich finde es gut, wenn meine Tennisschüler eigene Posts von ihrem Training veröffentlichen. Das hilft dem Tennis insgesamt und es gehört in unsere Zeit. Man muss nur richtig damit umgehen.“

Längst ist eine Entwicklung in Gang gesetzt worden, die auch namhafte Unternehmen nicht mehr ignorieren können: Instagram ist eine Vertriebsplattform geworden. Als einer der ersten Global Player aus dem Tennisbereich hat die Firma Head früh das Potenzial rund um das Influencer-Phänomen erkannt. Zu Jahresbeginn wurde eine neue Stelle geschaffen, die sich um die Zusammenarbeit mit den Influencern kümmert.

FOTOS: DATENBANK

„Das Thema hat bei uns eine hohe Relevanz“, erklärt Carsten Eberhardt, Verkaufsund Marketingleiter Racketsport bei Head. „Über Influencer erreichen wir ohne große Streuverluste relativ viele Menschen – vor allem junge und tennisverrückte.“ Die Vorteile: teure Fotoproduktionen und Etats für zwischengeschaltete PR-Agenturen werden überflüssig, aber die Werbung landet exakt bei der richtigen Zielgruppe. Eigentlich ein Traum für jeden Werbetreibenden.

Und so kommt Sarah Gronert wieder ins Spiel: Wenn sie einen neuen Head-Schläger ihren 40.000 Fans vorstellt, hat das mitunter mehr Nachhaltigkeit als ein Werbebanner auf einer tennisaffinen Sport-Website. „Das Influencer-Marketing steht bei uns mittlerweile auf einer Stufe mit klassischer Werbung“, ergänzt Eberhardt. Mit den Web-Größen wird genau ausgehandelt, wie das Produkt gezeigt, wie das Logo präsentiert und wie der Post veröffentlicht wird. Cash fließt nur bei großen Einflussnehmern, die vielen kleinen Blogger und Produkt-Tester werden mit dem Material entlohnt.

Während Gronert schon ein gewisser Star-Appeal in der deutschsprachigen Tennis-Web-Community zuzuschreiben ist, gibt es neben ihr viele andere Instagram-User, die ihr Hobby mit großer Leidenschaft zur Schau stellen und dabei (noch) nicht das große Geld verdienen.

Ein Beispiel ist die 18-jährige Magdalena Karres (@maggie.tennis) aus Wien, die vor fünf Jahren auf der Suche nach einem Sport war, der zu ihr passte. Sie fand – natürlich via Instagram – Videos von Victoria Azarenka, die von einem auf den anderen Tag ihr Vorbild wurde. Magdalena fing mit Tennis an, bloggte und postete darüber, was mittlerweile fast 12.000 Menschen bei Instagram begeistert. Das Erfrischende an ihr: Magdalena wirkt wie der Gegenentwurf zu den vielen glatt polierten Instagram-Girls. Sie sieht, nun ja, einfach ganz normal aus.

Sie lässt ihre Gefolgschaft teilhaben an den Fortschritten auf dem Court und an ihrer stets wachsenden Tennis-Euphorie. Magdalena ist ein Paradebeispiel dafür, wie man über neue Medien Youngsters für einen eigentlich uralten Sport begeistern kann.

Britta Hasselmann aus Bremen verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Allerdings waren ihre Beweggründe, Tennis zu lernen, andere. Sie suchte einen Ausgleich zu ihrem anstrengenden 60-Stunden-Job und begann vor zwei Jahren mit Tennis. Die 39-Jährige hat sich in in der Zeit von der LK 23 zur LK 17 hochgearbeitet. „Mein Ziel ist LK 10“, sagt sie. Als@tennisbusinesswoman postet sie Bilder von ihrem Training, von ihren ersten Erfolgen, von Besuchen bei großen Profiturnieren. „Ich möchte über Social Media neue Leute kennenlernen und meine Liebe zum Tennis und zu meinem Beruf teilen“, begründet sie ihre Instagram-Aktivität. Ihr Zwischenfazit: „Durch Tennis bin ich ruhiger, ausgeglichener und fokussierter geworden.“

GUT ZU WISSEN: DER INFLUENCER

Ein „Beeinflusser“, der vor allem über die App Instagram bekannt geworden ist. Dank seines Standings im Web wird er für seine Fans zum Vorbild und für Unternehmen zu einer relevanten Werbefigur – auch in einem überschaubaren Themengebiet wie Tennis. Durch bezahlte Posts verdient der Influencer Geld. „Stars des Internets, Idole der Gegenwart“, nannte jüngstDie Zeit die Influencer.

Diana Lojewski, heute 41 Jahre alt, spielt Tennis, seitdem sie sechs Jahre alt ist. „Jetzt habe ich mir das schönste Hobby zum Beruf gemacht“, sagt sie. Denn mittlerweile ist die vierfache Mutter Tennistrainerin und kümmert sich beim TC Sottrum vor allem um Breitensportler, die „Spaß auf dem Platz“ haben wollen. Lojeweski lebt Tennis, Tag und Nacht. Urlaube gibt es bei ihr und ihrem Mann Jörg nur in Verbindung mit Tennis. LK-Camps in der Türkei, Training in der Hofsäss-Akademie von Marbella, Reisen zu den Grand Slam-Turnieren: Von ihren Erlebnissen postet sie als@diana_loj regelmäßig Bilder. Ihren siebten Hochzeitstag feierte sie mit ihrem Gatten standesgemäß auf dem Tennisplatz – inklusive Instagram-Foto.

Ihre Hingabe für den Sport ist auch den Jungs von@tennisewigeliebe bei jedem Post anzumerken. Die beiden Ex-Profis Clinton Thomson und Marius Zay, die es bis unter die Top 500 der Weltrangliste schafften, haben ihre Tennisschule in Neuss und Solingen so benannt – „Tennis ewige Liebe“. Was im ersten Moment vielleicht etwas pathetisch rüberkommt, wird von Thomson und Zay mit viel Sachverstand und jeder Menge Humor täglich ausgelebt. Ihre Posts sind lehrreich, lustig und regen zur Interaktion an – sie bieten einen echten Mehrwert. Über ihren Online-Shop verkaufen sie jetzt sogar eigene Klamotten und Fanartikel.

Nicht ganz so professionell sind Tobias Schaller und Tim Hoidis im Web unterwegs, aber ihnen zu folgen, ist lohnenswert. Schaller (@schalli.tennis) kann man anhand seiner Fotos dabei zusehen, wie sehr er sich für seinen Traum, eines Tages als Profi den Durchbruch zu schaffen, abrackert. Hoidis (@timhoidis) hingegen hat Anfang 2017 erstmals zum Tennisschläger gegriffen und ist 2018 der eifrigste LK-Punkte-Sammler Deutschlands – was für eine Story! Die Technik brachte er sich größtenteils selbst bei – indem er die Bewegungen in Tennisvideos nachahmte. Seine neu geweckte Passion geht nun sogar soweit, dass er den C-Trainerschein machen will, um mehr Menschen für Tennis zu begeistern.

Es sind Geschichten wie diese, erzählt mit Bildern und Kommentaren bei Instagram, die verdeutlichen, dass der Einfluss der Influencer in sozialen Netzwerken nicht per se schlecht und von Werbung durchsetzt ist.

Fabian Ziemer, der als@inlovewithtennis_ offcial Produkte, Personen und Prominente mit Tennisbezug vorstellt, glaubt, dass gerade die „Mikro-Influencer“ bei Instagram künftig relevanter werden. Die Bedeutung von Accounts, die sich einem Spezialgebiet wie Tennis von einer ganz persönlichen Perspektive aus annähern, strahlen große Authentizität aus – eine Währung, die im Instagram-Kosmos mit seiner aufgepimpten und zum Teil überinszenierten Bildsprache immer wichtiger werden könnte.

FOTOS: DATENBANK


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