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Soll der Held von Würzburg sofort eingebürgert werden?


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 27/2021 vom 04.07.2021

PRO UND CONTRA

Ja, sagt Henryk M. Broder

Es gibt in der Bundesrepublik eine unüberschaubare und stetig wachsende Anzahl von Preisen für zivilcouragiertes Verhalten. Unter anderem den XY-Preis für Zivilcourage – Gemeinsam gegen das Verbrechen, der von der ZDF-Redaktion „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ an Personen verliehen wird, die sich „in beispielhafter Weise für den Schutz des Lebens, der Gesundheit oder des Eigentums von Mitbürgern eingesetzt haben“; den Jenaer Preis für Zivilcourage, der „das Thema Zivilcourage immer wieder in die Öffentlichkeit rücken“ will; den Dachau-Preis für Zivilcourage, der „ein Zeichen gegen das Wegsehen, das Schweigen, die Gleichgültigkeit setzen“ soll; den Preis für Zivilcourage der Stadt Trier, mit dem Menschen ermutigt werden sollen, „in brenzligen Situationen … ihren Mitmenschen zur Seite zu stehen“; den Preis für Zivilcourage des Landes ...

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... Nordrhein-Westfalen, den Zivilcouragepreis der Heilbronner Stiftung Bürger für Bürger, den Steh-auf-Preis für Toleranz und Zivilcourage der F.C. Flick Stiftung oder den Paul-Spiegel- Preis für Zivilcourage des Zentralrates der Juden, mit dem zuletzt die „Omas gegen rechts“ geehrt wurden, die sich „mit kreativen Protestformen für die Demokratie“ einsetzen und „von Anfeindungen nicht einschüchtern“ lassen.

Zivilcourage steht hoch im Kurs in Deutschland. Dabei muss man nicht viel wagen, um in den Kreis der couragierten Menschen aufgenommen zu werden. Es genügt, vor dem Anpfiff zu einem Fußballspiel kurz in die Knie zu gehen, um „ein mutiges Zeichen“ gegen Gewalt und Rassismus zu setzen.

Umso absurder ist die Debatte, die gerade über einen 42 Jahre alten iranischen Kurden geführt wird, der vor anderthalb Jahren nach Deutschland kam und Asyl beantragt hat. Er war einer der „Helden“, die sich in Würzburg dem Messer schwingenden jungen Somalier entgegengestellt und damit ein noch schlimmeres Blutbad verhindert haben.

Die Debatte kreist um die Frage, wie man eine solche Tat „belohnt“. Ist ein „Vergelt’s Gott!“ verbunden mit einem kräftigen Händedruck des bayerischen Ministerpräsidenten genug, oder sollte der Mann umgehend eingebürgert werden? Natürlich sollte er das! Und wenn dazu alle Vorschriften, die im regulären Asylverfahren gelten, kurz außer Kraft gesetzt werden müssten. Der Bundespräsident, der Bundesverdienstkreuze an Bürger verleiht, die sich um das Gemeinwohl verdient gemacht haben, könnte im Fall des Kurden einen Schritt weiter als üblich gehen und verfügen: „Der Mann wird eingebürgert! Basta!“ Das würde er vermutlich auch machen, wären da nicht die Bremser und Bedenkenträger in seiner Umgebung. Der tapfere Kurde aber, der mehr als nur „ein Zeichen“ setzen wollte, muss nun befürchten, dass ihm demnächst ein Preis für Zivilcourage verliehen wird. Da wäre sogar ein Gutschein für zwölf Besuche bei McFit verlockender.

T Unser Autor wurde im Alter von elf Jahren eingebürgert. Seinen Migrationshintergrund hat er nie abgelegt.

Nein, findet Peter Huth

Ais ausreichend siegfriedhaft und damit für die deutsche Staatsbürgerschaft als qualifiziert befunden! Stempel drauf, Pass erstellt, feierlich übergeben, vielleicht gleich vom Bundespräsidenten. Meine Güte, sind wir Deutschen doch großmütig, differenziert; lassen, wenn es passt, auch mal Zwölfe gerade sein! So stellen sie sich das vor, diejenigen, die jetzt voll Edelmut die sofortige Aufnahme des kurdischen Iraners Chia Rabiei in das deutsche Volk fordern. Staatsbürgerschaft now! Als ob es sich dabei um einen Preis handelt, den man mit besonderen Verdiensten erringen kann.

Keine Frage: Rabiei ist ein mutiger Mann, er stellte sich (wie viele andere, darunter ein strohblonder Soldat namens Elvis) gegen den Messerberserker von Würzburg. Dafür muss ihm ohne Wenn und Aber Respekt gezollt werden. Ministerpräsident Markus Söder möchte ihm die bayerische Tapferkeitsmedaille verleihen – exakt die angemessene und richtige Belohnung für den Mann, der nach einer lange Odyssee aus dem Iran und zurück irgendwie nach Würzburg kam, einen Asylantrag stellte (dessen positiver Ausgang wohl mehr als fraglich ist) und große Zivilcourage bewies.

Was verdächtig ist: Die Forderung nach der Belohnungseinbürgerung (gälte die eigentlich auch – alles andere wäre ja grausam – für seine Frau und die Kinder?) wird auch von denen unterstützt, die normalerweise gerne und gezielt Asyl, Flucht vor Krieg und Armut in einen Topf werfen; für die schon die Aussprache des muslimischen „Mein Gott“ – „Allahu akbar“ – ein klarer Beleg für Terrorhintergedanken ist und die penibel zwischen „Biodeutschen“ und Der- heißt-Mohammed-der-kann-kein-

Deutscher-sein unterscheiden. Und die sich heftig über brave Symbolik wie das Tragen einer Regenbogenbinde oder das Niederknien vor einem Fußballspiel empören. Und jetzt das? Eine Einbürgerung als Beweis für Wir-sind-ja-gar-nicht-so? Nein!

Deutschland ist ein Rechtsstaat. Über die Einbürgerung des Helden Rabiei wird nach einem klaren und transparenten Verfahren zu entscheiden sein. In siebeneinhalb Jahren. Denn wer Deutscher werden will, kann erst nach acht Jahren im Land den Antrag stellen. Nach Ablauf dieser Frist wird, natürlich, seine Heldentat mit in die Bewertung eingehen.

Ihm jetzt den Pass zu überreichen, für das Erreichen eines Highscores in einem gefühlten Sozialpunktesystem, wäre ein fatales Signal. An alle die, die sich durch Deutschkurse quälen, sich Arbeit und Anschluss suchen, sich perfekt integrieren und auf unauffällige Art wirkungsvolle Mitglieder unserer Gesellschaft werden wollen oder geworden sind.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Chia Rabiei eines Tages Deutscher wird. Wenn er es denn will. Und wenn die Grundvoraussetzungen, die für alle gelten, erfüllt sind. Deutscher qua Extrawurst – nein danke!

T Peter Huth ist ein großer Freund des Symbolismus. Aber alles hat seine Grenzen.