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Someone special


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musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 14.04.2022

GEORGE MICHAEL

Artikelbild für den Artikel "Someone special" aus der Ausgabe 5/2022 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
GEORGE MICHAEL: 1987 erreicht er die Sphäre Michael Jacksons; statt wie dieser einen einzelnen Kristallhandschuh, trägt er Leder.

Das Horrorjahr

2016, he? Das Jahr ist erst ein paar Tage alt, da sickert an einem Montagmorgen die Nachricht von David Bowies Tod durch, erst vereinzelt, dann unaufhörlich, wie Kaffee, der sich zunächst langsam durch den Filter drückt, irgendwann aber nicht mehr zu stoppen ist. Die Musikredakteur*innen der Radiostationen loggen sich in die automatisierten Playlistsysteme ein, um Bowie-Songs einzufügen. In den sozialen Medien reagieren die Menschen geschockt, gerührt und getriggert von der Ahnung, dass es Bowie tatsächlich gelungen ist, seinen Tod künstlerisch in Szene zu setzen. Bowie, das ewige Rätsel. Gut drei Monate später vermelden die Nachrichtenportale an einem frühen Donnerstagabend den Tod von Prince. Warum, woran? Und sowieso: Nicht auch noch Prince! Unter die Elogen mischen sich erste Spekulationen über mögliche Todesursachen, schnell werden sie verdrängt von dem ...

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... beklemmenden Gefühl, dass diese Dichte an Todesfällen dem Gleichgewicht der Welt nicht guttun werde. Man dürfe den Tod von Lemmy nicht vergessen, der bereits an Weihnachten 2015 verstarb. Lemmy, Bowie, Prince – frei nach Don McLean: Something touched us deep inside, three days the music died. Und da ist erst April.

Das Jahr 2016 ist dann tatsächlich auch noch nicht fertig. Im Juni votiert die Mehrheit der Briten für den Brexit, im November bestimmen die amerikanischen Wähler Donald Trump zum nächsten Präsidenten ihres Landes. Als der Advent beginnt, denken nicht wenige, ein schlimmeres Jahr als dieses sei weder vorstellbar, noch zu ertragen. (Auftritt 2020ff., diabolisch grinsend – Red.) Entkräftet und desillusioniert lässt man sich in die Weihnachtszeit fallen, und da hocke ich nun am zweiten Weihnachtsfeiertag, im Sitzbereich der künstlichen Schlittschuhbahn auf dem Marktplatz unserer Kleinstadt, ein Glühwein auf dem Tisch, ermattet vom reichhaltigen Essen, um zu erfahren, dass am Vortag George Michael verstorben ist. Die Schlittschuhbahnbeschallung spielt „Last Christmas“. Nicht als spontane Hommage, sondern weil dieses Lied hier seit Wochen ständig läuft, es ist der Dauerevergreen aller Dezembertage. Der Hinweis darauf, dass George Michael tot ist, der Mensch, der dieses Lied gesungen, geschrieben und produziert hat, führt in dieser Situation zu müden Witzen und öden Sprüchen, die man hier nicht wiederholen muss, um sie zu erahnen.

Carrie & George

In den sozialen Medien sind über die Feiertage ein paar weniger Leute unterwegs als sonst. Viele von denen, die nicht stillhalten können, halten das Jahr 2016 jetzt erst recht für einen Horrorfilm, nun steht das Finale an: Wer stirbt als Nächstes? Es ist die Schauspielerin Carrie Fisher, nur zwei Tage später, am 27. Dezember. Die „Star Wars“-Community setzt nach dem Tod der Darstellerin von Prinzessin Leia eine gewaltige Bildlawine in Gang, die im Netz das Gedenken an George Michael rasch verdrängt. Mitten in dieser diffusen Stimmung schreibt Daniel D’Addario für das „Time Magazine“ eine gemeinsame Würdigung auf George Michael und Carrie Fisher, ein Text vielleicht aus der Not heraus geboren, weil zwei Nachrufe kurz nach Weihnachten einer zu viel gewesen wäre. D’Addario sucht nach Gemeinsamkeiten, und er findet sie: George Michael und Carrie Fisher seien niemals „nur Entertainer“ gewesen. „Beide nutzen ihre Berühmtheit, um Berühmtheit zu kritisieren – ein repressives System, das ihr jeweils wahres Selbst vor der Welt versteckt hat.“ Die zwei seien offensichtlich dazu geboren gewesen, Stars zu sein, jedoch hätten sich beide entschieden, dass es zu simpel sei, diesen Weg zu Ende zu gehen. „Stattdessen haben sie die Wahl getroffen, das Prinzip des Ruhms zu hinterfragen.“

Kurz zu Carrie: Sie ist Tochter der Schauspielerin Debbie Reynolds und des Sängers Eddie Fisher, der nach der Scheidung Elizabeth Taylor heiratet, die damit Carrie Fishers Stiefmutter wird. Als Kind aus einem Familienkosmos der Stars bringt Carrie Fisher einen eigenen Kompass mit. Sie redet über ihre psychologischen Probleme, den Missbrauch von Medikamenten, ihren Drogenkonsum, die sexistische Rezeption der Figur Prinzessin Leia. Damit, so schreibt es Daniel D’Addario, „nutzt sie ihre Momente im Rampenlicht, um unsere festen Vorstellungen von Hollywood zu durchlöchern“. Genau dies, folgert der Autor, habe George Michael für die Musikbranche gemacht. Indem er sich, kurz nachdem er alles erreicht, dem Rampenlicht entzieht. Mutwillig. Oder besser: mutig und wissentlich.

Drei Superstars und ein Sonderfall

Zusammen mit Madonna, Prince und Michael Jackson ist George Michael einer der großen Popstars der 80er-Jahre. Erst bei Wham! mit sechs weltweiten Nummer-eins-Hits und zwei Megaseller-Alben, dann solo, mit dem Album FAITH, das in diesem Jahr 35 Jahre alt wird. Daniel D’Addario identifiziert in seinem Nachruf vier prägende Breakthrough-Alben dieser Pop-Dekade: Michael Jacksons OFF THE WALL (erscheint zwar schon 1979, prägt aber seine 80s-Karriere und verkauft sich weltweit 20 Millionen Mal), 1999 von Prince (1982, fünf Millionen Mal verkauft), Madonnas LIKE A VIR-GIN (1984, 21 Millionen Mal verkauft), FAITH von George Michael – weltweite Verkäufe: 25 Millionen. So viel wie OFF THE WALL und 1999 zusammen. Drei der vier genannten ziehen nach ihren Durchbruchsplatten ihre Superstarkarrieren durch, es folgen die LPs TRUE BLUE, PURPLE RAIN und THRILLER: Madonna, Prince und Michael Jackson, der „King of Pop“ – die drei tragen Namen, in denen der Mythos bereits angelegt ist.

Und George Michael, der seinen Künstler-aus dem bürgerlichen Namen Georgios Kyriakos Panayiotou abgeleitet hat? Wartet nach 1987, bis die Dekade vorbei ist, und veröffentlicht im September 1990 das schwebend-melancholische Album LISTEN WITHOUT PRE-JUDICE, VOL. 1, dessen Großartigkeit den Hörenden nicht anspringt, sondern umarmt, wie ein Mensch, der wirklich etwas zu geben hat.

Das Cover zeigt nicht den Superstar, sondern eine Menschenmasse auf Coney Island, ein Foto aus dem Jahr 1940. Für den Clip zur einzigen echten Uptempo-Single „Freedom ’90“ engagiert George Michael David Fincher, als Darstellerinnen sind die fünf Supermodels Naomi Campbell, Cindy Crawford, Linda Evangelista, Tatjana Patitz und Christy Turlington zu sehen – ein fantastischer Pop-Move. Fotograf Peter Lindbergh hat die fünf Frauen kurz zuvor im Januar 1990 für das ikonische „Vogue“-Cover fotografiert, für diesen Titel inszeniert er die Models im Stil einer Pop-Band, erschafft damit ein prägendes Motiv der Ära der Supermodels, die Anfang der 90er-Jahre einen ersten Höhepunkt erreicht. Im Clip zu „Freedom ’90“ treten Campbell, Crawford, Evangelista, Patitz und Turlington nicht als tanzende Oberflächen auf, deren Job es ist, den Star der Show in ein besseres Licht zu stellen. Dieser taucht nämlich im Clip gar nicht auf. Stattdessen sorgen die Protagonistinnen dafür, dass die starken Symbole aus dem Video zu „Faith“ Feuer fangen oder sogar in die Luft gejagt werden: Lederjacke, Gitarre, Jukebox – George Michael lässt die Reliquien seines Stardoms vernichten, nutzt damit die Opt-out-Funktion. Es handelt sich hier nämlich nicht um eine postmoderne Geste, wie es bei U2 rund um ACHTUNG BABY der Fall ist, als sich Bono als Mephisto und Fliegenmensch in Szene setzt. George Michael meint es ernst. Er ist tief getroffen von den Folgen der HIV-Pandemie, die eine Community trifft, die seine ist – ohne, dass das zu dieser Zeit bekannt ist; nicht einmal seiner Familie hat sich George Michael geoutet.

Gleichgesinnte findet er im Pop, bei den Pet Shop Boys, die wenige Wochen nach LISTEN WITHOUT PREJUDI-CE, VOL. 1 ihr nachdenkliches Meisterwerk BEHAVIOUR veröffentlichen, ein Album, auf dem Neil Tennant und Chris Lowe die Aids-Tragödie reflektieren, mit Songs wie „Being Boring“:

„Of all the people I was kissing / Some are here and some are missing, in the 1990s /I never dreamt that I would get to be / The creature that I always meant to be.“

Tied to the 90s

In den 90er-Jahren widmet sich George Michael einem ungeheuerlichen Projekt. Eines, das in der Welt der Superstars eigentlich gar nicht vorgesehen ist: Er will sein eigenes Leben führen. „Wobei es sich“, wie Daniel D’Addario schreibt, „deshalb um ein so subversives Projekt handelt, weil er es tatsächlich durchzieht.“ George Michael …

■ … legt das geplante Album LISTEN WITHOUT PREJUDICE, VOL. 2 nach einem Streit mit seinem Label Sony auf Eis.

■ … verschenkt drei Stücke von der geplanten Platte an die „Red Hot Organization“, die den Kampf gegen Aids unterstützt.

■ … singt auf dem Freddie-Mercury-Tribute-Konzert in Wembley eine unfassbare Version von „Somebody To Love“, die Brian May auf der Bühne mit einem ungläubigen Lächeln quittiert.

■ … zieht sich für fast zwei Jahre komplett zurück.

■ … kommt mit dem Klagelied „Jesus To A Child“ zurück, uraufgeführt am Brandenburger Tor – dafür sollte man diesen Ort in Erinnerung haben, nicht für Hasselhoffs „Looking For Freedom“ ein paar Jahre zuvor.

■ … veröffentlicht als drittes Soloalbum mit Anfang 30 eine Platte übers Älterwerden namens OLDER.

■ … wird auf einer öffentlichen Toilette von einem Undercover-Cop zu „unzüchtigem Verhalten“ provoziert, nach einer von George Michael später wie folgt formulierten Strategie: „Ich zeig’ dir meinen, du zeigst mir deinen – und dafür verhafte ich dich.“

■ … outet sich daraufhin als homosexuell.

■ … veröffentlicht die Single „Outside“, in deren Video er die Toiletten-Story hopsnimmt, küssende Polizisten inklusive.

■ … steht vor Gericht, weil ihn der Undercover-Cop vom Klo daraufhin verklagt.

■ … berichtet von seiner intensiven Partnerschaft mit Anselmo Feleppa, den er bereits 1991 kennenlernt, mit dem er ab 1992 zusammen ist und der 1993 an Aids verstirbt – was der Grund für George Michaels Rückzug und seine Rückkehr mit dem Stück „Jesus To A Child“ war, gewidmet Anselmo Feleppa.

■ … veröffentlicht zum Ende der Dekade – alle fiebern dem Jahr 2000 entgegen – die nostalgische Revue-Platte SONGS FROM THE LAST CENTURY.

Madonna, Michael Jackson und Prince haben die 90er-Jahre anders gestaltet. Was George Michael bei einer Begegnung mit ihm im November 2005 mit folgender Frage reflektiert: „Weißt du, was ich mich immer frage, wenn ich staubsauge? Ob man jemals Prince an einem dieser Geräte erwischen würde?“

Ein Superstar schafft sich ab

George Michael wird zum vergessenen Superstar, der sich zu einem gewissen Grad selbst abschafft. „Ich weiß sehr genau, dass ich in Amerika mittlerweile ein reiner Nostalgie-Act bin“, sagt er in dem Gespräch, das 2005 für das Interviewmagazin „Galore“ stattfindet, aus Anlass der DVD-Veröffentlichung der gelungenen Dokumentation „George Michael: A Different Story“. „In den USA hörte die öffentliche Wahrnehmung von mir mit dem Album FAITH auf. Ich habe mich selbst auf die schwarze Liste gesetzt, indem ich meine amerikanische Plattenfirma verklagt habe, um von ihr unabhängig zu werden.“ In Europa gelingt ihm mit seinem fünften Soloalbum PATIENCE im Jahr 2004 noch einmal ein Erfolg, ab Mitte der Nullerjahre trudelt seine musikalische Karriere mit dem orchestralen Live-Album SYMPHONICA sowie einer Reihe seltsam ausgewählter Singles aus, darunter eine Neuaufnahme seines tollen Songs „Heal The Pain“ – bereits auf LISTEN WITHOUT PREJUDUCE, VOL. 1 eine offensichtliche McCartney-Hommage, nun noch einmal mit diesem neu eingespielt –, ein weiteres Weihnachtslied, als wenn das eine nicht reichte, sowie ein komplett verunglücktes Vocoder-Cover von New Orders „True Faith“.

Denkt man darüber nach, welchen geringen Stellenwert George Michael heute in der gierigen Wiederverwertungskette der Rock-und Popwelt spielt, drängt sich eine Frage auf: Nimmt man es George Michael übel, dass er sich dem Ruhm selbst entzogen hat?

Zum Vergleich noch einmal zurück zu den drei Verstorbenen des Jahres 2016: Bowie besitzt posthum eine Omnipräsenz, die er zu Lebzeiten nicht besaß. Allein 2022 erscheinen die Box BRIL-LIANT ADVENTURE und das Archiv-Album TOY, noch für diesen Sommer sind zudem Jubiläumseditionen der Alben aus den frühen 70er-Jahren angekündigt, deren 50. Geburtstag gewürdigt wird. Dazu gibt es eine Sonderbriefmarke der Deutschen Post, das große Biopic ist in Vorbereitung. Prince-Fans erhalten über diverse Live-und Studio-Boxen allerhand ungehörte oder bislang nur schwer zugängliche Musik; das „Vault“-Archiv ist der Legende nach mit weiteren Diamanten und Perlen bestückt, die von einem Kampagnenteam gesichtet und auf den Markt gebracht werden, wann immer sich das anbietet. Damit sind Bowie und Prince auch weiterhin im Gespräch. Was man von George Michael nicht sagen kann.

Googelt man Bowie, beantwortet die Suchmaschine proaktiv die Frage, wie alt er bei seinem Tod war. Googelt man George Michael, steht ganz oben die Frage: „Was ist mit George Michael los?“

Sieben große George-Michael-Songs

„A Ray Of Sunshine“

(vom Wham!-Album FANTASTIC) Exzellenter Brit-Pop-Funk mit tollem Intro im Beach-Boys-Stil.

„Heartbeat“

(vom Wham!-Album MAKE IT BIG) Hommage an den Brill-Building-Sound und die Produktionen von Phil Spector – kaum zu fassen, dass das damals keine Single war.

„One More Try“

(vom Album FAITH) Hier hat Justin Vernon die Idee für seine sakralen Synthie-Flächen auf den Alben von Bon Iver geklaut.

„Praying For Time“

(vom Album LISTEN WITHOUT PREJUDUCE, VOL. 1) Das erste Stück des meisterhaften Albums: sophisticated, symphonisch und elegant.

„Cowboys And Angels“

(vom Album LISTEN WITHOUT PREJUDUCE, VOL. 1) Ein schwebender Jazz-Shuffle mit unglaublichen Streichern, den er mehr als sieben Minuten lang ausdehnt – einfach, weil er’s kann.

„Spinning The Wheel“

(vom Album OLDER) Sein TripHop-Moment:Jazz’n’ Soul-Melancholie auf regennasser Straße, mit einem Groove zwischen HipHop und Reggae.

„John And Elvis Are Dead“

(vom Album PATIENCE) Eine Abhandlung über die Vergänglichkeit, gespielt als Urban-Art-Pop im Stil von The Blue Nile.

Ja, was ist da eigentlich los?

Die Sache mit Weihnachten

Zu vermuten ist, dass viele Menschen bis heute mit einem stereotypen Blick auf diesen Singer/Songwriter schauen. George Michael – das ist Wham! und „Last Christmas“, Camp und Eurotrash. Blickt man im Plattensammlerportal rateyourmusic.com auf sein Profil, steht dort unter den Genres: Pop, Synthiepop, Christmas Music. Dieser eine Song dominiert eine Discografie, die so viel mehr zu bieten hat. Wobei George Michael übrigens selbst nichts gegen die Dauerrotation bis zum Erbrechen einzuwenden hatte. „Warum auch? Ich könnte allein von den Tantiemen leben“, sagte er bei der Begegnung im Jahr 2005. Hinzu kommt, dass die Idee von Weihnachten für ihn eine sehr besondere Bedeutung besitzt: Georgios Kyriacos Panayiotou hat eine griechisch-zypriotischen Vater, der in den 50er-Jahren nach London kommt, seine Mutter Lesley ist Engländerin. Geprägt wird der einzige Sohn des Paares von seinen zwei älteren Schwestern, aber auch von seiner Mutter, die er im Gespräch als „wunderbare, aber an schweren Depressionen leidende Frau“ bezeichnet. „Ein Grund, warum ich als junger Mensch Weihnachten mochte, ist, dass es die einzige Zeit war, in der ich mich sicher fühlte. Weihnachten musste meine Mutter fröhlich sein. Wir hatten Besuch, eine künstliche gute Stimmung war garantiert. Es war ein Fake, aber er tat gut.“

Klar, wir alle haben „Last Christmas“ eher zu häufig als zu selten gehört. Wer aber den Text einmal ohne die Musik liest, diese tieftraurigen Lyrics, der erkennt, dass sich George Michael an seinen persönlichen Weihnachtserfahrungen genauso brillant abarbeitet wie Shane Mac-Gowan bei seinem „Fairytale Of New York“. Wobei dieser Riss im Text-/Musik-Gefüge natürlich verloren geht, wenn das Lied in jedem Dezember weltweit ohne Rücksicht auf Verluste durch Hüttenlandschaften und Radio-Playlists gejagt wird.

Mobile Disco und Indie-Gestus

Wer also ist George Michael? Bevor er mit großer Ambition eigene Songs schreibt, spielt er in seinen Teenie-Jahren welche als DJ. Über Jobs als Kartenabreißer im Kino oder auf Baustellen verdient er sich Geld, das er in Platten und Equipment investiert. Seine Familie zieht vom Londoner Viertel East Finchley in eine Vorstadt, nordwestlich der Metropole. An seinem ersten Tag in der neuen Schule erklärt ihm ein Kerl, wo er die Schuluniform herbekommt und was es zu beachten gibt. Der nette Junge heißt Andrew Ridgeley. Nach der Schule legt George Michael in Bars und Restaurants auf. Sein Geschäftsmodell vom mobilen DJ, das er mit 15 verfolgt, erledigt sich jedoch unglücklicherweise, wie er 2005 erzählt: „Ich hatte 500 Pfund gespart, um mir ein eigenes DJ-Set zu kaufen, hatte mir alles genau überlegt: Meine ältere Schwester sollte mich zu den Läden fahren, wo ich dann mit meinem eigenen Equipment auflegen würde. Ich war 15, sie 17. Ich arbeitete hart und diszipliniert, sie fiel durch die Führerscheinprüfung.“ Wer weiß, ob George Michael, hätte sie die Prüfung gepackt, Alleinunterhalter auf Hochzeiten geworden wäre, statt Popstar.

So kommt es, dass George Michael und Andrew Ridgeley mit 18 ein Duo gründen. Sie nennen sich Wham! – kaum ein Name der Welt steht so sehr für Pop. Doch hinter Wham! steckt zunächst keine Pop-Maschine, Michael und Ridgeley machen im ersten Jahr alles allein: Demos aufnehmen, Infos schreiben, Kassetten verteilen – Strategien einer Indie-Band. Die Rollen sind rasch verteilt: George Michael macht, Andrew Ridgeley wartet. In seiner sehr guten Biografie „Wham! George & Me“ widmet Ridgeley ein ganzes Kapitel dem Warten auf George. Warten darauf, dass er erscheint. Warten darauf, dass er einen Song fertig geschrieben hat. Warten darauf, dass George Michael den Mut findet, die Rolle als potenzieller Popstar anzunehmen. Andrew Ridgeley zeigt dabei eine große Geduld. Weil er natürlich längst weiß, was George Michael ihm ganz am Ende der Karriere des Duos, beim letzten Wham!-Gig, zwischen der vorletzten und letzten Verbeugung ins Ohr flüstern wird: „I couldn’t have done this without you, Andy.“

Schuldigen Füßen fehlt der Rhythmus

Wham! veröffentlichen zwei LPs, FANTASTIC (1983) und MAKE IT BIG (1984), beide erreichen in Großbritannien die Nummer eins. Jede Platte bietet nur einen Coversong, die restlichen Stücke schreibt George Michael allein oder zusammen mit Ridgeley, darunter Nummer-eins-Singles wie den Bubblegum-Hit „Wake Me Up Before You-Go-Go“ oder die Northern-Soul-Hommage „Freedom“. Zu den Songs, bei denen Andrew Ridgeley Co-Komponist ist, zählt „Careless Whisper“, wobei ausgerechnet dieses Stück im Dezember 1984 unter der Bezeichnung „Wham! – Featuring George Michael“ quasi als Solo-Single erscheint, auf dem Cover ist nur der Sänger zu sehen. In seiner Biografie schreibt Ridgeley, dass er diesen von ihm mitgeschriebenen Song als ebenbürtig zu „Save A Prayer“ von Duran Duran oder „True“ von Spandau Ballet betrachte. „Ich verstand aber auch Georges Ambition, sich als eigenständiger Künstler weiterzuentwickeln.“ Und wenn es doch Ridgeleys Kernaufgabe sei, George Michael in den entscheidenden Momenten zu ermutigen und ihm zu jeder Zeit das passende Sprungbrett hinzustellen – wie hätte er in dieser Situation sagen können: Nein, mein Lieber, „,Careless Whisper‘“ ist ein Wham!-Stück? „Also unterstützte ich ihn komplett darin, diesen Song als Solo-Single zu veröffentlichen“, schreibt Ridgeley.

Die Single erreicht in 25 Ländern die Nummer eins, verkauft sich weltweit mehr als sechs Millionen Mal. Die Saxofon-Melodie von Steve Gregory gehört zu den berühmtesten der Popgeschichte, wer sich ein Bild der 80er ausmalt, hat dazu diese Passage im Kopf. Gecovert wird das Stück von Kamasi Washington, der als Saxofonist einschätzen kann, wie grandios dieser Part ist – wie übrigens auch der Text von George Michael: Er selbst schätze ihn gar nicht so sehr, sagte er einmal. Aber kann es eine bessere Popsongzeile geben als diese hier? „I’m never gonna dance again / Guilty feet have got no rhythm.“

Ein Moment lang ist alles da

Wham! beschließen ihre Duo-Karriere routiniert mit der weiteren Nummereins-Single „The Edge Of Heaven“, George Michaels Solokarriere nimmt sofort Fahrt auf, zusammen mit Aretha Franklin singt er im Duett „I Knew You Were Waiting (For Me)“, geschrieben von – Achtung, Pop-Quiz-Wissen –Simon Climie, der später mit dem Duo Climie Fisher selbst Karriere macht. An seinem Debütalbum als Solokünstler arbeitet George Michael mehr als ein Jahr. Nun besitzt er die Ambition, es mit Prince, Madonna und Michael Jackson aufzunehmen. Wie Prince schreibt und produziert er die Songs für sein erstes Soloalbum selbst, spielt viele der Instrumente. Das Titelstück zitiert den Gitarrenrhythmus von Bo Diddley, an vielen Stellen der Platte kommt seine große Liebe zur Black Music durch. Die Single „I Want Your Sex“ ist lyrisch eine Provokation im Stil von Madonna, musikalisch eine Art Pop-Funk-Prog mit verschiedenen Teilen. George Michael erreicht mit FAITH alles: Jede und jeder will diese Platte haben, es ist ein Werk, das den 80s-Pop auf die 90er vorbereitet (ob Martin Gore wohl häufig „Faith“ gehört hat, bevor er 1989 „Personal Jesus“ schreibt?), das mit postmodernen Zitaten und expliziten Inhalten spielt. Bis heute hat sich die Platte weltweit 25 Millionen Mal verkauft, davon allein elf Millionen Mal in den USA. George Michael gewinnt einen Grammy sowie einen MTV Award, die Kritiker, die Wham! ignoriert haben, jubeln nun.

George Michael, der große 80s-Popstar, ist Ende der 80er-Jahre für einen Moment auch ein großer Rockstar. Doch als der das merkt, will er es auch schon nicht mehr sein. Stattdessen: Raus aus dem Licht, rein in ein Leben, in die Liebe. Guter Plan. Er findet die Liebe bei Anselm Feleppa, den er 1991 in Rio bei einem Musikfestival kennenlernt. Ein paar Monate später werden die beiden ein Paar, George Michael erzählt nicht einmal seiner Mutter davon. Kurz danach erfährt Feleppa von seiner HIV-Infektion, 1993 stirbt er. Auf das Leben und die Liebe folgen Trauer und Einsamkeit. „Müsste ich den Moment benennen, an dem ich mich zum ersten Mal wie ein Erwachsener gefühlt habe, ich würde den Tag nennen, an dem ich erfahren hatte, dass Anselmo mit dem Virus infiziert ist“, sagte George Michael im Gespräch. „Es war surreal. Alles bewegte sich langsamer. Es war mein erster direkter Kontakt mit der Sterblichkeit, und das war, so weiß ich heute, für mich der entscheidende Schritt ins Erwachsensein. Ein Zurück gab es seitdem nicht mehr.“

Wie heißt es bei „Being Boring“? „Of all the people I was kissing / Some are here and some are missing, in the 1990s / I never dreamt that I would get to be /The creature that I always meant to be.“

Bei unserem Gespräch im Jahr 2005 gesteht George Michael, er kiffe zu viel. Auch kümmere er sich ständig um andere, sei aber selbst nicht gut darin, um Hilfe zu bitten: „Ich leide still, und das ist nicht gut.“ Am Ende der Begegnung stößt sein damaliger Freund Kenny dazu, die Stimmung ist prächtig. Andrew Ridgeley ruft an, will wissen, wie es geht. „Okay, wie immer“, sagt George Michael, „und dir?“ Und dann hört er zu.