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SPÄTER ALS GEDACHT


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Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 22.12.2022

John Cale

Mercy

Artikelbild für den Artikel "SPÄTER ALS GEDACHT" aus der Ausgabe 1/2023 von Rolling Stone. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 1/2023

DOUBLE SIX/DOMINO

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Nach der Neuinterpretation in eigener Sache, die uns 2016 mit „M:Fans“ ein erstaunliches Electro-Remake seines Quiet-Storm-Klassikers „Music For A New Society“ bescherte, biegt John Cale kurz vor Vollendung seines 81. Lebensjahrs doch noch mal mit zwölf neuen Stücken um die Ecke. Dabei wirkt „Mercy“ streckenweise so, als hätte der Waliser das letzte Album von Paul McCartney gehört, samt folgender Neulesung durch Nachgeborene, und sich dann gesagt: Ich versuche mal beides in einem! Bitte ich doch Weyes Blood, Sylvan Esso, Laurel Halo, Animal Collective und die Fat White Family gleich noch mit dazu. Wer weiß schon, wie viel Zeit noch bleibt.

Zeit ist ein großes Thema in diesen 70 Minuten Musik, mit der Cale sich auch in der Kunst übt, als Künstler sichtbar zu bleiben, ohne die Gäste zur Staffage zu degradieren (was meist gelingt). Mal scheint sie ...

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... stillzustehen, nachdem Europas Größe in Schlamm versunken ist. „Did you realize how late it was?“, fragt Cale. Und er antwortet trocken: „Later than you think.“ In „Everlasting Days“ soll die lastende Vergangenheit nicht den Blick auf die Zukunft verstellen. Doch wie viel Zeit bleibt noch, um aus Objekten unserer Ausbeutung Subjekte mit eigenen Rechtsansprüchen zu machen („The Legal Status Of Ice“)? Mit dem vernebelten Nico-Tribute „Moonstruck“ reist Cale direkt in seine eigene Vergangenheit. Denn der Zahn der Zeit, er nagt ja auch ganz persönlich, am bewegendsten im Liebeslied „Noise Of You“. Ach, diese Sehnsucht, von Geräuschen eines geliebten Menschen umgeben zu sein – und dann festzustellen, dass erst mal das Gehör wiederkehren müsste, um das zu ermöglichen! Here comes Hinfälligkeit.

Cales Ton ist weder apokalyptisch noch beschwichtigend. Eher nüchtern oder, etwa in „Not The End Of The World“ oder „I Know You’re Happy“, auch mal ermutigend. Fast gitarrenlos baut der große Solitär seine neue Musik um Synths/Keys/Piano, Stimmen, Bass und Beats, dazu gern divers formatierte Streicher. Vom skelettierten Impressionismus eines „Marilyn Monroe’s Legs (Beauty Elsewhere)“ bis zum fast beschwingten „Night Crawling“ ist viel drin. Schließlich schaut der ultimative Zeitabschneider im dramatischen Suizid-/ Lovesong „Out Your Window“ noch explizit vorbei: Möge er oder sie doch bitte nicht springen! Gnade!

Iggy Pop

Every Loser

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Fett produzierter, glaubwürdiger Rock’n’Roll-Exzess

Jetzt zeigt er uns wieder seinen noch etwas faltiger und schlaffer gewordenen Oberkörper, als ginge es um ein Kunstprojekt zum Thema Vergänglichkeit. Mick Jagger würde das eher nicht tun. Doch Iggy Pop kennt die Stärken seiner Marke, die Authentizität einer rebellischen Kunstfigur, die niemals alt und weise wird wie „normale“ Senioren. Mag sein, dass James Osterberg gern mal mit einem Buch am Kamin sitzt. Aber Iggy Pop doch nicht!

In „Frenzy“, dem furiosen Einstieg ins neue Album, zeigt der Sänger allen Douchebags, die ihn aufs Altenteil abschieben wollen, den Mittelfinger: „So get me a try before I fucking die/ My mind is on fire, I will not retire.“ Chili Pepper Chad Smith, Duff Mc- Kagan und Andrew Watt halten ihm dabei den Rücken frei – mit einem Sound zwischen Rock’n’Roll-Exzess und fett produzierter Selbstparodie. Zur Verstärkung kommen gelegentlich auch Josh Klinghoffer, der kürzlich verstorbene Taylor Hawkins und Dave Navarro zum Einsatz. Ein Major- League-Team aus Männern, die nur zu gut wissen, was Männern ihres Alters Spaß macht. Aber hey hey, my my, Anfänger beim Rocken sind wir alle nicht mehr. Iggy zeigt uns, dass mit 75 noch lange nicht Schluss sein muss – sofern man sich gesund ernährt und über einen Personal Trainer verfügt.

„Modern Day Rip Off“ ist leider trotzdem wenig mehr als eine Diebestour durch das Werk der Stooges. Sehr druckvoll und energisch, das schon, aber ohne eine einzige neue Idee. „Morning Show“ präsentiert Iggy dafür mit einer wunderbar tiefergelegten Balladenstimme, auch der darauffolgende Swing „The News For Andy“ behält den warm-sonoren Ton bei. Beide Songs sind auch deshalb große Klasse, weil sie aus dem oft zu betont virilen Rahmen fallen. „Neo Punk“ klingt denn auch so schrecklich, wie es heißt. Tobsüchtige Musik für Sechzehnjährige mit Selbstfindungsproblemen und gelegentlichen Erektionsstörungen. Aber so was passiert jedem mal, ehrlich. Insgesamt ist „Every Loser“ eine recht gelungene Kollektion. (Warner)

JÜRGEN ZIEMER

Sault

11

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Fünf (!) beseelte Alben vom geheimnisvollen Kollektiv

Der November ist der Monat des Herrn. Gläubige gedenken ihrer Heiligen, bringen Opfergaben und, sind sie Teil des afrobritischen Kollektivs Sault, veröffentlichen als Zeichen ihrer Hingabe fünf Alben auf einen Schlag. Am 1. November, an Allerheiligen, standen sie plötzlich zum kostenlosen Download bereit, in einem Zip-Ordner gesammelt, geschützt von dem Passwort „godislove“. Nach fünf Tagen würden sie wieder verschwinden und danach nur noch auf unergründlichen Wegen kursieren.

Sault bleiben anonym, wie eine Glaubensgemeinschaft in einer ihnen feindlichen Welt. Man weiß nicht, wie viele Menschen dem Kollektiv angehören. Einzig gesichert ist die Schlüsselrolle des Produzenten Inflo (Little Simz, Michael Kiwanuka). Sein trockener, erdiger Soul-Sound mit Hip- Hop-Beats und verhallten Gesängen ist das Markenzeichen der Sault- Ästhetik und von so stylischer Kunstfertigkeit, dass die Alben, die zusammen vier Stunden laufen, fast durchgängig hörenswert sind.

Das wohl beste der fünf ist „Untitled (God)“ ( ), ein Gospel-Album, hymnisch, eklektisch, beseelt, in seiner stilistischen Vielfalt und Ambition eine würdige Weiterführung der „Untitled“-Reihe. Die afrobeatlastigen „11“ und „Earth“ ( ) lohnen sich sehr, die moderne Klassik von „AIIR“ ( ) fällt dagegen eher flach, und als einziges Album wirklich überflüssig ist „Today & Tomorrow“ ( ), das über den Status eines mittelmäßigen Jam-Mitschnitts nicht hinauskommt.

Nimmt man, sagen wir, die 14 besten Tracks und setzt sie neu zusammen, ließe sich daraus ein fantastisches Album bilden. In der Gestalt, in der die Werke veröffentlicht wurden, sind sie häufig uneben, zu lang, wirken stellenweise wie ein Data Dump: als hätte ein wahnsinnig begabter Freund den gesamten Inhalt seiner Festplatte mit einem geteilt, bevor er Gelegenheit hatte, das Material zu ordnen, zu kürzen und in Form zu bringen. Andererseits ermutigen Sault damit, selbst auf die Suche zu gehen und auf Gold – oder auf Gott – zu stoßen. (sault.global)

JAN JEKAL

Billy Nomates

Cacti

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Die Alleskönnerin schöpft ihre Mittel aus – und singt

In den zwei Jahren seit ihrem Debüt hat sich Billy Nomates weitgehend von ihrem struppigen Sleaford-Mods-Minimalismus verabschiedet. Auf „Blue Bones (Deathwish)“ klingt sie ein bisschen wie Chrissie Hynde, und auch die Melodie hüpft wie in einem Pretenders-Song, wenn die Musikerin aus Bristol von Depressionen und Suizidgedanken singt: „But death don’t turn me on like it used to.“ Großer Song. Wie auch „Same Gun“, wo sie Klavierakkorde und Uraltsynthesizertöne mit einem stupenden Rhythmus grundiert. Klingt manchmal, als würden Fleetwood Mac von einem Drumcomputer geknechtet („Spite“). Billy Nomates spielt alles selbst. Und sie singt – der Rap ist fast verschwunden. Statt Streetwear trägt sie einen Damenanzug. Und das ist nicht metaphorisch gemeint. (Invada/PIAS)

SEBASTIAN ZABEL

Philipp Fankhauser

Heebie Jeebies – The Early Songs Of Johnny Copeland

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Schnörkellose Hommage an den frühen Mentor

Dem früh verstorbenen Texas Twister sind vergleichsweise wenige Hommagen zuteilgeworden. Klaus Doldinger konnte Johnny Copeland für „Blues Roots“ (1991) noch persönlich ins Studio laden. Sein Schweizer Kollege Philipp Fankhauser konzentriert sich nun auf das frühe Repertoire bis ca. 1970, als mit „Just One More Time“ oder „May The Best Man Win“ oft nicht klar war, ob das nun noch Blues oder doch schon Soul ist. Meist irgendwas dazwischen, und im ewigen „Love Prayer“ lugt auch Brother Gospel über die Schulter. Mit schnörkelloser Produktion und einer Vocal-Performance, die sich selten verhebt, wird Fankhauser seinem frühen Mentor gerecht. Und mit „It’s My Own Tears“ hat er auch mal eindeutig den Blues. (Funk House Blues Productions)

JÖRG FEYER

Margo Price

Strays

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Mit Jonathan Wilson blickt Price über Nashville hinaus

Schon auf dem 2020 erschienenen Album „That’s How Rumors Get Started“ hatte Margo Price den Seventies- Throwback-Country ihrer ersten beiden Veröffentlichungen geweitet und geschmackvollen Country-Soul und -Folk eingebracht. Nun hat sich die Sängerin aus Nashville mit Jonathan Wilson zusammengetan und Rock, Cosmic Country, R&B und Seventies- Pop erforscht. Schön ungekünstelt und manchmal mutig unbehauen sind diese Sounds, und natürlich glaubt man Margo Price jedes Wort – dies ist in Musik gefasste Leid-Erfahrung. Sehr gut ist zum Beispiel die nostalgische Midwestern-Ballade „County Road“, die auch Bob Seger gefallen würde. Mit dabei sind unter anderem Sharon Van Etten und Heartbreaker Mike Campbell. (Loma Vista/Concord)

JÖRN SCHLÜTER

Die Sauna

In die Nacht hinein

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Schweißtreibender Neo-New-Wave mit Hall

2022 war das Jahr der schrulligen Bandnamen. Dazu zählen etwa Klebe (Hamburg) oder Gewalt (Berlin). Auch Die Sauna findet man nicht auf Anhieb bei Google, obwohl das Sextett aus Schliersee im bayerischen Oberland bereits seit einigen Jahren unterwegs ist. Die Männer im kernigen Provinzler-Look kommen in etwa rüber wie die Wiener Kollegen von Wanda. Musikalisch erinnert „Wir leihen uns Freude aus“ an die Zeit, als Westberliner noch ins Linientreu gingen, eine ikonische Wave-Disco der 80er-Jahre. Auf den Sauna-Vocals liegt viel Hall. Gitarren und Synthies sind tiefergelegt, die Texte schrulligsarkastisch im Reimstil der NDW. Starproduzent Olaf Opal hat gemixt – und ein Beagle namens Pepsi stromert durch das Video von „Hundeleben“. (Buback)

RALF NIEMCZYK

Rich Hopkins & Luminarios

Exiled On Mable St.

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Ein Vaterunser mit Jingle-Jangle und Fuzz-Gitarren

„With God, everything is possible“, schließen die Linernotes. Christliche Rockmusik ist hier aber gottlob nicht zu hören, selbst wenn der ewige Wüstenrocker in „Bataan Death March“, den Kriegsgefangene auf den Philippinen ertragen mussten, das Vaterunser zitiert. In „Everybody Knows“ dreht Hopkins Cohen auf links, wobei seine zunehmend fragile Stimme der Message of Love eigentümlich Kraft gibt. Jingle-Jangle-Pop mit „I Don’t Care“: Wurde Zurückweisung je so charmant gekontert? Doch dann übernehmen Fuzz-Gitarren die Regie – und Gattin/Co-Autorin Lisa Novak den Gesang im Entfremdungsszenario „Break Through“. Mit Gott ist ja echt alles möglich, auch der größte Quatsch. Und etliche „hidden surprises“ bis Track 99 samt unter anderem „Ticket To Ride“. (Blue Rose)

JÖRG FEYER

Ville Valo

Neon Noir

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Der H.I.M.-Sänger solo: Goth-Metal mit Epic Pop

2017 trennte sich die finnische Goth- Metal-Formation H.I.M nach acht Alben und 26 Jahren Liebe, Tod und Teufel – die Band nannte ihre Musik „Love Metal“. Nun kehrt Sänger Ville Valo mit einem Album zurück, das an diesen Sound anknüpft, aber skandinavischen Mainstream-Pop in den Hexenkessel mischt. Mit der ersten Single, „Loveletting“, baut er die Brücke in seine neue Karriere: Auf die bekannte Mischung aus gutturalen Gitarren und hellem Klavier im Intro folgt epische Popmusik, die Valo mit vornehmer, femininer Haltung singt. Aber es dräut weiter ordentlich, etwa im bombastisch großen „Saturnine Saturnalia“. „Es sind The Mamas & The Papas, die sich für eine Halloween-Party im Studio 54 als Metallica verkleiden“, erklärt Valo sein Album. (Spinefarm)

JÖRN SCHLÜTER

Gabrielle Aplin

Phosphorescent

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Die clevere Sängerin setzt auf positive Pop-Energie

Von Joni Mitchell sind die Worte verbürgt, dass sie sich der Malerei zuwandte, als die Plattenindustrie anfing, auf den richtigen Look und den Willen zur Kooperation Wert zu legen. Gabrielle Aplin gehört wie wohl auch Taylor Swift in diese Kategorie. Aber beide verbindet ebenso am Folk geschultes Songwriting mit Pop-Noblesse und dem sichtbaren Willen zu kämpferischer Authentizität, sodass sich hier nicht nur von einem Model sprechen ließe. Aplin ist ein Streaming- Star, ihre neuen Songs leben von fülligen Arrangements und greifen tief in den Produzententuschkasten. Manches, wie „Wish I Didn’t Press Send“, trifft genau das Gefühl der Generation Z, „Never Be The Same“ klingt sogar nach Coldplay. Eleganter Power- Pop mit Ziel und Trostfaktor. (Never Fade/Membran)

MARC VETTER

Axel Ressler

Es geht sich aus

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Ein Gedichtband in zehn Liedern, von Tom Liwa vertont

„Manchmal, wenn ich gut betrunken bin/ Steht keinerlei Geschichte zwischen uns/ Mein Abgang von der Bühne war perfekt/ Wir litten für die Kunst.“ Axel Ressler fasst nicht preisgegebene Heimlichkeiten und schäumende Jonglierträume in Worte, erzählt traurige Balladen wie die von „Karl und Carla“, und stets schlängelt sich durch Gedichte wie „Gut betrunken“ eine schön stolpernde Melodie. Doch weil Ressler Lyriker und nicht Musiker ist, borgt er sich Tom Liwas Stimme. Wie schon auf „6/8 rot“ vertont dieser auf „Es geht sich aus“ Resslers Gedichte, in musikalischen Inszenierungen, die nicht viel Aufhebens machen, die nach mürrischen Chansons, störrischem Blues oder psychedelisch verdreht klingen, sich aber immer ganz dem Text unterordnen.(Bandcamp)

GUNTHER REINHARDT

Brendan Benson

Low Key

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Reflektierter Power-Pop über Einsamkeit und Verlust

Auch Brendan Benson hat während der Pandemie im Homeoffice ein Album aufgenommen. Das auf acht Spuren beschränkte „Low Key“ dokumentiert zerfallende Beziehungen, den Stillstand des Lockdowns und ein Gefühl von Einsamkeit. Tatsächlich hat das Album an einigen Stellen eine gewisse Introspektion, aber Benson wäre nicht Benson, wenn sein Gespür für Power-Pop-Melodien nicht den grauen Himmel aufreißen würde. Etwa bei dem nach vorn preschenden „People Grow Apart“, das dem Frust eine humorvolle Seite abgewinnt. Genauso schön ist die sanft schunkelnde Liebeserklärung „Right Down The Line“, ein Cover des Gerry-Rafferty-Songs von 1978. Benson spielt ihn weniger smooth, dafür mit der gleichzeitig melodieverliebten und schnörkellosen Energie, die ihn bei den Raconteurs zum idealen Counterpart für Jack White machte. „This is my way of telling you everything that I could never say before“, heißt es im Text, und das mag insgesamt für dieses Album gelten.

Auch bei „Whole Lotta Nothin“ geht es um die Liebe. Benson singt im Dreivierteltakt über das Ende einer Beziehung und verhandelt gleichzeitig die grundsätzliche Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Es ist natürlich halb voll! In dem summenden „Something A Little Like Home“ findet er die romantischen Gefühle in einem One- Night-Stand. Die Sonne geht auf, der reisende Musiker muss weiter.

Wohl weil Benson im Heimstudio und zumeist allein gearbeitet hat, klingt „Low Key“ weniger voluminös und inszeniert als der Vorgänger, „Dear Life“ von 2020. Das ist kein Nachteil, sondern lässt einen Bensons Produktionskünste direkter erleben. Zudem haben mit dem Mixer Michael Ilbert in den Berliner Hansa- Studios und Masterer Greg Calbi in New Jersey ausgemachte Könner die letzten Gewerke übernommen.

Das Lied ist der Star, der Sänger ist der Star, und natürlich sind der Star auch die Gitarren, die Benson mit großer Liebe zu klassischen Seventies- Rock-Sounds arrangiert. Low key, played up. (Schnitzel)

JÖRN SCHLÜTER

Rozi Plain

Prize

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Anorak-Pop in eigenwilligem Lo-Fi-Electro-Gewand

Plain ist bereits eine alte Häsin in der Lo?Fi-Szene. 2008 erschien ihr erstes Album, seitdem lotet sie die Grenzgebiete zwischen Folk, Indietronic und dem aus, was man in den 80er-Jahren „Anorak-Pop“ nannte: Pop ohne Muskelrock-Attitüde. Auch die stilprägenden Marine Girls sind atmosphärisch durchaus mit der Multimusikerin verwandt. Was die 36-Jährige „moderner“ macht als ihre Vorläuferinnen, ist der Einsatz von Electronica aller Art. In „Painted The Room“ rollt sie Synthie-Flächen aus, die schön windschief gegen das Sequenzer-Blubbern anspielen. Im Video zu „Agreeing For Two“ schwebt sie mit einer Kollegin tanzend über den Dingen – so klingen auch ihre federleicht fließenden Songs. (Memphis Industries)

RALF NIEMCZYK

Joseph Parsons

Holy Loneliness Divine

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Stringenter Rock bei überschaubarer Songqualität

Zum Farewell der Joseph Parsons Band als Band lässt der Namensgeber seine Mitstreiter Ross Bellenoit (Gitarren und mehr), Freddi Lubitz (Bass) und Sven Hansen (Schlagzeug) jeweils einen der zehn Tracks produzieren. Die Kollektivgeste geht nicht auf Kosten eines stringenten Gesamtsounds. Doch der Devise „Raise your hand and reach for the sky“, die Parsons trotz allem in „Dreams We Dare“ ausgibt, können viele Songs nur bedingt gerecht werden, zwischen Liebesschwur („Forever Yours“), Stoizismus („Thankful“) und Empathie für „Bookshop Mary“, die nur von der Stille umarmt wird. Am ehesten noch „Passengers“ (Westcoast-Vibe) und das versöhnte „Full Moon Tide“ – ironischerweise die einzige Duo-Arbeit mit Bellenoit. (Blue Rose)

JÖRG FEYER

Jupiter Flynn

Moon

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Berliner Indie-Pop mit Seventies-Verweisen

Für ihr Debüt hat Sängerin-Songschreiberin Jupiter Flynn mit Produzent Pola Roy zusammengearbeitet, früher Schlagzeuger von Wir sind Helden. Die Berlinerin fächert ihren Indie-Gitarrenpop weit auf, evoziert bei „You Call Me Your Moon“ David Bowie, hat bei „Misunderstanding“ die Coolness der Dandy Warhols, kann aber bei „The Idea Of Me“ auch sanften Songwriter-Pop. Auf „Moon“ erlebt man nachvollziehbare Gefühle, zumeist über die Kompliziertheit der Liebe. Pola Roy findet für diese Zerbrechlichkeit einen ungestriegelten Indie-Pop-Sound mit alten Analog-Synths und Seventies-Verweisen. Besonders schön ist das abschließende Akustikgitarrenlied „Cigarette Smoke“, das am Ende feierlich groß wird: „We were beautiful that night.“ (Wintrup)

JÖRN SCHLÜTER

Macie Stewart

Mouth Full Of Glass

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Kluges Debüt mit brüchigsüßlichem Kammerpop-Folk

Bisher war Macie Stewart vor allem als großartige Multiinstrumentalistin im Hintergrund aufgefallen. Sie spielte für The Weather Station und Japanese Breakfast, produzierte auch Songs von Iron & Wine mit. Mit diesem konzisen und minimalistisch gedachten Debüt, das dennoch sehr reichhaltig mit süßlichen Kammerpop- und brüchigen Electro-Folk-Kompositionen gefüllt ist, findet sie ihre eigene, herausragende Stimme. Manchmal, wie im Titeltrack, braucht die Songwriterin aus Chicago nur wenige Worte, findet sie über die musikalischen Texturen eine subversive Tiefe. Songs wie „Garter Snake“ entwickeln sich mit ihrer Gratwanderung zwischen Natur- und (durchaus masochistischer) Selbstbeobachtung zu einer Offenbarung ambivalenter Innerlichkeitserfahrungen. (Full Time Hobby)

MARC VETTER

Plewka & Schmedtje

Between The 80’s

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Rührende Covers von Lieblingssongs aus der Jugend

Jan Plewka und Marco Schwedtje spielen auf Tourneen Lieder etwa von Ton Steine Scherben und Simon & Garfunkel. Jetzt haben sie mit zwei akustischen Gitarren ein Album mit Eighties-Coverversionen aufgenommen. „Africa“ und „Ain’t Nobody“ und „Drive“ werden sanfte Songwriterballaden, Michael Jacksons „Billie Jean“ bekommt einen lateinamerikanischen Rhythmus. Frankie Goes To Hollywoods „The Power Of Love“ ist ohne den Pomp noch zerbrechlicher. Diese Aufnahmen sind eine Verbeugung vor den Originalen und eine liebevolle Rückführung für Menschen, die in den 80er-Jahren im Jugendzentrum zum ersten Mal küssten, in der Dorfdisco Whiskey Cola tranken und ihre Erinnerungen in Liedern konserviert haben. Alles kommt zurück. (The Orchard/Indigo)

JÖRN SCHLÜTER

White Lung

Premonition

Zackiger Punkrock mit Turbobeat aus Vancouver

„I’m on a date with God/ And he’s drunk“, klagt Mish Barber-Way zu zackigen Gitarrenriffs und einem hypernervösen Drumbeat im Song „Date Night“, bei dem es dann doch nicht um ein Rendezvous mit Gott geht, sondern nur um einen Typen, der sich für Gott hält. White Lung aus Vancouver setzen auf „Premonition“ weiter auf den überdrehten Punkrock-Sound, für den man sie seit 2010 kennt. Barber-Way war schwanger, als die Band 2017 mit den Aufnahmen für das Album begann, jetzt hat sie zwei Kinder. Zwischen Rabatzgitarren, Turbobeat und melodischen Hooks darf es in Liedern wie „Tomorrow“ deshalb gern auch mal punkrock-untypisch darum gehen, was es heißt, Mutter zu werden und zu sein. (Domino)

GUNTHER REINHARDT

The Smashing Pumpkins

Atum – Act 1

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Erster Akt von Billy Corgans nächstem Comeback

Ob ein angekündigter Meilenstein ein Meilenstein ist, entscheiden Hörer, nicht die Künstler, auch wenn die das gern anders sehen. Deshalb ist Billy Corgans Ankündigung, seine „Rock- Oper in drei Akten“ sei der würdige Nachfolger des anerkannten Meilensteins „Mellon Collie (1995) sowie des unerkannten Meilensteins „Machina“ (2000), möglicherweise Ausdruck einer Verzweiflung. Besonnenere Künstler wissen, dass Vorschusslorbeeren für das eigene Werk unnötige Angriffsfläche bieten. Dabei war Corgan gewarnt. Die Reunion 2018 mit Jimmy Chamberlin und James Iha initiierte kein Pumpkins-Revival. Nun also „Act 1“ mit elf Songs, auf den bis zum April zwei weitere „Akte“ mit je elf Songs folgen. „Atum“ ist somit nicht nur Teil 3 einer Trilogie, sondern bildet selbst eine. „Atum“ steht für „autumn“, „Herbst“. Aber im April ist Frühling. Der Veröffentlichungsplan liefert die Chronik eines angekündigten Verzugs.

Corgan liebt Oper, noch mehr liebt er Operette, Pomp and Circumstance, doch seine Musik spiegelt das nicht mehr wider. Seine Band spielt seit „Zeitgeist“ von 2007 Neunziger- Hardrock im Stil der „Load“-Platte von Metallica, neuerdings auch Synthie-Pop, was beides nicht per se schlecht ist, aber jetzt ungünstig, wenn im Geiste die Disney-Märchenwelten von „Mellon Collie“ evoziert werden sollen. Die Songs sind okay, grundsätzlich aber fehlt seiner Fantasy-Welt eine, zuvor auch durch exotisches Instrumentarium geschaffene cineastische Erzählung. Zirkusmusik mit derart gezwungen wirkendem Happy-Ausrufezeichen („Hooray!“), dass es so wirkt, als würde man von unangenehmen Clowns verfolgt werden; auf Camp getrimmter Keyboard- Bombast wie in Brian De Palmas „Phantom im Paradies“ („Atum“); dazu Naturbeobachtungen, deren Sanftheit Corgans dünne Stimme zumindest umschmeichelt („Butterfly Suite“). Erklären will er sein Konzept dieser „Rock-Oper“ in einer Podcastserie. Alben müssen jedoch für sich stehen können. 22 Lieder kommen noch. (Martha’s Music/Thirty Tigers/ Membran)

SASSAN NIASSERI

Gemma Ray

Gemma Ray & The Death Bell Gang

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Atmosphärisch dichtes Zwischenspiel mit Ralf Goldkind

Auch das kann davon kommen, wenn frau bloß mal auf eine Tasse Tee beim Nachbarn vorbeischaut. Allerdings nur, wenn der Nachbar Ralf Goldkind heißt, in Tempelhof das Studio nebenan betreibt und zuvor unter anderem mit den Fantastischen Vier oder Mona Mur gearbeitet hat. Dem Teeklatsch folgte schnell der Austausch von Vocal- und Sound-Files, der wiederum das Songwriting von Gemma Ray anregte. Bis schließlich Gastbeiträge von Kristof Hahn (Swans/Lap Steel) und Rays bewährtem Schlagwerker Andy Zammit das Werk der Totenglockengang vollendeten.

Im Auftakt, „No Love“, läutet dann auch tatsächlich gleich mal eine Totenglocke in die Pause hinein, die Gemma Ray setzt, nachdem sie „early warnings were clear“ gesungen hat. Ja, das hier ist durchaus schwerer Stoff. „No happy shit“ stand schließlich als Warnhinweis an der Studiowand. Also geht es gleich anschließend mit viel Uh-huh zur „Procession“, während der paranoide Electro-Gospel „I Am Not Who I Am“ und der kleine Fuzz-Albtraum „All These Things“ die Schraube später noch etwas fester ziehen.

Doch Gemma Ray ist zu klug, um nicht zu wissen, dass all der schöne Horror letztlich nur wirken kann, wenn er nicht vollends im eigenen Sumpf versinken muss, sondern von einem kleinen Kontrastprogramm aufgefangen wird. „You’re not the only one with a scent for something“, versichert sie uns also im fast tröstlichen „Howling“. Und „Come Oblivion“ mit hübsch getrippeltem Gesang über einfach absteigenden Keyboardakkorden ist dann gar nicht so weit entfernt von den Torch Songs, die sie sonst oft im Angebot hat.

Gemma Ray nutzte also die Gelegenheit, die sich aus einer Tasse Tee ergab. So klingen die zehn Stücke auch: wie eine unvermutete, aber willkommene, aus dem Moment geborene Kurzintervention, die aber durchaus länger nachhallt. Dem Ort der Begegnung wird ebenfalls gehuldigt: Das Instrumental „Tempelhof Desert Inn“ möchte aber ein bisschen zu sehr so klingen, wie der Titel es nahelegt. (Bronze Rat)

JÖRG FEYER

Gaz Coombes

Turn The Car Around

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Der Ex-Supergrass-Chef nähert sich der Perfektion

Kein „Alright“ mehr. Die Schlichtheit von Supergrass war schön, das sehr komplexe Songwritertum von Sänger Gaz Coombes ist schöner. Mit seinem bereits vierten Werk etabliert er sich nun endgültig in der Beletage der großen britischen Solokünstler und bezieht sein Plätzchen dort neben Paul Weller. Witzigerweise gelingt ihm das in Kombination mit seiner angestammten Live-Truppe sowie mit Willie J Healey und Loz Colbert von Ride, sodass hier ein perfekt ausgeklügeltes und tight instrumentiertes Bandalbum entstanden ist.

„Don’t Say It’s Over“, eine Ode an seine Frau, besitzt die Grandezza der letzten Arctic-Monkeys-Meisterleistung. In „Not The Only Things“ schwingt sich Gaz dann auch zu orchestralen Höhen auf. Rocken? Das kann er immer noch, wie „Long Live The Strange“ und das Bowie-mäßige „This Love“ beweisen – nur tut er das viel eleganter und kunstvoller als je zuvor. Nicht mehr aus dem Ohr zu kriegen ist dabei die Zeile „Like Romeo and Juliet, except we both survive“. Und „Feel Loop (Lizard Dream)“ verbindet psychedelische Gitarren mit Beatles-Feeling. Kein Wunsch offen. (Virgin)

FRANK LÄHNEMANN

Nina Hagen

Unity

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Dance-Hymnen, die den Zusammenhalt feiern

Sie grollt, flüstert, kreischt, brabbelt, rollt das R, spielt die Rolle der Überkandidelten, ist gleichzeitig wütende Punkrockgöre, esoterische Hippie- Übermutter, politische Aktivistin und exzentrische Popdiva. Nina Hagen macht auf „Unity“ also all das, was man von ihr erwartet, und sie macht es gut. Zum Beispiel wenn sie pathetisch, enthusiastisch und funky groovend den Zusammenhalt feiert. In „United Women Of The World“ holt sie sich dafür Verstärkung von Liz Mitchell und Lene Lovich und im Titelsong, bei dem eine Dub-Reggae- Nummer auf das Spiritual „Wade In The Water“ trifft, von George Clinton.

Zwar kann man darüber streiten, ob die Welt wirklich noch ein Cover des Country-Folk-Klassikers „16 Tons“ oder die Eindeutschung von Dylans „Blowin’ In The Wind“ braucht. Doch richtig gut wird das Album, wenn Nina Hagen nicht macht, was man von ihr erwartet: wenn sie sich vom Überkandidelten freimacht und in der Dancepop-Nummer „Geld, Geld, Geld“ sanft wird oder die Platte mit „It Doesn’t Matter Now“, einem betörenden Duett mit Bob Geldof im Tin-Pan- Alley-Sound, endet lässt. (Grönland)

GUNTHER REINHARDT

James Yorkston, Nina Persson & The Second Hand Orchestra

The Great White Sea Eagle

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Songwriter und Pop-Chanteuse bei Sonnenuntergang

James Yorkstons Musik hat etwas Verbindendes. Daher hat er seine Lieder schon mit vielen Sängerinnen und Sängern gesungen, mit KT Tunstall etwa, mit Mike und Norma Waterson, Nancy Elizabeth und The Pictish Trail. Mit allen war er irgendwie durch Herkunft und/oder Genre verbunden. Nun singt er seine intimen, so eng mit dem schottischen Gemüt und dem Neuk of Fife verbundenen Lieder mit Nina Persson, einst Sängerin der einstigen schwedischen Retro-Pop-Sensation The Cardigans. Macht er jetzt Pop, oder wird sie zur Folksängerin?

„The Great White Sea Eagle“ ist ein typisches Yorkston-Album mit viel Herz, Melancholie und Witz, das schwedische Second Hand Orchestra, das ihn schon auf dem letzten Album, „The Wide Wide River“, begleitete, spielt dieses Mal nicht robust und rauschhaft, sondern fügt sich virtuos in die feinsinnigen neuen Lieder, die Yorkston erstmals alle auf dem Klavier schrieb, und Persson verleiht dem Ganzen Schönheit und Drama, gibt die langsam tief im Westen hinter der Nordsee versinkende Sonne. (Domino)

MAIK BRÜGGEMEYER

Voodoo Jürgens

Wie die Nocht noch jung wor

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Kein Austropop, sondern Wiener Soul

Den Typen gibt es genauso wenig wie die von ihm besungene, längst untergegangene Welt der Wiener Strizzis und Tschocherln. Voodoo Jürgens ist die Kunstfigur des österreichischen Sängers und Songschreibers David Öllerer, und sein drittes Album ist fast noch besser geraten als die beiden genialisch schrägen Vorgänger. Als Piefke versteht man natürlich auch diesmal wieder nur die Hälfte. Aber das macht nichts, denn die Melodie der Sprache, die brillant aufspielende Band Ansa Panier und der herrlich schnodderige Gesang nehmen einen überallhin mit.

Auf den grotesken Jahrmarkt von „Holber Preis“ etwa, wo einem die schillerndsten Einfälle direkt ins Gesicht springen. Ganz anders toll: das traurige, aber wunderschöne Meisterwerk „Federkleid“, das von der Vergänglichkeit von allem handelt. Gelegentlich muss man auch an die Songs von Tom Waits denken. Der schwankende Rhythmus, die zwiespältigen Gauner und die abgehängten Verlierer, die Leidenschaft im Vortrag. Aber beim Voodoo Jürgens ist einem das alles viel näher. Wien halt. (Lotterlabel/Sony)

JÜRGEN ZIEMER

Leftfield

This Is What We Do

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Eine aus der Zeit gefallene, konkurrenzlose Rückkehr

Nach der Gründung 1989 katapultierte sich das Duo Leftfield schnell an die Speerspitze der britischen Dance-Szene. Nun nach sieben Jahren Pause die überraschende alleinige Rückkehr von Neil Barnes. „Pulse“, als erste Single, gleicht einem trotzigen Statement: ein basslastiger, rebellischer Electronica-Knüppel mit warmen Untertönen. „This Is What We Do“ strahlt die Energie eines Debüt aus, und wenn auch einiges sehr an die 90er-Jahre erinnert, winkt Barnes uns doch aus einer eigenen Liga ohne Konkurrenz zu. Perfekt passt da das Raunen von Fontaines-D.C.-Sänger Grian Chatten, das „Full Way Round“ verfeinert. Ebenso die algerische Polsterung von „Heart And Soul“. Und immer wieder kommt das Erbe von Kraftwerk zum Vorschein. Unverwüstlich. (Virgin)

FRANK LÄHNEMANN

Warhaus

Ha Ha Heartbreak

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Schwärmerischer Orchesterpop aus Belgien

Warhaus ist das Soloprojekt des belgischen Songschreibers Maarten Devoldere (Balthazar). Sein Element ist das große Drama, gefilmt von einer Kamera, die wie von Zauberhand geführt durch die Innenräume der Seele gleitet. Für die Arbeit an dem Liebes- und Trennungsliedreigen „Ha Ha Heartbreak“ hat Devoldere einen entsprechenden Sehnsuchtsort gewählt: ein Hotelzimmer in Palermo. Durch „Open Window“ weht denn auch gleich eine melancholische Mittelmeerbrise. „When I Am With You“ schwelgt in softem Soul-Groove. „It Had To Be You“ evoziert Calexico, Lee Hazlewood und Charlie Hadens „Liberation Music Orchestra“. Aber mehr als alles andere ist dieses Album ein Serge-Gainsbourg-Soundtrack zu einem Film von Luchino Visconti. (PIAS)

MAX GÖSCHE

The White Buffalo

The Year Of The Dark Horse

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Der Country-Rocker Jake Smith geht neue Wege

Tapetenwechsel: Für sein achtes Album experimentierte Jake Smith mit britischem Pop, Seventies-Yacht-Rock, Beatles-Harmonien und Vaudeville im Sinne von Tom Waits. „Not Today“ beginnt mit einem dreckigen Synthie, das nach der Art von Springsteens „I’m On Fire“ arrangierte „Winter Act 2“ spielt mit elektronischen Elementen. Das hoppelnde „Donna“ findet die Schnittmenge aus Barrelhouse Boogie und ELOs „Mr. Blue Sky“. Das Repertoire entstand größtenteils erst während der Studiosessions – es weist Smith als einen Mann mit sicherem Songwriting-Gespür aus. Mit Produzent Jay Joyce (Miranda Lambert, Little Big Town) entstand ein vielseitiges und gut klingendes Album, das im Kern die alten Tugenden bewahrt, aber viel Lust auf Neues hat. (Spinefarm)

JÖRN SCHLÜTER

Alice Boman

The Space Between

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Verführerische zweite Platte der verträumten Schwedin

Alice Boman mutete mit ihrem Debüt, „Dream On“, wie eine Erscheinung aus einem David-Lynch-Film an, surrealistisch ihre Schwermut, die Klangteppiche wie von Angelo Badalamenti besorgt. Auch ihr zweites Album beginnt mit gedämpften Bläsern und dämmrigen Synthies. Der anschließende schwerelose Americana-Reigen „Feels Like A Dream“ wird von Perfume Genius (etwas gelangweilt) verschönert. Alles hier wirkt ansprechend und luftig, hochsensibel und sanft hingewispert. Lana Del Rey rückt als Projektion näher, doch die Schwedin tranquilisiert mit anderen Methoden. Man folgt der Sängerin mit diesen Keyboardfantasien nämlich in den Schlafsaal, um zu erfahren, was laut gesagt werden muss, damit endlich darüber geträumt werden kann („Soon“). (PIAS)

MARC VETTER