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Sonnenschutz: Schutz ohne Schaden


natur - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 16.08.2019

Sonnenschutzmittel sollen unsere Haut gegen schädliche Strahlung schützen – doch die weit verbreiteten chemischen UV-Filter können Umwelt wie Gesundheit stark belasten. Besser sind mineralische Alternativen


Artikelbild für den Artikel "Sonnenschutz: Schutz ohne Schaden" aus der Ausgabe 9/2019 von natur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: natur, Ausgabe 9/2019

Eincremen ist im Sommerurlaub Pflicht. Doch wer danach gleich ins Wasser springt, mindert den Schutzeffekt und trägt große Mengen der chemischen UV-Filter ins Meer


Nach ihrer Entdeckung im Jahr 1935 wurde die Sonnencreme erst von vielen – besonders jungen Männern – als überflüssig verlacht. Und noch immer gilt sonnengebräunte Haut vielen als Schönheitsideal. Doch die Erkenntnis, dass zu viel Sonne eher ...

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... rot als braun macht und alles andere als gesund ist, hat sich dennoch größtenteils durchgesetzt. Eine YouGov- Umfrage aus dem Jahr 2017 hat ergeben, dass sich immerhin 76 Prozent aller Befragten zumindest gelegentlich eincremen. Aber während die Akzeptanz der Sonnenschutzmittel stetig zunimmt, bringen Untersuchungen auch immer mehr negative Effekte ans Licht.

Der Sinn von Sonnenschutzprodukten bleibt davon aber erstmal unberührt. Sonnenlicht besteht aus Strahlen unterschiedlicher Wellenlänge, bedenklich sind darunter vor allem zwei: UVA- und UVB-Strahlung. UVA-Strahlen fördern die lichtbedingte Hautalterung, da sie die Kollagenfasern schädigen. Auch unterschiedliche Formen von Hautreizungen lassen sich meist auf die UVA-Strahlung zurückführen. Die UVB-Strahlung dringt hingegen nur bis zur Oberhaut (Epidermis) vor und löst dort die Neubildung des Pigments Melanin aus. Hierdurch entsteht eine als Spätpigmentierung bezeichnete, langfristige Bräune, die einen natürlichen Sonnenschutzfaktor von etwa drei bedingt. Der Mensch benötigt eine geringe Menge an UVB-Strahlung, um in der Haut das für den Kalzium- und Knochenstoffwechsel wichtige Vitamin D3 zu bilden. Diese Strahlen sind es aber auch, die Sonnenbrand auslösen und krebserregend wirken.

Zwiespältige Barriere

Um die negativen Folgen zu mindern, enthalten die meisten gängigen Sonnencremes eine Kombination aus chemischen UV-Filtern. Sie dringen in die oberste Hautschicht ein und wandeln die ankommende Strahlung in Wärmeenergie um. Nach etwa einer halben Stunde ist der Schutz durch die chemische Reaktion gewährleistet. Die Produkte lassen sich leicht auf der Haut verteilen und ziehen schnell ein, hohe Lichtschutzfaktoren sind möglich. Doch die Filterstoffe können auch selbst gefährlich werden: Sogenannte fotoinstabile Verbindungen können sich beim Kontakt mit Sonnenlicht schnell zersetzen, was die Schutzwirkung einschränkt und die Entstehung von schädlichen Sauerstoffradikalen in den Zellen fördert. Ein Großteil der UV-Filter weist außerdem hormonähnliche Wirkungen auf, was Stoffwechselvorgänge massiv stören kann. Am besten erforscht sind eine gestörte Reproduktion bei Fischen oder Störungen der frühen Entwicklung bei kleinen Wassertieren, Würmern und Schnecken.

Auch krebserregende Substanzen wie das Konservierungsmittel Formaldehyd und dessen Abspalt - produkte gelangen durch die Anwendung solcher Sonnencremes in den Körper. „Besonders empfindliche Haut kann auf chemische Lichtschutzfilter reagieren“, erklärt Sara Honerkamp von der Naturkosmetikfirma Lavera. „Zusammen mit den künstlichen Duft- und Konservierungsstoffen entsteht so ein Hautklima, das viele Menschen nicht gut vertragen.“ Doch nicht alle chemischen UV-Filter wirken gleich. Inzwischen sind Produkte erhältlich, die eine gute Fotostabilität und wenig bis kaum allergenes Potenzial aufweisen sowie bislang keine hormonellen Wirkungen in Studien zeigen.

Aber auch wer keine Verwendung für Sonnencremes hat, kommt früher oder später mit den Filterstoffen in Berührung. Beim Schwimmen oder abendlichen Duschen gelangen die Reste der Creme ins Wasser. Da die meisten Stoffe auch in Kläranlagen noch nicht vollständig herausgefiltert werden können, landen sie in Flüssen und Seen, werden dort von Tieren aufgenommen und in deren Körpern weiter angereichert. So verbleiben sie in der Nahrungskette und können über den Verzehr von Fischen wieder in den menschlichen Körper gelangen. Besonders hoch sind die Konzentrationen vor Badestränden – in der Karibik wie in der Ostsee. „Bislang sind die möglichen Auswirkungen der heute viel verwendeten UV-Filter auf Mensch, Tier und Pflanzen zu wenig erforscht“, sagt Margret Schlumpf, Umwelttoxikologin aus Zürich und Gründerin der Firma Green Tox. Dazu müssten Konzentrationen und Verhalten jedes einzelnen, in den Organen oder im Körper anwesenden Fremdstoffes geklärt werden, was sehr aufwendig und teuer ist. Doch diese Unsicherheit über Zusammenhänge verhindert konkretes Handeln und ist deshalb ein großes Problem, glaubt die Wissenschaftlerin. Denn feststeht: Zumindest die hormonähnlich wirkenden Stoffe nehmen Einfluss auf biologische Entwicklungsprozesse.


»Die heute verwendeten UV-Filter sind noch zu wenig erforscht«
Margret Schlumpf, Umwelttoxikologin, Green Tox


In den 60er Jahren lagen Bade urlaub und Bikini im Trend. Und damit auch Sonnenschutzmittel wie das hier beworbene Ambre Solaire – eines der ersten überhaupt


An einzelnen Orten wurden deshalb schon Vorsorgemaßnahmen gegen UV-Filter ergriffen, zum Beispiel auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán. Hier sind an einigen Orten ausschließlich biologisch abbaubare Sonnenschutzmittel erlaubt. Und auch im US-Bundesstaat Hawaii gilt ab Januar 2021 ein Gesetz, das bestimmte Chemikalien in Sonnencremes verbietet. Eine Studie über die Auswirkungen des UVFilters Oxybenzon (Benzophenon) etwa zeigte, dass diese chemische Substanz die Korallenriffe verunreinigt, zur Korallenbleiche, zu deren Deformationen und zum Absterben führt. Die Studie wurde unter anderem an den Riffen Hawaiis und den Virgin Islands durchgeführt. In der Karibik zeigt sich ein ähnliches Bild an den hochfrequentierten Touristenstränden. Aufgrund der eindeutigen Studienergebnisse sehen die Wissenschaftler nicht allein den Klimawandel als entscheidend für das Korallensterben, sondern auch diese toxischen Substanzen, die über den Menschen in Gewässer und Umwelt gelangen. Die Verdünnung der Stoffe im Meer ist zwar hoch, doch welche Langzeitfolgen die stetige Verunreinigung für Riffe und Tierwelt nach sich zieht, ist schwer vorherzusehen. Was den Menschen angeht, so konnten Margret Schlumpf und ihr Team bereits vor einigen Jahren UV-Filter mit östrogenähnlicher Wirkung in menschlicher Muttermilch nachweisen. Dies ist bedenklich, da Säuglinge besonders empfindlich gegenüber Störungen im Hormonhaushalt sind. Und eine dänische Studie von 2016 zeigte schon bei sehr niedrigen Konzentrationen eine störende Wirkung mancher Sonnenschutzchemikalien auf die Spermienfunktion.

Einige chemische UVFilter stehen im Verdacht, Korallen zu schädigen. Deshalb will unter anderem Hawaii besonders riskante Stoffe in Sonnencremes verbieten


Gute Gründe also, sich gegen die Verwendung dieser Produkte zu entscheiden und zu ökologischeren und ungefährlicheren Alternativen zu greifen. Hausmittel wie Sesam- oder andere Pflanzenöle weisen allerdings einen äußerst geringen Lichtschutzfaktor auf, der keinesfalls als vollwertiger Schutz ausreicht.

Strahlung reflektieren statt umwandeln

Besser ist es, mineralische Sonnencreme zu verwenden. Deren Wirkung beruht auf Physik anstatt auf chemischen Reaktionen – ein Prinzip, das man sich aus der Tierwelt abgeschaut hat. Ein Elefant zum Beispiel bewirft seine Haut mit Sand, also Mineralien, um sie vor dem UV-Licht zu schützen. „Wie ein Spiegel das Licht zurückwirft, reflektieren Mineralien, die auf der Haut aufliegen, das einfallende UV-Licht“, erläutert Honerkamp von Lavera. Hierbei handelt es sich unter anderem um die weißen Farbpigmente Titandioxid (TiO2), das gegen UVB-Strahlen wirkt, sowie Zinkoxid (ZnO) gegen UVA-Strahlen. „Ich halte mineralischen Sonnenschutz für günstiger als die chemischen Varianten, zumal deren UV-Filter im Vergleich besser untersucht sind“, sagt auch der Dermatologe Jörg Reichrath. Die einzige Einschränkung im Vergleich zu konventionellen Produkten liegt in der Anwendung. Die Inhaltsstoffe werden nicht von der Haut aufgenommen, sondern verbleiben auf deren Oberfläche – was aus gesundheitlicher Sicht sehr gut ist. Doch bei höheren Lichtschutzfaktoren ist eine weißliche Färbung der Haut erkennbar und die Creme lässt sich schwerer verteilen.

Im Hinblick auf die Korallen hätten auch Titanund Zinkoxid schon leicht negative Wirkungen gezeigt; allerdings besteht hier noch mehr Forschungsbedarf. Für Taucher raten Experten daher zu Sonnenschutz durch Textilien anstatt Cremes, um auf Nummer sicher zu gehen. Für die meisten Sonnenbadenden sind jedoch Mineralienprodukte eine gute Wahl, am besten noch in Bioqualität. Naturkosmetikprodukte sind zudem grundsätzlich frei von Mikroplastik, Parabenen, PEG-Derivaten und Erdölprodukten. Zertifizierte Hersteller tragen entsprechende Siegel wie BDIH, NaTrue oder Ecocert. Was allerdings auch in diesen Produkten noch vorkommen kann – wenn auch immer seltener – sind Nanopartikel. Da noch nicht ausreichend erforscht ist, wie sich die Partikel auf Gesundheit und Umwelt auswirken, sind Sonnencremes ohne Nanopartikel zu empfehlen. Dabei genügt ein Blick auf die Inhaltsstoffe, hier muss der Zusatz „nano“ vermerkt sein.


»Ich halte mineralischen Sonnenschutz für günstiger als chemische Varianten«
Jörg Reichrath, Dermatologe


Sonnenhut und Tomatensoße

Wem das alles nicht geheuer ist, der sei daran erinnert: physikalische Blockaden in Form von Hut, Shirt und Sonnenbrille sind die beste Vorsorge. Zudem sollte man den Körper langsam an die Sonne gewöhnen und ein geeignetes Sonnenschutzprodukt für den persönlichen Hauttyp, den Hautzustand und die Sonnenexposition, abhängig etwa von Höhe und Breitengrad, wählen. Säuglinge und Kleinkinder sollten der prallen Sonne sowie der intensiven Mittagssonne generell ausweichen. „Als Kinder hatten wir am Meer zwischen 11 und 16 Uhr Pause und hielten uns im Schatten oder im Haus auf. Damit konnten wir den Großteil der intensiven Strahlung meiden“, erinnert sich Margret Schlumpf. „Kinder sollten sich am Anfang der Ferien noch gut mit Kleidung bedecken. Wenn die Badefreude dann größer und der Aufenthalt im Freien länger wird, kommt zusätzlicher Sonnenschutz mit Lichtschutzfaktoren von 20 oder 30 zum Einsatz“, rät die Toxikologin weiter. Studien zeigen, dass die Zahl der Sonnenbrände in der frühen Kindheit, genauer bis zum zehnten Lebensjahr, ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung von Melanomen ist.

Innerlich können wir unsere Haut unter anderem durch die Einnahme von Carotinoiden auf die UVExposition vorbereiten. „Es gibt Hinweise, dass betacarotinhaltige Obst- und Gemüsesorten, wie zum Beispiel Tomaten, einen leichten Sonnenschutz bieten. Dieser allein reicht jedoch für einen wirk - samen UV-Schutz nicht aus“, sagt Jörg Reichrath. Dem Dermatologen der Universität Düsseldorf zufolge sollen etwa 25 Milligramm täglich genügen, um in der Haut einen Lichtschutzfaktor von drei zu bilden. Andere Studien zeigen, dass sich der Sonnenschutz weiter ausbauen lässt, indem man Carotin mehrere Wochen einnimmt und es mit Vitamin E kombiniert. Dafür benötigt man nicht unbedingt Tabletten – eine Mahlzeit mit Pastasauce und dem geeigneten Mix aus Tomatenmark (über 50 Gramm) und Olivenöl reicht völlig aus. Die Tomatenpaste enthält neben Beta-Carotin hohe Mengen des antioxidativ wirkenden sekundären Pflanzenstoffs Lycopin, dem auch eine schützende Wirkung nachgesagt wird. Das Vitamin- E-reiche Olivenöl sorgt als „Trägerstoff“ dafür, dass die beiden fettlöslichen Stoffe rasch in den Körper gelangen. Neben Tocopherol (Vitamin E) können auch Ascorbat (Vitamin C), Flavonoide (Gerbsäuren), Polyphenole und bestimmte Fettsäuren einen natürlichen, inneren UV-Schutzschild bilden. Diese Mikronährstoffe sind in fast allen rot-, orangefarbenen sowie dunkelgrünen Frucht- und Gemüsesorten enthalten, ebenso in Nüssen, deren Ölen und Ölsaaten. Bei Rauchern wird dieser Effekt jedoch aufgehoben. Daher lieber die Kippe stecken lassen und stattdessen gemütlich im Schatten in eine Nektarine beißen. Das schützt in jedem Fall Umwelt und Gesundheit.

Sonnenhut, Kleidung, Sonnenbrille – besonders am Anfang der Ferien sollten Kinder mit physischen Barrieren vor intensiver Sonneneinstrahlung geschützt werden


Wie Sonnencreme wirkt

UVA-Strahlen fördern die lichtbedingte Hautalterung, da sie die Kollagenfasern in tieferen Schichten der Haut schädigen. Die UVB-Strahlung dringt nur bis zur Oberhaut vor und verursacht je nach Intensität schützende Bräune oder eben Sonnenbrand; außerdem kann sie die Entstehung von Hautkrebs befördern (l.). Um sich davor zu schützen, gibt es zwei Strategien (r.): Chemische UV-Filter dringen in die oberste Hautschicht ein, absorbieren die energiereiche UV-Strahlung und wandeln sie in ungefährliche Wärme um. Mineralische Produkte legen sich wie ein Film auf die Haut und bieten einen physikalischen Schutz: Wie kleine Spiegel reflektieren die Partikel die UV-Strahlen. Der Lichtschutzfaktor, der die Stärke eines Produkts beschreibt, bezieht sich nur auf die UVB-Strahlung. Er gibt an, um welchen Faktor man seine Eigenschutzzeit verlängern kann.


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