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Sog statt Druck


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 03.02.2020

Wie man Kinder zum Üben motivieren kann – ein Interview


Der Jazzpianist und Musikpädagoge Ulrich van der Schoor hat sich intensiv mit einer Frage auseinandergesetzt, die nicht nur, aber gerade für Instrumentallehrer* innen fundamental ist: Wie kann es gelingen, dass Kinder und Jugendliche für das Erreichen ihrer Lernziele gern üben? Mit seinem Ansatz ist er seit vielen Jahren beeindruckend erfolgreich. Wie ihm das gelingt, ist auch für Schullehrer* innen inspirierend.

PÄDAGOGIK: Es war sehr schwierig, Sie für dieses Gespräch über Ihre Erfahrungen, Ideen und Überzeugungen zum Thema »Üben« zu gewinnen. ...

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Bildquelle: Pädagogik, Ausgabe 2/2020

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... Warum waren Sie skeptisch?

Ulrich van der Schoor: Einerseits fühle ich mich natürlich geehrt; andererseits: Ich bin ja kein studierter Pädagoge, der wie Ihre Leserinnen und Leser mit ganzen Schulklassen arbeitet, sondern nur ein Instrumentalist, der versucht, Menschen im Einzelunterricht das Klavierspielen beizubringen. Deswegen meine Gegenfrage: Warum wollen Sie ausgerechnet mit mir dieses Thema erörtern?

PÄDAGOGIK: Das ist schnell erklärt: Aus meiner eigenen Erfahrung mit Klavierunterricht kenne ich noch dieses unangenehme Gefühl: »Ich habe mal wieder zu wenig geübt, hoffentlich fällt der Unterricht aus.« Hier sehe ich keinen gravierenden Unterschied zur Schule: Auch in der Schule haben viele Schülerinnen und Schüler das Gefühl – oder bekommen es vermittelt –, zu wenig »für die Schule zu tun«. Dagegen eilt Ihnen der Ruf voraus, dass Ihre Schüler sehr gern zu Ihnen kommen, und zwar immer und unabhängig davon, wie viel sie geübt haben. Ich habe die Hoffnung, dass wir Schullehrerinnen und -lehrer von Ihnen lernen können, also: Wie machen Sie das?

van der Schoor: In der Tat: Die Situation »zu wenig geübt« gibt es bei mir nicht, und zwar per Definition. Das sieht auf den ersten Blick nach einem Widerspruch aus, denn gerade beim Erlernen eines Instruments ist das Üben unerlässlich, ja mehr noch: Um die notwendigen Fertigkeiten auszubilden, braucht es Tausende Wiederholungen. Aber das läuft bei mir nie unter dem Stichwort »Üben«, sondern: Wir machen Musik. Dahinter verbirgt sich mehr als nur ein sprachlicher Trick, das werden wir ja vielleicht noch erörtern. Wie wichtig das ist, zeigt sich letztlich daran, dass die meisten Kinder und Jugendlichen, die zu mir kommen, das tun, weil sie gern Klavier spielen wollen, aber eben nicht Klavier üben. Das ist doch in der Schule auch so, oder? Die Kinder wollen lesen, rechnen und so weiter können.

Ein Beispiel: Letztens kam mein Schüler Nils (Name geändert), 14 Jahre alt, also in der Pubertät, in die Klavierstunde und sagte: »Mein Vater meint, ich müsste mehr üben.« Ich: »Und, hast du?« »Nein, ich bin einfach nicht dazu gekommen. Immer wenn ich Zeit für das Klavier hatte, habe ich gespielt und gespielt, und wenn ich dann üben wollte, hatte ich keine Zeit mehr – oder keine Lust.« Mein Ziel: Für meine Schüler ist Üben nicht Last, sondern Lust. Das gelingt bei den meisten, Nils ist wirklich nur ein Beispiel.

PÄDAGOGIK: Wollen Sie damit sagen, dass Ihre Schülerinnen und Schüler gar nicht merken, dass sie üben?

van der Schoor: Ja, so kann man das ausdrücken, denn: Bei mir kommen sie nicht in den Klavierunterricht, sondern zum Klavierspielen. Darauf lege ich sehr großen Wert. Und ich bewirke das, indem ich zwei Grundsätze, die mir sehr wichtig sind, umsetze: Erstens lasse ich mich bei der Gestaltung meines Unterrichts, also bei meinem Input in den Lernprozess, in erster Linie von den Interessen und Bedarfen der Schüler leiten. Und zweitens sorge ich immer dafür, dass sie einen Erfolg erleben; in der Motivationstheorie wird das »sich als kompetent und selbstwirksam erfahren « genannt. Das ist meines Erachtens gerade beim Üben sehr wichtig, weil Üben ja zunächst bedeutet, dass ich etwas noch nicht gut kann; darin steckt die Gefahr der Frustration, die demotivierend ist.

PÄDAGOGIK: Der Reihe nach: Natürlich ist es erstrebenswert, sich an den Interessen der Schülerinnen und Schüler zu orientieren, dass sie also intrinsisch motiviert sind. Das ist im Instrumentalunterricht mit einem Schüler, der privat ein Instrument lernen will, sicher einfacher als mit großen Lerngruppen in der Schule mit ihren äußeren Zwängen (Schulpflicht, Lehrpläne etc.). Andererseits, so war ja mein Ausgangspunkt, gelingt das auch vielen Instrumentallehrern nicht gut. Es ist also kein Automatismus. Verraten Sie uns deswegen noch etwas mehr über Ihren Ansatz; vielleicht enthält er ja trotz der unterschiedlichen Voraussetzungen Inspirationen für die Schule.

van der Schoor: Beispielsweise lege ich größten Wert darauf, dass meine Schüler nur die Stücke spielen, die sie mögen. Ich spiele etwas vor, und sie suchen sich das aus, was für sie richtig ist. Sehr häufig kommen sie auch mit eigenen Vorschlägen. Für diese Fälle habe ich in meinem Unterrichtsraum eine Kiste mit Tausenden von Leadsheets (vereinfachte Notation mit der Melodie und den Harmonien eines Stückes, Anmerkung der Redaktion) und einen Kopierer, sodass ich im Prinzip alle Wünsche erfüllen kann. Mit dieser vereinfachten Notationsweise wird es möglich, das Stück auf jeder Könnensstufe – in der Schule würde man wohl »auf jedem Abstraktionsniveau« sagen – musizieren zu können. Wenn z. B. eine Begleitung der linken Hand zu schwer ist, kann ich ein anderes Begleitmuster finden. Oder wir lassen einen schwierigen Teil aus – den können wir später mal nachholen. So kann jeder alles spielen und an jedem Stück Fortschritte erzielen. – Übrigens: Selbst das weltberühmte »Für Elise« von Beethoven gebe ich ihnen in dieser Form, so können es sogar Anfänger schon spielen. Was glauben Sie, wie stolz die dann sind. – Es sind also zwei Aspekte: Erstens wählt der Schüler selbst aus. Zweitens schaue ich, was er an dem gewählten Stück jetzt lernen kann. Das ist ja bei jedem Kind anders, deswegen muss immer wieder von Neuem geschaut werden, wo es steht, um dann von dort aus weiterzumachen, keinen Schritt zu überspringen.


Jeder kann alles spielen und an jedem Stück Fortschritte erzielen.


Ich weiß: Das ist im Einzelunterricht zweifellos einfacher als in einer Schulklasse mit 25 oder mehr Kindern, aber letztlich trotzdem richtig und wichtig, oder? Ich kenne mich mit den schulischen Lehrplänen nicht so gut aus, aber: Eröffnen die neuen Kernlehrpläne nicht auch diese beiden Möglichkeiten, wenigstens im Ansatz?

PÄDAGOGIK: Zumindest wird auch von Schullehrerinnen und -lehrern die individuelle Förderung aller Kinder erwartet. – Mich würde noch Ihr zweiter Grundsatz »Schüler haben immer Erfolg« interessieren. Wie gelingt Ihnen das?

van der Schoor: Erstens: Ich spiele neben dem Klavier auch Gitarre, und so habe ich die Möglichkeit, mit meinen Schülern zusammen zu musizieren. Dadurch klingt das Stück automatisch satter und wir ziehen uns gegenseitig mit, wenn der eine oder der andere mal etwas stolpert: Es klingt dann in der Regel trotzdem gut. Zudem habe ich so die Möglichkeit, behutsam das Tempo und die Rhythmik zu steuern und den Schüler durch das, was ich spiele, für sein eigenes Spiel zu inspirieren. Außerdem stehe ich nicht als Beobachter oder Kontrolleur hinter dem Schüler, der mir seine wöchentlichen Übungsergebnisse präsentiert. Deswegen sage ich auch nie »Spiel Du mal vor!«, sondern immer »Dann spielen wir mal«.

Ein erwünschter Nebeneffekt ist: Aufgrund meiner nicht ganz ausgereiften Gitarrentechnik bekommen die Schüler bei unserem gemeinsamen Musizieren auch Fehler von mir mit. So haben sie noch mehr das Gefühl, ein Musikstück mit mir zusammen zu erarbeiten und gemeinsam zu musizieren. – Manchmal werde ich darauf hingewiesen, jetzt mal nicht mitzuspielen, da meine Gitarrenbegleitung gerade nicht so schön klingen würde.

Zweitens: Ich verteile weder Lob noch Tadel. Wenn die Schüler ein Stück gut spielen, ist es Erlebnis und Vergnügen für sie selbst. Spielen sie etwas schlecht, merken sie das selber und äußern das auch. Das ist dann kein Problem für uns: Wir arbeiten umgehend daran.

PÄDAGOGIK: Das hört sich alles toll an, aber mal Hand aufs Herz: Auch Sie haben doch sicherlich Schülerinnen und Schüler, die keine Lust aufs Klavierspielen haben, wenn auch nur phasenweise. Wie gehen Sie damit um?

van der Schoor: Sie haben recht: Das was ich bisher beschrieben habe, klingt unrealistisch, möglicherweise idealistisch. Natürlich kommt es auch bei meinen Schülerinnen und Schülern irgendwann einmal zu einer Hängephase. Da kann ich den Unterricht so interessant und individuell machen wie ich möchte: Schüler können Gründe haben, warum ihnen die Lust zum Klavierspielen (und damit -üben) fehlt.

Wie reagiere ich? Ich benutze nie das Wort Faulheit. Ich sage nie: »Du musst mehr tun!« Ich bleibe bei meinem Grundsatz, mit den Kindern an der Stelle weiterzumachen, wo sie stehen. Jedes Mal wieder – jede Stunde, jede Woche. Nie meckern über das, was nicht gemacht oder verpasst worden ist.

Nicht selten ist die »Lustlosigkeit« auch darauf zurückzuführen, dass der Schüler mit dem eigenen Spielen unzufrieden ist, ein Stück nicht so hinbekommt, wie er selbst sich das vorstellt. Dann ist es meine Aufgabe, eine andere Übung, also ein anderes Stück zu finden, an dem der nächste Schritt getan werden kann. Es gibt so viel Musikliteratur, auf die sich zurückgreifen lässt, dass man kein Stück bis zum Erbrechen behandeln muss.

PÄDAGOGIK: Vielen Dank für den interessanten Einblick in Ihre »Übe- Pädagogik «.

Mit Ulrich van der Schoor sprach Jörg Siewert.

Ulrich van der Schoor ist ein Jazzpianist mit internationaler Konzerterfahrung sowie ein überregional gefragter Instrumentallehrer und Musikpädagoge. ulrichvds@web.de