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SOILWORK Overgivenheten


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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 19.10.2022
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Nach dem Tod von Songwriter und Band-Kopf Tom Searle 2016 herrschte eine gewaltige Ungewissheit, wie es mit Architects weitergehen kann. Mit THE CLASSIC SYMPTOMS OF A BROKEN SPIRIT, dem dritten Album nach der Tragödie, zeigen sie sich nun aber aktiver denn je. Nur ein Jahr nach der letzten Platte noch eine nachgelegt – wie geht das? „Bevor der Lockdown begann, hatten wir FOR THOSE THAT WISH TO EXIST schon fertiggestellt. In der Zwischenzeit haben wir geschrieben, weil wir einfach nichts anderes zu tun hatten“, erinnert sich Sänger Sam Carter schmerzlich an die tourneelosen Zeiten, bevor das eigentliche Interview beginnt.

Ihr veröffentlicht aktuell euer zehntes Studioalbum. Stimmt euch das Jubiläum nostalgisch?

Ali: Es ist wirklich verrückt. Als wir die Band gründeten, haben wir immer gehofft, dass wir viele Jahre weitermachen würden. Aber das tatsächlich zu erreichen, ist ziemlich erstaunlich. ...

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Ali: Es ist wirklich verrückt. Als wir die Band gründeten, haben wir immer gehofft, dass wir viele Jahre weitermachen würden. Aber das tatsächlich zu erreichen, ist ziemlich erstaunlich.

Sam:Eines der coolsten Dinge, die man als Band erleben kann! Wenn man sich kreativ fühlt, muss man schreiben. Sonst stagniert man. Wir schreiben immer, weil wir nie wissen, in welche Richtung ein Album gehen soll.

Wie sah euer Schreibprozess während der Pandemie aus?

Ali: Wir leben alle ziemlich weit voneinander entfernt. Sam und ich wohnen nah beieinander, aber Dan (Searle, Schlagzeug) und Josh (Middleton, Gitarre) leben in verschiedenen Teilen Großbritanniens, und Adam (Christianson, Gitarre) wohnt in Vancouver. Es ist also sehr selten, dass wir zusammen in einem Raum schreiben. Alles läuft über WhatsApp und E-Mails, es dauert also alles eine Weile. Heute hat jeder von uns sein eigenes Set-up zu Hause und man kann eine Idee innerhalb von Minuten aufnehmen und teilen. Dan und Josh sind die Hauptautoren. Und dann hat Sam einen großen Anteil am Gesang, und jeder hat auch seine Ideen, wie die Dinge klingen sollten.

Es gibt eindringliche Studiodokumentationen von euch, wie ihr LOST FOREVER // LOST TOGETHER und ALL OUR GODS HAVE ABANDONED US im Göteborger Studio Fredman aufgenommen habt. Vermisst ihr diese intensiven Kreativzeiten alle zusammen?

Sam: Nein!

Ali:Ich vermisse das gar nicht.

Sam:Es ist einfach zu viel, es ist zu intensiv. Man verliert den Blick dafür, was gut oder schlecht ist, und man ist so gefangen in der Platte und so unglücklich, weil man zu viel Zeit auf so engem Raum verbringt.

Ali:Der Druck wird immens.

Sam:Oft waren die Sachen zwar schon vorher geschrieben, aber vor Ort nahmen wir uns viel Zeit für den Gesang, weil wir noch nicht genügend Demoaufnahmen gemacht hatten. Jetzt hingegensind die Songs komplett durchgeplant, bevor wir mit den Aufnahmen beginnen. Das ist viel angenehmer. Und außerdem ist Schweden verdammt trostlos.

Ali:Im Studio war es wunderschön, aber die Lage ist ziemlich isoliert. Und ich weiß nicht mehr, in welchem Monat wir dort waren ...

Sam:... November oder so.

Ali:Es war hart. Und es gab ein paar persönliche Dinge, die innerhalb der Band passierten, was einfach super stressig war. Aber wir haben zwei großartige Platten daraus gemacht.

Gab es Heureka-Momente im WhatsApp-Studio?

Ali:Was wirklich ein seltsamer Zufall ist: Die beiden Leadsingles der letzten Alben, ‘Animals’ und jetzt ‘When We Were Young’, kamen aus dem Nichts, während die anderen Songs über Monate zusammengeschmiedet wurden.

» WAS DIE LEUTE IM ALLGEM EINEN STÖRT, SIND DIE UNANNEHMLICH KEITEN, DIE DAMIT VERBUNDEN SIND, POSITIVE VER ÄNDERUNGEN IN IHREM LEBEN VORZUNEHMEN. «

ALI DEAN

Dan hat gesagt, euer Anspruch sei mittlerweile „mehr machen mit weniger“?

Sam: Besonders jetzt. Die letzte Platte hatte so viele Elemente mit den Streichern und dem Chor, das war wirklich grandios, während wir uns bei dieser Platte mehr auf ältere Synthesizer konzentrieren und in die elektronische wie perkussive Seite eintauchen. Dieses Mal hat Ali auch zwei Stunden an alten, analogen Maschinen damit verbracht, einen seltsamen Synth-Sound zu finden.

Wie war es für euch, abermals mit Dan und Josh als Produzenten zu arbeiten?

Ali: Im Lauf der Jahre sind wir alle viel selbstbewusster geworden. Wenn wir in der Vergangenheit mit einem Produzenten gearbeitet haben, der wirklich starke Ideen und Gefühle davon hatte, wie etwas sein sollte, hat sich das einfach gegen uns gerichtet. Wir hatten dann nicht mehr das Gefühl, dass es noch Songs waren.

Sam:Wir sind verdammt hart zu uns selbst. Wir brauchen niemanden, der uns sagt, was richtig oder falsch ist. In der Vergangenheit gab es Leute, die uns auf die Palme gebracht haben.

Ali:Wir fünf wissen, wie man ein Album so zusammenstellt, dass wir es aufnehmen können. Wenn man gerade erst mit seiner Band auf eigenen Füßen steht, weiß man nicht, wie das Schlagzeug klingen soll.

Lasst uns dorthin zurückgehen – ihr beide habt euer halbes Leben in Architects verbracht. Wie würdet ihr euch heute mit Ali und Sam von vor 16 Jahren vergleichen?

Ali: Wir sind heutzutage viel professioneller, wenn es darum geht, Musiker zu sein. Als wir anfingen, war es eher: „Oh mein Gott, wir sind auf Tour. Das ist verrückt.“ Man nimmt es immer ernster, denn irgendwann muss es zu einer Karriere werden.

Sam:Man kann seinen Körper nicht mehr so beanspruchen, wie wir es als Kinder getan haben, das ist zu viel. Wir können nicht mehr so viel trinken wie damals jede Nacht. Weil wir in einem verdammten Van schliefen – da musste man sich sehr besaufen, dass man überhaupt schlafen konnte.

Ali:Wir bereiten uns aufs Touren auch viel intensiver vor, und jeden Tag wird die Show kritisiert und überlegt, wie sie besser werden kann.

Sam:Jetzt fühlt sich alles viel besser an, sehr akribisch, und alles ist perfekt, bevor wir überhaupt die Bühne betreten haben. Als Kids waren wir froh, wenn wir ein Banner hatten – jetzt haben wir eine komplette Videowand.

hatten – jetzt haben wir eine komplette Videowand.

Ali:Wir halten uns jetzt viel mehr gegenseitig im Zaum. Früher haben wir an Abenden einen draufgemacht, aber das lassen wir nicht mehr zu.

Ali:Wir halten uns jetzt viel mehr gegenseitig im Zaum. Früher haben wir an Abenden einen draufgemacht, aber das lassen wir nicht mehr zu.

Was sind die frühesten Erinnerungen an euch gegenseitig?

Sam: Betrunken?

Ali:Ich würde denken, als Sam Schlagzeug für seine erste Band spielte, wie hieß die noch?

Sam:This City, vielleicht?

Ali:Sam spielte Drums in vielen Bands in der Szene von Brighton. Ich habe ihn singen und spielen sehen, gleichzeitig, aber kannte ihn nicht sehr gut. Wir hatten eine Menge gemeinsamer Freunde, aber sind beide nicht in Brighton aufgewachsen, sondern 30 Minuten entfernt. Da gab es viele eigene Mikroszenen im Hardcore und Pop-Punk.

Sam:Überall an der Südküste. Wenn man gut war, schaffte man es nach Brighton. Ich erinnere mich an Alis erste Show am Bass für Architects und dachte: „Whoa, Ali ist eine verdammte Berühmtheit! Er hat es geschafft!“

Ali:Er geht auf Tour!

Sam:Das war, was jeder tun wollte. Also ja, als ich von Architects gefragt wurde, ob ich mitmachen will, sagte ich: „Fuck yeah, ich gehe auf Tour!“

Wie ist euer Leben heute im Vergleich zu damals?

Ali: Offensichtlich viel bequemer. Wir wissen, wann unser nächster Gehaltsscheck kommt, was schön ist.

Sam:Überhaupt bezahlt zu werden.

Ali:Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass es völlig verrückt ist, dass wir damit unseren Lebensunterhalt verdienen, was vor Jahren noch nicht einmal in Frage gekommen wäre.

Sam:Besonders in diesen frühen Tagen waren wir niemand. Wir sind einfach nie nach Hause gegangen, denn das konnten wir uns schlicht nicht leisten. Wenn man aufhörte zu touren, war man verschuldet. Wir machten einfach weiter und weiter, und von einer Tournee konnten wir dann die letzte Tournee bezahlen, ein ständiger Kreislauf, in dem man buchstäblich auf dem Boden schlafen und die ganze Zeit Scheiße fressen musste.

Ali:Mir ist gerade aufgefallen, wie schön es eigentlich momentan ist. Es wäre ziemlich einfach für uns gewesen, in den letzten Jahren zu sagen: „Wisst ihr was? Lasst uns einfach eine kleine Pause von all dem einlegen.“ Josh und Dan sind Familienväter, aber wir sind alle irgendwie in der Band zusammengeblieben, und der Enthusiasmus ist noch immer bei allen da.

Sam:Sogar größer. Jetzt ist der Druck, den wir uns selbst auferlegt haben, um das Niveau der Band aufrechtzuerhalten, immens, weil es unser Leben ist, weil wir so hart daran gearbeitet haben, das Erbe der Band zu gestalten, dass wir es nicht vernachlässigen oder aufgeben wollen. Wir haben Glück, dass wir alle das Gleiche fühlen.

Besonders nach einem Nummer eins-Album!

Sam: Nein, ehrlich gesagt haben wir nie gedacht, dass wir das jemals bekommen würden. Wir haben nie eine Platte mit der Absicht geschrieben, im verdammten Radio geschweige denn Nummer eins zu sein.

Ihr habt in eurem Sound eine enorme Bandbreite von Stilen über knapp zwei Jahrzehnte versammelt. Eure alten Fans erkennen euch heute vielleicht nicht wieder. Wie habt ihr eure Fans mitwachsen sehen?

Sam: Ich erkenne sie auch nicht mehr. Weil sie damals 16 waren und jetzt 30 sind. Ich erkenne mich auch nicht mehr wieder. Man kann nicht immer wieder die gleiche Platte schreiben, dann würde es einen nicht mehr interessieren, weil man es dann nur noch abspult. Ein Teil dessen, was so brillant an Musik ist, ist es, diesen Heureka-Moment zu finden, den man vorher nicht berührt hat. Jeder muss sich verändern. Ich will nicht so klingen wie Architects vor drei Jahren. Wir müssen zwei Alben voraus sein, immer. Es gibt so viele Bands, die diesen „architectsy Sound“ von vor drei Jahren machen. Es stört mich nicht, es ...

Ali:... ist ein Kompliment.

Was waren die wichtigsten Momente eurer Karriere, die euch noch oft im Kopf aufblitzen, als wären sie gestern geschehen?

Sam: Ich glaube, die erste Tournee, nachdem wir Tom verloren hatten. Denn zu Beginn wussten wir nicht, ob wir weitermachen würden oder nicht. Und am Ende der Tour fühlte es sich so an, als gäbe es keine andere Wahl. Insgesamt einfach die Unterstützung und die Liebe zu sehen, wie sehr die Musik die Leute wirklich berührt hat, mit den Augen von welchen, die vielleicht nicht dachten, dass es weitergehen würde ...

Ali:Allein zu wissen, dass die Band existieren kann, ohne Tom. Denn er war zu jener Zeit der Kapitän der Band, und es gab natürlich die Befürchtung, dass wir keine Ahnung hätten, was wir ohne ihn machen würden – aber wir haben es geschafft.

Sam:Auch Rock am Ring und Rock im Park zu spielen, das war immer eine große Sache für uns. Aber besonders das letzte Mal im Regen, als wir das mit Tom gemacht haben, war super emotional. Das waren die letzten Shows mit ihm.

Ali:Auch das erste Mal, als wir im Alexandra Palace in London gespielt haben, das war ein echtes „holy fuck“. Da dachte ich, diese Band hat sich wirklich zu etwas ganz Besonderem entwickelt. Wir werden diese Show nie vergessen.

Sam:Das war ein Adrenalin-Trip. Man sieht 10.000 Menschen vor sich, das ist verdammt verrückt.

Foto: E. Mason (PR)

» WIR HABEN NIE EINE PLATTE MIT DER ABSICHT GESCHRIEBEN, IM VERDAMMTEN RADIO GESCHWEIGE DENN NUMMER EINS ZU SEIN. «

SAM CARTER

Eure Texte setzen sich nach wie vor mit vielschichtigen, sozialkritischen Themen auseinander. Mit ‘Doomscrolling’ zerpflückt ihr Social Media-Gewohnheiten.

Sam: Es ist einfach trostlos. Man sitzt an seinem Telefon und ist süchtig nach den traurigen und schlechten Nachrichten, weil sie überall sind. Das ist, was sich verkauft. So bekommt man die Klicks. Das lockt die Leute an und bringt sie dazu, eine bestimmte Art von Traurigkeit zu empfinden, aber sie werden auch mit diesem Adrenalin der Angst gefüttert. Man kann sich stundenlang damit beschäftigen, welche Tierart jetzt ausgestorben ist, dass es das heißeste Jahr aller Zeiten ist, dass dieser Teil des Ozeans tot ist. Andererseits denke ich an Teenager, die sich anschauen, was andere Leute machen und wie perfekt und brillant deren Leben ist, während man in Wirklichkeit nur kleine Schnappschüsse aus dem Leben der Leute mitbekommt und die Kämpfe und den Stress sowie alles andere nicht sieht. Das Internet und insbesondere die Sozialen Medien sind eine sehr gefährliche Sache für jüngere Geister.

Ali:Es gibt auch fast keine Moderation. Ich denke, es sollte eine Art Altersbeschränkung geben oder so. Ich weiß es nicht. In ‘Doomscrolling’ geht es darum, jeden Tag mit den Horror-Shows des Lebens gefüttert zu werden – das ist einfach schlecht für die Seele.

Andererseits geben Soziale Medien Menschen aber auch mehr Macht, sie ändern Gesellschaften und bringen Umdenken ins Rollen ...

Sam: Klar, aber vieles davon gehört größeren Konzernen, die bestimmen, was man sieht. Es kann ein großartiger Ort sein, um Bewegungen zu starten und positive Botschaften zu verbreiten, aber auch ein Ort, der verdammt viel Schreckliches verbreitet wie Unwahrheiten, die die Leute denken lassen, dass der Klimawandel nicht wirklich ist – ein verdammt verrücktes Werkzeug. Und es ist kein Ort für Gespräche, sondern für Erklärungen. „Das ist meine Meinung.“ Und dann sagt jemand: „Fick dich! Das ist, was ich denke.“ Und dann geht es einfach weiter. Es gibt kein „Wie denkst du darüber?“

Ali:Man sieht, wie Leute versuchen, eine vernünftige Diskussion zu führen. Und dann stürzen sich all die anderen mit drauf.

Sam:Schaltet es aus, das ganze Ding.

Ali:Ich hoffe nur, dass sich das ändert, bevor die jungen Leute erwachsen werden. Sonst bleiben solche Sachen im Hinterkopf. Ich hoffe, dass meine Nichte nicht gesagt bekommt, sie sei hässlich, von einem ...

Sam:... völlig fremden ...

Ali:... Idioten, der im Keller wohnt und nie die Sonne sieht.

Sam:Es ist eine verrückte Welt, oder?

Danhat gesagt, euer letztes Album drehte sichum die Erhaltung der Menschheit. In ‘Doomscrolling’ heißt es nun aber: „No betting on tomorrow“. Habt ihr noch Hoffnung?

Sam:Wir sind an dem Punkt, an dem wir es wirklich nicht mehr wissen.

Ali:Meine persönliche Erfahrung mit „Ich weiß es nicht mehr“ war, als ich mit meiner Freundin am Strand den Sonnenuntergang genossen und ein Eis gegessen habe – und dann kam eine Frau daher, aß ihre Pommes auf und schmiss den Müll einfach auf den Boden. Oder in Portugal, da habe ich eine Plastikflasche aus einer Burg aus dem 11. Jahrhundert aufgesammelt. Wir kriegen nicht mal das Problem der Vermüllung in den Griff. Und das ist der einfachste Scheiß, so grundlegend. Sam:Ich habe das Gefühl, dass wir ständig dagegen ankämpfen und versuchen, diese empathische Ebene der menschlichen Natur zu erreichen, die darin besteht, dass man sich um seinen Bruder und seine Schwester kümmert, und zwar nicht als Blutsbruder oder -schwester, sondern im Sinne von allen. Aber wir sind so sehr auf das „Ich“ fokussiert und nicht auf das „Wir“. Und es ist eine verdammt verrückte Welt, weil es Menschen gibt, die wirklich versuchen, für alle zu kämpfen, und das sind die Leute, die verhöhnt und verleumdet werden. Zum Beispiel Extinction Rebellion in England, die versuchen, zu protestieren und zu kämpfen, um das Bewusstsein für den Klimawandel zu schärfen. Wir haben gerade den heißesten Tag in der Geschichte des Vereinigten Königreichs erlebt, und trotzdem werden sie belächelt. Und dann gibt es Demonstranten, die die Benzinpreise senken wollen, und die werden verdammt noch mal als Helden bejubelt.

Ali:Ich glaube, was die Leute im Allgemeinen stört, sind die Unannehmlichkeiten, die damit verbunden sind, positive Veränderungen in ihrem Leben vorzunehmen.

Sam:Das Problem in Großbritannien ist, dass sie jetzt versuchen, das Protestieren illegal zu machen. Man kann dann verhaftet werden, weil man zu lautstark ist. So kommt man einen Punkt, an dem man denkt, das war’s.

Ali:Es ist schwer, das nicht zu denken.

Sam:Sie wollen, dass du aufgibst, das ist es. Sie wollen, dass sie diese Entscheidungen für dich treffen. Und das meine ich nicht auf eine super Hippie-Art. Regierungen versuchen, andere Ansichten zu unterdrücken. Und sie kommen wortwörtlich sogar mit Mord davon. Wie zum Teufel sollen wir dann versuchen, etwas zu ändern? Wie können wir uns alle als eine bewusste Gruppe von Menschen verstehen, dass wir größer sind? Wenn wir zusammenarbeiten, wird es immer mehr von uns geben als die Leute, die die Kontrolle haben. Aber wir tun nichts.

Klimawissenschaftler geben uns noch circa vier Jahre, bis drastische, unumkehrbare Veränderungen auftreten. Euer Album klingt sehr dystopisch mit Songs wie ‘Be Very Afraid’. Habt ihr Angst?

Sam: Ich habe keine Angst um mich. Ich habe Angst um die jüngeren Generationen. Deshalb will ich weiter sprechen und tun, was wir tun, für die Kinder und unsere Familien, Nichten und Neffen. Sie sind diejenigen, für die man wirklich kämpfen möchte. Wir haben bis jetzt ein sehr gutes Leben geführt. Als ich aufwuchs, musste ich mir keine Sorgen machen, dass ich nicht nach draußen gehen könnte, weil es in Brighton zu heiß ist. Heute müssen Kinder drinnen am Ventilator bleiben, auch meine Hunde. Das sind Probleme, die wir als Kinder nicht hatten.

VINCENT GRUNDKE