Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 4 Min.

Sommerliche Spiritualität


Die Kirche - epaper ⋅ Ausgabe 26/2021 vom 04.07.2021

Artikelbild für den Artikel "Sommerliche Spiritualität" aus der Ausgabe 26/2021 von Die Kirche. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Ich lasse mich lieber treiben wie das vielleicht nur im Sommer möglich ist. Im Abgelegenen, an einem Bach zeigt sich ein Wassertretbecken. Das Wasser ist umsonst, beruhigend kühl.

Der Sommer gleicht einer Landschaft, in die man fast unmerklich gelangt. Gerade habe ich noch auf ihn gewartet. Jetzt ist er da, ohne dass er sich lautstark angekündigt hätte. Gleichmut, Gleichklang und die Langeweile tragen durch die Tage. Die sommerliche Langeweile aber bedrückt nicht, sondern erleichtert. Sie gleicht einem Auf - atmen. Luft strömt in die Lungen. Und ich will an die Luft. Im Sommer geht es nach draußen, wofür kein Drehbuch nötig ist. Denn der Anfang des Sommers ist das Ende der Dramatik.

Wohl deshalb gibt es keine Sommertheologie. Wenigstens keine, über die heftig gestritten würde. Sommerpause. Die großen, oft aber auch aufgeregten Feste wirken wie Erinnerungen einer fernen Welt. Geschenke kaufen, Kreuzesqual bedenken, sich von Ostern und den Sturm des Heiligen Geistes mit - reißen lassen? Der Sommer ist anders, nämlich unaufgeregt und souverän dank einer endlos wirkenden und ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 1,09€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Die Kirche. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 26/2021 von EKD: Finanzsystem muss sozialen und ökologischen Standards gehorchen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
EKD: Finanzsystem muss sozialen und ökologischen Standards gehorchen
Titelbild der Ausgabe 26/2021 von Ich bin gottgewollt!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ich bin gottgewollt!
Titelbild der Ausgabe 26/2021 von Barer Unsinn – wahre Allmacht. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Barer Unsinn – wahre Allmacht
Titelbild der Ausgabe 26/2021 von Mit festen Willen dabei. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Mit festen Willen dabei
Titelbild der Ausgabe 26/2021 von Der Weg beginnt im eigenen Herzen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der Weg beginnt im eigenen Herzen
Titelbild der Ausgabe 26/2021 von Zehn-Punkte-Plan für Friedhöfe. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Zehn-Punkte-Plan für Friedhöfe
Vorheriger Artikel
Barer Unsinn – wahre Allmacht
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel „Die Bibel ist voller Outdoor-Geschichten“
aus dieser Ausgabe

... beglückenden Reizarmut. Licht ist, was zählt. Zahlen muss ich dafür nicht. Und alles Finstere hat Ferien.

Wie sollte die Theologie da zur Höchstform auflaufen? Der Ton der Evangelien scheint nicht zu passen, gelten diese doch als Passions - geschichten mit einer längeren Einleitung. Die neutestamentlichen Briefe scheuen keinen Konflikt. Und unter oft fürchterlichen Schmerzen rufen Propheten zu Gott: Warum hast du mich denn nur gerufen!? All das ist zu spektakulär, um zu einer sommerlich gesinnten Spiritualität zu passen.

Idee des Pausemachens auf die Spitze getrieben

Wobei Jesus durchaus Pause machte. 40 Tage soll er in der Wüste unter wilden Tieren gelebt haben, ohne zu essen und auch nur einen Schluck zu trinken. Was christliche Asketinnen und Asketen dazu anregte, die Idee des Pausemachens auf die Spitze zu treiben. Sie begaben sich auf Säulen oder Bäume. Manche ließen sich einmauern – für mehr als 40 Tage. Was dann doch viele überforderte. So nahm das extremistische Pause -machen ab. Die Zahl der Einzel -gängerinnen, Eingemauerten und Baumbewohner sank. Und die geregelte Form des Klosterlebens erstarkte.

So dramatisch die Evangelien oft auch klingen, entdecke ich in ihnen aber durchaus eine gehörige Portion sommerlichen Gleichmuts. Wie Jesus durch die Landschaft stromerte! Während heutige Pilger zum großen Ziel gleich mehrere Länder durch - eilen, schaffte Jesus es von Galiläa gerade mal bis nach Jerusalem. Dafür braucht man wenige Tagesreisen zu Fuß, er aber war Jahre unterwegs. Er ging in Schleifen, suchte Orte mehrfach auf. Weit kam er nicht, gemessen an jemandem wie Alexander dem Großen.

Aufwachen und denken: Ähnlich vom Wind gekräuselt darf sich der Tag anfühlen

Oft unterbrach Jesus sein Gehen, saß zu Tisch, sodass er Fresser und Weinsäufer tituliert wurde. Solch eine Lebensintensität, um nicht von Entgleisungen zu sprechen, ist im Sommer nicht auszuschließen. Doch im Ganzen ist der Sommer kein Rausch, der das Ja gleich so sehr betont, dass es rasch in Lebensüberdruss umkippen kann. Stattdessen wacht man an einem Sommer -morgen auf und denkt: Ähnlich glatt und allenfalls von leichtem Wind gekräuselt darf der Tag sich heute ruhig wieder anfühlen.

Solches hat Gott für sich selbst im Sinn, erzählt die Bibel zu Beginn. Er krittelt am Ergebnis seiner geleisteten Arbeit nicht herum, legt sie keiner Unternehmensberatung zur Prüfung vor. Sondern? Schaut sein Werk an und sagt: Ja. Und außerdem:

Gut gemacht! Nur deshalb konnte der siebte Tag anbrechen. Es kann gar nicht anders sein, es wird ein Sommertag gewesen sein.

Licht ist, was zählt. Zahlen muss ich dafür nicht. Und alles Finstere hat Ferien.

Auf ihn kann sich der Mensch berufen. Wenigstens einmal darf alles frei von Hektik sein. Und dieses Nichtstun muss ich noch nicht mal mit einem mühsam inszenierten Selbstbildnis anderen mitteilen, damit es sich real anfühlt. Denn was Gott an dem Tag tat, als er nichts tat, ist doch auch nirgendwo überliefert oder doch? Selbst wenn es so wäre, überprüfe ich das jetzt nicht. Denn der Sommer ist der Anfang der Freiheit und das Ende des Anspruchs, alles wissen zu müssen.

Genuss hilft weiter als das viele Büchermachen

Die mit Abstand sommerlichsten Bücher der Bibel dürften die Weisheitsschriften sein. In ihnen geht es um praktische Lebensklugheit. Wer viel weiß, sei deshalb noch lange nicht weise. So ergebe auch das viele Büchermachen keinen Sinnfortschritt, bemerkt das Predigerbuch durchaus selbstkritisch. Genuss helfe dagegen weiter: Geselligkeit, das Brot gemeinsam essen, einander beistehen. Und trinken! Nicht zuletzt Wein.

Solange Trauben wachsen, gekeltert werden und ihr Ergebnis den Weg zum Gaumen findet, besteht Hoffnung: Die Erde versinkt nicht im Chaos. Vieles ist doch in Ordnung, oder etwa nicht? Die Spielregel lautet jetzt: „Ich sehe was, was du genauso siehst. Und das ist grün.“

Die Bibel tut deshalb noch lange nicht, als ob sich das Leben immer alltagsweise gebärden würde. Zwischen dem Sommergrün sind Baumruinen zu sehen. Die erkennt jeder, der bereit ist, sich von der Leichtigkeit des Sommers nach draußen treiben zu lassen. Trockenzeiten leugnet die Bibel nie. Sie sind der Grund dafür, dass Durst und Sehnsucht wachsen.

Zum Wasser treiben lassen

So viel ist in der Bibel von Wasser die Rede! Dabei handelt es sich nicht um ein nutzbringendes chemisches Element, das zielgenau eingesetzt werden sollte zwecks gesundheitsbewussten Austarierens des idealen Flüssigkeitshaushalts. Nein! So spricht die Bibel nicht. Stattdessen könne das Wasser in einem zur Quelle werden, die zum ewigen Leben quillt, sagt Jesus, als er eine Frau am Brunnen trifft.

Dieser Ewigkeitsausrichtung in meinen Inneren kann ich ausgerechnet dann gut nachspüren, wenn Wasser mein Äußeres berührt. Das muss in keinem Spaß- und Wellnessbad geschehen. Ich springe nicht von Klippen und Türmen, durchquere nicht den Bodensee. Ich entdecke solche Momente, ohne sie zielbewusst anzugehen. Ich lasse mich lieber treiben wie das vielleicht nur im Sommer möglich ist. Im Abgelegenen, an einem Bach zeigt sich ein Wassertretbecken. Ich trete ein, kein Eintritt wird verlangt. Das Wasser ist umsonst, beruhigend kühl. Der Gleichmut findet sich von selbst.