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Sollen Jogginghosen an Schulen verboten werden?


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 05.07.2021

Kontrovers

PRO

Die Jogginghose ist ein etabliertes Kleidungsstück. Viele Erwachsene und Jugendliche bevorzugen in ihrer Freizeit die bequeme Schlabberhose. Im Kinderkanal KiKa habe ich mit meinen Kindern eine Sendung gesehen, in der eine junge Modeschöpferin vorgeführt hat, was man mit einer Jogginghose problemlos kombinieren kann, damit das »richtig edel« aussieht. In einigen Kreisen gilt die Jogginghose als Statusaccessoire. Kein Wunder, dass Schüler*innen dieses Kleidungsstück auch in der Schule tragen möchten. Ich finde das falsch.

Bekleidungscodes bestimmen unsere Wahrnehmung

Natürlich weiß ich, dass Mode sich verändert. Bekleidungscodes sind immer relativ. Sie sind eine historisch und kulturell gewachsene Struktur, die sich ständig verändert. Aber Bekleidungscodes bestimmen, wie wir unsere Mitmenschen wahrnehmen. Polizeiuniformen, Arztkittel, der Talar, Hidschab, Markenklamotten oder die beige ¯ ...

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Bildquelle: Pädagogik, Ausgabe 8/2021

Jens Buchholz ist Lehrer an einer Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg. jens.buchholz@live.com
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... Rentneruniform: Kleidung ist mehr als der Schutz vor Wind und Wetter. Sie ist auch ein Ausdruck unserer Persönlichkeit. Sind wir reich oder arm, bescheiden oder protzig? Kleidung kann religiöse oder subkulturelle Zugehörigkeit signalisieren, sie zeigt, ob wir arbeiten oder einer Freizeitbeschäftigung nachgehen. Sie strukturiert so ein Stück weit unser Zusammenleben.

Schüler*innen haben einen berechtigten Anspruch darauf, mit ihrem Kleidungsstil ihre Persönlichkeit auszudrücken. Sie haben auch das Recht darauf, sich auszuprobieren und unterschiedliche Stile zu testen. Nicht nur wegen ihres Grundrechtes auf freie Persönlichkeitsentfaltung – es ist auch pädagogisch geboten. Denn eine wichtige Aufgabe der Schule ist es, Schüler*innen bei der Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu unterstützen und zu begleiten.

Wir müssen den Schüler*innen Orientierung durch Klarheit und Transparenz auch in Bekleidungsfragen bieten.

Jogginghosen sind Freizeitbekleidung

Zur Persönlichkeitsentfaltung gehört es jedoch auch, ein Gespür für soziale Kontexte zu entwickeln. Auch Schule ist ein sozialer Kontext. Ein ähnlicher Kontext wie im Erwachsenenleben die Arbeit. Schule ist ein Lernraum. Sie soll ein Lebensraum sein, der individuelle Lernprozesse ermöglicht. Was sie aber nicht sein soll, ist Freizeit.

Jogginghosen sind Freizeitkleidung. Sie in der Schule zu tragen, ist nicht einfach nur unangemessen, es ist ein falsches pädagogisches Signal. Andreas Reckwitz erklärt in seinem Buch »Gesellschaft der Singularitäten«, dass soziale Strukturen zu einem großen Teil von einem unbewussten Habitus aufrechterhalten werden. Man könnte das auch als »Körpergedächtnis« bezeichnen. Je nach Kontext aktiviert das Körpergedächtnis unterschiedliche Rollen. Teil des Körpergedächtnisses ist die Kleidung. Schüler*innen in Jogginghose, mit Baseballcap oder bauchfreien Tops sind im Freizeitmodus. Der soziale Kontext »Lernen« erfordert aber eine klare Trennung vom Kontext Freizeit, um störungsfreies Lernen möglich zu machen. Und das gilt auch oder gerade für offene Lernformen.

Schule braucht angemessene Kleidung

Es geht nicht um Uniformierung – die würde auch ich als Einschränkung betrachten. Es geht lediglich um Angemessenheit. Es geht darum, den Ort, an dem man sich befindet, zu respektieren. Es geht darum, sich auf diesen Ort einzustellen. Kein Maler, kein Schornsteinfeger, kein Profifußballer würde sich darüber beschweren, dass er sich seinem Beruf entsprechend zu kleiden hat.

Die Rolle »Schüler*in« ist nicht die Rolle »Gangster-Rapper*in«, »Punker*in« oder »Popstar«. Gerade die Generation Gangster-Rap liebt Anzüge. Meine Generation sah bei den Abibällen aus, als käme sie direkt von Woodstock, Punk-London oder Grunge-Seattle. Heute sehen die Jugendlichen beim Abiball aus, als wären sie auf einer königlichen Hochzeitsfeier oder dem Opernball eingeladen. Keiner käme auf die Idee, in einer Jogginghose zu erscheinen. Und wenn dieser traditionelle Code so selbstverständlich ist, dann kann es auch für den Schulbesuch selbstverständlich sein, keine Freizeitkleidung zu tragen.

Erziehung wird durch klare und transparente Regeln strukturiert. Bieten wir den Schüler*innen Orientierung durch Klarheit und Transparenz auch in Bekleidungsfragen und sagen »Nein« zur Jogginghose.

Sei es das Verbot von Cappies im Unterricht oder die Diskussion um die angemessene Länge von Hosen und T-Shirts: So manch eine Mode führt nicht nur zu Diskussionen im Elternhaus, sondern auch im Kollegiumszimmer. Welche Kleidung ist angemessen für die Schule?

Ich arbeite an verschiedenen Grundschulen als Schulbegleiterin und höre häufiger die These: Eigentlich müsste man Jogginghosen an Schulen verbieten. Insbesondere an Grundschulen, aber auch an weiterführenden Schulen erscheint mir dieses Verbot aus pragmatischen und auch aus sozialen Gründen nicht sinnvoll.

Kinder brauchen Kleidung mit Bewegungsfreiheit

Es ergibt wenig Sinn, Kindern die Kleidung zu verbieten, die ihnen am meisten Bewegungsfreiheit bietet. Beim Spielen in den Pausen wird die Kleidung von Grundschüler*innen so oder so dreckig – das kann man nicht verhindern. Man kann aber verhindern, dass Kinder sich in Kleidung zwängen, die unpraktisch ist. Schule ist neben dem Unterricht auch ein Lebensraum, in dem Kinder entsprechend ihrer Bedürfnisse spielen dürfen. Jogginghosen sind dafür einfach das praktischste und pragmatischste Kleidungsstück.

Mein Eindruck ist, dass es den Kolleg*innen, die ein Jogginghosenverbot fordern, in Wahrheit nicht um das Kindeswohl geht. Vielmehr geht es um einen Generationen- und auch Milieukonflikt: zwischen Erwachsenen und Kindern, zwischen Gutverdienermilieus und Niedriglohnmilieus. Mir fällt auf, dass ich die Forderung nach einem Jogginghosenverbot eher an den Schulen in sogenannten Arbeitervierteln höre. Die Kolleg*innen, die dieses Verbot wollen, wohnen dann zumeist nicht in diesen Stadtteilen, sondern reisen aus besser situierten Gegenden zur Schule an. Dies erweckt bei mir den Eindruck, dass die Kolleg*innen, die ein Verbot fordern, einfach nicht mit der Armut der Schüler*innen und deren Eltern konfrontiert werden wollen. Derartige Forderungen sind oft nur Stoßseufzer der Kolleg*innen, die angesichts der schulischen Herausforderungen resignieren. Das ist ja grundsätzlich auch verständlich. Aber auch dieses Problem wird nicht durch ein Jogginghosenverbot an Schulen gelöst. Man sollte vielmehr – so anstrengend das auch sein mag – konsequent den Schüler*innen gegenüber sein und den Eltern klar aufzeigen, was in der Schule geht und was nicht.

Kolleg*innen, die ein Verbot fordern, wollen nicht mit der Armut der Schüler*innen und deren Eltern konfrontiert werden.

Jogginghosenverbot vertuscht nur monetäre Unterschiede

Die teilweise beachtlichen monetären Unterschiede der Elternhäuser und damit auch, wer an der Schule sich was leisten kann, sind den meisten Schüler*innen bewusst. Ein Jogginghosenverbot würde dieses Problem nicht lösen, sondern eher noch zementieren. So liegen die Vorteile der Jogginghose auch darin, dass sie im Gegensatz zur Jeans »mitwächst« und so etwas länger von den Kindern getragen werden kann.

Mobbing aufgrund der Tatsache, dass sich jemand keine hochwertige Kleidung leisten kann, ist ein großes Problem, und es wird nicht dadurch behoben, dass Kinder nicht mehr in Jogginghosen zur Schule kommen dürfen. Falls ein solches Verbot eingeführt wird, werden sich die Schüler*innen andere Statussymbole suchen. Damit hat man aber das eigentliche Problem – die Armut vieler Menschen – nicht gelöst, im Gegenteil: ein derartiges Kleidungsverbot versucht, die Unterschiede zu vertuschen, anstatt reflektiert mit ihnen umzugehen.

Sensibilisieren für angemessenen Kleidungsstil

Anstatt Jogginghosen zu verbieten, könnte man sogar zum Tragen ebendieser ermutigen. Denn wenn alle Jogginghosen tragen dürfen – Schüler*innen, Eltern und Kollegium –, sehen zumindest alle, die sich an Schulen aufhalten, etwas ähnlicher aus. Das wäre auch mit Schulkleidung möglich. Im Gegensatz zur Schulkleidung verbirgt sich dahinter allerdings kein Zwang zur Gleichmacherei. Vielmehr können Kinder und Jugendliche ihre Individualität trotzdem auch mit ihrem Kleidungsstil ausleben.

Ab einem gewissen Alter sollte Schule den Schüler*innen natürlich demonstrieren, dass nicht jede Kleidung überall getragen werden kann. Insbesondere im Hinblick auf die spätere Berufswahl kann das entscheidend sein. Aber auch bei diesem Sensibilisierungsprozess hilft ein Jogginghosenverbot an Schulen wenig. Eine gute Berufsberatung und persönliche Gespräche sind hier deutlich zielführender.

KONTRA