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SOZIOBIOLOGIE: DER SIEGESZUG DES HOMO SAPIENS


Spektrum der Wissenschaft Spezial Biologie, Medizin, Hirnforschung - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 25.10.2019

Zwei Eigenschaften ermöglichten es dem modernen Menschen, die ganze Erde zu besiedeln und jede Konkurrenz auszu-stechen: seine ausgeprägte Begabung zur Kooperation und seine technologischen Fähigkeiten.


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Bildquelle: Spektrum der Wissenschaft Spezial Biologie, Medizin, Hirnforschung, Ausgabe 4/2019

Curtis W. Marean ist Anthropologe. Er hat an der Arizona State University in Tempe eine Professur an der School of Human Evolution and Social Change inne und ist stellvertretender Direktor des Institute of Human Origins.

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Keine 70000 Jahre ist es nach derzeitiger Kenntnis her, seitHomo sapiens von Afrika aus seinen Siegeszug über die Welt begann. Vor ihm hatten sich in ...

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Keine 70000 Jahre ist es nach derzeitiger Kenntnis her, seitHomo sapiens von Afrika aus seinen Siegeszug über die Welt begann. Vor ihm hatten sich in Europa und Asien andere Menschenarten etabliert. Jedoch erst unsere Spezies drang schließlich auf alle bewohnbaren Kontinente und diverse Inselketten vor. Diese Ausbreitung hatte außergewöhnliche Folgen: Wo immer der moderne Mensch auftrat, gab es massive ökologische Verwerfungen. Archaische Menschen, auf die er traf, starben aus. Ebenso verschwanden zahlreiche Großtierarten. In der Erdgeschichte war dies die folgenschwerste Expansion einer einzelnen Art.

Paläoanthropologen suchen schon lange nach einer Erklärung für die Überlegenheit und zügige Verbreitung desHomo sapiens . Manche vermuten, das große, besonders komplexe Gehirn hätte dazu geführt, dass sich unsere Vorfahren gern neuen Herausforderungen stellten. Andere Experten glauben, den Ausschlag habe ihre überlegene Technologie gegeben: Dadurch konnten sie effektiver jagen als ihre Zeitgenossen und wurden mit feindlichen Gruppen leichter fertig. Wieder andere Forscher sehen die Hauptursache in einem Klimawandel, der damals die Populationen der Neandertaler und sonstigen archaischen Menschen außerhalb Afrikas geschwächt habe.

Doch keiner dieser Aspekte allein vermag den Erfolg desHomo sapiens wirklich zu erklären. Unter anderem könnte das daran liegen, dass die jeweils herangezogenen Erkenntnisse großteils begrenzte geografische Regionen betreffen – oft lediglich Westeuropa. Obwohl sich der moderne Mensch in mehreren Phasen verbreitete, war dies dennoch ein übergreifender, einheitlicher Vorgang. Dem sollte eine plausible Theorie Rechnung tragen.

Daher schlage ich ein anderes Szenario vor. Dieses stützt sich zum einen auf archäologische Befunde von der Südküste Afrikas, wo ich seit 1999 am Pinnacle Point Ausgrabungen durchführe (sieheSpektrum Dezember 2010, S. 58). Zum ande ren gingen neuere Vorstellungen der Evolutionsbiologie, insbesondere soziobiologische und verhaltensökologische, sowie der Sozialwissenschaften ein. Meiner Ansicht nach machten sich Vertreter unserer Spezies in neue Weltgegenden auf, als bei ihnen ein spezielles, genetisch basiertes soziales Verhalten entstanden war: die Bereitschaft, auch mit Individuen zu kooperieren, die nicht mit einem verwandt sind. Im Verein mit bereits hoch entwickelten geistigen Fähigkeiten ermöglichte das demHomo sapiens , sich leicht an neue Umwelten anzupassen. Dazu verhalfen ihm nicht zuletzt bahnbrechende Innovationen wie vor allem fortschrittliche Projektilwaffen in Form von Speerschleudern oder womöglich sogar schon Pfeil und Bogen. Seinerzeit waren das revolutionäre Technologien.

Wie sehr die Besiedlung der Erde durchHomo sapiens damals aus dem Rahmen fiel, wird erst so richtig deutlich, wenn man sich sein Verhalten in den Zeiten davor vergegenwärtigt. Denn anatomisch moderne Menschen, die uns äußerlich glichen, hatten sich in Afrika bereits vor nicht ganz 200000 Jahren herausgebildet – und waren zunächst dort geblieben. Zwar drang eine Gruppe rund 100000 Jahre später für kurze Zeit in den Nahen Osten vor, weiter aber nicht. Erst wieder vor knapp 70000 Jahren machte eine kleine Gründerpopulation einen neuen Vorstoß – und besiedelte in relativ kurzer Zeit weite Teile Eurasiens (siehe »Spuren der Vernichtung«, S. 72/73). Diese Menschen müssen Neandertalern sowie Denisovanern begegnet sein – jener 2010 entdeckten, mit den Neandertalern nah verwandten Menschenart, von der im Altaigebirge Fossilien gefunden wurden (sieheSpektrum Dezember 2014, S. 68). Beide archaischen Arten starben bald darauf aus, hinterließen in unserem Genom allerdings Spuren.

Als erste menschliche Spezies überhaupt kamHomo sapiens vor mindestens 45000 Jahren über Südostasien bis nach Australien, das er rasch eroberte. Das Meer können diese Menschen nur mit seetüchtigen Booten überquert haben, vermutlich getrieben von dem auch uns eigenen Drang, neue Welten zu erkunden. Tasmanien erreichten jene Pioniere vor etwa 40000 Jahren über eine Landbrücke. Viele der großen australischen Beuteltiere verschwanden damals binnen kurzer Zeit.

Eine andere Population fand vom Südwesten aus den Weg nach Nordosten bis nach Sibirien. Die Eroberung Amerikas verwehrten zunächst Eisbarrieren. Noch ist strittig, wie früh den ersten Gruppen die Passage in die Neue Welt gelang, doch sicherlich hatten sie Nordamerika vor rund 14000 Jahren erreicht. Nur wenige Jahrtausende später war Südamerika bis zur Südspitze ebenfalls besiedelt – um den Preis des massenhaften Aussterbens von eiszeitlichen Großtieren wie dem Amerikanischen Mastodon und den Riesenfaultieren, denn menschliche Jäger war die amerikanische Tierwelt nicht gewohnt.

Madagaskar und viele pazifische Inseln blieben noch 10000 Jahre länger von einer Invasion verschont – bis Seefahrer sie schließlich doch entdeckten und sich dort ansiedelten. Und wieder musste die Tier- und Pflanzenwelt den Preis dafür zahlen, dass die neuen Herrscher das Land gemäß ihren Bedürfnissen umgestalteten. Einzig die Eroberung der Antarktis findet erst heute statt.

Eine Theorie, die diesem Geschehen Rechnung trägt, sollte erklären, wieso der Aufbruch aus Afrika gerade damals einsetzte und nicht bereits viel früher. Sie muss ebenfalls begründen, weshalb sich der moderne Mensch so rasch praktisch überallhin verbreitete. Wodurch konnte er sich an verschiedenste Umwelten anpassen und in Regionen vordringen, die noch kein menschliches Wesen betreten hatte? Was zeichnete ihn aus, dass ihm sogar Meere nicht Einhalt geboten? Und warum verschwanden bald alle anderen Menschenformen?

Wesentlich für seine überragende Dominanz war meines Erachtens die schon eingangs erwähnte herausragende Kooperationsfähigkeit mitsamt ihrer Kehrseite, gegen Konkurrenten unerbittlich vorzugehen. Solch ein unbedingtes Voranstreben besaßen die archaischen Menschenarten nach meiner Einschätzung nicht. Ich halte diese Eigenschaft für ein letztlich entscheidendes Attribut, das denHomo sapiens auszeichnet und seine Vorrangstellung begründete.

Unvorstellbar: Schimpansen als disziplinierte Flugpassagiere

Wir heutigen Menschen leisten hinsichtlich Kooperation Außergewöhnliches. Gemeinsam mit nicht näher verwandten Personen, ja selbst mit völlig Fremden gelingen uns hochkomplexe koordinierte Handlungen. Die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy von der University of California in Davis entwarf dazu folgendes Bild: 100 Schimpansen warten ruhig in einer Schlange, bevor sie geordnet in ein Flugzeug einsteigen, sitzen dann stundenlang still und gehen schließlich ebenso diszipliniert wieder hinaus. Für die Menschenaffen wäre das völlig undenkbar, denn sie würden sich die ganze Zeit bekämpfen.

Dass wir im Stande sind, fremden Menschen in Not selbst unter eigener Gefährdung tatkräftig beizustehen, nenne ich Hyperprosozialität. Leider bedeutet das auch: Wir verbünden uns zum erbarmungslosen Krieg gegen andere Gruppen. Wie viele meiner Kollegen vermute ich, dass uns eine starke Neigung zum koordinierten gemeinsamen Handeln angeboren ist. Dabei ist das beim Menschen etwas grundsätzlich anderes, als wenn Tiere leichte Ansätze zu kooperativem Verhalten erkennen lassen.

Aber wie konnten sich solche Verhaltensmuster in unserer Evolution überhaupt herausbilden? Wertvolle Hinweise auf den möglichen Ablauf liefern mathematische Modelle zur sozialen Evolution, die ebenfalls von einer genetischen Veranlagung ausgehen. Der Ökonom Samuel Bowles vom Santa Fe Institute in New Mexico zeigte, dass sich Gene für hyperprosoziales Verhalten im Zusammenhang mit Gruppenkonflikten besonders gut ausbreiten. Und zwar hängt bei dieser Betrachtungsweise die Effektivität der Kooperation vom Anteil der Gruppenmitglieder ab, die angeborenermaßen prosozial eingestellt sind: Weil bei Konflikten mit fremden Gruppen kooperatives Verhalten in der Gemeinschaft Vorteile bringt, wird ihre Population in der nächsten Generation verhältnismäßig mehr Individuen mit Genen für das entsprechende Verhalten aufweisen. Wie Peter Richerson von der University of California in Davis und Robert Boyd von der Arizona State University zeigten, setzt sich Prosozialität am besten in kleinen Populationen durch, nämlich dann, wenn sie ihren Anfang in einer Teilpopulation mit starken Gruppenkonflikten nimmt. Tatsächlich stammen alle heutigen Menschen von einer vergleichsweise kleinen afrikanischenHomo-sapiens -Population ab.

Moderne Jäger und Sammler bilden gewöhnlich Verbände von ungefähr zwei Dutzend Individuen. Heiratspartner wählt man bei anderen Gruppen, die aber zum selben »Stamm« zählen. Den Stammeszusammenhalt fördern die gemeinsame Sprache, gleiche Traditionen sowie Geschenke. Verschiedene Stämme bekriegen sich mitunter trotz der damit verbundenen oft erheblichen Gefahren für Leib und Leben. Wieso lassen sich Menschen auf solche Gemetzel ein?

Zu den wichtigsten Vorreitern von soziobiologischen und verhaltensökologischen Evolutionsmodellen zählt Jerram Brown von der University of Albany. In den 1960er Jahren hatte er für die unterschiedliche territoriale Aggressivität von Vögeln die klassische Theorie einer ökonomisch bedingten Verteidigungswürdigkeit (economic defendability) von Ressourcen aufgestellt. Brown ging davon aus, dass sich Individuen naturgemäß für Ziele einsetzen, die ihnen helfen, Überleben und Fortpflanzung zu maximieren. Im Zuge der natürlichen Selektion lohnt sich demnach das Kämpfen, sofern es solchen Zielen dient. Weil Nahrung zu den wichtigsten Überlebensfaktoren gehört, sollte die Veranlagung zum Kampf um Futter, falls das unter gegebenen Umständen sinnvoll ist, folglich einer positiven Selektion unterliegen – also bei Vögeln etwa die Neigung, ein Revier zu etablieren. Manchmal würden sich Auseinandersetzungen um Futter jedoch nicht auszahlen, nämlich dann, wenn es entweder unsinnig oder zu kostspielig wäre, Nahrungsquellen für sich allein zu beanspruchen.

Diese Theorie übertrugen Rada Dyson-Hudson und Eric Alden Smith, beide damals an der Cornell University in Ithaca, 1978 in einer ebenfalls klassischen Arbeit auf kleine menschliche Gemeinschaften. Heraus kam dabei: Ressourcen zu verteidigen ist dann sinnvoll, wenn diese erstens dicht konzentriert sind und zweitens zuverlässig vorhersagbar zur Verfügung stehen. Meines Erachtens muss so ein Gut außerdem lebensnotwendig sein, weil sich andernfalls wohl kaum jemand entschieden dafür einsetzen würde. Der Zusammenhang gilt noch heute. Ethnien und Staaten kämpfen um konzentrierte, gut kalkulierbare, wertvolle Ressourcen wie Erdöl, Wasser und fruchtbares Ackerland.

Eine Nahrungsressource, die Aggressivität förderte

Folgt man diesen Überlegungen, so trafHomo sapiens zunächst längst nicht überall in Afrika Umweltbedingungen an, die ernstliche Konflikte zwischen Gruppen geschürt und damit eine ausgeprägte interne Kooperation gefördert hätten. Vielmehr fand er seine Nahrung in den meisten Gegenden eher locker verstreut vor, zudem war sie oft knapp und vielfach nur sporadisch, unregelmäßig und wenig vorhersehbar vorhanden. Noch heute verwenden die meisten daraufhin untersuchten afrikanischen Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften wenig Zeit und Energie auf eine Grenzverteidigung ihres Gebiets. Das gilt jedoch nicht für einige Küstenabschnitte, wo Muschelbänke stets reichlich hochwertige Nahrung bieten. Nach ethnografischen und archäologischen Erhebungen führten auch in anderen Weltgegenden solche Jäger und Sammler, die von derartigen Ressourcen lebten, im Vergleich zu anderen Gruppen mehr Kriege, etwa an der nordamerikanischen Pazifikküste.

Über Millionen Jahre hatten sich unsere Vorfahren vorwiegend von Landpflanzen und -tieren sowie gelegentlich von Süßwasserorganismen ernährt. Ihre Kost war nämlich eher wenig konzentriert und vieles längst nicht immer zuverlässig verfügbar. Diese Urahnen bildeten denn auch weit verstreute Gruppen, die zur Nahrungssuche ständig umherzogen. Doch als sich ein immer komplexerer Verstand entwickelte, muss eine Population irgendwann herausgefunden haben, wie man an der Küste Meeresfrüchte erntet und verzehrt. Ganz im Süden Afrikas setzte diese Ernährungsweise nach unseren Befunden vor etwa 160000 Jahren ein. Wohl erstmals in der Menschheitsgeschichte machten sich Vertreter unserer Spezies nun jene stets reichlich vorhandene, hochwertige Nahrungsquelle zu eigen – und setzten damit einen großen sozialen Umschwung in Gang.

Archäologischen und genetischen Befunden zufolge scheint die Population desHomo sapiens allerdings schon bald nach seinem Auftreten eingebrochen zu sein. Dies ging wohl auf die weltweite Klimaabkühlung zurück, die vor 195000 Jahren einsetze und bis vor 125000 Jahren anhielt. Im Inneren Afrikas wurde die Ernährungslage während der kalten Abschnitte für die Menschen schwierig, aber manche Küstengebiete boten Refugien – auf den Muschelbänken fand sich genug zu essen. Nach einer Studie, die Jan De Vynck von der Nelson Mandela Metropolitan University in Port Elizabeth (Südafrika) leitete, kann ein Mensch dort in nur einer Stunde Nahrung mit einem Energiegehalt von bis zu 4500 Kilokalorien gewinnen.

Diese Ressourcen erfüllten somit alle Voraussetzungen für die Etablierung von Territorialität. Ich vermute, dass die Menschengruppen damals heftig und wiederholt um den exklusiven Zugang zu besonders günstigen Muschelbänken stritten. Der fortwährende gemeinsame Kampf gegen fremde Gruppen müsste nach innen eine Selektion auf prosoziales Verhalten vorangetrieben haben – zunächst also die Bereitschaft, bei Auseinandersetzungen auch mit nicht verwandten Gruppenmitgliedern zu kooperieren. Vermutlich setzte sich das bald in der gesamten Population durch. Damit wäre eine der beiden von mir postulierten Voraussetzungen gegeben gewesen, dieHomo sapiens dafür prädestinierten, die Welt zu erobern.

Ich bin jedoch davon überzeugt, dass erst eine neue Technologie ihn unaufhaltbar und unbezwingbar machte. Speziell meine ich damit Projektilwaffen wie die ersten Speerschleudern. Gravierende Neuerungen vollzogen sich schrittweise über lange Zeiträume. Wie bei so vielen anderen Technologien kamen sicherlich auch in diesem Fall Erfahrung und Begreifen zusammen und führten zu immer komplexeren und wirksameren Konstruktionen.

Wahrscheinlich verwendeten die Menschen zuerst einfach spitze Stöcke als Lanzen, die sie mit der Zeit verbesserten. Darauf aufbauend entwickelten sie immer perfektere leichte Wurfspeere – zunächst noch mit hölzerner, aber irgendwann mit aufgesetzter Steinspitze, was deren Durchschlagskraft beträchtlich erhöhte. Dann erfanden Menschen die Speerschleuder, wobei der Speer mit Hilfe einer Führungsschiene geworfen wurde und doppelt so weit flog wie zuvor. Und schließlich ersannen sie Pfeil und Bogen.

Ein mit einem angespitzten Holzspieß verwundetes Tier verblutet eher langsam. Eine messerscharfe Steinspitze auf dem Speer reißt eine schwerere Wunde. Dessen Anfertigung erfordert aber bereits eine Menge Knowhow. Die Steinspitze muss ja nicht nur so geformt sein, dass sie leicht tief in das Tier eindringt. Sie muss sich auch fest am Schaft anbringen lassen, und dazu brauchte man Klebstoff oder Fasern zum Umwickeln, am besten beides.

Speere mit Steinspitze sind keine Erfindung des modernen Menschen

Nach Befunden von Jayne Wilkins von der Griffith University in Brisbane (Australien) und ihren Kollegen sind solche zusammengesetzten Speere wesentlich älter als gedacht. Die Forscher zeigten, dass kleine, scharfe, 500000 Jahre alte Steinspitzen von der südafrikanischen Fundstelle Kathu Pan 1 wohl zu Speeren gehörten. Das Alter dieser Spitzen könnte besagen, dass sich bereits gemeinsame Vorfahren vonHomo sapiens und Neandertaler darauf verstanden, Wurfspeere mit Steinspitze anzufertigen. Beide Arten hinterließen vor 200000 Jahren Hinweise auf solche Geräte. Und die hölzernen Speere von Schöningen am Harz, die vermutlich vor 300000 Jahren entstanden, bedeuten, dass Menschen früh wussten, wie man leichte Jagdwaffen mit hervorragenden ballistischen Eigenschaften fertigt. Möglicherweise waren die Neandertaler in dieser Hinsicht ähnlich gut gerüstet wie die frühen modernen Menschen.

Doch für eine echte Fernwaffentechnologie sprechen nach Meinung der Experten erst so genannte Mikrolithe: wenige Zentimeter lange Steinspitzen und -klingen – zu klein, um sie für sich allein zu handhaben, aber vermutlich für zusammengesetzte, hocheffiziente Geschosse und Gerätschaften bestens geeignet. Die frühesten bislang bekannten Beispiele einer Mikrolithentechnologie stammen von Pinnacle Point. Unter einem als PP5-6 verzeichneten Felsdach entdeckte mein Team Mikrolithe zusammen mit anderen Spuren einer langen Anwesenheit von Menschen. Die Zeitspanne der Besiedlung datierte die Geochronologin Zenobia Jacobs von der University of Wollongong (Australien) mittels optisch stimulierter Lumineszenz auf 90000 bis 50000 Jahre vor heute. Die ältesten Mikrolithe von dort sind etwa 71000 Jahre alt.

Zu ihrer Erfindung könnte wiederum ein Klimawandel geführt haben. Zuvor hatten die Bewohner jenes Orts große Klingen und Spitzen aus Quarzit hergestellt – und das zu Zeiten, als die Küstenlinie dicht bei Pinnacle Point verlief, wie unser Mitarbeiter Erich Fisher ermittelte. Untersuchungen von Mira Bar-Matthews vom israelischen Geologischen Dienst und Kerstin Braun, jetzt an der Arizona State University, lassen annehmen, dass das Klima und die Vegetation damals ähnlich waren wie heute: Es gab regenreiche Winter und Strauchbewuchs.

Doch vor etwa 74000 Jahren bahnte sich im Weltklima eine Vereisungsphase an. Weil der Meeresspiegel infolgedessen stark sank, entstanden jetzt im Süden Afrikas ausgedehnte Küstenebenen. Die Sommer wurden regenreicher, und nahrhafte Grasflächen sowie lockere Akazienwälder machten sich breit. Vieles spricht dafür, dass sich hier damals ein riesiges Ökosystem wandernder Tiere etablierte, die dem Futterangebot folgten. Und zwar dürften sie im Sommer nach Osten gezogen sein, im Winter nach Westen. Es könnte gut sein, dass Menschen mit ihren neuen, besonders leichten Waffen Jagd auf die vorbeiziehenden Tierherden machten.

Zur Herstellung der Mikrolithe entwickelten sie ein geradezu geniales Verfahren. Als neues Rohmaterial verwendeten sie Kieselkonglomerate (Silcrete). Sie hatten herausgefunden, dass dieser brüchige Rohstoff eine glasartige Konsistenz gewinnt und sich viel präziser bearbeiten lässt, wenn man ihn vorher im Feuer erhitzt. Das dazu benötigte Brennholz lieferten die Baumbestände. So etablierte sich für die neue fortschrittliche Technologie in dieser günstigen Umwelt bald eine dauerhafte Industrie.

Für welche Sorte Distanzwaffen jene Menschen die Mikrolithe verwendeten, wissen wir noch nicht. Meine Kollegin Marlize Lombard von der University of Johannesburg glaubt, dass die feinen Steinspitzen auf Pfeile aufgesetzt wurden und somit den ersten Gebrauch von Pfeil und Bogen anzeigen. An ähnlichen, etwas jüngeren Stücken von anderen Fundstellen der Region fand die Paläoarchäologin Spuren, wie sie bei benutzten Pfeilspitzen dieser Art aufzutreten pflegen. Allerdings hat sie Mikrolithe nicht auf Gebrauchsspuren an Speerspitzen beim Einsatz von Speerschleudern geprüft. Meines Erachtens dürften Menschen überall zuerst diese einfachere Waffe verwendet haben.

Effizienter durch Gift

Überdies vermute ich, dass bereits der früheHomo sapiens die Wirkung von Gift entdeckt hatte und Waffen damit benetzte. Solche Methoden, die das Opfer schnell wehrlos machten, benutzten afrikanische Jäger und Sammler noch in historischer Zeit. Die letzten Sekunden des Tötens mit Speer oder Lanze ohne Gift sind unberechenbar und für den Jäger lebensgefährlich, wenn sich das Tier plötzlich noch einmal aufbäumt und angreift. Vielleicht war die Lebenserwartung der Neandertaler auch deswegen so niedrig – nicht viele wurden älter als 30 Jahre –, und vermutlich stammten ihre zahlreichen Knochenbrüche zumeist von der Großwildjagd. Auf Entfernung einsetzbare und zudem vergiftete Waffen, die Tiere bald außer Gefecht setzten, machten so ein Unterfangen wesentlich sicherer und waren deshalb ein technologischer Durchbruch.

Projektilwaffen im Verein mit hyperprosozialem Verhalten verliehenHomo sapiens eine nie da gewesene Überlegen heit. Im Team, das wie ein einzelner Mensch vorging, war er praktisch unbezwingbar. Keine Beute, kein Feind konnte mehr vor ihm sicher sein. Ein gutes Beispiel für die Macht guter Kooperation gibt eine Waljagd mit einem kleinen Boot: Sechs Männer, die vielleicht jeder eine andere Sprache sprechen, können das Boot so auf den Kamm einer hohen Welle rudern, dass sich der Harpunier auf Zuruf des Steuermanns genau im passenden Moment am Bug aufrichten und den Koloss beim Auftauchen treffen kann. Gleichermaßen vermag ein aus 20 vernetzten Gruppen bestehender 500-köpfiger Stamm eine kleine Armee aufzustellen, die den Übergriff eines Nachbarstamms auf ihr Gebiet rächt.

71000 Jahre alte Mikrolithe – kleine Steinklingen von Pinnacle Point an der Küste Südafrikas (linkes Bild) – zeigen, dass Menschen schon damals Projektilwaffen herstellten. Sie dürften die Klingen an Holzschäften zu Pfeilen oder kleinen Speeren für Speerschleudern befestigt haben, ähnlich wie Forscher dies hier rekonstruierten (rechtes Bild).


In jedem Lebensraum das oberste Raubtier

Die Verbindung der beiden Eigenschaften, hochgradig zu kooperieren und effektiv mit Projektilwaffen zu töten, könnte erklären, wieso die Populationen des modernen Menschen nicht nochmals einbrachen, als sich das Klima Afrikas in der Zeit zwischen 74000 und 60000 Jahren vor heute wiederum so stark abkühlte, dass weite Gebiete des Kontinents für sie erneut unbewohnbar wurden. Im Gegenteil: Damals breitete sichHomo sapiens in Südafrika sogar weiter aus und unterhielt eine blühende fortschrittliche Werkzeugindustrie. Denn auf Umweltkrisen verstand er jetzt sozial flexibel und mit angepassten Technologien zu reagieren – und wurde bald zum obersten Raubtier, zunächst auf dem Land, später auch auf dem Meer.

Dank der neuen Voraussetzungen konnten jene Menschen in jedem Lebensraum bestehen. Das dürfte ihnen den Weg in die übrige Welt eröffnet haben. Die archaischen Menschengruppen, welche nicht über jene Errungenschaften verfügten, hatten ihnen gegenüber keine Chance. Noch ist nicht geklärt, weshalb die Neandertaler ausstarben. Am plausibelsten finde ich die für uns beschämendste Erklärung: Die modernen Menschen nahmen die Neandertaler als Konkurrenz und Bedrohung wahr – und rotteten sie aus. So hatte die Evolution sie gemacht.

Manchmal stelle ich mir vor, wie sich die Begegnungen abgespielt haben könnten. Beliebte Gesprächsthemen der Neandertaler am Feuer waren seit jeher die gefährlichen Kämpfe gegen Höhlenbären und Mammuts gewesen. Doch eines Tages wurden die Inhalte wirklich beängstigend. Man erzählte sich von unbekannten, ziemlich schnellen und schlauen Typen. Diese merkwürdigen Leute schleuderten Speere unmöglich weit – und trafen auch noch schrecklich genau. Sogar des Nachts konnte plötzlich eine Schar von ihnen auftauchen, die Männer und Kinder niedermetzelte und Frauen raubte.

Meiner Ansicht nach könnten sich heutiger Völkermord und Fremdenhass teilweise auf gleiche Weise erklären wie damals. Wenn Ressourcen und Land knapp werden, neigen wir dazu, alle, die anders aussehen oder sprechen, als »andere « zu bezeichnen. Deren Anderssein allein rechtfertigt dann, sie zu vertreiben oder zu vernichten. Es gibt viele wissenschaftliche Arbeiten zu dem Thema. Sie decken auf, wie unsere Eigenschaften zu solcher Unterscheidung und entsprechendem Handeln geweckt werden.

Trotzdem sind wir nicht Sklaven unserer Biologie; Kultur kann selbst die stärksten Instinkte übertrumpfen. Daher hoffe ich, dass eine vertiefte Einsicht in unsere dunkle Seite diese in Schach halten kann.

QUELLEN

Brown, K. S. et al.: An early and enduring advanced technology originating 71000 years ago in South Africa. Nature 491, 2012

Marean, C. W.: The origins and significance of coastal resource use in Africa and Western Eurasia. Journal of Human Evolution 77, 2014

AUF EINEN BLICK: ÜBERLEGEN DURCH KOOPERATION UND WAFFEN

1Homo sapiens hat als einzige Menschenart die gesamte Welt erobert. Die Voraussetzungen dafür erwarb er vermutlich während einer schwierigen Klimaphase in Afrika.

2 Damals lernte er, in Küstenhabitaten von Meeresfrüchten zu leben. Diese Ressource auszubeuten, förderte hohe Sozialkompetenz sowie aggressive Territorialität. Unter diesen Bedingungen entstand zugleich eine neuartige Technologie für effektivere Waffen.

3 Beides zusammen machte den modernen Menschen so überlegen, dass er in für ihn völlig neue Umwelten vordringen konnte, wo er nach Meinung des Autors archaische Menschen ausrottete und ganze Großtierbestände vernichtete.

Wann lohnt Gebietsverteidigung?

Eine klassische soziobiologische Theorie besagt: Die natürliche Selektion begünstigt die Verteidigung von Nahrungsressourcen und somit Territorialität, wenn der exklusive Zugang mehr einbringt, als der Einsatz dafür kostet. Das trifft für kleine Menschengruppen bei konzentrierten, vorhersagbar verfügbaren Ressourcen zu. Bestimmte Küstenabschnitte Afrikas, an denen Muschelbänke wachsen, erfüllen diese Voraussetzungen. Unter Gruppen des frühen modernen Menschen entstand dort wahrscheinlich das für uns typische Territorialverhalten.

Spuren der Vernichtung

Nachdem die GattungHomo in Afrika ihren Anfang genommen hatte (lila), begann sie sich vor zwei Millionen Jahren nach Eurasien zu verbreiten und dort in viele Regionen vorzudringen. Schließlich entstanden derHomo erectus , der Neandertaler und der Denisovaner (Grüntöne).

In Afrika trat vor zirka 200000 Jahren der anatomisch moderneHomo sapiens auf. Einige Vertreter fanden an der Südküste Afrikas mit deren reichen Muschelbänken passable Lebensbedingungen vor, als das Innere des Kontinents vor zirka 160000 Jahren für Menschen unwirt-lich wurde. Nach Ansicht des Autors bildete sich in der neuen Umwelt eine Veranlagung heraus, sogar mit nicht verwandten Individuen zu kooperieren, denn so ließ sich die neue Nahrungsressource am besten kontrollieren.

Die enge Zusammenarbeit machte diese Menschen besonders erfinderisch. Ein technologischer Meilenstein war erreicht, als sie Projektilwaffen herzustellen verstanden: vielleicht Speerschleudern oder sogar schon Pfeil und Bogen. DieserHomo sapiens war gerüstet, die ganze Welt zu erobern (rote Pfeile). Er konnte sogar in Gegenden vordringen, die andere Menschen noch nie betreten hatten. Besonders dort wälzte sein Erscheinen Ökosysteme um: durch Ausrottung vieler Arten der Megafauna, also der großen Tiere.

Kollateralschäden in der Tierwelt

Die Ausbreitung desHomo sapiens brachte einschneidende ökologische Veränderungen mit sich. In Europa und Asien gingen die einheimischen archaischen Menschen unter. In bisher menschenleeren Gebieten rottete der moderne Mensch rasch viele Großtierarten aus. In Eurasien behaupteten sich große Tiere besser – vermutlich weil sie schon lange vom Menschen gejagt wurden und sich daran angepasst hatten.


JON FOSTER / SCIENTIFIC AMERICAN AUGUST 2015

SIMEN OESTMO, ARIZONA STATE UNIVERSITY

BENJAMIN SCHOVILLE, ARIZONA STATE UNIVERSITY

JEN CHRISTIANSEN, NACH CURTIS W. MAREAN, NACH DYSON-HUDSON, R., SMITH, E.A.: HUMAN TERRITORIALITY: AN ECOLOGICAL REASSESSMENT. AMERICAN ANTHROPOLOGIST 80, 1978 / SCIENTIFIC AMERICAN AUGUST 2015

TERRA CARTA / SCIENTIFIC AMERICAN AUGUST 2015

TERRA CARTA, NACH SANDOM, C. ET AL.: GLOBAL LATE QUATERNARY MEGAFAUNA EXTINCTIONS LINKED TO HUMANS, NOT CLIMATE CHANGE. PROCEEDINGS OF THE ROYAL SOCIETY B 281, 20133254, 2014, FIG. 1A / SCIENTIFIC AMERICAN AUGUST 2015